In die Kiste gesteckt – wie ich zunächst von meinen Tätern und dann von der Gesellschaft weggesperrt wurde

Über mich läuft das heiße Duschwasser. Ich habe Hilfe. Alleine kann ich mich aufgrund der körperlichen und seelischen Traumafolgen nicht waschen. Meine Gedanken fließen mit dem Wasser. Ich höre die Stimmen der Helferinnen, doch sie sind zu glitschig für mein Nervensystem, als dass es sich daran festhalten könnte. Ein Sog nimmt mich in meinem Körper mit in eine andere Zeit. Etwas in mir würde gerne im Heute ankern. Es würde mit seinen Erfahrungen gerne ankommen. Weil erzählen und Sprache auch heißt begreifen zu dürfen, dass Leben weiter geht.

Doch man hat mich in eine Kiste gesperrt. Den Raum in dem ich sein darf auf ein Minimum begrenzt, das kaum größer ist, als meine eigenen zusammengefalteten Umrisse. Wenn überhaupt, dann sieht man durch Ritzen nur Ausschnitte von mir. Nie gestreckt oder in vollem Ausmaß. In ganzer Größe. Das ist der Platz, den man mir zugewiesen hat. Ich kauere zusammengekrümmt. Im Körper tobt der Schmerz. Mir fehlt die Luft zum Atmen. Ich weiß nicht, ob ich die Folter überlebe. Ob mich jemals wieder jemand befreien wird. Man verlangt Dinge von mir, die übermenschlich sind. Mit eigener innerer Kraft soll ich überleben. Mich würdig erweisen. Stärke zeigen. Die Muskeln krampfen. Mein Nervensystem spielt verrückt. Zwischen Panik und Aufgeben. In absoluter Ohnmacht, bleibt mir nichts anderes als zu hoffen, dass ein Retter kommt, bevor es zu spät ist – ein Täter der eine psychische Metamorphose erlebt, weil sonst niemand da ist. Ein Mensch, der erst für das System gesorgt hat und sich dann nur das heraus nimmt, was ihm bequem ist.

Was früher die Täter waren, ist heute eine ganze Gesellschaft.

Die Kisten sind vielfältiger geworden. Fast unsichtbar und doch verhindern sie Entkommen. Aus Bretterverschlägen wurde Sprachblockaden, Wordings und Vorschriften, was Realität sein kann und wie ich sie zu benennen habe. Auf alles was nicht sein und gesehen werden darf, heftet man Stempel mit „Verschwörungstheorien“. Man erfindet Theorien von „False Memory“ bis „Satanic Panic“. Historische Begebenheiten werden in die Gegenwart entgegen aller wissenschaftlichen Grundlagen pauschalisiert und als Beleg für die Unwahrheit verzerrt. Medien spucken Gift und Galle gegen Opfer und Helfer, die etwas anderes behaupten. „Aluhutträger“. „Rechtsradikal“. „Suggestion.“ „Wir glauben dir, dass du etwas schlimmes in deinem Leben erlebt hast, aber nur bis zu einem gewissen Punkt.“ Aus Schlägen wurden Schubladen. Außenstehende versuchen meine Erinnerungen zu regulieren und festzulegen, bis wohin sie grade noch so erlaubt sind – was habe ich erlebt und was kann nicht sein. Bunter Traumapopulismus tut sein übriges – für die breite Masse gesprochen und beruhigend für Gutmenschen, aber inhaltlich wenig definiert und schon gar nicht konkret in der Umsetzung, worum es für die Opfer organisierter und ritueller Gewalt tatsächlich geht.

Hier sitze ich also in meiner Kiste. Statt Opfer extremer Gewalt bin ich „Verschwörungstheoretikerin“ und statt spezialisierten Hilfen, um mit meinem Trauma umzugehen, bietet man mir nur an, dass ich mich selbst retten müsse. Denn wo offiziell nichts passiert ist, wird aus einem strukturellen Problem ein persönliches. Und wenn Menschen sterben, dann hat man sie nicht etwa umgebracht. Sie waren einfach zu schwach und krank.

Die Isolation mit meinen Erfahrungen erlebe ich nicht freiwillig. Wir scheitern nicht an unserem Willen. Wir brauchen Menschen, die für uns aufstehen und uns einen Weg in die Gesellschaft ermöglichen.

Dazu gehört, dass Menschen den Mut haben uns zuzuhören und uns in ihr Weltbild zu lassen. Unser Leben ist keine „Phantasie“, kein „Horrorfilm“. Mehr als ein bedauerlicher Kniff unseres Gehirns, das furchtbare Dinge nur glaubt und erspinnt, weil es angeblich die Geschichten anderer nicht von seiner eigenen Biographie unterscheiden kann. Wir wählen mehr als jeder andere Mensch bewusst aus, was wir uns ansehen oder in Büchern lesen. Vieles triggert und holt Erinnerungen nach vorne, die wir durchstehen mussten.

Traumatische Erinnerungen werden nicht gehört und zwischen den Ohren weiterentwickelt. Sie sitzen in jeder Faser des Körpers – unabhängig davon, was andere sagen, und ihre Vernichtung und der Schmerz sind riesig. Sie sind die Lava, die mich von innen in meinen Adern verbrennt, während das Duschwasser ihnen zuraunt: „Alles ist gut. Es ist nur ein bisschen Körperpflege.“ Sie sind der Spiegel, der mich jeden Tag anders anschaut, wie ich hineinschaue. Egal wie sehr ich sie anlächle, sie ziehen ihre Fratzen.

Medien haben Leben zerstört. Sie haben Hilfen und Anlaufstellen genommen. Sie haben Opfer und ihre Glaubwürdigkeit diskreditiert und Strafverfolgung zusätzlich erschwert. Filme laufen in meinem Kopf. Der Missbrauch und die Anfertigung von Bildern und Videos. Snuff. Lust an der Grausamkeit. Die Dokumentation der Presse folgt vielfach einer anderen Darstellung – der der Täter und ihrer Organisationen. Oh, Pardon. Schon wieder Verschwörung. Ich bleibe ja schon in meiner Kiste.

Die Trickkiste der Pressevertreter zündet derweil eine weitere Nebelkerze: Niemals, so beteuern sie, würden sie etwas gegen die „echten“ Fälle von organisierter Gewalt und schwerer Ausbeutung von Kindern sagen. Die sind mit ihren Verleumdungen ja gar nicht gemeint und leider auch schon zu belegt. Man dämmt ja nur ein, was dann wirklich zu weit geht. Macht. Struktur. Planvolles Täterhandeln. Ideologie. Kurz: Alles was nicht nur privaten Einzelpersonen zum Verhängnis wird, sondern der gesamten Staats- und Gesellschaftsorganisation.

Gut, es gibt medial bekannte Fälle: Netzwerke, Elitetreffen, einflussreiche Männer aus Politik, Wirtschaft und Adel, die Minderjährige missbrauchen. Inseln. Anwesen. Geschlossene Kreise. Lange galt so etwas als überzogen oder unbelegt. Stattgefunden hat es dennoch. Wenn es sich irgendwann nicht mehr leugnen lässt, nennt man es Ausnahme, Skandal, Einzelfall. Um die Opfer kümmert sich auch dort kaum jemand. Man diskutiert Täter, Machtverschiebungen, politische Folgen – aber bitte nur so weit, wie es ins eigene Weltbild passt oder nutzt, politisch unliebsame Gegner zu entmachten.

Die Erfahrung extremer, ritueller Gewalt isoliert. Betroffene dürfen nur sprechen, wenn sie in einen Rahmen passen. Leider sprengen meine Erinnerungen diesen regelmäßig. Sie klopfen mit aller Wucht gegen die Kisten. Suchen verzweifelt Raum. Meine Traumafolgen und -symptome sind nicht verhandelbar. Eine Zeit lang kann man sich krampfend und fast erstickend vielleicht noch darum herum winden, aber wenn dann niemand den Deckel öffnet, ist die Gefahr groß zu Grunde zu gehen.

Das ganze Leben ist ein Kampf. Im Überlebensmodus versucht man sich irgendwie mit den verheerenden Auswirkungen und seiner damit einhergehenden fehlenden Kompatibilität für gesellschaftliche Räume durchzuschlagen.

In dieser Konstellation hat man so gut wie keine Chance mehr auf geeignete Therapie. Häufig wird man noch nicht mal von Fachpersonal ernst genommen. Viele wollen die Finger davon lassen, wenn sie nur „dissoziative Identitätsstörung“ hören. Ehrlich gibt man das selten zu. „Ausgebucht.“ „Keine Warteliste.“ „Sie müssen erst den Stand XY erreichen, dass wir Ihnen helfen können.“ „Sie sind zu instabil.“ „Ich glaube nicht an die Diagnose.“ Klinken stellen als Vorraussetzungen Forderungen an Helfernetzwerke und/oder Patienten, die nach diesen Erfahrungen so gut wie niemand erfüllen kann, ganz abgesehen davon, dass es diese Netzwerke in dem Bereich vielfach schlicht nicht gibt. Das ist nicht Heilen und Gesundheit. Das ist Hürden schaffen. Schweigen erzwingen. Verfolgung der Opfer.

Im Leben als Betroffene ist alles ein Kampf, den man leider vielfach alleine führen muss: Essen, trinken, schlafen, arbeiten, Beziehungen knüpfen – nichts läuft einfach so. Vieles KANN man schlicht nicht. Man ist als Folteropfer ein Schwerstpflegefall von dem alle hoffen, dass es ausreicht, wenn man doch einfach endlich sein Mindset ändert.

Intelligenz nützt nichts, wenn der Körper in Zuständen gefangen ist, die es unmöglich machen, sie anzuwenden. Wenn das traumatisierte Nervensystem nicht mehr in der Lage ist, zielgerichtet zu handeln. Wenn Reaktion wie fremdgesteuert von Triggerreizen bestimmt wird. Das ist ein Fakt mit dem ich leben muss – ganz egal ob ich das so benennen darf und ernst genommen werde.

Man soll behördliche Anforderungen, Anträge und Auseinanderzusetzungen mit Kranken-/Pflegekasse koordinieren können, während man dazu gesundheitlich schlicht längst nicht mehr in der Lage ist. „Dann muss das eben ein Betreuer machen.“ Dass auch der erst einmal bewilligt sein muss und der Akt der Entmündigung der Dolchstoß für die geschundene und entwürdigte Seele ist, wird dabei gerne übersehen. Auch da soll sich das Opfer anpassen und nicht die Struktur. Während alle Angst davor haben beschissen zu werden, wenn sie den Zugang zu Leistungen nicht schwierig gestalten, haben sie offenbar keinerlei Skrupel die Systemmorde unreflektiert hinzunehmen und mit ihrer Haltung Menschenleben zu gefährden. Aus vielen Kisten tropft nicht nur Schweiß, sondern Blut.

Das Duschwasser tropft und tropft. Es flutet über meinen Kopf. Innerlich tauche ich unter. Eine schwere Hand drückt mich unter Wasser. Im Schwimmbad habe ich gelernt die Luft anzuhalten. Zum Glück. Ich kann die Gewalt nun deutlich länger ertragen.

Ich wünsche mir Verbindlichkeit. Ich will nicht mehr ohne klare Aussicht warten müssen, ob sich irgendwann jemand dazu herablässt, mich überleben zu lassen. Ob ich auftauchen darf. Ob die Luft in der Kiste doch noch reicht. Ich möchte Zusagen – von Gesellschaft, Politik und Gesundheitssystem. Ich erwarte, dass man sich endlich nach meinen Grenzen richtet und nicht permanent meine lebensgefährlich noch mehr ausweitet. Weil es mich nicht „härter“ oder „stärker“ macht, sondern zunehmend bricht und entmenschlicht.

Es ist kein Trost in Floskeln immer wieder anzuführen, dass heute doch auch vieles anders sei, als damals noch für das Kind. Strukturell hat sich nichts geändert. Ich habe mehr Fähigkeiten, aber der soziale Bezugsrahmen lässt mich immer noch absaufen. Das bleibt Gewalt, die nicht schönzureden ist.

Es gibt spezialisierte Hilfsorganisationen und -töpfe für fast jeden Bereich von in Not geratenen Menschen. Nur die Opfer dieser speziellen Gewaltform darf es nicht geben und damit stellt man auch keine Hilfen bereit. Sie haben die doppelte Arschkarte, wenn hochrangige Mitglieder der Gesellschaft Täter an Ihnen wurden oder im Täterkreis Kontakte zu Strafverfolgungsbehörden bestehen. Dann können Sie nicht nur nicht auf staatliche Schutzsysteme bauen, sondern haben auch keinerlei spezialisierte Ausstiegshilfen, ganz zu Schweigen vom Zugang zu Entschädigungszahlungen.

Niemanden interessiert was Opfer sagen können. Manches dürfen wir nicht sagen. Anderes sollen wir nicht sagen, aber dass uns für manches Grauen schlicht die Sprache fehlt und das entscheidend dazu beiträgt, dass wir nicht in der Lage sind Bedürfnisse zu äußern, bleibt verborgen. Nicht daran rühren. Ist ja irgendwie auch bequem. Man kann sagen wir hätten nichts gesagt und man habe nichts gewusst. An anderen Stellen legt man uns Worte in den Mund. Vergleicht mit anderen Gewaltstrukturen oder Tätern. Nur wissen will man nicht. Lieber in mangelnder Differenzierung die Opfer weiterhin im Stich lassen. Erkrankungen, Symptome und Tränen reichen als Sprache nicht, auch wenn sie regelmäßig Schlüssel zu der Kiste anbieten. Man müsste nicht mit kleinen selbstgebastelten Dietrichen davor stehen, mit den Schultern zucken und sagen: „Geht leider nicht auf. Den Inhalt können wir deshalb nicht belegen.“

Während von „Mind Control“ niemand etwas hören will, erwartete das System, die Kontrolle meiner Gedanken – passend zu ihrem Rahmen.

Die Kiste ist verschlossen. Den Schlüssel haben nicht die Opfer. Sie haben sich darin nicht selbst eingesperrt. Aber sie geben seit Jahrzehnten Hinweise, wo er liegt.

Irgendwann hört das Wasser auf zu laufen. Ich habe ein weiteres Mal überlebt, gewaschen und angefasst zu werden, weil das so sein muss – nicht weil ich das möchte. Ich weiß, dass es angenehmer geht. Mit mehr Würde. Mit einem Gefühl von Freiheit. Für andere Menschen. Ich hätte gerne Würde. Ich hätte gerne Teilhabe. Ich hätte es insgesamt gerne leichter. Dafür braucht es Therapie, Hilfen, Schutzräume und finanzielle Absicherung. Was mich verfolgt ist permanente Existenzangst.

Mein Blick wandert dem Rinnsal nach, dass sich in den Abfluss schlängelt. Es dauert nicht lange, dann wird für niemanden mehr sichtbar sein, welcher Kraftakt hier gerade stattgefunden hat und was Helfer hinter verschlossenen Türen geleistet haben. Ich werde angezogen, im Rollstuhl im Wohnzimmer sitzen. Die Welt wird mir erklären, welche Aufgaben noch anstehen, um meine Grundrechte irgendwie wahrnehmen zu können. Sie wird meinen, dass es normal wäre darum zu kämpfen. Und dann werde ich mir ein Attest besorgen, weil ich vor Gericht erscheinen soll und einfach nicht kann und spüren: Ich bin auf andere angewiesen und hoffe, das sie in meinem Sinne helfen.

Und das Kind in mir, das aus der alten Kiste, klopft und drängt. Es ist erschöpft. In meinem Herzen. Warm. Mit Decke. Möchte reden, gesehen werden, nicht nur zwischen den Zeilen leben, aber braucht dafür so dringend die Sicherheit nicht erneut verletzt zu werden. Es möchte gehört und akzeptiert werden, wie es ist. Es hat genug geleistet und kann Leistungen einfach nicht mehr erbringen. Man muss es nicht fordern. Man muss es Luft holen lassen.

Hier steht sie – meine Kiste.

Hier stehe ich.

Lässt du mich endlich frei?

Wenn Stress nach Blut schmeckt – Stressreaktion und Geschmack

Der Geschmack in meinem Mund beginnt sich zu verändern. Metallisch. Leicht blutig.
Ich spüre nach innen und merke: Mein Nervensystem ist im Alarm.

Geschmack ist kein isolierter Sinn. Er entsteht aus dem Zusammenspiel von Geschmacksknospen auf der Zunge, Speichelzusammensetzung, Durchblutung der Mundschleimhaut, Geruchssinn, zentraler Verarbeitung im Gehirn (Insula, limbisches System, präfrontaler Cortex) und autonomem Nervensystem. Wenn Stress auftritt, greifen mehrere dieser Ebenen gleichzeitig ineinander.

Die Geschmackswahrnehmung kann sich deshalb bei Stressreaktionen verändern. Wenn das Nervensystem hochfährt, passieren unter anderem folgende Dinge:

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False Memory Anxiety – wenn Zweifel an Erinnerungen selbst zur Belastung werden

In Zeiten, in denen Gewalt und Missbrauch gesellschaftlich stärker diskutiert werden, erleben viele Betroffene eine paradoxe innere Bewegung: Während im Außen Sichtbarkeit entsteht, wächst im Inneren oft Unsicherheit. Nicht selten taucht dann ein Thema auf, über das kaum gesprochen wird — die Angst, den eigenen Erinnerungen nicht vertrauen zu können.

Dieses Erleben wird zunehmend als False Memory Anxiety beschrieben.
Es geht dabei nicht um den Nachweis „falscher Erinnerungen“, sondern um den Zustand, in dem Menschen beginnen, ihre Wahrnehmung, Erinnerungsfragmente, inneren Bilder oder körperlichen Reaktionen permanent zu hinterfragen. Zweifel werden zum ständigen Begleiter: Was, wenn ich mich irre? Was, wenn ich etwas konstruiere? Kann ich mir selbst glauben?

Definition: False-Memory-Anxiety bezeichnet einen Zustand ausgeprägter Verunsicherung und Angst im Verhältnis zu den eigenen Erinnerungen, bei dem Betroffene beginnen, Erinnerungsfragmente, innere Bilder oder Körperreaktionen systematisch zu hinterfragen. Im Traumakontext kann dieser Zweifel unter anderem durch fragmentierte Erinnerung, intensive Trigger- oder Stressreaktionen sowie gesellschaftliche Diskurse über „falsche Erinnerungen“ verstärkt werden und zu erheblichem Leidensdruck, innerem Druck und Verunsicherung in Bezug auf die eigene Person führen. Der Begriff beschreibt dabei nicht die Falschheit von Erinnerungen, sondern den belastenden Zweifel an ihnen.

Um dieses Phänomen zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf mehrere wissenschaftliche und gesellschaftliche Ebenen, die zusammenwirken.

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Geschenke als Mittel der Entwürdigung – wie Gaben in Gewaltkontexten zu Machtinstrument und Waffe werden

Steif stehe ich da und blicke auf meine kleine Kinderhand. Sie umschließt Markstücke und Pfennige, die mir mein Onkel soeben mit viel Kraft in die Hand gedrückt hat. Dann verschwand er aus der Tür. Gerade noch ist er mit einem Sturm der gewaltvollen Vernichtung über mich hinweggefegt, der mir noch Jahrzehnte später Tränen in die Augen treiben wird. Ich fühle mich leer und ausgelöscht. Messerscharf hat er mit seinen Worten meine gesamte kindliche Würde aus mir entfernt. „Wer will schon so sein und so aussehen wie du!?“, hallen seine Worte in mir nach. Nun bin ich in der Küche meiner Großeltern stehen gelassen. Was ich mit dem Geld soll, weiß ich in dem Alter noch gar nicht. In mir brennt nur der wahnsinnige Schmerz, den ich schlucken muss. Ich bin unerträglich und für alle eine Zumutung, also muss ich mich wenigstens anstrengen. Lächeln. Nicht weinen. Niemanden belasten. Mich fassen. Vielleicht umklammere ich das Geld deswegen so sehr und starre in meiner Verzweiflung darauf, weil ich hoffe, dass es mir sagt, wie das ganz leicht geht. Mein Onkel scheint sich damit von seinen Entgleisungen zumindest frei gekauft zu haben. Denn von dem Zeitpunkt der Übergabe an, tun alle so, als wäre nie etwas geschehen. Nur ich, ich stehe da: Allein, verwirrt, entwürdigt, leer, bezahlt dafür, jetzt ganz normal mit Alltag weiter zu machen, zu schweigen und mir von der soeben erlittenen Gewalt nichts anmerken zu lassen.

Mehr als dreißig Jahre später sitze ich in meiner Therapiestunde und weine Rotz und Wasser. In mir reihen sich die Bilder aneinander, in denen mir Geschenke gemacht wurden – um mich zu entwürdigen.

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Die Namen der Peiniger

Es ist Nacht. Ich bin wach. Mein Körper sucht Ruhe und hat doch Angst vor dem Schlaf. „Am Anfang war das Wort“, denke ich. Es gibt Worte, die werden zu selten ausgesprochen. Dazu gehören die Namen der Peiniger. Mein Wort hatte bereits einen Anfang. Vor mehr als 10 Jahren haben wir angefangen hier über unsere Geschichte zu schreiben. An unterschiedlichen Stellen haben wir in der Zwischenzeit Zeugnis von der erlittenen Folter abgelegt – zum Teil sehr detailliert. Doch eine Sache fehlt in der öffentlichen Auseinandersetzung weitestgehend: Konkrete Angaben zu den Tätern. Es gibt sie. Sie sind da. Doch ihr Stuhl steht leer im Raum. Unbesetzt. Als Platzhalter und Mahnmal. Sie teilen ihn sich. Denn obwohl sie viele sind, wird er nie gebraucht. Ihr gemeinsames Reservierungsschild: „Täter.“

Warum benennen wir nicht?

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Was Traumaverarbeitung und wiederkäuende Kühe gemeinsam haben

Manchmal tauchen nach einiger Zeit wieder Themen auf, von denen man dachte, dass man sie schon durchhätte. Vielleicht hat man sogar in der Therapie einige Stunden ganz schön daran geknabbert und viel Energie investiert, um davon zu heilen. Irgendwann ist es dann abgeflacht und man dachte es wäre geschafft. Man hat ein Ereignis überwunden.

Umso erschrockener ist man dann, wenn es plötzlich und unerwartet wieder vor der Tür steht und mit seinem Schmerz anklopft. Hab ich versagt? Versagt die Therapie? Wird es nie gut sein? Wieso um alles in der Welt kommt das einfach immer wieder!? Kann es nicht endlich ruhen!?

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Rituelle Gewalt – Weshalb ist sie so schwer polizeilich nachweisbar!?

Immer wieder werden Rufe laut, weshalb rituelle Gewalt bei der Vielzahl von Betroffenen denn noch nie polizeilich nachgewiesen worden sei. Zunächst einmal muss man sagen, dass diese Behauptung so schlicht falsch ist. Weshalb werde ich im Laufe dieses Beitrages erklären. Zudem werde ich aus meiner eigenen Erfahrung schildern, wieso strafrechtliche Verfolgungen so oft scheitern. Denn es fehlt schlicht an der Gesellschafts- und Behördenstruktur, um dieser Taten überhaupt habhaft werden zu können.

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Umgang mit Schmerzen nach extremen Gewalterfahrungen – Dissoziative Identitätsstörung und kPTBS

Ich hatte in den letzten Tagen nach einer notfallmäßigen OP Gelegenheit mich nochmal eingehend mit dem Thema Schmerzen auseinanderzusetzen. 😏 Bei dissoziativen Störungen gibt es im Kern zwei Wahrnehmungsbereiche die zum Problem werden können: Entweder man spürt Schmerzen gar nicht, so dass sie ihre Warnfunktion nicht mehr ausführen können oder sie werden verstärkt wahrgenommen, so dass auch schon verhältnismäßig kleine Irritationen einen um den Verstand bringen können. Viele Betroffene kennen beide Zustände im Wechselspiel.

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Johnny Depp und Amber Heard – Fluch der Beziehung

Seit Tagen lässt sich international der Gerichtsstreit zwischen Johnny Depp und Amber Heard live aus dem Gerichtssaal mitverfolgen. Amber Heard wirft Johnny Depp häusliche und sexuelle Gewalt vor. Die Washington Post hatte in einem Artikel über die Gewalt berichtet, allerdings ohne seinen Namen zu nennen. Dennoch fühlt der Fluch-der-Karibik-Schauspieler sich dadurch in seiner Karriere negativen Konsequenzen ausgesetzt. Nun klagt er wegen Verleumdung und behauptet seinerseits wärend der Ehe Gewalt durch seine Ehefrau erlitten zu haben. Wie so oft geht es auf beiden Seiten auch um beträchtliche finanzielle Summen als Schadensersatz von mehreren Millionen US-Dollar. Diesen Beitrag schreibe ich nicht mit der Intention zu zerlegen, wer von beiden am Ende recht hat. Persönlich glaube ich in diesem Fall, dass beide Seiten einen Funken der Wahrheit berichten, aber jeweils den ganzen Kuchen für sich beanspruchen wollen. Ganz abgesehen davon stört mich aber der Umgang der Öffentlichkeit mit den durchaus prekären Themen, die in dem Verfahren angesprochen werden.

Zuschauer auf der ganzen Welt sitzen vor ihren Mattscheiben und schauen reißerisch auf die Bildschirme, um sich persönlich an einem Verfahren zu ergötzen, bei dem es unterm Strich um mutmaßliche Gewaltopfer und -täter geht, die über die Medien vorgeführt werden. Ihr Bekanntheitsgrad und die Höhe ihres Einkommens ändert daran nichts. Wer hat die besseren Anwälte? Wer würgt wem besser eine rein? Was gibt es für „lustige“ Szenen im Gerichtssaal, weil Johnny Depp das Gefühl für den Ernst der Lage fehlt oder der Psychiater von Amber Heard selbst wirkt, als könnte er einen Nervenarzt gebrauchen? Wer hat die besseren Zeugen, die klügere Taktik, den längeren Atem, die bessere Maske und das passendere öffentliche Funktionsniveau? Wem mag man persönlich aufgrund der Aussendarstellung mehr Sympathie schenken? Das alles ist aus meiner Sicht keine Haltung, die eine Gesellschaft für den Umgang mit Gewalt qualifiziert. Ich halte es für ein Desaster, dass wir eine derartige Ausschlachtung überhaupt zulassen.

Wenn auch nur ein Bruchteil von dem stimmt, was Amber Heard sagt – und mindestens die Drogenexzesse von Depp mit ihren Auswirkungen halte ich für unstrittig – dann sitzt da eine misshandelte Frau, mit einer psychologisch bescheinigten Posttraumatischen Belastungsstörung, die sich von jedem dahergelaufenen Menschen dumm anglotzen und bewerten lassen muss. Gleiches gilt umgekehrt. Sofern Johnny Depp in der Ehe zum Opfer von Gewalt geworden ist, dann muss er es jetzt auch noch ertragen, wie seine Privatsphäre mit Füßen getreten und seine gesamte Familiengeschichte auf den Tisch gezerrt wird. Ein Umstand der für beide Parteien gilt, scheint der zu sein, dass beide schon vor den gemeinsamen Erlebnissen in der Ehe Brüche in ihrer Vorgeschichte erlitten haben. So berichtet Depp unter anderem von den Prügelattacken und der „Grausamkeit“ seiner Mutter seit früher Kindheit. Auch Heards psychologisches Profil spricht für Vorerfahrungen und sie berichtet ebenfalls von komplexen Traumatisierungen in der Kindheit. Beide haben also eine Vorgeschichte, die die Beziehungsfähigeit stark beeinflusste.

Die gesellschaftlich relevanteren Fragen, die wir uns im Zusammenhang mit diesem Fall stellen müssten, sind nicht, wer von beiden am Ende recht hat und mehr Sympathien auf seine Seite zieht. Wir haben hier jeweils Opfer und Täter in einer Person. Zwei Menschen mit erlittenen Grenzverletzungen, die später selbst Grenzen verletzen. Statt einzuordnen wer von beiden der bessere „Schauspieler“ ist, sollten wir den Fall zum Anlass nehmen darüber nachzudenken, wie wir künftig mit Gewalt und ihren Folgen umgehen wollen. Statt Sensationsgeilheit wäre Demütigkeit gegenüber der Situation angebracht, denn derartige Taten – Gewalt – betreffen nicht nur die Reichen und Schönen in Hollywood, sondern täglich unser aller Miteinander. Welche Hilfsangebote machen wir? Denn über dem coolen Glamour-touch der Berichterstattung geht völlig unter, dass wir dort eigentlich zwei wirklich geschädigte Persönlichkeiten haben und daran ist so gar nichts schick! Wo trügt uns der Schein und Äußerlichkeiten immer noch über die tatsächlichen Inhalten hinweg? Wo lassen wir uns ablenken vom eigentlichen, weil wir die Dramatik dahinter nicht sehen wollen? Wo geben wir Gewalt einen Anstrich von Coolness? Wo lassen wir Klischees unsere Wahrheit bestimmen? Warum geht es im Vordergrund um die Karriere, wo es doch eigentlich um Menschenleben und innere Gebrochenheit geht? Wo werden frühere Gewalterfahrungen genutzt, um später eigene Übergriffigkeiten zu rechtfertigen und wieso lassen wir das zu? Ob Johnny Depp von seiner Mutter verprügelt wurde, spielt in diesem Verfahren eigentlich keine Rolle. Das belegt überhaupt nichts davon, wie er später mit seiner Ehefrau umgegangen ist. Dennoch wurde lange und ausgedehnt darüber gesprochen. In welche Schubladen stecken wir Menschen mit psychiatrischen Diagnosen? Ganz gleich, ob bei Amber Heard eine Borderline Persönlichkeit vorliegt, wie sie die Gerichtsgutachterin beschreibt oder nicht, heißt das ja noch längst nicht, dass Borderliner ganz automatisch auch gewalttätig gegenüber ihren Mitmenschen werden. Eine forensische Psychiaterin gibt in ihrer Aussage an, dass eine Posttraumatische Belastungsstörung und Funktionalität nicht vereinbar wären. Wir haben offenbar weltweit auch in der Fachwelt noch viel Nachholbedarf was Wissen im Bezug auf komplexe posttraumatische Störungsbilder und Dissoziation betrifft!

Es gibt noch so viele Fragen und viele wichtige Auseinandersetzungen, für die man dieses Verfahren als Anstoß nehmen könnte. Kaum eine davon wird derzeit gestellt. Stattdessen starrt man mit einiger Oberflächlichkeit auf den Gerichtsprozess und nutzt ihn als heitere Projektionsfläche, um der ernsthaften Auseinandersetzung mit Gewaltthemen zu entfliehen. Denn das beherrscht Johnny Depp hervorragend – die Maske von unbeteiligter Lächerlichkeit über die eigentliche inhaltliche Schwere zu legen.

Gewalt ist keine Sensation. Sie ist ein Verbrechen!

Muttertag und verstorbene Kinder

Der Muttertag ist ein Tag, den viele Mütter mit ihrer Familie genießen. Für diejenigen unter ihnen, die aus welchen Gründen auch immer ihr Kind verloren haben löst er oft sehr schwierige Gefühle aus. Die Trauer um den Verlust kehrt zurück. Manche müssen sogar zusehen, wie ihre Freundinnen mit den eigenen Familien feiern, während von Ihnen selbst niemand im Umfeld überhaupt weiß, dass sie je schwanger gewesen sind.

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