In die Kiste gesteckt – wie ich zunächst von meinen Tätern und dann von der Gesellschaft weggesperrt wurde

Über mich läuft das heiße Duschwasser. Ich habe Hilfe. Alleine kann ich mich aufgrund der körperlichen und seelischen Traumafolgen nicht waschen. Meine Gedanken fließen mit dem Wasser. Ich höre die Stimmen der Helferinnen, doch sie sind zu glitschig für mein Nervensystem, als dass es sich daran festhalten könnte. Ein Sog nimmt mich in meinem Körper mit in eine andere Zeit. Etwas in mir würde gerne im Heute ankern. Es würde mit seinen Erfahrungen gerne ankommen. Weil erzählen und Sprache auch heißt begreifen zu dürfen, dass Leben weiter geht.

Doch man hat mich in eine Kiste gesperrt. Den Raum in dem ich sein darf auf ein Minimum begrenzt, das kaum größer ist, als meine eigenen zusammengefalteten Umrisse. Wenn überhaupt, dann sieht man durch Ritzen nur Ausschnitte von mir. Nie gestreckt oder in vollem Ausmaß. In ganzer Größe. Das ist der Platz, den man mir zugewiesen hat. Ich kauere zusammengekrümmt. Im Körper tobt der Schmerz. Mir fehlt die Luft zum Atmen. Ich weiß nicht, ob ich die Folter überlebe. Ob mich jemals wieder jemand befreien wird. Man verlangt Dinge von mir, die übermenschlich sind. Mit eigener innerer Kraft soll ich überleben. Mich würdig erweisen. Stärke zeigen. Die Muskeln krampfen. Mein Nervensystem spielt verrückt. Zwischen Panik und Aufgeben. In absoluter Ohnmacht, bleibt mir nichts anderes als zu hoffen, dass ein Retter kommt, bevor es zu spät ist – ein Täter der eine psychische Metamorphose erlebt, weil sonst niemand da ist. Ein Mensch, der erst für das System gesorgt hat und sich dann nur das heraus nimmt, was ihm bequem ist.

Was früher die Täter waren, ist heute eine ganze Gesellschaft.

Die Kisten sind vielfältiger geworden. Fast unsichtbar und doch verhindern sie Entkommen. Aus Bretterverschlägen wurde Sprachblockaden, Wordings und Vorschriften, was Realität sein kann und wie ich sie zu benennen habe. Auf alles was nicht sein und gesehen werden darf, heftet man Stempel mit „Verschwörungstheorien“. Man erfindet Theorien von „False Memory“ bis „Satanic Panic“. Historische Begebenheiten werden in die Gegenwart entgegen aller wissenschaftlichen Grundlagen pauschalisiert und als Beleg für die Unwahrheit verzerrt. Medien spucken Gift und Galle gegen Opfer und Helfer, die etwas anderes behaupten. „Aluhutträger“. „Rechtsradikal“. „Suggestion.“ „Wir glauben dir, dass du etwas schlimmes in deinem Leben erlebt hast, aber nur bis zu einem gewissen Punkt.“ Aus Schlägen wurden Schubladen. Außenstehende versuchen meine Erinnerungen zu regulieren und festzulegen, bis wohin sie grade noch so erlaubt sind – was habe ich erlebt und was kann nicht sein. Bunter Traumapopulismus tut sein übriges – für die breite Masse gesprochen und beruhigend für Gutmenschen, aber inhaltlich wenig definiert und schon gar nicht konkret in der Umsetzung, worum es für die Opfer organisierter und ritueller Gewalt tatsächlich geht.

Hier sitze ich also in meiner Kiste. Statt Opfer extremer Gewalt bin ich „Verschwörungstheoretikerin“ und statt spezialisierten Hilfen, um mit meinem Trauma umzugehen, bietet man mir nur an, dass ich mich selbst retten müsse. Denn wo offiziell nichts passiert ist, wird aus einem strukturellen Problem ein persönliches. Und wenn Menschen sterben, dann hat man sie nicht etwa umgebracht. Sie waren einfach zu schwach und krank.

Die Isolation mit meinen Erfahrungen erlebe ich nicht freiwillig. Wir scheitern nicht an unserem Willen. Wir brauchen Menschen, die für uns aufstehen und uns einen Weg in die Gesellschaft ermöglichen.

Dazu gehört, dass Menschen den Mut haben uns zuzuhören und uns in ihr Weltbild zu lassen. Unser Leben ist keine „Phantasie“, kein „Horrorfilm“. Mehr als ein bedauerlicher Kniff unseres Gehirns, das furchtbare Dinge nur glaubt und erspinnt, weil es angeblich die Geschichten anderer nicht von seiner eigenen Biographie unterscheiden kann. Wir wählen mehr als jeder andere Mensch bewusst aus, was wir uns ansehen oder in Büchern lesen. Vieles triggert und holt Erinnerungen nach vorne, die wir durchstehen mussten.

Traumatische Erinnerungen werden nicht gehört und zwischen den Ohren weiterentwickelt. Sie sitzen in jeder Faser des Körpers – unabhängig davon, was andere sagen, und ihre Vernichtung und der Schmerz sind riesig. Sie sind die Lava, die mich von innen in meinen Adern verbrennt, während das Duschwasser ihnen zuraunt: „Alles ist gut. Es ist nur ein bisschen Körperpflege.“ Sie sind der Spiegel, der mich jeden Tag anders anschaut, wie ich hineinschaue. Egal wie sehr ich sie anlächle, sie ziehen ihre Fratzen.

Medien haben Leben zerstört. Sie haben Hilfen und Anlaufstellen genommen. Sie haben Opfer und ihre Glaubwürdigkeit diskreditiert und Strafverfolgung zusätzlich erschwert. Filme laufen in meinem Kopf. Der Missbrauch und die Anfertigung von Bildern und Videos. Snuff. Lust an der Grausamkeit. Die Dokumentation der Presse folgt vielfach einer anderen Darstellung – der der Täter und ihrer Organisationen. Oh, Pardon. Schon wieder Verschwörung. Ich bleibe ja schon in meiner Kiste.

Die Trickkiste der Pressevertreter zündet derweil eine weitere Nebelkerze: Niemals, so beteuern sie, würden sie etwas gegen die „echten“ Fälle von organisierter Gewalt und schwerer Ausbeutung von Kindern sagen. Die sind mit ihren Verleumdungen ja gar nicht gemeint und leider auch schon zu belegt. Man dämmt ja nur ein, was dann wirklich zu weit geht. Macht. Struktur. Planvolles Täterhandeln. Ideologie. Kurz: Alles was nicht nur privaten Einzelpersonen zum Verhängnis wird, sondern der gesamten Staats- und Gesellschaftsorganisation.

Gut, es gibt medial bekannte Fälle: Netzwerke, Elitetreffen, einflussreiche Männer aus Politik, Wirtschaft und Adel, die Minderjährige missbrauchen. Inseln. Anwesen. Geschlossene Kreise. Lange galt so etwas als überzogen oder unbelegt. Stattgefunden hat es dennoch. Wenn es sich irgendwann nicht mehr leugnen lässt, nennt man es Ausnahme, Skandal, Einzelfall. Um die Opfer kümmert sich auch dort kaum jemand. Man diskutiert Täter, Machtverschiebungen, politische Folgen – aber bitte nur so weit, wie es ins eigene Weltbild passt oder nutzt, politisch unliebsame Gegner zu entmachten.

Die Erfahrung extremer, ritueller Gewalt isoliert. Betroffene dürfen nur sprechen, wenn sie in einen Rahmen passen. Leider sprengen meine Erinnerungen diesen regelmäßig. Sie klopfen mit aller Wucht gegen die Kisten. Suchen verzweifelt Raum. Meine Traumafolgen und -symptome sind nicht verhandelbar. Eine Zeit lang kann man sich krampfend und fast erstickend vielleicht noch darum herum winden, aber wenn dann niemand den Deckel öffnet, ist die Gefahr groß zu Grunde zu gehen.

Das ganze Leben ist ein Kampf. Im Überlebensmodus versucht man sich irgendwie mit den verheerenden Auswirkungen und seiner damit einhergehenden fehlenden Kompatibilität für gesellschaftliche Räume durchzuschlagen.

In dieser Konstellation hat man so gut wie keine Chance mehr auf geeignete Therapie. Häufig wird man noch nicht mal von Fachpersonal ernst genommen. Viele wollen die Finger davon lassen, wenn sie nur „dissoziative Identitätsstörung“ hören. Ehrlich gibt man das selten zu. „Ausgebucht.“ „Keine Warteliste.“ „Sie müssen erst den Stand XY erreichen, dass wir Ihnen helfen können.“ „Sie sind zu instabil.“ „Ich glaube nicht an die Diagnose.“ Klinken stellen als Vorraussetzungen Forderungen an Helfernetzwerke und/oder Patienten, die nach diesen Erfahrungen so gut wie niemand erfüllen kann, ganz abgesehen davon, dass es diese Netzwerke in dem Bereich vielfach schlicht nicht gibt. Das ist nicht Heilen und Gesundheit. Das ist Hürden schaffen. Schweigen erzwingen. Verfolgung der Opfer.

Im Leben als Betroffene ist alles ein Kampf, den man leider vielfach alleine führen muss: Essen, trinken, schlafen, arbeiten, Beziehungen knüpfen – nichts läuft einfach so. Vieles KANN man schlicht nicht. Man ist als Folteropfer ein Schwerstpflegefall von dem alle hoffen, dass es ausreicht, wenn man doch einfach endlich sein Mindset ändert.

Intelligenz nützt nichts, wenn der Körper in Zuständen gefangen ist, die es unmöglich machen, sie anzuwenden. Wenn das traumatisierte Nervensystem nicht mehr in der Lage ist, zielgerichtet zu handeln. Wenn Reaktion wie fremdgesteuert von Triggerreizen bestimmt wird. Das ist ein Fakt mit dem ich leben muss – ganz egal ob ich das so benennen darf und ernst genommen werde.

Man soll behördliche Anforderungen, Anträge und Auseinanderzusetzungen mit Kranken-/Pflegekasse koordinieren können, während man dazu gesundheitlich schlicht längst nicht mehr in der Lage ist. „Dann muss das eben ein Betreuer machen.“ Dass auch der erst einmal bewilligt sein muss und der Akt der Entmündigung der Dolchstoß für die geschundene und entwürdigte Seele ist, wird dabei gerne übersehen. Auch da soll sich das Opfer anpassen und nicht die Struktur. Während alle Angst davor haben beschissen zu werden, wenn sie den Zugang zu Leistungen nicht schwierig gestalten, haben sie offenbar keinerlei Skrupel die Systemmorde unreflektiert hinzunehmen und mit ihrer Haltung Menschenleben zu gefährden. Aus vielen Kisten tropft nicht nur Schweiß, sondern Blut.

Das Duschwasser tropft und tropft. Es flutet über meinen Kopf. Innerlich tauche ich unter. Eine schwere Hand drückt mich unter Wasser. Im Schwimmbad habe ich gelernt die Luft anzuhalten. Zum Glück. Ich kann die Gewalt nun deutlich länger ertragen.

Ich wünsche mir Verbindlichkeit. Ich will nicht mehr ohne klare Aussicht warten müssen, ob sich irgendwann jemand dazu herablässt, mich überleben zu lassen. Ob ich auftauchen darf. Ob die Luft in der Kiste doch noch reicht. Ich möchte Zusagen – von Gesellschaft, Politik und Gesundheitssystem. Ich erwarte, dass man sich endlich nach meinen Grenzen richtet und nicht permanent meine lebensgefährlich noch mehr ausweitet. Weil es mich nicht „härter“ oder „stärker“ macht, sondern zunehmend bricht und entmenschlicht.

Es ist kein Trost in Floskeln immer wieder anzuführen, dass heute doch auch vieles anders sei, als damals noch für das Kind. Strukturell hat sich nichts geändert. Ich habe mehr Fähigkeiten, aber der soziale Bezugsrahmen lässt mich immer noch absaufen. Das bleibt Gewalt, die nicht schönzureden ist.

Es gibt spezialisierte Hilfsorganisationen und -töpfe für fast jeden Bereich von in Not geratenen Menschen. Nur die Opfer dieser speziellen Gewaltform darf es nicht geben und damit stellt man auch keine Hilfen bereit. Sie haben die doppelte Arschkarte, wenn hochrangige Mitglieder der Gesellschaft Täter an Ihnen wurden oder im Täterkreis Kontakte zu Strafverfolgungsbehörden bestehen. Dann können Sie nicht nur nicht auf staatliche Schutzsysteme bauen, sondern haben auch keinerlei spezialisierte Ausstiegshilfen, ganz zu Schweigen vom Zugang zu Entschädigungszahlungen.

Niemanden interessiert was Opfer sagen können. Manches dürfen wir nicht sagen. Anderes sollen wir nicht sagen, aber dass uns für manches Grauen schlicht die Sprache fehlt und das entscheidend dazu beiträgt, dass wir nicht in der Lage sind Bedürfnisse zu äußern, bleibt verborgen. Nicht daran rühren. Ist ja irgendwie auch bequem. Man kann sagen wir hätten nichts gesagt und man habe nichts gewusst. An anderen Stellen legt man uns Worte in den Mund. Vergleicht mit anderen Gewaltstrukturen oder Tätern. Nur wissen will man nicht. Lieber in mangelnder Differenzierung die Opfer weiterhin im Stich lassen. Erkrankungen, Symptome und Tränen reichen als Sprache nicht, auch wenn sie regelmäßig Schlüssel zu der Kiste anbieten. Man müsste nicht mit kleinen selbstgebastelten Dietrichen davor stehen, mit den Schultern zucken und sagen: „Geht leider nicht auf. Den Inhalt können wir deshalb nicht belegen.“

Während von „Mind Control“ niemand etwas hören will, erwartete das System, die Kontrolle meiner Gedanken – passend zu ihrem Rahmen.

Die Kiste ist verschlossen. Den Schlüssel haben nicht die Opfer. Sie haben sich darin nicht selbst eingesperrt. Aber sie geben seit Jahrzehnten Hinweise, wo er liegt.

Irgendwann hört das Wasser auf zu laufen. Ich habe ein weiteres Mal überlebt, gewaschen und angefasst zu werden, weil das so sein muss – nicht weil ich das möchte. Ich weiß, dass es angenehmer geht. Mit mehr Würde. Mit einem Gefühl von Freiheit. Für andere Menschen. Ich hätte gerne Würde. Ich hätte gerne Teilhabe. Ich hätte es insgesamt gerne leichter. Dafür braucht es Therapie, Hilfen, Schutzräume und finanzielle Absicherung. Was mich verfolgt ist permanente Existenzangst.

Mein Blick wandert dem Rinnsal nach, dass sich in den Abfluss schlängelt. Es dauert nicht lange, dann wird für niemanden mehr sichtbar sein, welcher Kraftakt hier gerade stattgefunden hat und was Helfer hinter verschlossenen Türen geleistet haben. Ich werde angezogen, im Rollstuhl im Wohnzimmer sitzen. Die Welt wird mir erklären, welche Aufgaben noch anstehen, um meine Grundrechte irgendwie wahrnehmen zu können. Sie wird meinen, dass es normal wäre darum zu kämpfen. Und dann werde ich mir ein Attest besorgen, weil ich vor Gericht erscheinen soll und einfach nicht kann und spüren: Ich bin auf andere angewiesen und hoffe, das sie in meinem Sinne helfen.

Und das Kind in mir, das aus der alten Kiste, klopft und drängt. Es ist erschöpft. In meinem Herzen. Warm. Mit Decke. Möchte reden, gesehen werden, nicht nur zwischen den Zeilen leben, aber braucht dafür so dringend die Sicherheit nicht erneut verletzt zu werden. Es möchte gehört und akzeptiert werden, wie es ist. Es hat genug geleistet und kann Leistungen einfach nicht mehr erbringen. Man muss es nicht fordern. Man muss es Luft holen lassen.

Hier steht sie – meine Kiste.

Hier stehe ich.

Lässt du mich endlich frei?

Insekten, Sodomie und rituelle Gewalt

Ich setze mich langsam auf und wische mir den Schweiß von der Stirn. „Was für eine Nacht!“, denke ich und bin darum bemüht die verstreuten Ecken meines Bewusstseins zu einem weniger wattigen Etwas zusammenzusetzen. Aufstehen, Zähneputzen, Kaffee kochen… Die Albträume sitzen mir noch mit ihren spitzen Angstmomenten in den Knochen. Orientieren. Als die ersten warmen Schlucke langsam meine Kehle Hinunterfliesen komme ich etwas im Heute an. Seit Tagen schon nimmt die Falshbackdichte deutlich zu. Erinnerungen an das vergangene beuteln mich. Ein besonderes Cluster bilden die Traumata, in die auf unterschiedliche Art und Weise Tiere eingebunden waren.

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Nacht und Nebel – Federleichte Folter

Wie so oft in letzter Zeit verbringe ich die ersten und die letzten Stunden des Tages auf dem Balkon. Es beruhigt mich irgendwie, wenn ich die Vögel pfeifen höre und schenkt mir ein Gefühl von Freiheit und Weite. Meine Fußsohlen haben auf dem kleinen Tischchen vor mir halt gefunden. Es tut gut, die Beine hochzulegen. Gerade bei der Hitze sind sie am Abend oft etwas schmerzhaft. Mit dem Oberkörper lehne ich mich vertrauensvoll in die Arme des Sessels zurück. Über mir ziehen die Wolken. Ich weiß nicht: Bin ich oder bin ich nicht und wenn ja, wo und was davon ist wirklich? Seit unserer Stunde mit der Sozialpädagogin heute ist eine Person nach vorne gerutscht, die sich von der erlittenen Folter noch immer nicht erholt hat. Sie ist kaum orientiert, fühlt sich, als wäre sie im Nirwana und blickt mit außergewöhnlichen Perspektiven auf den Körper und die Welt. Ihr Schmerz hüllt uns ein und ihre Verzweiflung reicht gewiss locker bis zu den Wolken und dahinter. Nun blickt sie mit uns in den Himmel, wie in der Nacht, in der sie so sehr um ihr Leben schrie, dass sie dachte sie würde eine andere Frau weit entfernt schreien hören. Den Körper hatte sie längst verlassen.

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Erfahrungen von Folter

In den letzten Tagen habe ich aufgrund meiner eigenen Erinnerungen viel nach Erfahrungsberichten von Folter gegoogelt. Weil in der Verarbeitung derzeit besonders die Erlebnisse mit Strom und Elektrizität im Fokus stehen, war ich auch bei den Recherchen zunächst entsprechend darauf fixiert. Gefunden habe ich so gut wie nichts, außer grundsätzlichen, relativ oberflächlichen Beschreibungen von Methoden. Mir fehlen vor allem Schilderungen aus dem Innenleben nach einem derartigen Ereignis. In den spärlichen Artikeln über Opfer von politisch motivierter Folter finden wir uns nur sehr bedingt wieder. Zwar ähneln sich mitunter die Methoden, allerdings ist auch der Kontext für die Auswirkungen entscheidend. Häufig haben diese Überlebenden zudem einen – aus unserer Sicht -entscheidenden Vorteil bei der Verarbeitung: Die erlittenen Gewaltformen und die Umstände (Folter in Gefängnissen, bestimmte Regime, Stasi, KZ, etc.) sind bereits gesellschaftlich bekannt und auch anerkannt, während Überlebende von ritueller Gewalt erst mal dafür kämpfen müssen, dass Ihnen überhaupt geglaubt wird. Wir haben uns nun dazu entschlossen Stück für Stück unsere Empfindungen niederzuschreiben. Vielleicht hilft das anderen, die ebenfalls danach suchen. In der Seitenleiste findet sich ab sofort die neue Kategorie „Erfahrungen von Folter“, um die Beiträge dort zu sammeln. Beim Schreiben werden wir uns an dem orientieren, was uns im Innen jeweils zu dem Thema bewegt. Im letzten Beitrag „Tote trinken keinen Kaffee“ haben wir bereits einen Anfang gemacht. Triggerwarnungen gibt‘s – wie grundsätzlich auf diesem Blog – keine.

Tote trinken keinen Kaffee

Meine Beine sind hochgelagert. Mit dem Rücken bin ich stabil gegen die hohe Sofalehne gerückt. Ich starre regungslos in die Ferne. Weit weg höre ich eine vertraute Stimme. „Sofie, komm zurück! Ich bin da.“ Doch ich komme nicht zurück. Die Welt um mich, die ich ohnehin kaum wahrnehme, versinkt völlig im Schwarz. Als ich erneut zu mir komme, blicke ich in Augen voller Tränen. „Ich weiß es war schlimm. Ich bin da. Bleib bei mir.“ Schmerz schießt mir durch den Körper. Nichts von dem was geschieht verstehe ich auch nur ansatzweise. Weder weiß ich wo ich bin, noch weshalb. Nur die freundliche Stimme dringt immer wieder an mein Ohr und zieht mich ins Bewusstsein. Zitternd beben meine Zellen. Schauer überlaufen mich. „Magst du etwas trinken? Kaffee für den Kreislauf?“ In Fluten brennend heißer Schmerzen, die meinen gesamten Körper durchzucken, versuche ich zu sortieren, was überhaupt passiert ist. „Bist du echt?“, frage ich. „Ja, ich bin echt. Ich bin da.“ „Ich bin tot“, sage ich und weiß nicht, ob ich gestorben bin oder noch einen Körper habe. Denn irgendwie ist er weg, auch wenn er weh tut. Er ist nicht mehr meiner. Ich bin nicht mehr hier auf dieser Welt.

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