
Organisierte Gewalt, Zwangsprostitution, rituelle Gewalt und Menschenhandel gehören zu den schwersten Gewaltformen, die Menschen erleiden können. Ein Ausstieg ist oft langwierig und gefährlich. Viele Betroffene schaffen ihn nicht. Umso wichtiger sind kompetente Hilfestrukturen, die traumatisierte Menschen umfassend schützen, professionell begleiten und evidenzbasierte therapeutische Unterstützung anbieten.
Wer die Internetseiten von Mission Freedom und Hope e.V. besucht, gewinnt zunächst den Eindruck zweier engagierter Organisationen, die sich dieser Aufgabe widmen. Beide Vereine bezeichnen sich als christlich orientiert und arbeiten nach eigenen Angaben auf Grundlage eines „christlichen Menschenbildes“. Hope e.V. betont zudem, dass den Mitarbeitenden professionelle Qualifizierung wichtig sei und sie regelmäßig an Fortbildungen, Seminaren und Schulungen teilnehmen würden.
Auf den ersten Blick wirkt das Angebot durchaus seriös. Beide Vereine begleiten Ausstiegsprozesse aus der Prostitution, betreiben Streetwork im Rotlichtmilieu, leisten Präventions- und Aufklärungsarbeit und bieten Schutzunterkünfte an. Mission Freedom schreibt auf seiner Internetseite zudem, in zwei vollstationären heilpädagogisch-therapeutischen Wohngruppen Kinder und Jugendliche langfristig stabilisieren und begleiten zu können.
Bei genauerer Betrachtung ergibt sich jedoch ein deutlich komplexeres Bild. Recherchen verschiedener Medien sowie Kritik von Behörden und Fachverbänden werfen seit Jahren erhebliche Fragen hinsichtlich der fachlichen Arbeitsweise und der zugrunde liegenden religiösen Überzeugungen auf.
Ein besonders gravierender Fall betrifft das „Haus Seenest“ im Allgäu, das von Mission Freedom gemeinsam mit der Himmelsstürmer GmbH betrieben wurde. Dort standen zehn Plätze für Kinder mit frühkindlichen Traumatisierungen im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren zur Verfügung.
Das Jugendamt Oberallgäu nahm inzwischen sämtliche Kinder aus der Einrichtung in Obhut. Nach Angaben des Bayerischen Rundfunks geschah dies wegen kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden. Gegen die pädagogische Leitung wurde eine Tätigkeitsuntersagung ausgesprochen. Bereits vor der Eröffnung hatte das Jugendamt erhebliche Bedenken hinsichtlich der fachlichen Eignung des Trägers und der religiösen Ausrichtung geäußert. Die Betriebserlaubnis wurde dennoch durch die Regierung von Schwaben erteilt.
Laut BR berichteten Anwohner, Kinder seien wiederholt aus der Einrichtung weggelaufen. Die Polizei bestätigte 29 Einsätze wegen vermisster Kinder innerhalb von zweieinhalb Jahren. Zudem sollen Nachbarn mehrfach Hilferufe aus dem Gebäude gehört haben. Nach Angaben des Jugendamts sei bei sogenannten Reorientierungen nach Triggern wiederholt die Grenze zur psychischen und körperlichen Misshandlung überschritten worden.
Obwohl diese Vorgänge öffentlich bekannt wurden, suchte Mission Freedom anschließend weiterhin pädagogische Fachkräfte für den Standort im Allgäu. Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung sollten Bewerberinnen und Bewerber sich ausdrücklich mit „biblischen Glaubensgrundsätzen“ identifizieren.
Auch öffentliche Äußerungen der Vereinsvorsitzenden Gabriele Wentland werfen Fragen hinsichtlich des pädagogischen und therapeutischen Selbstverständnisses auf. In Videos berichtet sie davon, Gottes Stimme zu hören, mit Jesus zu sprechen und Wunder zu erleben. Kinder bezeichnete sie einmal als „Material“, das Gott benötige, um sein Reich zu bauen. Nachdem die ersten drei Kinder in das Haus Seenest eingezogen waren, erklärte sie in einem Video: „Das ist so, als wenn Gott mir drei neue Babys geschenkt hat.“
Der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) bewertet eine Vermischung religiöser Überzeugungen mit pädagogischer Arbeit kritisch. Religiöse Dogmen dürften nicht über fachliche Standards gestellt werden. Ebenso lehnt der Verband sogenannte Heilungspraktiken ab, die das Kindeswohl gefährden können.
Während die offiziellen Internetauftritte der Vereine überwiegend professionell gestaltet sind und entsprechende Inhalte kaum erkennen lassen, äußern sich führende Vertreterinnen in Predigten, Podcasts und anderen christlichen Formaten deutlich ausführlicher über ihr Verständnis psychischer Erkrankungen und Traumafolgestörungen.
So beschreibt Katja Ryzak, Gründerin und Vorsitzende von Hope e.V., sogenannte Befreiungsdienste und Gebetskreise als wichtige Bestandteile der Begleitung traumatisierter Frauen. In entsprechenden Podcasts schildert sie, dass Symptome psychischer Belastungen teilweise als Folge dämonischer Einflüsse verstanden würden. Suizidalität wird dort unter anderem als „Geist des Todes“ beschrieben, daneben ist von „sexuellen unreinen Geistern“ oder „Verführung“ die Rede.
Nach ihren Schilderungen benötigten manche Frauen mehrere Sitzungen, um „Befreiung“ zu erleben. Als mögliche Ursachen für ausbleibende Erfolge nennt sie unter anderem mangelnde geistliche Erkenntnis oder fehlende Vergebung. Betroffene müssten erkennen, an welchen Stellen sie dem „Feind“ Zugang verschafft hätten, sich von entsprechenden „Lügen“ lossagen und Vergebung aussprechen, da ohne diese keine wirkliche Freiheit möglich sei.
Aus traumatherapeutischer Sicht sind solche Deutungsmuster hochproblematisch. Komplexe Traumafolgestörungen, Dissoziationen oder Suizidalität sind anerkannte psychische Krankheitsbilder und bedürfen einer fachgerechten Diagnostik sowie evidenzbasierter Behandlung. Werden sie primär religiös oder dämonologisch interpretiert, besteht nach Einschätzung vieler Fachleute die Gefahr, notwendige therapeutische Hilfe zu verzögern oder Betroffene zusätzlich zu belasten.
Auch Gabriele Wentland, die Vorsitzende und Gründerin von Mission Freedom, vertritt radikale Ansichten, wie die Recherchen des NDR-Magazins Panorama 3 dokumentieren. Der Verein betreibe ein Schutzhaus in Hamburg für Opfer von Menschenhandel. Bereits vor über zehn Jahren sei der Verein wegen der Missionierungsabsichten und Wentlands Ansichten in der Kritik gestanden.
Wentland selbst spricht in ihren Predigten und Büchern regelmäßig über das Thema geistliche Befreiung, das Brechen von Flüchen und das Leben in der Freiheit Jesu Christi. Nur Jesus könne gebrochene Herzen wieder heilen. Das könne kein Psychotherapeut, aber Psychotherapeuten können Jesus in dein Therapie einladen. Dann würden sie gute Erfolge erzielen, sagt sie in einer ihrer predigten.
In einer weiteren Schilderung berichtet Wentland von einer Frau mit einer schweren dissoziativen Symptomatik. Sie habe ihr geraten, Gott nach Antworten auf ihre Probleme zu fragen. Nach ihrer Darstellung habe Jesus sämtliche Persönlichkeitsanteile integriert und die Frau geheilt.
Darüber hinaus forderte Wentland Männer in der Predigt dazu auf, ins Rotlichtmilieu zu gehen, die Hände zu erheben und Gott um Vergebung für die dort begangenen Sünden zu bitten. Gott werde sich anschließend um die Situation kümmern.
Bereits vor über zehn Jahren geriet Mission Freedom wegen Missionierungsabsichten gegenüber Betroffenen in die Kritik. Die taz berichtete unter anderem, Frauen seien ihre Mobiltelefone abgenommen worden und sie hätten das Schutzhaus nur in Begleitung verlassen dürfen. Nach Angaben der Zeitung hätten das Landeskriminalamt Hamburg und die Sozialbehörde zeitweise keinen Kontakt mehr zu den dort betreuten Frauen gehabt.
Das Landeskriminalamt Hamburg äußerte mehrfach Zweifel an der Arbeitsweise des Vereins. Der Leiter des Dezernats Menschenhandel, Jörn Blicke, kritisierte insbesondere den öffentlichen Umgang mit Betroffenen. Opfer von Menschenhandel dürften nicht öffentlich präsentiert und geoutet werden; dies widerspreche grundlegenden Schutzstandards.
Auch Kersten Artus (Die Linke) kritisierte die Vermischung von Streetwork und Unterbringung und stellte eine kleine Anfrage an den Hamburger Senat. Gegenüber der taz erklärte sie: „Im Hilfesystem gebe es eine klare Trennung zwischen Streetwork und Betreuung der Frau – „alles andere ist im Hinblick auf die Sicherheit der Frau grob fahrlässig, weil die Zuhälter den Frauen in die Häuser folgen können.“ Die Sicherheit der Betroffenen sei nicht gewährleistet.
Christoph Grotepass von Sekten-Info NRW ordnet Mission Freedom als fundamentalchristlich geprägte Organisation ein. Er kritisiert insbesondere die Vorstellung eines real existierenden Satans und dämonischer Kräfte als Erklärung psychischer Probleme. Traumatisierte Menschen könnten durch solche Vorstellungen erheblich belastet werden. Im schlimmsten Fall könnten sie zusätzliche Traumatisierungen oder psychotische Entwicklungen begünstigen.
Hinzu kommt, dass Mission Freedom in der Vergangenheit mit einer nachweislich unwahren Geschichte eines angeblichen Opfers um Spenden geworben hat.
Grundsätzlich ist es selbstverständlich legitim, dass soziale Einrichtungen ihre Mitarbeitenden bezahlen und ihre Arbeit über Spenden oder öffentliche Mittel finanzieren. Gerade weil solche Angebote jedoch teilweise mit öffentlichen Geldern unterstützt werden und besonders vulnerable Menschen betreuen, erscheint eine unabhängige fachliche Kontrolle sowie die konsequente Einhaltung wissenschaftlicher und professioneller Standards unverzichtbar.
Persönliche Einordnung
Ich schreibe diese Zeilen auch aus der Perspektive einer Betroffenen organisierter und ritueller Gewalt. Gerade deshalb beobachte ich diese Entwicklungen mit großer Sorge.
Zum einen steht die Glaubwürdigkeit von Betroffenen ritueller Gewalt ohnehin seit Jahren unter erheblichem gesellschaftlichem Druck. Wenn Organisationen, die in diesem Bereich tätig sind, gleichzeitig durch fundamentalreligiöse Heilungsvorstellungen oder fachlich umstrittene Praktiken auffallen, trägt das aus meiner Sicht dazu bei, ein ohnehin sensibles Thema weiter zu diskreditieren.
Ich kann die Hoffnung vieler Betroffener auf schnelle Hilfe gut nachvollziehen. Wer schwer traumatisiert ist, klammert sich verständlicherweise an jeden Hoffnungsschimmer. Nach allem, was die wissenschaftliche Traumaforschung heute weiß, entstehen nachhaltige Verbesserungen jedoch durch qualifizierte, häufig langwierige traumatherapeutische Behandlung, stabile Beziehungen und wirksamen Gewaltschutz – nicht durch Dämonenaustreibungen oder Befreiungsgebete.
Religiöse Angebote können für gläubige Menschen selbstverständlich eine wichtige Ressource sein. Problematisch wird es jedoch dann, wenn spirituelle Erklärungsmodelle an die Stelle fachlicher Diagnostik und Therapie treten oder psychische Erkrankungen primär als Ausdruck dämonischer Einflüsse verstanden werden.
Besonders bedrückend erscheint mir die Vorstellung, dass Menschen zunächst Gewalt, Kontrolle und Manipulation durch Täter erleben, um anschließend in Schutzstrukturen erneut auf ideologisch geprägte Deutungsmuster zu treffen. Für manche Betroffene kann dies an frühere Erfahrungen von Fremdbestimmung und Abhängigkeit anknüpfen.
Hinzu kommt, dass Mission Freedom und Hope e.V. Teil eines größeren Netzwerks christlicher Organisationen sind, darunter beispielsweise „Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V.“, „Blickfeld Menschenhandel e.V.“ oder das „European Freedom Network“. Nicht jede dieser Organisationen vertritt zwangsläufig dieselben Positionen. Dennoch stellt sich aus meiner Sicht die Frage, wie transparent fachliche Standards, Qualifikationen und weltanschauliche Einflüsse innerhalb solcher Netzwerke sind.
Gerade deshalb halte ich verbindliche Qualitätsstandards für dringend erforderlich. Menschen, die mit schwer traumatisierten Betroffenen arbeiten, sollten über nachweisbare traumapädagogische und traumatherapeutische Qualifikationen verfügen. Spirituelle Begleitung kann – sofern von Betroffenen ausdrücklich gewünscht – ihren Platz haben. Sie darf jedoch professionelle Therapie nicht ersetzen und sollte von ihr klar getrennt sein.
Schwer traumatisierte Menschen befinden sich häufig in existenziellen Krisen. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass Hilfsangebote sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen, professionellen Standards und ihrem individuellen Wohl orientieren – unabhängig von religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen der Helfenden.
Quellen:
https://www.fundiwatch.org/seenest-mietvertrag-fristlos-gekuendigt/
https://m.youtube.com/watch?v=OkwokfHdOVY&ra=m
https://www.hope-hoffnung.de/ueber-uns.html
https://mission-freedom.de/was-wir-tun/
https://taz.de/Dubiose-Hilfsorganisation/!5055088/