Die Traumabubble und das Dilemma der Gesprächskultur zu DIS und ritueller Gewalt

Mir fällt in der Traumabubble zunehmend auf, dass eine gewisse Gesprächskultur verloren geht – jene Form des Austauschs, die echte Reflexion, Perspektivenvielfalt und Nachdenklichkeit zulässt. Im Kern steckt die Community in einem Dilemma: Man darf weder die Verletzlichkeit Einzelner untergraben, noch problematische Inhalte ignorieren. Doch wer offen über persönliche Perspektiven spricht, riskiert schnell massive Anfeindungen.

Ganz gleich, wie sachlich oder respektvoll man versucht, ein Thema anzusprechen – irgendjemand empfindet es als Hate oder Fakevorwurf. Das auszuhalten ist für Betroffene selbst eine enorme Herausforderung. Das Ergebnis ist eine Dynamik, die für viele alles andere als gesund ist.

Ich habe auf Instagram nach euren Eindrücken gefragt: Wie erlebt ihr den offenen Austausch zu Traumafolgestörungen?

Die Antworten zeigen, dass dieses Spannungsfeld viele bewegt.

Verletzlichkeit und Schutz – aber um welchen Preis?

Traumatisierte Menschen sind verletzlich. Jede kritische Diskussion kann sich schnell bedrohlich oder invalidierend anfühlen. Verständlich also, dass viele versuchen, sich und andere zu schützen. Doch dieser Schutz kann leicht in eine übersteigerte Schutzhaltung kippen, in der jede Kritik als persönliche Ablehnung wahrgenommen wird. „Nicht kritisieren – ich bin traumatisiert.“

Ein nachvollziehbarer Reflex, der jedoch dazu führt, dass offener, ehrlicher Austausch kaum noch möglich ist.

Auf Social Media finden sich immer wieder extreme, unreflektierte oder verharmlosende Darstellungen von DIS oder ritueller Gewalt. Solche Inhalte können retraumatisierend wirken – doch wer das anspricht, wird schnell selbst angegriffen. Die Angst vor Verletzung blockiert damit jede Form kritischer Auseinandersetzung. Das Ergebnis: Schutzmechanismen ersetzen Reflexion, und problematische Strömungen bleiben ungestört bestehen.

Wenn Wissenschaft zum Schutzschild wird

Um sich in diesem Spannungsfeld sicher zu bewegen, rutscht der Austausch oft in eine Überbetonung von Wissenschaftlichkeit. Jede Aussage muss sofort mit Studien belegt sein – sonst gilt sie als „nicht valide“.

Was ursprünglich dem Schutz vor Fehlinformation diente, führt zunehmend zu einer Form von wissenschaftlichem Dogmatismus. Persönliche Erfahrung, die für das Verständnis von Traumafolgen essenziell ist, verliert an Gewicht. Wissenschaft ersetzt Reflexion – und Diskussion wird zur Zitationsschlacht.

Doch Wissenschaft kann nicht jedes individuelle Erleben erfassen. Sie misst Durchschnittswerte, prüft Hypothesen, bildet Muster ab – aber keine persönlichen Nuancen. Gerade bei Themen wie DIS oder ritueller Gewalt sind subjektive Erfahrungen unverzichtbar. Manchmal muss es genügen, sagen zu dürfen: „Für mich ist das so.“

Zwischen Individualität und diagnostischen Grenzen

Gleichzeitig braucht Austausch über Traumafolgestörungen einen gemeinsamen Bezugsrahmen. Es gibt diagnostische Richtlinien, Kernsymptome und klare Abgrenzungen.

Das anzuerkennen bedeutet nicht, jemandem das Erleben abzusprechen, sondern den Rahmen zu wahren, in dem Verständigung möglich bleibt. Ohne diese Unterscheidung droht die Diskussion zu entgleiten – alles wird „ein bisschen Trauma“ und „ein bisschen Viele“.

Diese Balance zwischen individueller Erfahrung und fachlicher Realität zu halten, ist entscheidend – und gleichzeitig eines der größten Tabus der Community.

Die Schweigespirale der Social-Media-Darstellung

Auf Social Media wird DIS oft auf eine kindliche, beinahe unterhaltsame Weise dargestellt. Arztbesuche, Alltagswechsel, Trigger – alles scheint problemlos zu funktionieren. Kritik daran? Kaum möglich.

Wer versucht, solche Darstellungen einzuordnen, gilt sofort als „unsensibel“ oder „nicht wertschätzend“. Dabei geht es nicht um Hate, sondern um Verantwortung. Wir sprechen über reale Traumafolgestörungen, nicht über Unterhaltung.

Auffällig ist zudem eine Doppelmoral:

Eine journalistische Doku wie die von Liz Wieskerstrauch auf ARTE wird heftig kritisiert, weil die Protagonistin mit DIS offen wechselt – während große Accounts, die das Thema und Persönlichkeitswechsel marketinggerecht und locker inszenieren, weitgehend unkommentiert bleiben.

Einerseits tut die „Bubble“ so, als wäre jede persönliche Darstellung der DIS völlig in Ordnung, folgt den entsprechenden Profilen mit offenen und teils exzentrisch dargestellten Wechseln (ganz egal ob Bonnies, Toki Nirik, D.I.S Ding, AviundCo, etc.) zu hauf, schätzt selbst den Unterhaltungswert und pusht sie enorm. Andererseits kritisiert sie direkt, wenn die Medien die weitverbreitetste Selbstdarstellung von Betroffenen in der Öffentlichkeit einfach aufgreifen und den „Kindergarten“ übernehmen.

Die breite Community feiert Selbstinszenierungen, kritisiert aber die mediale Aufarbeitung derselben Themen. Das passt nicht zusammen.

Ganz egal, ob am Ende offen oder verdeckt wechselnd, welche Grundhaltung zu Traumafolgestörungen wollen wir fördern?

Eure Perspektiven auf die Diskrepanz

In euren Rückmeldungen auf Instagram wurden immer wieder ähnliche Punkte genannt:

Selbstbestimmung & Einwilligung: Offen zu zeigen, wer man ist, kann empowernd sein – doch das sagt nichts darüber, wie diese Darstellung wirkt.

Unausgesprochene Kodizes: Viele erleben, dass Offenheit nur gilt, solange niemand etwas Unbequemes sagt.

Kritik wird personalisiert: Inhaltliche Kritik wird oft als Angriff auf die Person verstanden. Dadurch entsteht Angst, sich überhaupt zu äußern.

Wer Kritik äußert wird direkt als Täter angegriffen.

Doppelte Standards: Medienberichte werden kritischer bewertet als Selbstdarstellungen – je nach Urheber*in gelten unterschiedliche Maßstäbe.

Kollektive Verantwortung: Wie viel Verantwortung trägt ein einzelner Account für das öffentliche Bild einer Störung?

Moderation & Machtasymmetrie: Große Accounts kontrollieren, was sichtbar bleibt. Wenn kritische Kommentare gelöscht oder Follower gegen einzelne Stimmen mobilisiert werden, entsteht eine Schweigespirale. Aus Selbstschutz wird Kontrolle – aus Diskurs Macht.

Kommerzialisierung & Branding: Wenn Trauma zum Marketingkonzept wird, verschwimmen die Grenzen zwischen Aufklärung und Selbstdarstellung. Viele empfinden das als entwertend oder unehrlich.

Wiederholung traumatischer Dynamiken

In dieser Schweigespirale reinszeniert die Community unbewusst genau jene Muster, die viele Betroffene aus Gewalterfahrungen kennen:

Machtgefälle, Ohnmacht, Schweigen, Tabuisierung.

Wer wagt, etwas anzusprechen, riskiert Ausschluss oder öffentliche Abwertung. Wer schweigt, bleibt sicher – aber innerlich erschöpft.

So wird aus einem eigentlich schützenden Raum ein Ort, an dem alte Verletzungen auf sozialer Ebene wiederkehren.

Wenn Angriffe von außen kommen, zeigt die Community Solidarität. Doch wenn es um Selbstreflexion geht – um die Frage, wie man selbst vielleicht dazu beiträgt, dass Täterstrukturen ungestört bleiben oder falsche Narrative verstärkt werden – herrscht Schweigen.

Und genau das verhindert Weiterentwicklung und echte Schutzräume für Betroffene.

Was wir brauchen

Wir brauchen einen Mittelweg.

Einen Raum, in dem Schutz und Offenheit nebeneinander bestehen dürfen:

🛡️ Schutz für Betroffene, ohne dass Kritik tabuisiert wird

💬 Ehrliche Diskussion, ohne Angst vor Angriff

🧠 Reflexion statt Rechthaberei, Mut statt Anpassung

Nur so kann eine Community entstehen, die wirklich heilsam ist – für alle.

(Ihr dürft mir gerne schreiben, was ihr euch für gelungenen Austausch in der Community wünscht und was es braucht, dass kritische Auseinandersetzung gelingen kann. Ich werde das in einem gesonderten Beitrag aufgreifen.)

3 Kommentare zu “Die Traumabubble und das Dilemma der Gesprächskultur zu DIS und ritueller Gewalt

  1. Liebe Sofie 🌸

    Vielen Dank für diesen wirklich guten Beitrag und diese, deine Meinung. Wir würden uns wünschen, dass es in den sozialen Medien so laufen würde, wie du es im letzten Absatz „Was wir brauchen“ beschreibst.

    Wir sind eher stille Beobachter in den sozialen Netzwerken. Vor allem aus Selbstschutz. Aber uns ist die mediale Darstellung und zum Teil auch Selbstdarstellung, die nicht an einem konstruktiven kritischen Austausch interessiert zu sein scheint, aufgestoßen. Und mit deinem Beitrag bringst du es auf den Punkt. Wir freuen uns sehr, dass es auch andere Menschen gibt, die über die gesamte Entwicklung in den (sozialen) Medien so kritisch denken, wie wir. Vielen Dank, uns hilft dein Beitrag sehr!

    Liebe Grüße von Frekis Bande 🌸🦋

  2. Was hier angesprochen wird, ist meiner Wahrnehmung nach kein Sachverhalt, der ausschließlich der Trauma Blase zu eigen ist, sondern eine Entwicklung in allen Gesellschaften des Westens.

    Die Zeit, die Werte der Aufklärung huldigte, läuft aus …

    Menschen zu finden, mit denen man sich austauschen kann, ist für diejenigen, die sexuellen Mißbrauch erlebt haben, ohnehin nicht einfach, aktuell aber extrem schwierig.

    Mein Ausweg: Innere Migration.

    Kostet zwar enorm viel Kraft, ist aber ein wirkungsvoller Panzer

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