Leihmutterschaft, Menschenhandel und die deutsch-tschechische Grenzregion

Der Fall um Jens Spahn hat die Debatte um Leihmutterschaft neu entfacht. Auch in der deutsch-tschechischen Grenzregion beschäftigt derzeit ein Fall die Medien: Im tschechischen Březová bei Sokolov wird gegen die ehemalige Mitarbeiterin einer Grundschule und einen Mann ermittelt. Seit 2022 sollen sie minderjährige Mädchen gegen Geld zur Abgabe von Eizellen beziehungsweise genetischem Material oder dazu angeworben haben, sich befruchten zu lassen und für andere Kinder auszutragen. Zudem sollen die minderjährigen Mädchen dazu gebracht worden sein, intime beziehungsweise pornografische Aufnahmen von sich anzufertigen und abzugeben. Der Mann soll Mädchen außerdem unter dem Vorwand notwendiger medizinischer Untersuchungen sexuell missbraucht haben. Beide sitzen in Untersuchungshaft; die Vorwürfe umfassen unter anderem Menschenhandel, sexuelle Übergriffe, Vergewaltigung und Gefährdung der Erziehung eines Kindes.

Wie viele der angesprochenen Mädchen tatsächlich auf die Angebote eingingen, gibt die Polizei mit Verweis auf das Alter zum Schutz der Betroffenen nicht bekannt. Damit ist derzeit öffentlich auch nicht geklärt, bei wie vielen Minderjährigen tatsächlich Eizellentnahmen oder Schwangerschaften für Dritte stattgefunden haben.

Doch ein neues Thema oder gar ein skandalöser Einzelfall ist das dahinterliegende Problem längst nicht mehr. Menschenhandel, sexualisierte Ausbeutung und organisierte Kriminalität sind in der deutsch-tschechischen Grenzregion seit Jahrzehnten dokumentiert. Inzwischen stehen auch reproduktive Ausbeutung, Eizellhandel und kommerzielle Leihmutterschaft im Fokus europäischer und tschechischer Ermittlungsbehörden – bis hin zum aktuellen Menschenhandelsverfahren in Sokolov.

Leihmutterschaft und Eizellspende in Tschechien

In Tschechien ist Leihmutterschaft nicht ausdrücklich gesetzlich geregelt, aber auch nicht als solche verboten. Gleichzeitig ist ein Leihmutterschaftsvertrag rechtlich nicht durchsetzbar. Die Frau, die das Kind zur Welt bringt, ist nach tschechischem Recht die rechtliche Mutter – unabhängig davon, von wem die Eizelle stammt. Soll das Kind anschließend zu den Wunscheltern, läuft dies grundsätzlich über das Adoptionsrecht.

Kommerzielle Bezahlung der Leihmutter ist nicht zulässig. Nach Darstellung der tschechischen Regierung kann eine entgeltliche Übergabe eines Kindes zum Zweck der Adoption oder eines vergleichbaren Zwecks strafbar sein; genannt werden bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe beziehungsweise ein Tätigkeitsverbot.

Daneben gibt es einen stark entwickelten Bereich der assistierten Reproduktion. Das aktuelle tschechische Gesetz regelt IVF, die Entnahme von Eizellen und Samenzellen sowie deren Spende. Eizellspenderinnen müssen mindestens 18 und dürfen höchstens 35 Jahre alt sein. Eine künstliche Befruchtung ist grundsätzlich für eine Frau bis 49 vorgesehen und setzt nach dem Gesetz einen gemeinsamen schriftlichen Antrag von Frau und Mann voraus.

Eine Eizellentnahme ist dabei kein einfacher „Abstrich“. Sie erfordert vorherige hormonelle Stimulation und anschließend eine Punktion des Eierstocks durch die Vaginalwand, üblicherweise unter kurzer Narkose.

Wenn also Minderjährigen tatsächlich Eizellen für Dritte entnommen wurden, ist das nicht lediglich eine Unregelmäßigkeit bei einer Spende. Für einen solchen Eingriff sind Medikamente zur hormonellen Stimulation, medizinische Überwachung, Ultraschall, die eigentliche Punktion und anschließend die Verarbeitung der Oozyten erforderlich. Dafür ist mehr nötig als ein einzelner Täter mit einer Spritze.

Genau deshalb wäre ein belegter Fall bei Minderjährigen kriminalistisch so bedeutsam: Er wirft unmittelbar die Frage nach weiteren Beteiligten und medizinischer Infrastruktur auf und wäre somit „systemrelevant“. Genau deshalb stellt sich auch bei den Betroffenenberichten eine entscheidende Frage: Wo fanden die beschriebenen Eingriffe statt und wer führte sie durch? Wer deckt ggf. die Strukturen?

Menschenhandel und Leihmutterschaft sind keine theoretische Verbindung

Auf europäischer Ebene wird die Verbindung von Leihmutterschaft und Menschenhandel inzwischen ausdrücklich als Problem organisierter Kriminalität behandelt.

Eurojust schreibt aufgrund eigener Fälle, dass grenzüberschreitende Leihmutterschaft zu Menschenhandel und Kinderhandel führen kann und organisierte kriminelle Gruppen gerade die unterschiedlichen beziehungsweise lückenhaften Rechtslagen der europäischen Staaten ausnutzen. Die überarbeitete EU-Anti-Trafficking-Richtlinie nimmt die Ausbeutung von Leihmutterschaft ausdrücklich als Form der Ausbeutung im Kontext des Menschenhandels auf.

Die Verbindung von ausbeuterischer Leihmutterschaft, Menschenhandel und organisierter Kriminalität ist damit keineswegs bloß eine unbelegte Behauptung von Betroffenen.

Der tschechische Lagebericht zum Menschenhandel für 2023 beschreibt ausdrücklich ein organisiertes Verfahren rund um kommerzielle Leihmutterschaft und Kinderverkauf. Das Innenministerium behandelt das Thema nicht irgendwo unter „Familienrecht“, sondern im staatlichen Lagebericht zum Menschenhandel.

Die tschechische NCOZ – die nationale Behörde gegen organisierte Kriminalität – arbeitet innerhalb von Europols EMPACT im Bereich „Illegal commercial surrogacy and sale of children“. Tschechien hat dort sogar eine führende Rolle übernommen.

„Organisierte Kriminalität – Leihmutterschaft – grenzüberschreitender Kinderhandel“ ist für Tschechien damit keine bloß theoretische Verbindung. Die tschechischen Sicherheitsbehörden beschreiben entsprechende Strukturen selbst.

Operation Španěl: Kinder auf Bestellung

2021 berichtete das ukrainische Innenministerium über Ermittlungen gegen eine Gruppe um die Betreiber einer privaten Reproduktionsklinik. Die ukrainische Polizei sprach ausdrücklich von einem Schema zum Verkauf von Kindern an Ausländer und bezifferte die Einnahmen auf rund 1,2 Millionen Euro.

Finanziell vulnerable Frauen wurden für ein vermeintliches Leihmutterschaftsprogramm rekrutiert und zur Geburt nach Tschechien gebracht. In den medizinischen Unterlagen sollte die Leihmutterschaft nicht erscheinen. Anschließend mussten die Frauen nach Angaben der Ermittler entsprechende Erklärungen abgeben, damit die Kinder an die ausländischen Auftraggeber gelangen konnten.

Der Fall wurde später unter „Operation Španěl“ bekannt. In den tschechischen Ermittlungen ging es um mindestens 30 Kinder; Prag fungierte dabei als Geburts- beziehungsweise Übergabeort. Tschechische Recherchen beschreiben Auftraggeber unter anderem aus Deutschland, Schweden, Spanien und Griechenland.

Bemerkenswert ist die juristische Diskrepanz: In Tschechien kam es in dieser Sache nicht zur Strafverfolgung wegen Menschenhandels. Das Verfahren wurde an die Ukraine übergeben, wo Verantwortliche der Klinik wegen Menschenhandels angeklagt wurden.

Noch 2025 berichtete iROZHLAS, dass dieselbe Klinik entsprechende Angebote weiterhin machte und Interessenten Eizellspenderinnen und Leihmütter anhand von Fotos und persönlichen Merkmalen auswählen konnten. Die vier Verantwortlichen des früheren Komplexes standen zu diesem Zeitpunkt in der Ukraine wegen Menschenhandels vor Gericht.

Arbeitsteilung innerhalb reproduktiver Ausbeutung

Die organisatorische Trennung zwischen Eizellspenderin und austragender Leihmutter kann in solchen Geschäftsmodellen eine arbeitsteilige Struktur ermöglichen. Dass beide Rollen medizinisch voneinander getrennt werden können, ist für sich genommen noch kein Hinweis auf Kriminalität.

Für die Rekonstruktion eines kriminellen Systems kann diese Arbeitsteilung jedoch bedeutsam sein: Eine einzelne Person sieht möglicherweise nur einen Ausschnitt. Das Mädchen oder die Frau kennt die Person, die sie zur Eizellentnahme bringt; die austragende Frau kennt eine Vermittlerin; eine Klinik sieht eine Patientin; der Auftraggeber hat Kontakt zu einer Agentur. Niemand außerhalb der Organisatoren muss zwangsläufig die gesamte Kette kennen.

Auch die Recherche zu diesem Beitrag wird dadurch kompliziert. Ein System, das Eizellgewinnung und Austragung organisatorisch trennt, kann theoretisch auch Mädchen und Frauen ausbeuten, die niemals als Leihmütter auftauchen. Eine Recherche, die nur nach „minderjährigen Leihmüttern“ sucht, wäre deshalb möglicherweise zu eng. Separat gesucht werden müsste nach Eizellentnahmen, Hormonbehandlungen, gynäkologischen Eingriffen, Kliniken und Vermittlungsstrukturen.

Dabei stellt sich wiederum die Frage, wie viel davon überhaupt öffentlich zugänglich ist. Viele Ermittlungs- und Verfahrensakten sind naturgemäß nicht öffentlich; eine aussagekräftige Statistik speziell zu diesen Zusammenhängen existiert ebenfalls nicht.

Die deutsch-tschechische Grenzregion

In einem 147-seitigen Forschungsbericht des tschechischen Instituts für Kriminologie und Sozialprävention von 2004, Trafficking in Women: The Czech Republic Perspective, lässt sich einiges zur historischen Situation finden.

Der Bericht dokumentiert bereits für diese Zeit, dass Tschechien Herkunfts-, Transit- und Zielland für Menschenhandel war und Deutschland als wichtigstes Zielland tschechischer Opfer genannt wurde.

Für die Studie wurden unter anderem Gerichte und Staatsanwaltschaften einbezogen, die auch in Karlovy Vary und Sokolov mit Menschenhandelsfällen beschäftigt waren.

Die deutsche Organisation KARO e. V. berichtete damals, seit 1995 rund 500 Kinder beobachtet zu haben, die sich prostituierten oder von Eltern dazu gezwungen worden seien. Beschrieben wurden Straßen, Tankstellen, Parkplätze, Clubs, Pensionen und andere Einrichtungen in der Grenzregion sowie ein organisiertes System, in dem Frauen und Kinder angeboten worden seien.

Die Reaktion tschechischer Behörden war damals stark abwehrend: nicht belegt beziehungsweise nur Einzelfälle.

Die damalige Oberstaatsanwältin erklärte, man beobachte das Problem seit Jahren und habe lediglich isolierte Fälle festgestellt. Das Innenministerium wies die Berichte ebenfalls zurück; der damalige Innenminister verlangte Beweise oder eine Entschuldigung aus Deutschland. Gleichzeitig warf eine UNICEF-Vertreterin Tschechien vor, das Problem herunterzuspielen und polizeiliche Schwierigkeiten zu haben, weil die Regierung es offiziell nicht sehe.

Dass diese Angaben damals keineswegs nur eine kleine NGO-interne Behauptung waren, zeigt eine Anfrage im Europäischen Parlament von November 2003. Darin wurde ausdrücklich thematisiert, dass KARO über Hunderte Kinder – teilweise zwischen 9 und 14 Jahren – in der deutsch-tschechischen Grenzregion berichtet hatte und die tschechische Regierung diese Darstellung bestritt. Die EU-Kommission erklärte, sie kenne sowohl den Bericht als auch die Auseinandersetzung und werde die Entwicklung beobachten.

KARO beschreibt die Region auch später ausdrücklich als Milieu, in dem Zwangsprostitution, Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung von Kindern und organisierte Kriminalität nebeneinander vorkommen.

2006 nahm die nordböhmische Polizei Ermittlungen wegen möglicher sexueller Ausbeutung von Kindern unter anderem in Cheb auf, nachdem eine deutsche Fernsehreportage Eltern beziehungsweise Angehörige gezeigt hatte, die Kinder deutschen Touristen angeboten haben sollen.

Was sich zeitlich belegen lässt

Was sich momentan zweifelsfrei offiziell belegen lässt, sind mehrere getrennte Dokumentationsstränge:

1990er/2000er: Massive sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel in der Grenzregion; organisierte Kriminalität; Deutschland als bedeutender Ziel- beziehungsweise Nachfrageraum; Berichte über Kinder; erheblicher Streit darüber, ob NGO-Berichte eine organisierte Struktur belegten. Ein tschechischer kriminologischer Bericht beschreibt für die 2000er Kinderhandel nicht nur zur sexuellen Ausbeutung, sondern nennt in seinem allgemeinen Raster auch illegalen Adoptionshandel („child laundering“) und Handel mit menschlichen Organen. Gleichzeitig wurden offiziell nur extrem wenige Kinderhandelsfälle registriert und Verdachtsfälle im Zusammenhang mit Adoption untersucht.

2010er: Leihmutterschaft ist in Tschechien bereits keineswegs exotisch. Eine tschechische Recherche berichtete 2014 von Hunderten auf diesem Weg geborenen Kindern und einem bereits seit Anfang der 1990er bekannten ersten tschechischen Fall. Die Rechtslage blieb weitgehend ungeregelt.

2015: Ein UNODC-Bericht hielt fest, dass Fachleute aus mehreren Staaten Menschenhandel im Zusammenhang mit kommerzieller Leihmutterschaft beobachteten – sowohl hinsichtlich der Ausbeutung von Leihmüttern als auch von Frauen zum Zweck der Eizellentnahme.

2019–2025: Ermittler dokumentieren mit Operation Španěl ein internationales Geschäftsmodell mit Reproduktionsklinik, Eizellspenderinnen, finanziell vulnerablen Leihmüttern, Geburten in Prag und zahlenden ausländischen Auftraggebern.

2019 – Griechenland/Thessaloniki: Eine von griechischen Behörden mit Unterstützung von Europol zerschlagene Organisation rekrutierte vulnerable schwangere Frauen aus Bulgarien, deren Kinder anschließend illegal zur Adoption vermittelt wurden. Einige der Frauen wurden zudem als Leihmütter eingesetzt. Dieselbe Täterorganisation rekrutierte außerdem junge Frauen aus Bulgarien, Georgien und Russland, die hormonell behandelt wurden, um ihnen Eizellen zu entnehmen. Damit sind Eizellentnahme, Leihmutterschaft und illegale Adoption innerhalb derselben organisierten Täterstruktur dokumentiert.

2023 – Griechenland/Kreta: In einem davon getrennten Fall stand eine Fertilitätsklinik auf Kreta im Zentrum eines kriminellen Netzwerks aus Klinikleitung, medizinischem Personal und Vermittlern. Vulnerable ausländische Frauen wurden als Eizellspenderinnen und Leihmütter ausgebeutet. Besonders relevant: Nach Angaben der griechischen Polizei wurden einige Frauen zunächst zur Eizellentnahme und anschließend zusätzlich als Leihmütter eingesetzt. Eurojust nennt später 173 Eizellspenderinnen, 333 Stimulationszyklen und 1.226 Empfängerinnen. Gleichzeitig wurde wegen illegaler Leihmutterschaft und illegaler Adoptionen ermittelt.

An dieser Stelle lohnt sich der Blick über Tschechien hinaus. Nicht, weil sich die folgenden Fälle auf die deutsch-tschechische Grenzregion übertragen ließen. Sondern weil sich an ihnen überprüfen lässt, ob die Verbindung verschiedener Formen reproduktiver Ausbeutung, von der auch Betroffene berichten, innerhalb organisierter Menschenhandelsstrukturen überhaupt nachweisbar vorkommt. Die Antwort darauf ist: ja. Zwei Ermittlungsverfahren aus Griechenland zeigen besonders deutlich, wie Eizellentnahmen, Leihmutterschaft und die Weitergabe von Kindern innerhalb derselben organisierten Strukturen zusammentreffen können – teilweise sogar bei denselben ausgebeuteten Frauen.

Für Tschechien wird diese Vergleichsebene gerade deshalb relevant, weil hier mehrere andere Teile des Bildes bereits vorhanden sind: ein großer grenzüberschreitender Reproduktionsmarkt, Operation Španěl mit kommerzieller Leihmutterschaft und Kinderweitergabe über Prag, die inzwischen ausdrückliche Beschäftigung der NCOZ mit illegaler kommerzieller Leihmutterschaft und Kinderverkauf – und nun in Sokolov ein Menschenhandelsverfahren, in dem Minderjährige für Eizellen beziehungsweise genetisches Material und Schwangerschaften für Dritte angeworben worden sein sollen.

Die offene Frage lautet deshalb nicht, ob Griechenland beweist, was in Tschechien geschieht. Das tut es nicht. Die Frage ist, weshalb angesichts solcher Vergleichsfälle in Europa und der vorhandenen tschechischen Befunde die von Betroffenen beschriebenen Überschneidungen nicht gezielter und umfassender untersucht werden.

2022–2026: Im Raum Sokolov selbst sollen Minderjährige gegen Geld für Eizellen beziehungsweise genetisches Material und Schwangerschaften für Dritte angeworben worden sein. Die Ermittlungen laufen als Menschenhandelsverfahren. Bislang ist behördlich offiziell aus Gründen des Schutzes der Opfer aufgrund des jungen Alters jedoch nicht bestätigt, bei wie vielen der minderjährigen Betroffenen tatsächlich eine Eizellentnahme durchgeführt wurde.

Ein aktuelles tschechisches Forschungsprojekt zur Prävention des Kinderhandels, das ausdrücklich für das tschechische Innenministerium erstellt und aus dessen Sicherheitsforschungsprogramm finanziert wurde, führt als eine Form des Kinderhandels die Entnahme von Organen, Gewebe und Zellen auf – darunter ausdrücklich illegale assistierte Reproduktion, illegale Leihmutterschaft sowie den Kauf von Eizellen und Sperma. Das Projekt wurde unter Einbeziehung des Innenministeriums, der tschechischen Polizei, La Strada und weiterer Fachstellen entwickelt.

Gleichzeitig sagt die tschechische Polizei auf ihrer allgemeinen Informationsseite etwas ausgesprochen Aufschlussreiches: Mit Menschenhandel zum Zweck der Organ-, Gewebe- oder Zellentnahme hatte sie sich in der Vergangenheit – anders als mit den anderen dort aufgezählten Ausbeutungsformen – noch nicht weiter befasst. Das Gebiet ist also noch relativ neu im bewussten Fokus der Behörden.

Ein großer reproduktiver Markt

Eine tschechische wissenschaftliche Veröffentlichung von 2024 beschreibt Tschechien als weltweit führend bei Eizellspendezyklen relativ zur Bevölkerungszahl. Demnach werden mehr als 85 Prozent dieser Behandlungen an ausländischen Patientinnen durchgeführt, während 99 Prozent der Spenderinnen junge tschechische Frauen sind.

30 % aller grenzüberschreitenden reproduktionsmedizinischen Behandlungen in Tschechien entfielen auf Frauen mit Wohnsitz in Deutschland. Deutschland war damit die größte Herkunftsgruppe. Die Autoren nennen ausdrücklich das deutsche Verbot der Eizellspende als wichtigen Grund und stellen fest, dass bei deutschen Patientinnen besonders häufig Behandlungen mit gespendeten Eizellen vorgenommen wurden.

Auch das ist kein neues Phänomen. Eine große europäische Untersuchung zur grenzüberschreitenden Reproduktionsmedizin kam schon um 2010 zu einem sehr deutlichen Ergebnis: Von den untersuchten deutschen Patientinnen, die für reproduktionsmedizinische Behandlungen ins Ausland gingen, fanden 67,2 % den Weg nach Tschechien. Deutsche Patientinnen gehörten zugleich zu den Gruppen, die besonders häufig Eizellspenden suchten; Tschechien und Spanien waren dafür die wichtigsten europäischen Zielländer. 

Damit erscheint Deutschland bei tschechischen Eizellspenden quantitativ sehr deutlich und ist auch bei der illegalen beziehungsweise mutmaßlich kriminellen Leihmutterschaft jedenfalls durch konkrete Auftraggeber behördlich belegt. 

Eine deutsche medizinische Untersuchung von 2021 stellt ausdrücklich fest, dass keine verlässlichen Daten darüber existieren, wie viele deutsche Frauen für eine Eizellspende ins Ausland gehen. Die Schwangerschaften tauchen anschließend im deutschen Gesundheitssystem auf, ohne dass ihre Entstehung durch Eizellspende zwingend erfasst wird. Die Autoren gehen deshalb von einer erheblichen Dunkelziffer aus.

Deutschland ist in dieser Hinsicht also keineswegs nur geografischer Nachbar, sondern maßgeblich für den Markt relevant – auch den illegalen. Deutsche Auftraggeber tauchen in konkretenen, von der tschechischen Behörde gegen organisierte Kriminalität untersuchten grenzüberschreitenden Geschäftsmodellen tatsächlich auf. Wie groß der deutsche Anteil am gesamten illegalen Markt ist, lässt sich mangels belastbarer Daten und Statistiken dazu nicht bestimmen.

Eurojust beschreibt: Bei illegaler grenzüberschreitender Leihmutterschaft können Kliniken, Vermittler und organisierte Gruppen unterschiedliche Rechtsordnungen kombinieren – Befruchtung in einem Staat, Schwangerschaft beziehungsweise Aufenthalt in einem anderen, Geburt wiederum anderswo und Auftraggeber aus weiteren Ländern. Dabei zahlen die Wunscheltern erhebliche Summen an Vermittler. 

Der reproduktive Markt ist also keine theoretische Randerscheinung. Dokumentiert sind grenzüberschreitende kommerzielle und kriminelle Strukturen, in denen Eizellen, Leihmutterschaft und die Weitergabe beziehungsweise der Verkauf von Kindern miteinander verbunden wurden.

Nicht belegt ist bislang, dass solche reproduktiven Ausbeutungsstrukturen bereits seit den 1990er-Jahren Bestandteil der damals dokumentierten Menschenhandelsstrukturen in der deutsch-tschechischen Grenzregion waren, was unter Umständen auch an den mangelnden Ermittlungen liegt.

Der Zusammenhang Kinderhandel – Eizellen – Reproduktionsmedizin – Leihmutterschaft ist heute in der tschechischen staatlichen Risikoanalyse angekommen. Es wäre deshalb falsch, die Verbindung zwischen Menschenhandel, der Ausbeutung von Minderjährigen, Eizellen und Leihmutterschaft in Tschechien pauschal als bloße Spekulation abzutun. Die entsprechenden Ausbeutungsformen werden inzwischen von tschechischen Behörden selbst benannt, und im aktuellen Sokolov-Fall wird wegen eines Sachverhalts aus genau diesem Bereich ermittelt.

Auch die Mehrfachausbeutung vulnerabler Frauen innerhalb organisierter reproduktiver Menschenhandelsstrukturen ist keine bloße theoretische Ableitung. Der Fall von Thessaloniki 2019 dokumentiert Eizellentnahme, Leihmutterschaft und illegale Adoption innerhalb derselben Täterorganisation; im Kreta-Fall 2023 wurden nach Angaben der Polizei einzelne Frauen sowohl zur Eizellentnahme als auch anschließend als Leihmütter ausgebeutet.

Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung und organisierte Prostitutionsausbeutung sind umfassend dokumentiert. Ebenso zeigen sich vergleichbare Mechanismen, die sich überschneiden: wirtschaftliche Vulnerabilität, Vermittlerstrukturen, grenzüberschreitende Verbringung, Kontrolle und wirtschaftliche Verwertung.

Und was ist mit den Berichten von Betroffenen?

Gerade vor diesem Hintergrund bekommen die Berichte von Betroffenen ein anderes Gewicht.

Betroffene organisierter und sexualisierter Gewalt beschreiben seit Langem genau solche Überschneidungen: als Kinder ausgebeutet worden zu sein, an Männer zur sexuellen Ausbeutung beziehungsweise Prostitution weitergegeben worden zu sein und zugleich reproduktive Gewalt erlebt zu haben – bis hin zu erzwungenen Schwangerschaften und Mutterschaften oder berichteten Eizellentnahmen.

Dass diese konkrete Verbindung für die deutsch-tschechische Grenzregion bislang nicht durch Ermittlungsakten oder andere öffentlich zugängliche Quellen ausreichend nachgewiesen werden kann, bedeutet nicht, dass sie damit widerlegt wäre.

Vor dem Hintergrund dessen, was inzwischen aus anderen Menschenhandelsverfahren über organisierte reproduktive Ausbeutung bekannt ist, erscheinen die Schilderungen insgesamt nicht als ein Geschehen, das strukturell unmöglich oder von vornherein abwegig wäre. Im Gegenteil finden sich sich historischen Schilderungen von Abläufen und Strukturen darin inzwischen immer wieder bestätigt.

Ermittlungsverfahren zeigen, dass organisierte Täterstrukturen vulnerable Frauen für unterschiedliche Zwecke rekrutieren und ausbeuten können. Sie zeigen Eizellentnahmen, Leihmutterschaft, Kinderverkauf und illegale Adoption innerhalb derselben Täterorganisationen – und teilweise sogar die mehrfache reproduktive Ausbeutung derselben Frauen.

Gleichzeitig sind Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung in der Prostitution seit Jahrzehnten dokumentiert.

Was bislang fehlt, ist der eindeutige Nachweis, dass diese Bereiche innerhalb der historischen Menschenhandelsstrukturen der deutsch-tschechischen Grenzregion so miteinander verbunden waren, wie Betroffene es beschreiben.

Aber genau hier liegt das Problem: Ein fehlender Nachweis kann nur begrenzt etwas darüber aussagen, ob ein Geschehen stattgefunden hat, wenn die notwendigen Untersuchungen, Datenerhebungen und systematischen Auswertungen dieser Zusammenhänge gar nicht oder nur unzureichend vorgenommen werden.

Die Berichte von Betroffenen beweisen für sich genommen nicht jede Einzelheit einer organisierten Struktur. Vor allem durch ihre unabhängigen Überschneidungen sind sie aber Hinweise auf mögliche Strukturen, die untersucht werden können und müssen – insbesondere dann, wenn Erkenntnisse aus anderen Ermittlungsverfahren zeigen, dass die beschriebenen Tatmechanismen grundsätzlich real vorkommen.

Für mich stellt sich deshalb angesichts all dieser Hinweise und Belege die Frage: Weshalb wird nicht längst flächendeckender gegen die dokumentierten Ausbeutungsstrukturen ermittelt? Weshalb werden mögliche Verbindungen zwischen den einzelnen Bereichen nicht systematischer untersucht? Weshalb werden die Betroffenen in der Aufklärung bis heute im Stich gelassen und an ihren Aussagen gezweifelt, wenn die Datenlage längst andere Schlüsse zuließe?

Und weshalb führt das Wissen um seit Jahrzehnten dokumentierten Menschenhandel und sexualisierte Ausbeutung einerseits und die inzwischen ebenfalls dokumentierte reproduktive Ausbeutung andererseits nicht zu einer umfassenderen Untersuchung der Strukturen, ihrer Überschneidungen und der Personen, die von ihnen profitieren?

Es gibt genug Gründe genauer hinzusehen – und nicht, die Suche für beendet zu erklären.

Die entscheidende Frage kann deshalb nicht dauerhaft lauten:

„Ist diese Struktur bereits bewiesen und glaubhaft?“

Sie muss inzwischen dringend auch lauten:

„Was wurde eigentlich getan, um herauszufinden, ob sie existiert – und weshalb geschieht angesichts der Aussagen von Betroffenen und der inzwischen bekannten Vergleichsfälle nicht sehr viel mehr, um genau das zu ermitteln?“

Quellen:

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