Deutsche Opfer von Menschenhandel und Prostitution – wie Klischees das Erkennen von Betroffenen verhindern

Können wir bitte anfangen mehr über diesen blinden Fleck in der Gesellschaft zu sprechen und mit der Vermittlung irreführender Täter- und Opferbilder aufhören?

Ja, auch deutsche Mädchen und Frauen werden Opfer von Menschenhandel und Prostitution – und das nicht selten.

Ich werde im folgenden Beitrag den Begriff „deutsche Opfer“ betonen. Nicht, weil die Nationalität der Frauen, die Gewalt erleben für mich irgendeinen Unterschied macht, sondern weil es mir darum geht die deutschen Frauen in der Diskussion überhaupt erst einmal als Betroffene sichtbar zu machen.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass ich als deutsches Mädchen oftmals überhaupt nicht ernst genommen wurde, wenn ich von diesem Milieu erzählt habe. Nicht nur einmal habe ich gehört: „Hä? Wieso du? Du bist doch Deutsche. Ich dachte immer, dass das mehr den ausländischen Frauen passiert.“

Wenn wir von Menschenhandel und Zwangsprostitution hören, dann denken die meisten Menschen reflexartig an Osteuropäerinnen und andere ausländische Mädchen, die von ihren Zuhältern im Milieu ausgebeutet werden.

Das liegt nicht zuletzt daran, wie das Klischee medial bedient wird und dass dadurch die meisten Menschen keine Ahnung davon haben, wie Menschenhandel und Zwangsprostitution bei deutschen Mädchen und Frauen aussehen kann. In der öffentlichen Wahrnehmung wird Menschenhandel oft als Bild von „ausländischen Frauen + organisierte Kriminalität + Bordellmilieu“ erzählt. Dieses Muster existiert — aber es ist nicht die einzige Form von Ausbeutung. Andere Dynamiken geraten immer wieder aus dem Blick:

  • Coercive control / traumabasierte Bindung: Frauen werden nicht immer durch sichtbare Gewalt kontrolliert, sondern durch emotionale Abhängigkeit, Isolation, Drohungen, Schuld, Bindung an einen „Freund“ oder Täter.
  • Loverboy-Strukturen: Täter inszenieren zunächst Beziehung, Schutz oder Liebe und führen dann schrittweise in sexuelle Ausbeutung. Das betrifft auch deutsche Mädchen und junge Frauen.
  • Fortsetzung früher Gewaltmuster: Wer bereits in Kindheit oder Jugend Missbrauch, Vernachlässigung oder sexualisierte Gewalt erlebt hat, hat statistisch ein höheres Risiko, erneut in ausbeuterische Beziehungen zu geraten. Nicht weil Betroffene „es wollen“, sondern weil Gewalt und Bindung psychologisch eng verknüpft werden können. Dazu kommt: Oft sind die ersten „Anbieter“ gerade im organisierten Bereich die eigenen Familien. Dann ist in der Jugend der Übergang ins Milieu fließend.
  • Verdeckte Formen: Escort, Wohnungsprostitution, Sugardating-Konstruktionen, das eigene Elternhaus, private Vermittlung über soziale Medien oder Partner sind deutlich unsichtbarer als Straßenstrich oder Bordell, aber durchaus vorhanden.

Um den Blick für die deutschen Opfer zu schärfen, müssten wir deshalb deutlich mehr auf die Geschichte der Mädchen in der Jugendhilfe sowie auf Care Leaver, Runaways, Wohnungslose und Missbrauchsopfer schauen. Dort liegen bekannte Hochrisikofelder.

Wir sprechen zu wenig darüber, dass ein Teil sexualisierter Ausbeutung deutscher Mädchen und Frauen gesellschaftlich als „eigene Entscheidung“ fehlgedeutet wird, obwohl oft lange Gewaltbiografien und Bindungszwänge dahinterstehen.

Längst nicht immer beginnt der Einstieg in den Menschenhandel mit Entführung oder offener Gewalt. Manchmal beginnt alles mit Liebe. Mit Aufmerksamkeit. Mit einem Mann, der Sicherheit verspricht, Nähe gibt, Vertrauen aufbaut – und daraus Abhängigkeit macht. Schritt für Schritt. Bis aus emotionaler Bindung Kontrolle wird. Bis aus „Ich tue das für uns“ ein System wird, aus dem Betroffene kaum noch aus eigener Kraft herausfinden. Das bedeutet nicht, dass Betroffene „es wollen“. Es bedeutet, dass Manipulation, Trauma und Bindung oft stärker sind, als Außenstehende verstehen.

In großen Teilen unseres gesellschaftlichen Diskurses wird darauf bestanden, dass „Sexarbeit“ etwas freiwilliges ist, das die emanzipierte Frau so anbietet. Die Gesetzeslage normalisiert diese Form der Gewalt. Nicht selten haben deshalb auch die Opfer den verzerrten Eindruck die erlittene Gewalt wäre vielmehr Teil ihrer Emanzipation und es wäre etwas gutes, dass sie von Freiern so behandelt werden dürfen. Die Grundkonditionierung der gelebten gesellschaftlichen Werte pusht bei den Opfern die Selbstdarstellung als emanzipierte Sexarbeiterin. „Ich will das so.“ „Es ist doch nichts dabei, wenn er mich auf den Strich schickt, das ist ein Beruf wie jeder andere.“ Mädchen werden betriebsblind für die Gewalt in der Prostitution erzogen und systematisch blind gemacht.

Ich musste nicht zuerst lernen, mich zu befreien. Ich musste zuerst lernen, dass überhaupt etwas da war, wovon man sich befreien müsste und darf. Bei Gewalt gibt es oft eine klare gesellschaftliche Einordnung.
Bei Prostitution ist dieses Gegenbild oft diffus oder umkämpft: Ist das Gewalt? Ist das Arbeit? Ist das Selbstbestimmung? Wenn jemand wie ich in Gewalt aufwächst, aber gesellschaftlich gleichzeitig vermittelt bekommt, dass Prostitution grundsätzlich auch „normaler Beruf“ sein kann, fehlt zusätzlich Orientierung.

Zwang sieht man nicht durch blaue Flecken, sichtbare Angst, Fluchtversuche, offener Widerstand oder bewaffnete Bewachung. Der tiefste Zwang sitzt oft in den psychischen Prägungen, die Täter über Jahre unsichtbar in ihren Opfern verankert haben.

Die Frage, ob ich das wollte, existierte in meinem Erleben gar nicht. Denn „Wollen“ setzt voraus, dass man sich selbst als getrenntes Subjekt mit eigener Grenze, eigener Entscheidung und eigenem Recht auf Nein erlebt. Wenn ein Kind in einem System aufwächst, in dem über den eigenen Körper verfügt wird, entsteht diese innere Kategorie oft gar nicht richtig. Es gab kein: „Ich will nicht, aber ich muss.“ Sondern: „Mein Wollen spielt hier keine Rolle / kommt gar nicht vor.“ „Dass andere über meinen Körper verfügen, ist selbstverständlich.“ „So ist Welt.“ Das ist keine Zustimmung. Nicht Einverständnis. Nicht freie Entscheidung. Es ist eher tief internalisierte Fremdverfügung als Normalzustand.

Ich wurde nicht nur benutzt — ich wurde in meine Rolle sozialisiert.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Benutzung = jemand tut dir Gewalt an.
Sozialisierung = dir wird beigebracht, dass Gewalt deine Funktion sei.

Prostitution war für mich nicht nur Sex gegen Geld, sondern eher den Körper funktional zur Verfügung stellen, weil das seine Aufgabe ist. Ob Geld fließt oder nicht, ist psychologisch fast zweitrangig, weil die Grundlogik dieselbe bleibt: Verfügbarkeit als Frau. Wenn wir Prostitution gesellschaftlich über Verfügbarkeit von Körpern definieren würden, statt über die Bezahlung, dann würden wir sie und die Gewalt auch an deutlich mehr Stellen wahrnehmen können.

Nicht wenige Betroffene haben bereits früh Gewalt erlebt: Vernachlässigung, Missbrauch, instabile Bindungen, emotionale Kälte oder sexualisierte Grenzverletzungen in der Kindheit. Wer in Gewalt aufwächst, erkennt Gewalt oft nicht sofort als Gewalt – vor allem dann nicht, wenn sie sich als Liebe, Schutz oder Normalität tarnt.

In meinem Fall war Kontrolle eingebettet in Familienleben. Meine Eltern begleiteten mich, blieben in meiner Nähe, habe Wege organisiert, kaum unbeaufsichtigte Gespräche zugelassen und einen engen sozialen Radius geschaffen. Von außen kann das wie „enge Familie“ aussehen. Von innen kann es totale Kontrolle sein.

Auch das Prostitutionsmilieu spielt bei ihrem Angebot mit der gesellschaftlichen Prägung. Denn häufig suchen die Freier nach einer „deutschen Sexarbeiterin“, um ihr Gewissen etwas zu erleichtern – als wäre alleine über die Nationalität schon sichergestellt, dass Freiwilligkeit seitens der Frau besteht. Dass viele Betroffene jung oder sogar minderjährig sind, tritt dabei erschreckend oft in den Hintergrund.

Viele Betroffene sexueller Ausbeutung berichten von ersten Erfahrungen sexualisierter Gewalt oder ausbeuterischer Strukturen bereits im Minderjährigenalter — teils sehr früh. Zum Teil setzen die Opfer ihre Geschichte voll Gewalt nur vermeintlich selbstbestimmter an anderer Stelle fort. Sie bleiben in den bekannten Mustern der Gewalt, haben aber ein Scheingefühl von mehr Kontrolle, wenn sie selbst mitentscheiden. Dass sie das gar nicht wirklich können, ist ihnen oft lange nicht bewusst. 

Deutsche Frauen trifft man vielleicht seltener auf dem Straßenstrich oder in klassischen Bordellen. Sie, bzw. ihre Zuhälter, haben oft eigene Wohnungen dafür angemietet oder sie sind in dafür bestimmten Zimmern untergebracht. Manche Opfer leben scheinbar nur mit ihrem „Freund“, der sie anbietet. Wir sehen sie seltener an den klassischen und klischeehaften Orten der Armutsprostitution. Aber: Es gibt sie und das nicht zu knapp.

Die gesellschaftliche Wahrnehmung versagt unter Bergen von Klischees.

Wir reden über „Freiwilligkeit“, ohne zu hinterfragen, unter welchen Bedingungen diese Entscheidung entstanden ist.
Wir reden über „Selbstbestimmung“, ohne zu sehen, wie tief psychische Abhängigkeit, ökonomischer Druck, Traumafolgen oder coercive control (also subtile, dauerhafte Kontrolle durch Angst, Isolation und emotionale Manipulation) Menschen in ausbeuterischen Strukturen halten können.

Nicht jede Form sexueller Ausbeutung findet sichtbar im Rotlichtmilieu statt.
Sie findet auch statt:
– in privaten Wohnungen oder bei den Männern zu Hause.
– über Dating-Plattformen.
– über Sugardating-Konstrukte.
– durch Partner oder „Freunde“.
– im scheinbar privaten Umfeld, bis hin zum eigenen Elternhaus.
– hinter verschlossenen Türen, mitten unter uns.

Viele deutsche Mädchen und Frauen in der (Zwangs-)Prostitution tragen völlig normale Kleidung. Nicht den kurzen Rock. Nicht die Netzstrumpfhose. Nicht die hohen Stöckelschuhe. Sondern ganz normale Jeans, Shirts, Pullover und Jacken. Normales Make-Up. Kein offensiv erotisches Auftreten in der Öffentlichkeit.

Nicht jeder Täter sieht aus wie ein Zuhälter.
Manche sind Eltern. Andere sehen aus wie ein liebevoller Partner. Täter sind eben nicht eindeutig erkennbar. Das Klischee vom Zuhältertyp, Rocker, Gewaltkriminellen und Mafiastruktur lässt uns leicht andere Täter ausblenden: Partner, Vater, Mutter, Verwandte, Freunde, scheinbar fürsorgliche Personen, respektable Bürger. Täter können sozial völlig integriert wirken.

Wir übersehen deutsche Opfer auch, weil wir Ausbeutung mit sichtbarem sozialen Abstieg verwechseln. Manche Betroffene sitzen im Gymnasium, machen ein Einser-Abitur, studieren, arbeiten erfolgreich — und leben gleichzeitig in massiven Gewaltsystemen.

Der Ablauf des Einstieges in die Prostitution ist häufig eben nicht: fremder Täter → Entführung → Zwang,

sondern: Bindungsperson → frühe sexualisierte Gewalt → Normalisierung → schrittweise Übergabe in Prostitution → vermeintliche Eigenverantwortung.

Nicht jede Betroffene erkennt sich als Opfer. Manche glauben lange, sie hätten frei entschieden – weil ihnen in ihrem Leben nie gezeigt wurde, wie sich echte Freiheit überhaupt anfühlt.

Darüber müssen wir sprechen. Differenziert. Ehrlich. Ohne ideologische Scheuklappen und vor allem mit einem Verständnis dafür, wie Trauma, Bindung und Gewalt zusammenwirken.

Denn Unsichtbarkeit schützt nicht die Opfer – sie schützt die Täter. Genau so wie falsch verstandene Offenheit für Sexarbeit und der Irrglaube, das könnte Teil der Emanzipation von Frauen sein.

2 Kommentare zu “Deutsche Opfer von Menschenhandel und Prostitution – wie Klischees das Erkennen von Betroffenen verhindern

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