Alltagsstruktur mit DIS

Bunte Sterne haben uns in den Kommentaren von „Ein Beitrag für euere Fragen“ zu dem Thema „Alltag“ und „Alltagsorganisation“ mit DIS angeregt.

Liebe Sofie,

ich finde das eine sehr schöne Idee 🙂
Mich würde interessieren wie ihr euren Alltag organisiert. Habt ihr eine gute Regelung dafür gefunden, dass jeder seinen Interessen nachgehen kann, aber auch die Pflichten des Alltags nicht zu kurz kommen? Wie geht ihr damit um, dass einige sehr viele Fähigkeiten haben, aber andere noch im vergangenen Erleben stecken?

Liebe Grüße
Bunte Sterne

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Freizeitspaß und Entspannung

Zu „Ein Beitrag für euere Fragen“  sind bereits die ersten Rückmeldungen eingegangen. Eine davon wollen wir hier nun Aufgreifen. Die Farbe Bunt wollte folgendes von uns wissen:

„Hallo 🙂. Was sind denn so eure liebsten und angenehmsten Unternehmungen/Beschäftigungen, um zur Ruhe zu kommen/zu entspannen und/oder Dinge, an denen ihr euch freuen könnt?“

Soweit ich weiß, haben wir darüber auch tatsächlich noch nie direkt geschrieben. Danke also für diese Anregung!

Zunächst ist es so, dass Entspannung für uns im Alltag als Thematik kaum auftaucht. Das liegt nicht daran, dass wir kein Bedürfnis danach hätten oder niemals nach Möglichkeiten dazu suchen. Tatsächlich haben wir eher so etwas wie eine „Entspannungs-Sperre“. Sobald das Ziel „Entspannung“ direkt benannt wird, können wir uns darauf nicht mehr so gut einlassen. Wir gehen in eine Abwehrhaltung. Irgendetwas in uns sträubt sich. Die Entspannung wird „spannend“. Die genauen Gründe dafür, kann ich nicht benennen. Manchmal steckt aber sicher die Angst dahinter, darüber mit etwas aus der Vergangenheit in Kontakt zu kommen.

Nichts desto trotz, bauen auch wir in unseren Alltag natürlich Ruhephasen ein. Weiterlesen

Sonniger Sonntag

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Heute war ein sonniger Tag.
Schon morgens, als wir aufwachten, strahlte uns die Sonne aus dem Bett. Die Welt da draußen vor dem Fenster, sah so freundlich aus. Es war, als würde aus jeder ihrer Poren eine fröhliche Einladung leuchten, doch nach draußen zu kommen.
Bald wagten wir die ersten Schritte auf unseren Balkon. Dort erstarrten wir. Zur Eissäule. Die Wärme war geheuchelt. Bei den eisigen Minusgraden, war die Lust auf Zeit im Freien schnell vorbei. Als wir zurück ins Zimmer traten schmunzelten uns die Katzen blinzelnd zu, als wollten sie sagen: „Hätten wir dir gleich sagen können. Was denkst du, weshalb wir hier noch rumliegen.“ Ok, es stimmt. Das hätte mir tatsächlich zu denken geben sollen. Sowas passiert nur, wenn man nicht auf seine Stubentiger hört. Die Dame des Hauses bewegte sich tatsächlich nicht einen Millimeter von ihrem Schlafplatz weg und der Herr setzte nur einmal kurz eine Pfote vor die Tür und drehte sich dann fröstelnd um.

Wir blieben also im Zimmer, weil wir ohnehin nichts vorgehabt hätten und ein Spaziergang uns in Anbetracht der Tatsachen nicht sehr attraktiv erschien. Hinter der Fensterscheibe war die Sonne wärmer.
So begann ein eisiger Frühjahrstag, an dem wir lange vor uns hin dissoziierten und zwar genau so lange, bis uns die Dissoziation bewusst wurde und uns vor Anspannung die Tränen über die Wangen liefen. Wir klebten in einem Stück von Panik, weil die Abspaltung plötzlich so greifbar war. Natürlich ist das eigentlich nichts Neues, aber es machte uns nun verdammte Angst. Weshalb genau, verschwand im Wattenebel im Inneren. Die Sonne draußen war immer noch da, aber in uns wurde es finster. Die Welt wirkte verschlossen. Oder wir? Oder beide?
Wir begannen uns zurückzusuchen. Was sehen wir? Den Sessel, die Katzen, unsere Küche, die grüne Ablage… Ein klein wenig von uns fanden wir wieder, als wir gerade angestrengt die Einhörner auf der Bettwäsche zählten und dem Geräusch der Stille lauschten.
In vielen Punkten schienen wir uns heute Näher zu sein als sonst. Es triggerte viel mehr, wir spürten mehr und dennoch brachte genau das uns in eine unendliche Entfernung von unserem Sein. Wir waren uns nah im Abgespalten sein. Der Körper saß auf dem Bett. Unsere Seele jedoch flog durch verschiedene Stationen alter Zeiten.

„Merkst du auch, dass wir uns nicht spüren?“, sagte eine innere Stimme leise.
„Ja. Ich merke es. Woran liegt das?“, frage ich zurück.
„Hmm, vielleicht weil uns die Hände gebunden sind?“
„Unsere Hände sind frei“, erkläre ich. „Wir können sie heute frei bewegen.“
„Wir können sie nicht frei bewegen“, erwiderte das Innenkind. „Die Dissoziation hat uns den Körper geklaut.“

Ich bewege mich durch den Raum und lasse frische Luft zur Balkontür herein. In der Kälte werden meine Gedanken klarer, doch der Nebel auf den Sinnen bleibt. Keine Rückholmaßnahme fruchtet wirklich. Irgendwann begreife ich, dass es längst mehr ist, als reine Dissoziation.
Zwei Denkstraßen weiter schüttelt es mich und den ganzen Körper. Eine unsichtbare Macht zerrt mich einzuschlafen. In taubem Dasein sind wir bewegungslos gefesselt und nicht in der Lage zu fliehen. Wir kämpfen. Dann geben wir für einen kurzen Moment kraftlos dem bleiern schwer betäubenden Zustand nach, der auf uns liegt.
Als wir später zu uns kommen, sind wir immer noch benebelt, aber klar in dem, was gerade vor sich ging. Das gibt uns etwas Handlungsfähigkeit zurück.

Dann fließen die Tränen, diesmal, weil die Anspannung abfällt und wir langsam aus dem „Albtraum“ aufwachen. Die Bilder klären sich.

Sonntag, Sonne, Drogenflashback.

Alison Miller – Become Yourself

Die Pandoras teilten auf ihrem Blog ein Video von einem Vortrag von Alison Miller.

Die Inhalte erscheinen uns sehr wichtig. Leider ist das Original nur in englischer Sprache zu hören. Deshalb haben wir uns dazu entschieden es hier Stück für Stück zu übersetzen. Die Teile werde ich hier im Laufe der Zeit ergänzen. Auch wenn ich mich sehr darum bemüht habe, möglichst wörtlich wiederzugeben, übernehme ich keine Garantie, dass sich in meine deutsch Übersetzungen nicht auch Fehler eingeschlichen haben könnten. Zur besseren Verständlichkeit im Satzbau war es teilweise notwendig Phrasen sinnerhaltend umzustellen. Manches „und“ oder „also“ aus dem sprachlichen Redefluss habe ich im Zuge der Leserfreundlickeit weggelassen. Ich bin keine gelernte Übersetzerin. Bitte prüft deshalb im besten Falle auch nochmal selbst nach.

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Stunden für Minuten

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Ich kann Stunden damit verbringen

mich an eine Minute zu erinnern.

 

Quelle unbekannt

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Die Sonrisas vom Distanzblog haben uns angesteckt. 😊
Sie haben auf ihrem Blog verschiedene Ideen zur Gestaltung eines Notizbuches für Menschen mit Traumafolgestörungen und DIS eingestellt.
Interessierte finden die wirklich tollen Entwürfe hier:
„Organisation für komplexe Traumafolgestörungen 1“
„Organisation für komplexe Traumafolgestörungen 2“
„Organisation für komplexe Traumafolgestörungen 3“
• Unter den passwortgeschützten Beiträgen sind auch noch Anregungen dabei.

Da wir so begeistert waren, haben wir uns mittlerweile auch ein kleines Büchlein besorgt und angefangen darin zu schreiben. Bislang haben wir auf den klassischen Kalender und die Wochenübersichten verzichtet. Wir freuen uns einfach, wenn wir auf diese Weise mehr miteinander ins Gespräch kommen. Die lästigen Termine tragen wir in einen separaten Kalender ein, um sie nicht zum Hemmnis werden zu lassen, das Journal zur Hand zu nehmen. Gestern haben wir wichtiges für unsere Therapie darin festgehalten. Heute kam die Seite für schöne Momente dazu. Bei den „Happy Moments“ wollen wir kleine Glücksmomente festhalten. „Zeit für uns“ bietet den Wortraum uns bewusst mit unserem für Innen zu beschäftigen, gemeinsam ein Buch zu lesen oder etwas anderes zu unternehmen.

Wir sind gespannt, was sich im Laufe der Zeit noch so ergibt.
Vielen Dank liebe Sonrisas für diese Anregung! ❤️

Bunte Ärztekiste

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Ich sitze beim Arzt im Wartezimmer.
Neben mir niest und schnupft es. „Sei standhaft“, feuere ich mein Immunsystem an.
Ich brauche nur ein Attest. Ich sitze am Fenster und schnappe nach Frischluft. Meine Augen kleben an den Buntstiften, während meine Gedanken Kreise ziehen.

„Wird alles so laufen, wie wir uns das derzeit ausmalen?“
Wir wollen nach Dresden und wissen doch eigentlich gar nicht wie es da ist, wohl aber wie es sein sollte… Ich wünsche mir dort in meiner Vielfalt sein zu können. Aber klappt das, wenn die Therapeutin am Telefon sagt, dass sie hauptsächlich über den ANP arbeiten, um die Spaltung nicht zu vergrößern? Das hab ich mir anders vorgestellt… Ich verkneife mir den Kommentar, was ich von so einer Aussage halte. 🙄
Ich möchte am liebsten in die Klinik, um hinterher geheilt ganz normalen Alltag zu leben. Je länger ich darüber nachdenke, desto unrealistischer erscheint mir das…

Es wird wohl eher ein Prozess.

Diagnostikvorläufer

Am Donnerstag waren wir in einer Klinik mit Traumaambulanz, um mal wieder Diagnostik zu machen. Hintergrund zu dem ganzen Aufwand ist die Antragstellung für einen Klinikaufenthalt. Die Therapeutin in der angestrebten Klinik hat uns in einem Gespräch mitgeteilt, dass es für den Antrag in unserem Fall wichtig wäre, bereits eine gesicherte Diagnose beizulegen. Dann wäre zum einen die Auswahl an alternativ möglichen Kliniken geringer, zum anderen könnte mich aber auch die Traumaklinik direkt auf die DIS-Station einordnen.
„Kein Problem“, war mein erster Gedanke. „Schwerer, als ich mir das vorgestellt habe“, mein zweiter nach einigen anrufen. Die erste Therapeutin, die die Diagnose vor über 10 Jahren gestellt hat, arbeitet nicht mehr und ist auch nicht anderweitig erreichbar. „Ok, gut. Es gab ja auch noch welche nach ihr“, beruhige ich mich. Ich greife also zum Hörer und wähle weiter. Eine Andere ist derzeit schwer an Krebs erkrankt und nicht in der Lage etwas auszustellen. Der angebotene Schrieb einer Beratungsstelle ist nicht ausreichend. Die Psychotherapeutin an meiner vierten Anlaufstelle, sagt zu mir etwas zu schreiben, wäre aber froh, die Testdiagnostik der Traumaambulanz in der ich vor einigen Jahren vorstellig war, zusätzlich mit einbeziehen zu können. Das würde der Diagnose zusätzlich Gewicht verleihen. Also rufe ich auch dort an und bitte um die Übersendung der Unterlagen. Das geht jedoch nicht so einfach, weil dort die Therapeutin, die damals die Diagnose gestellt hat, nicht mehr arbeitet und Dritte den Befund nicht schreiben können, ohne mich jemals gesehen zu haben. Nach längerer Diskussion, dass doch Patientendaten nicht einfach nicht mehr greifbar sein können, weil das Personal wechselt, lädt man mich kurzfristig zu einem Termin ein, in der man die Diagnostik wiederholt. Soweit also die Vorgeschichte zu dem Termin in der Ambulanz.

Was lernen wir daraus:
Man sollte sich seine Diagnosen immer im Laufe der Therapie mindestens einmal schriftlich bestätigen lassen, auch wenn man das zu dem Zeitpunkt nicht braucht. Man weiß nie, wofür es mal gut ist.

In der Traumaambulanz ist man sehr freundlich zu uns. Die Ärztin und Psychotherapeutin, die für uns eingeteilt wurde, ist mit unserem Anliegen direkt bestens vertraut. Sie hat die alten Akten vor sich liegen und sich eingelesen. Mit Ruhe beginnt sie die erneute Diagnostik. An Zeit mangelt es nicht. Das empfinden wir als sehr positiv. Wir arbeiten uns durch mehrere Fragebögen. Anschließend klärt sie im freien Gespräch Dinge, die ihr zusätzlich wichtig erscheinen. Am Ende kann sie die Diagnose ihrer früheren Kollegin bestätigen. Die DIS ist eindeutig. Dazu kommen andere Probleme, wie etwa eine Essstörung und Depressionen.

Wir sind froh, dass wir das gemacht haben. Der Umgang in der Ambulanz mit uns, hätte nicht besser sein können. Das Vorgehen können wir auch für unsichere DIS-ler, die endlich eine sichere Diagnose wollen, nur empfehlen. Auch im Nachgang zum Termin bekamen wir direkt Unterstützung angeboten.
Trotzdem schlauchen uns die Folgen des Untersuchungsgesprächs immer noch. Wir sind seit Tagen komatös müde, können uns kaum auf den Beinen halten und kämpfen mit starken Schmerzen. Zumindest hat sich der Termin aber auf unserem Weg zur Traumaklinik gelohnt. 😊

Taras Welten auf YouTube

Wer sich für die Serie „Taras Welten“ interessiert findet die meisten Folgen aus den verschiedenen Staffeln mittlerweile auch auf deutsch bei YouTube.
Vorab sei gesagt, dass durchaus oft vulgäre, sexualisierte Sprache benutzt wird, die auch leicht einmal triggern kann. Auch gewisse Szenen sind mit Vorsicht zu genießen.

Wir haben die Serie bereits vor längerer Zeit im Fernsehen gesehen. Damals lief sie zur „Primetime“ auf ARD um ein Uhr nachts. 😉
Für uns persönlich, hat sie mit dem „normalen“ Leben einer multiplen Persönlichkeit nicht wirklich viel gemein. Das liegt auch an der stark überspitzen Darstellung und den mangelhaften medizinischen Fakten. So sucht Tara in der ersten Staffel etwa beständig nach den Puzzelstücken eines Traumas im Alter von 16 Jahren. Dieses sieht sie als Auslöser für ihre Spaltung. Wer also hofft realitätsgetreue Einblicke in das Erleben zu bekommen wird enttäuscht. Bildungsfernsehen ist das sicher nicht.

Dennoch finden wir die Serien als Unterhaltung sehenswert. An vielen Stellen müssen wir einfach über die Absurdität der Situationen lachen.

PTBS bei DIS

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Ich telefoniere mit meiner Therapeutin.
Sie ist neu, aber wirkt kompetent.
Das Gespräch führt uns an den Unterschieden in der Behandlung von einer DIS mit komplexer PTBS und einer PTBS nach Monotrauma vorbei.
Was ich in dem Moment interessiert gehört, aber nicht weiter realisiert habe, ist jetzt in meinem Bewusstsein angekommen. Ihre Aussagen fühlen sich verdammt stimmig an:

„Es gibt gewaltige Unterschiede in der Behandlung von einer normalen PTBS und einer Patientin mit DIS. Eine PTBS haben sie nach dem ersten Trauma. Die sieht und merkt man deutlich. Mit Patienten im akuten Zustand der PTBS können sie nicht länger als 5-10 Minuten sprechen. Danach sind sie platt, völlig überfordert und sie bemerken als Behandler das Leid.
Bei Ihnen ist die PTBS chronisch. Sie ist bei DIS mit zunehmender Abspaltung durch die häufigen Traumatisierungen hinter der Fassade versteckt. Deshalb laufen sie auch lächelnd in die Praxis ihres Arztes und er hat Mühe die Ernsthaftigkeit der Lage zu erfassen. Sie sind als Alltagsperson in dem Moment nicht traumatisiert. Sie funktionieren. Alles andere trägt ein Innen. In ihrer Lebenssituation waren sie gezwungen die PTBS unsichtbar in den Alltag zu integrieren. Sie ist chronisch vorhanden, aber auch chronisch unsichtbar.“
(Sinngemäß wiedergegeben)

Diese Worte lassen mich vieles verstehen. Die Therapeutin hat recht.
Das trifft den Nagel meiner Problematik auf den Kopf.
Ich kann nicht mehr, aber eigentlich habe ich damit nichts zu tun. Nicht wirklich irgendwie. Also völlig eigentlich, aber dann doch wieder nicht. Ich trete ein für die inneren Bedürfnisse einer anderen Person. Meine Konversation ist klar und rationell. Die emotionale Dramatik dahinter, bleibt oft verborgen.

„Wenn ich mit einer PTBS-Patientin arbeite muss ich den Überblick für eine Person behalten. Bei einer DIS bin ich für Viele verantwortlich. Wenn ich eine Frau mit DIS stabil nach Hause schicke und übersehe, dass ich innen ein Fass aufgemacht habe, kann sie beispielsweise plötzlich ihre Kinder nicht mehr versorgen, sobald sie aus der Türe ist.“

Ja, das kann passieren. Das kennen wir gut aus früheren Therapiesituationen. Leider.
Für mich war’s ok zu gehen und kaum draußen ging der Punk ab.
Tut gut das Gefühl, eine Person gegenübersitzen zu haben, die verantwortungsbewusst mit dem Viele sein umgeht und zumindest eine Idee davon hat, dass innen etwas anderes laufen kann, als außen. 👩‍👩‍👧‍👦