Bedrohliche Opfer

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Das Opfer, das die Situation des Opfers benennt,
ist kein Opfer;
er oder sie ist eine Bedrohung.

James Baldwin

Als wir diesen Satz unlängst lasen, fühlten wir uns ganz tief angesprochen. Wir wiederholten die Zeile im Stillen immer und immer wieder. Wir wollten sie verstehen. Ihre Essenz in unseren Zellen spüren und mit dem Verstand begreifen. Irgendwann wurde aus der vagen Stimmigkeit ein deutliches „Es stimmt! Genau so ist es!“
Baldwin hat auf verschiedenen Ebenen recht mit seiner Aussage.

In dem Moment, in dem ein Opfer seine Wahrheit ausspricht, hat es das Opfer sein bereits verlassen. Es erkennt an, was ihm widerfahren ist und bezieht Stellung. Die Verantwortung für die eigenen Gefühle prallt nicht länger an gesellschaftlichen Schweigeansprüchen ab. Jedes „Ich wurde missbraucht“ und „Er hat mich vergewaltigt“ setzt ein Statment der mutigen Zeugenschaft für sich selbst. Dabei ist es völlig egal, ob es laut oder leise, zögerlich, brüchig oder mit klarer Stimme ausgesprochen wird. Die Missstände, die Gewalt erlauben, werden deutlich. Täter werden benannt. Das Opfer duckt nicht länger. Es ist bereit gesehen zu werden und für sich aufzustehen. Die Betroffene drückt auf unmissverständliche Weise aus: „Ich bin Opfer und es schmerzt unerträglich, aber ich bin auch so viel mehr als das. Das Handeln des Täters war falsch. Es ist völlig inakzeptabel! Mit seiner Tat wurde etwas in mir zerstört. Ich bin nicht bereit mir den Schuh für die Vorkomnisse anzuziehen. Soetwas darf Menschen nicht geschehen!“ Es fordert sein Recht auf Heilung und Unterstützung.

Das führt nicht selten zum zweiten Teil des Zitates. Das Opfer wird für das Gegenüber zur Bedrohung und Bedrohung wird bekämpft. In seinen klaren Worten für sich selbst, rüttelt die Betroffene an den Grundfesten der Gesellschaft. Plötzlich stehen die scheinbaren Sicherheiten des Einzelnen in Frage. Jeder könnte jederzeit zum Opfer werden und es gibt kaum Möglichkeiten sich davor zu schützen. Das persönliche Leid und die Not durch selbst erlebte Gewalt wird spürbar. Es gibt wohl leider keinen einzigen Menschen, der im Laufe seines Lebens nicht in irgendeiner Art, sei es psychisch, physisch oder sexuell, damit zu tun hat. Die wirkliche Auseinandersetzung überfordert.
Also forscht man zu falschen Erinnerungen, zieht die Glaubwürdigkeit der Betroffenen in den Dreck, verunglimpft die Behandler und kämpft gegen die Opfer, um sich einen Scheinboden unter die Füße zu schieben. Es ist eine Frage der Zeit, bis er unter der Last der Realität bricht.

Was wir aber positiv daraus lernen:
Das Wort des Opfers hat Macht! Warum sonst wohl würden ganze Nationen vor lauter Angst gegen die Glaubwürdigkeit ankämpfen!? Und doch haben sie nichts wirklich greifbares in der Hand.
Die Macht der wahrhaftigen Sprache gehört den Opfern! Lasst sie laut werden. Wenn euere Aussagen so wertlos wären, würde sich wohl kaum jemand so viel Mühe machen, euch schweigsam zu halten.

Wasser im Nabel

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Gerade habe ich den letzten Pflanzkorb in mein kleines Balkonbiotop eingesetzt, da fängt es an zu Donnern. Bald prasselt auch der dazugehörige Gewitterregen nieder. Ich ziehe mich in die Wohnung zurück. Unter der Dusche fühlt es sich fast an, als würden wir mitten im Sommerschauer stehen. Die Luft ist schwül. Unser Magen verspürt einen leichten Hunger. In große Handtücher gewickelt laufen wir in die Küche und schieben uns etwas zum Essen in den Ofen. Dann machen wir es uns im Sessel gemütlich.

Als wir wieder nach draußen treten, um ein Foto vom Miniaturteich zu machen, sieht man aufgrund der Dunkelheit nicht mehr viel von den Pflanzen. Ein bisschen Wasser im Wassernabel können wir noch einfangen. Wie kleine Perlen ruhen die Tropfen in den Blattrosetten. Wir sehen uns um und entdecken auch auf den anderen Pflanzen die kleinen feuchten Kostbarkeiten. „Wasser vom Himmel spendet leben. Das muss teuer aussehen.“ Im Kerzenschein glitzert der Schatz. Wir atmen in die erfrischte Nacht.
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Sterne um Mitternacht

Es ist fast Mitternacht.
Wir sitzen auf dem Balkon und starren in die Sterne. Die Straßenlaterne stört mit ihrer Lichtverschmutzung. Eine dicke Decke hält uns warm. Wir sind leer. In den Augen warten Tränen darauf geweint zu werden. Die Dunkelheit ist kühl. Wenn mich nur der alltägliche Stress ebenso kalt ließe.

Wir könnten Sterne zählen am Himmelszelt. Wie damals. Sie sind das Licht in der Nacht. Diese weißen Silberpunkte glitzern am stärksten auf dem schwarzen Hintergrund und plötzlich ist da außer unserer Welt noch etwas anderes. Es gibt einen Kosmos, den wir im hellen gar nicht hätten sehen können. Die Zeit fliegt vorüber. Die Wunden bleiben.

Eine Grille zirpt.

Ich gehe nach drinnen und greife zum Telefon.
Freundschaft ist wie die Sterne am Himmel. Sie macht die dunkelsten Stunden heller. Wir wechseln einige Worte, ehe wir einschlafen.

Als wir aufwachen pfeifen die Vögel.
Die Dunkelheit ist längst vergangen. Wir fühlen uns gerädert. Wir leben zu wenig. Unsere Berufung ruht.

Möge sie bald wieder fließen…

Jurassic Balkon

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Körniger Hüttenkäse mit Erdbeeren, Honig und Zitronenmelisse – Mjam. ❤️😋🍓

 

Wir sitzen am Frühstückstisch und löffeln frische Erdbeeren mit etwas Honig und Hüttenkäse. Die Sonne macht den Tag warm. Grell blendet dass Draußen zum Fenster herein. Das silberne Blech spiegelt die Sonne gleißend hell. Ich schließe den Rollo ein Stück, weil ich nicht erblinden will. Ein leiser Wind umstreicht meine Zehenspitzen, als ich kurz auf den Balkon nach draußen trete.
Ich atme mit einem Seufzer einmal tief durch.
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Kann der Himmel dissoziieren? 🙂

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Ich sitze auf der Bank vor dem Haus. Gräser und Sträucher sind regennass vom Gewitter. Ein paar Regentropfen fallen leise zu Boden. Das ist einer dieser Momente, in denen man in der Stille die Pflanzen atmen hören kann. Wir atmen mit ihnen. Die Luft ist angenehm kühl und rein. Wir beobachten die Katzen und unsere Gedanken. Mal mehr wie eine ferne Landschaftssilhouette am Horizont, dann wieder detailliert wie eine Makroaufnahme. Über uns schweben Wolken, die langsam ihre Form verlieren und als dunstiger Nebelschleier am blauen Himmel übrig bleiben.

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Leere als Inhalt

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Wenn du während der Erinnerungsarbeit denkst, dass du gar nichts mehr wahrnehmen kannst und einfach nicht mehr weiterkommst, bleib stehen und spüre nach, ob es nicht die Leere und das Nichts selbst ist, dass es dann als Puzzlestück deiner Erfahrungen zu entdecken gilt.

© Copyright by „Sofies viele Welten“

Was ich heute verstehe…

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…und was mich die Dissoziation zu Beginn meiner Therapie verstehen lies, sind teilweise zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe. Besonders bewusst wurde mir das nochmal, als ich in einem Buch blätterte, in dem ich schon öfter gelesen habe. Die Informationen waren immer in der selben Form darin enthalten, aber sie kamen einfach nicht bei mir an. Gestern viel mir auf, dass ich sie ganz selbstverständlich annehmen konnte. Das liegt vor allem daran, dass wir über die Jahre Fortschritte gemacht haben und dadurch auch anders fühlen dürfen.
Einige Punkte und Gedankengänge möchte ich in diesem Beitrag im direkten Vergleich von früher zu heute aufgreifen.

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Schmerzwellen

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Ich sitze auf meinem Bett und schreie.
Laut.
So laut ich kann.
Der Schmerz verhallt in Stille.
Meine Beine verharren taub.
Körper und Kopf sind durchflutet vom alten Grauen.
Irgendwann werde ich müde.
Mit Tränen in den Augen schlafe ich ein.

Mit komischen Zwängen und traurig dumpfen Gedanken wache ich auf.
Wir kämpfen.
Gegen die Selbstzerstörung.
In dichter Watte kreisen unsere Gedanken.
Irgendwie möchte ich schreiben und andererseits bin ich kaum auf dieser Welt.

Noch immer ist es das Ausmaß der Gewalt, das mich förmlich erschlägt.
Und in all dem Nachspüren, weshalb die Situation gerade so ist, wie sie ist und wo der Auslöser liegt, wird mir plötzlich klar, dass ich den ersten Mai ganz vergessen habe.

Körper im Traumaburnout

08C0FA78-FBC0-4570-BC1D-1178DAF75B4AIch erinnere mich noch wie gestern. Dabei ist es nun schon über vier Jahre her. Es geschah an einem Ostersamstag. Das Wetter war traumhaft. Die Sonne schien. Ich stieg ins Auto, um mit meiner Freundin vom Essen nach Hause zu fahren. Die Stimmung war gut. Wir lachten. Mitten auf der Landstraße mit gut 100 Sachen stolperte plötzlich mein Herz. Ich klammerte mich ans Lenkrad. Mir wurde schwarz vor Augen. Im letzten Moment brachte ich den Wagen am Straßenrand zum stehen. Ich bemühte mich bei Bewusstsein zu bleiben und ruhig zu atmen, während mein Herz um sein Leben stolperte. Die Arme wurden Taub. Dann gingen bei mir die Lichter aus.

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Das leere Gesicht der Dissoziation

Zustände von Leere begleiten uns durch unser gesamtes Leben. In vielen Situationen waren sie überlebenswichtig. Heute verhindern sie manchmal, dass wir das Leben spüren, wenn sie uns zeigen wie „leer“ unser Leben war.

Ein bisschen stelle ich mir diese absolute Taubheit vor, wie eine alte weise Frau mit einem großen Beutel voller kleiner und größerer Gefäße. In den dunkelsten Stunden setzt sie sich zu uns. Dann nimmt sie mit ihrem Zauber allen Schmerz in ihre Fläschchen und schafft einen Raum der Stille im geschundenen Seelenkörper.

Früher hat Frau Leere uns in todesnahen Momenten oft besucht. Todesnah, das war nicht nur, wenn unser Herz aufhörte zu schlagen. Todesnah waren für das Kind auch die Erlebnisse, in denen seine Seinsberechtigung verbal ausradiert wurde und Situationen in denen es vor lauter Schmerz nicht hätte im Körper bleiben können.
Im Alltag war Frau Leere eine große Hilfe. Ohne sie hätte ich nicht lächelnd zur Schule gehen können. Sie schob mir Boden unter meine Füße und erlaubte es mir in getrennten Welten die jeweils geforderten Höchstleistungen zu bringen.

Heute sitze ich manchmal mit ihr da, starre zum Fenster hinaus oder einfach nur die Wand an. Dann nimmt Frau Leere meine Hand und schenkt mir einen Tropfen des alten Schmerzes zurück. Eine kleine Essenz aus meinem Sein. Plötzlich füllt sich dann der Augenblick mit tränenüberströmten Wunden. An die Stelle der Taubheit tritt zerbersten. Ich fühle mich und die Anderen und das ist schrecklichschön. Dann bleibt mir nur zu atmen. Durch die Schauer hindurch. Bis ich am Ende ein Stück meines Selbst geboren habe und erschöpft in Frau Leeres Arme falle. Meist hat auch sie sich dann verändert. Sie lächelt milde und ist nicht mehr ganz so groß. Vorerst hält sie mir den Rücken frei und lässt mich die Eindrücke verdauen.

Danach beginnt ein neuer Zyklus des uns selbst Gebärens unter dem Schuztmantel der Leere.