
Es ist wichtig uns daran zu erinnern,
dass wir alle Magie in uns tragen!

Es ist wichtig uns daran zu erinnern,
dass wir alle Magie in uns tragen!

Ursprung des Zitates unbekannt

Wir sitzen seit kurz vor acht bei der Arbeit. Aus der anfangs spärlichen Anwesenheit von Kollegen sind gegen neun bereits volle Arbeitsräume geworden. Es wird stickig. Die Heizungsluft trocknet sämtliche Schleimhäute tot. Die Erkältungserreger tanzen vor Freude Samba. Morgens, halb zehn, in Deutschland: Eine erste kleine Pause naht und damit das Wettrennen um die beste Kloschüssel. Die Beste ist dabei die, die frei, hygienisch einigermaßen sauber und möglichst nahe am eigenen Bürostuhl gelegen ist. Weiterlesen

„Ein eigenartiger Schmerz durchfährt mich. Alles scheint diffus. Eine einzige Lüge, die sich wie Wahrheit anfühlt und weil sich das alles so wahr anfühlt, ist es irgendwie meine Wahrheit, obwohl es eine Lüge sein muss, denn ich war nicht dabei, aber ich kann es heute fühlen.“
Dieser Satz aus eigener Feder hat mich heute sehr bewegt. Manchmal fühlt sich der Schmerz für uns genau so an. Der Kopf ist voll von schrecklichen Erinnerungen, die uns aus dem nichts überrollen. Die Dissoziation macht die Welt nebelig und ungreifbar. Der Schrecken von damals wird erneut Realität bis in die kleinste Faser. Gleichzeitig hofft man, dass alles nur ein schlechter Traum gewesen sein mag und klammert sich an den Strohalm, dass sich alles als unwahr herausstellen möge, weil es schier unerträglich ist.
DIS heißt zu akzeptieren, dass das Leben für einen Teil des Selbst an Stationen stattgefunden hat, an die man sich selbst nicht erinnern kann.

Wir sitzen am Pc und tippen Gedankenflüsse in das virtuelle Papier. Nebenbei läuft Harry Potter. In den Büchern bin ich schon als Jugendliche gerne versunken. Mittlerweile kenne ich sie in und auswendig. Im Vergleich zu den Filmen sind sie für uns noch wesentlich phantastischer. Dennoch geht nichts über einen kühlen Herbstabend auf dem Sofa vorm Fernseher mit den zauberhaften Leinwandbildern. Ich hoffe auf einen gemütlichen Abend, der die Kraftreserven etwas aufzufüllen vermag. Wir knuspern Chips und tun einfach so, als wäre alles in Ordnung. Manchmal würde ich mir wünschen, ich hätte ein Denkarium. Dann könnte ich einfach all die zu viel gewordenen Gedanken aus meinen Synapsen lösen und dort sicher ablegen. Über einer der Werbepausen schlafe ich ein.
Als ich am anderen Morgen aufwache, scheint mir durchs Fenster schon die Sonne ins Herz. Ich fühle mich etwas besser. Für einen kurzen Moment versuche ich zu spüren, ob es wirklich besser oder nur dissoziativer ist. Eine große Tasse Tee hilft mir in den Tag zu starten. Er macht die Seele warm. Ich trete auf die Balkonbretter und lasse mich etwas von dem lebensspendenden Planeten bescheinen. Danach steige ich auf das Trampolin und federe in den Vormittag. In den letzten Wochen habe ich festgestellt, dass mir die Bewegung auf dem Sprungtuch dabei hilft einzelne Körperbereiche wieder miteinander zu verbinden, die sonst voneinander abgespalten sind. Wenn sie nicht zusammenarbeiten lässt sich das Schwingen und Springen nicht gut koordinieren und ich mache einen Abgang. Dementsprechend langsam habe ich damit begonnen. Mittlerweile kann ich mich schon etwas länger darauf bewegen, ohne mich hinterher schlecht zu fühlen oder Flashbacks zu riskieren. Mittags backe ich uns Waffeln und wandere dann erneut vor den Fernseher. Harry Potter geht auch zwei mal. 😉
So genieße ich den Nachmittag, meide alles, was uns auch nur im Ansatz stressen könnte oder ungute Gefühle verursacht und freue mich, dass mir die Flucht vor dem Trauma für den Moment ganz gut gelingt. Am Abend wollen wir zusammen kochen und mit einer Freundin plaudern. Wenn der Plan funktioniert, sind wir auf dem besten Weg zu einem ganz passablen Tag.

Hinter den Gläsern der grünen Idylle sprang mein Herz. Zurück blieben nur ein paar Scherben. Mich hatte man ausradiert. Bemerkt hat es niemand, wobei „nicht bemerken wollen“ wohl die bessere Bezeichnung wäre. Wenn die Welt draußen blüht, ist ganz gleich wie es hinter der Fassade aussieht.
Dick waren die Scheiben zwischen mir und der Welt. Bald war sie ebenso unwirklich wie die Idylle selbst. Alles unerreichbar fern in Nebel gepackt. Durch die gebrochenen Scherben, sah ich nicht nach draußen und das Draußen schaute bald auch nicht mehr zu mir herein. Wer sieht sich schon gerne die klirrenden Sprünge des Lebens an!?
Doch das Herz, das blieb heil. Es hatte das Grauen hinter sich zurückgelassen und sich einstweilen in Sicherheit gebracht. Später ist es zurückgekehrt. Heute schlägt es tapfer gegen den Schmerz. Es pulsiert in Mitten all der Scherben und spürt sein Leben. Durch die Scheibe kann ich die Idylle sehen – Nicht die von damals , die echte – und Freunde sehen meinen Scherbenhaufen.

Immer wieder zweifeln Betroffene an ihrem Trauma. Scham und Schuldgefühle beuteln die Opfer, die eine Realität für gegeben nehmen müssen, die für sie selbst nie – noch nicht einmal während des Ereignisses – als real wahrnehmbar war. Für die Täterlobby stellt das ein gefundenes Fressen dar. Die Verleugnung wird schwubsdiwups zur Scheinwissenschaft über „False Memories“ umfunktioniert, um die Täter zu entlasten. Andere Wissenschaftler forschen dazu, weshalb Menschen selbst nachweislich stattgefunden Traumata vergessen und verleugnen. Dabei lässt sich ein Trauma ganz einfach definieren: Es ist die Zeitgleich mit der Tat beginnende konsequente Verleugnung der Realität, die als solche ansonsten nicht aushaltbar gewesen wäre.
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„Ich nenne es das Wattegefühl. Natürlich gibt es für dieses Gefühl, dass keines ist, sondern eher ein Zustand, auch einen Fachausdruck. Aber erstens tut der an dieser Stelle nichts zur Sache, zweitens ist er nicht hilfreich und drittens von Leuten erfunden, die etwas zu benennen hatten, das ihnen nicht aus eigener Erfahrung, sondern nur aus Berichten von Patienten bekannt war. Ich bleibe also bei meinem Begriff, bei dem, was ich mein Watte-Gefühl nenne.“
Susanne Preusker, Sieben Stunden im April, München 2013, S. 37
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Ja, ich weiß. Das kommt überraschend. 😉
Tatsächlich kam mir die Erkenntnis vor ein paar Tagen nachts im Bett und knallte mit voller Wucht durch bis zum Bewusstsein. Nun mag sich vielleicht die ein oder andere MitleserIn wundern, wie das möglich ist, wo ich doch hier schon so lange über Traumatisierung schreibe. Zu recht. Mir geht es seitdem nicht anders. Immerhin habe ich ja auch schon einen längeren Weg an ambulanter Therapie hinter mir und arrangiere meinen Alltag so, dass sich die Folgen meiner Geschichte möglichst wenig darauf auswirken. Dennoch hat dieser Moment einiges in mir verändert.
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Es regnet. Draußen höre ich die Regentropfen auf die Balkonbretter klopfen. Eigentlich ist es ein sanfter Schauer. Dennoch klingen manche Aufplatscher hart. Die Luft ist angenehm zu atmen. Feuchte Kühle schleicht sich in mein Zimmer. Ich schaue unter der Bananenpalme zur Tür hinaus. Würde mir nicht das Dach fehlen, säße ich jetzt gerne auf der Terasse. Nebenbei bemerke ich, dass es finsterer ist, als mir lieb ist. Immerhin ist Sommer. Da mag ich es nicht, wenn es um neun Uhr schon dunkelt. Um jetzt noch etwas zu arbeiten bräuchte ich Licht. Allerdings möchte ich nicht, dass 1738 Mücken sofort laut „Gefällt mir“ schreien und mich besuchen kommen. Also lasse ich das und beschließe den Rest des Abends maximal lichtreduziert zu verbringen.
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