Das Märchen von der traurigen Traurigkeit

Es war eine kleine alte Frau, die bei der zusammengekauerten Gestalt am Straßenrand stehen blieb. Das heißt, die Gestalt war eher körperlos, erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen.
„Wer bist du?“ fragte die kleine Frau neugierig und bückte sich ein wenig hinunter. Zwei lichtlose Augen blickten müde auf. „Ich … ich bin die Traurigkeit“, flüsterte eine Stimme so leise, dass die kleine Frau Mühe hatte, sie zu verstehen.
„Ach, die Traurigkeit“, rief sie erfreut aus, fast als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.
„Kennst du mich denn“, fragte die Traurigkeit misstrauisch.
„Natürlich kenne ich dich“, antwortete die alte Frau, „immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet.“
„Ja, aber …“ argwöhnte die Traurigkeit, „warum flüchtest du nicht vor mir, hast du denn keine Angst?“
„Oh, warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selber nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst und dich so nicht vertreiben lässt. Aber, was ich dich fragen will, du siehst – verzeih diese absurde Feststellung – du siehst so traurig aus?“
„Ich … ich bin traurig“, antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme.
Die kleine alte Frau setzte sich jetzt auch an den Straßenrand. „So, traurig bist du“, wiederholte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. „Magst du mir erzählen, warum du so bekümmert bist?“
Die Traurigkeit seufzte tief auf. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie vergebens versucht und …
„Ach, weißt du“, begann sie zögernd und tief verwundert, „es ist so, dass mich offensichtlich niemand mag. Es ist meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und eine Zeitlang bei ihnen zu verweilen. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Aber fast alle reagieren so, als wäre ich die Pest. Sie haben so viele Mechanismen für sich entwickelt, meine Anwesenheit zu leugnen.“
„Da hast du sicher Recht“, warf die alte Frau ein. „Aber erzähle mir ein wenig davon.“
Die Traurigkeit fuhr fort: „Sie haben Sätze erfunden, an deren Schutzschild ich abprallen soll.
Sie sagen „Papperlapapp – das Leben ist heiter“, und ihr falsches Lachen macht ihnen Magengeschwüre und Atemnot.
Sie sagen „Gelobt sei, was hart macht“, und dann haben sie Herzschmerzen.
Sie sagen „Man muss sich nur zusammenreißen“ und spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken.
Sie sagen „Weinen ist nur für Schwächlinge“, und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe.
Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht spüren müssen.“
„Oh ja“, bestätigte die alte Frau, „solche Menschen sind mir oft in meinem Leben begegnet. Aber eigentlich willst du ihnen ja mit deiner Anwesenheit helfen, nicht wahr?“
Die Traurigkeit kroch noch ein wenig mehr in sich zusammen. „Ja, das will ich“, sagte sie schlicht, „aber helfen kann ich nur, wenn die Menschen mich zulassen. Weißt du, indem ich versuche, ihnen ein Stück Raum zu schaffen zwischen sich und der Welt, eine Spanne Zeit, um sich selbst zu begegnen, will ich ihnen ein Nest bauen, in das sie sich fallen lassen können, um ihre Wunden zu pflegen.
Wer traurig ist, ist ganz dünnhäutig und damit nahe bei sich.
Diese Begegnung kann sehr schmerzvoll sein, weil manches Leid durch die Erinnerung wieder aufbricht wie eine schlecht verheilte Wunde. Aber nur, wer den Schmerz zulässt, wer erlebtes Leid betrauern kann, wer das Kind in sich aufspürt und all die verschluckten Tränen leerweinen lässt, wer sich Mitleid für die inneren Verletzungen zugesteht, der, verstehst du, nur der hat die Chance, dass seine Wunden wirklich heilen.
Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über die groben Narben. Oder verhärten sich mit einem Panzer aus Bitterkeit.“
Jetzt schwieg die Traurigkeit, und ihr Weinen war tief und verzweifelt.
Die kleine alte Frau nahm die zusammengekauerte Gestalt tröstend in den Arm. „Wie weich und sanft sie sich anfühlt“, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. „Weine nur, Traurigkeit“, flüsterte sie liebevoll, „ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Ich weiß, dass dich viele Menschen ablehnen und verleugnen. Aber ich weiß auch, dass schon einige bereit sind für dich. Und glaube mir, es werden immer mehr, die begreifen, dass du ihnen Befreiung ermöglichst aus ihren inneren Gefängnissen. Von nun an werde ich dich begleiten, damit die Mutlosigkeit keine Macht gewinnt.“
Die Traurigkeit hatte aufgehört zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete verwundert ihre Gefährtin.
„Aber jetzt sage mir, wer bist du eigentlich?“
„Ich“, antwortete die kleine alte Frau und lächelte still. „Ich bin die Hoffnung!“

© Inge Wuthe http://www.inge-wuthe.de/traurigetraurigkeit.htm

Ein Engel für Harmonie

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Wir sehnen uns derzeit nach Ausgleich und Sanftheit. Dieses Engelsbild fiel uns heute in die Hände und hat uns tief innen berührt. Lange haben wir einfach nur die Farben auf uns wirken lassen.
Das zarte Rosa spricht uns an.
Wir wollen diesen Engel mit euch teilen und wünschen uns, dass er vielleicht auch euch Momente von Harmonie und ruhigem Durchatmen schenkt.

Quelle:
Bild aus dem Kartenset „Aufstellungen mit Engeln“ von Renate Baumeister und Susanne Hühn

Byron Katie und „The Work“

Auf verschiedenen Blogs (Birke – Zeitenmosaik, Sophie 0816) habe ich in letzter Zeit etwas zu „The Work“ von der Autorin Byron Katie gelesen. Das hat mich dazu angeregt meine Gedanken zu der Urheberin des Konzeptes zu posten.

Eines vorab: Ich habe selbst nie mit dem Konzept „The Work“ gearbeitet und möchte auch die Wirksamkeit weder bewerten, noch in Frage stellen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es sehr hilfreich sein kann Gedankenkreisläufe zu hinterfragen. Das wird in der kognitiven Therapie ja auch gemacht. Die Autorin kenne ich nicht persönlich und weiß nicht mehr als das, was Sie öffentlich über sich erzählt.
Dennoch sei es mir an dieser Stelle erlaubt meine Gedanken offen in den Raum zu stellen, auch wenn ich damit falsch liegen kann. Ihre Geschichte passt meiner Meinung nach gut zum Thema „Dissoziation“.

Byron Katie ist 1943 geboren. Ihre Bücher sind mittlerweile Bestseller. Darin schreibt sie über ein System an Fragen zur Selbsterkenntnis, dass sie von ihren schwerwiegenden psychischen Problemen befreite.
Sie selbst litt Jahrelang unter schweren Depressionen, Selbsthass, starken Ängsten und ging nie ohne einen Revolver unter dem Kissen schlafen. Dazu kam eine starke Essstörung mit Essattacken, die ihr Gewicht in die Höhe trieb. Irgendwann brachte man sie in eine Klinik. Dort hatte das Personal Angst um andere Patienten und ließ sie deshalb in einer Dachkammer schlafen. In diesem Zimmer erlebte sie in einer Nacht ihr „Erleuchtungserlebnis“, dass ihr von heute auf Morgen alle Sorgen und Ängste genommen zu haben scheint. Es sei nicht mehr als das große Nichts geblieben, überschwängliche Freude, die für Jahren anhielt und der Grundgedanke für „The Work“, sagt sie selbst dazu.
Alles paletti – Wunder soll es ja geben.
Ihren Mann und ihre drei Kinder erkennt sie allerdings bis heute seit dieser Nacht nicht mehr. Das erzählt sie in einem Artikel des Engel-Magazins. Ihrer Familie ging es umgekehrt ähnlich. Die Mutter und die Frau, die sie in die Klinik gebracht haben, war plötzlich verschwunden.

Mich machte das beim Lesen stutzig. Die Schilderung ihrer Geschichte lässt mich viel mehr an traumatische Dissoziation denken, als an das so hoch gefeierte „Erleuchtungserlebnis“. Persönlich erwarte ich bei einem derartigen spirituellen Ereignis ein Wunder, das zu Selbsterkenntnis und Heilung führt. Dazu gehört für mich aber auch gleichzeitig die liebevolle Integration der Vergangenheit.
Genau das ist hier nicht passiert. Byron Katie beginnt mit 43 Jahren ein völlig neues Leben, nach einer Nacht, die alles zuvor da gewesene ausradiert.
Sie Dis-tanziert.
Vergleichbare Fälle gibt es auch in Deutschland. Da gibt es etwa im letzten Jahr den Mann, der mit seiner Geschichte durch die Medien geht. Mitte 2017 wird er in der Bahn aufgefunden und erinnert sich an nichts mehr. Ärzte und Polizei wissen nicht, was vorgefallen ist. Sie suchen schließlich auch über die Medien nach seiner Identität. Psychiater stufen den sonst kompetent wirkenden Mann als völlig glaubwürdig ein und stellen die Diagnose der dissoziativen Amnesie.
Trauma unbekannt.
Seine Familie identifiziert ihn schließlich.
Damit ist er längst nicht der einzige.
Der Seelenschutz der Dissoziation krempelt das Leben dieser Menschen um, um in einer Ausweglosen Situation überleben zu können.
In der Geschichte der Autorin spielt im weiteren Verlauf Rationalisieren eine entscheidende Rolle. Ebenfalls eine Form der Dissoziation.
Wenn ich nicht so denken würde, sondern….
…dann würde ich mich auch anders fühlen.
Also ändere ich den Satz in meinem Kopf.
Wenn ich mich anstrenge bessere Gedanken zu haben, dann ist auch die Welt um mich herum gleich viel besser. Ich glaube einfach nicht mehr, dass mir eine bestimmte Situation scheiß Gefühle macht.
Als alleinige dauerhafte Methode führt das eher zum Selbstverlust, als zur Selbsterkenntnis.
Alles ist nur in meinem Kopf real. Wenn ich es nicht wahrhaben will, ist es auch nicht. Inneres victim blaming alla ich suche die Verantwortung für mein Leben nur noch bei mir und sehe mir meine Umgebung nicht mehr an, weil ich manchmal eben doch daran was ändern müsste!?
Auch die negative Außenwelt ist eben von Zeit zu Zeit Realität.

Warum aber interessiert mich das überhaupt?
Ich könnte sagen: „Gut, wenn es Katie einfach wunderbar geht seitdem – Who cares? Wenn das auch noch anderen gut tut – Who cares?“ Andererseits denke ich: „Wenn das was sie lebt Dissoziation ist, verpasst sie verdammt viel und eine falsche, bzw. nicht gestellte Diagnose führt mittlerweile hunderttausende von Lesern ihrer Bücher in die Irre, weil sie unter Umständen auf die gleiche „Erleuchtung“ hoffen.“ So angewandt heilt sie nicht, sie hilft zu dissoziieren.

Die überschwängliche Freude, die sie nach der Nacht in der Klinik beschreibt und das Gefühl, als ob alle Grenzen und Dinge sich auflösen, ist mir nicht minder bekannt. Der Hormoncocktail den Traumata und Trigger bei mir auslösten schaffte das früher oft von heute auf morgen über weite strecken des Alltags. Er ließ mich alle Schrecken für eine gewisse Zeit völlig vergessen. Mir ging es blendend. Ich flog im Überschwang. War ich nun in diesen Phasen erleuchtet, weil ich plötzlich Freude empfinden konnte? Wohl sicher nicht… War ich in diesen Phasen gesund? Wohl auch eher nicht…

Im Grunde macht sie nicht viel anderes, als kognitive Verhaltenstherapie. Sie verkauft es nur besser. Hier stelle ich mir die Frage, ob sich ihre Texte ohne den spirituellen Kram im Hintergrund und die Suggestion von Einfachheit so gut an die Leser bringen lassen würden. Ich denke eher nicht, weil die göttlich abgesegnete Möglichkeit zur Realitätsverdrehung und -flucht dann fehlt. Die Leugnungsscheuklappen fallen aus. Denn Negatives gibt es dann nunmal.
Immer wenn für eine Seite im Leben kein Platz mehr ist, läuft für mich etwas gewaltig schief.
Heilung ist und bleibt harte Arbeit. Da helfen vier Fragen vielleicht manchmal, aber sie streicheln sicher nicht alle Wunden weg. Es ist völlig ok in der Herangehensweise ihrer Bücher hilfreiches zu finden, genauso, wie in anderen Selbsthilfebüchern hilfreiches stecken kann. Allwissend und die einzige Lösung sind sie nicht.
Auf keinem einzigen ihrer Videos auf YouTube macht sie auf mich den Eindruck, in ihrer Mitte zu sein. Ich kann das Leuchten nicht spüren. Für mich wirkt sie aufgesetzt, teils hart, wenig bodenständig. Ihre Augen blicken hinter der Fassade ungreifbar und leer.
Vielleicht empfinden andre da anders.

Ich glaube, dass so einige dissoziative Patienten, die zum ersten Mal den Schrecken, der in ihrem Leben passiert ist benennen und den Mut haben all dem Schmerz in ihnen einen Namen zu geben, näher an sich und damit auch an der „Erleuchtung“ sind, als diese Frau.

Quellen:
– „Ich liebe was ist“, Engelmagazin, Ausgabe Januar/Februar 2018, S. 31;
https://realization.org/p/byron-katie/massad.byron-katie-interview/massad.byron-katie-interview.1.html
http://thework.com/en/about-byron-katie
https://www.mystica.tv/byron-katie_interview/
https://www.morgenpost.de/vermischtes/article211539507/Wer-ist-der-Mann-ohne-Gedaechtnis.html
https://www.berliner-zeitung.de/berlin/wer-kennt-diesen-mann–der-mann-ohne-gedaechtnis-10699546

Die Sache mit den Kommentaren…

Ihr lieben Leser und Leserinnen,
ich möchte euch sehr für die vielen lieben Kommentare danken, die uns erreichen. Ich weiß wie viel Mühe es kostet, manchmal auch nur einen Satz zu schreiben und freue mich, dass ihr euch diese immer wieder für mich/uns macht.
Der Austausch ist toll! ❤️

Leider habe ich die Kommentarfunktion derzeit nicht im Griff. Erst heute ist es mir wieder passiert, dass ich gesehen habe, dass ich einige Kommentare noch gar nicht freigeschaltet habe, obwohl sie schon länger da sind.
Die letzten Tage war ich oft hier, habe fleißig alles freigegeben, nochmal gecheckt, ob alles erledigt ist und mich gefreut. Heute morgen traf mich dann fast der Schlag, als ich gesehen habe, wie viel noch in der Warteschleife hängt.
Das tut mir leid!
Ich möchte nicht, dass hier der Eindruck entsteht, dass ich euere Rückmeldungen aussortiere und nur einige wenige einstellen will. Mir ist jede Zeile von euch wichtig und sie verdient die gleiche Aufmerksamkeit. Gerade weiß ich noch nicht genau, ob es an mir liegt oder mein PC, bzw. WordPress, manchmal was verschluckt. Immerhin habe ich ja immer wieder nachgesehen… 🤔
Ich werde versuchen, dafür so gut es geht eine Lösung zu finden. Vielleicht sollte ich Kommentare auch nicht immer nur über das Klingelzeichen checken sondern wieder öfter das Dashboard nutzen…

Ansonsten bleibt mir nur, euch um euere Geduld mit mir zu bitten!
Falls mal einer euerer Kommentare untergeht oder es länger dauern sollte, ist es nichts persönliches!
Wenn ihr unsicher seid, dürft ihr auch gerne nochmal nachfragen.

Nun hoffe ich, dass ich soweit alle Wortmeldungen erst mal wieder online gestellt habe und niemand mehr seinen Kommentar vermisst!

Danke an dieser Stelle vorab allen verständnisvollen LeserInnen! 🙂

Auftakt ohne Puste

Das Jahr ist noch so jung und mir geht die Puste aus.
Ich bin reif für die Klinik. Halten können und wollen wir nicht mehr.
Wir lassen los und geben auf. Zum ersten Mal in unserem Leben auf diese Art und Weise. Mir ist egal, wie es weiter geht, ob das gut für meinen Job ist oder in meinem Lebenslauf schlecht kommt. Wir scheißen drauf, was die Nachbarn sagen und was von uns erwartet wird. Denn die Erinnerung zerstört uns, wenn sie weiter verdrängt werden muss. So geht‘s nicht mehr. Die Bilder der Qualen sind klarer denn je. Sie verdichten sich. Sind alt und in dieser Qualität doch neu.

Der Zustand ist an dieser Stelle positiver, als es auf den ersten Blick aussehen mag. Wir stehen zu uns. Sind uns nahe, auch wenn uns der Schmerz zerreißt.
Funktioniermensch ade – Heilung wir kommen.

Wir haben begonnen den Zusammenbruch zu regeln. Klingt irgendwie komisch. Ist aber so. Gut, ein bisschen Kontrollfreak ist wohl übrig geblieben… 😊 Wir schleppen uns vorwärts und lassen unser jetziges Leben Stück für Stück zurück, organisieren die Jobpause, telefonieren mit der Klinik wegen einem Therapieplatz und bekommen immer weniger geregelt. Wir sind längst nicht mehr in der Lage unsere Post zu öffnen. Unsere Leistungen im Job sind. rapide gesunken. Die letzten Termine bei der Arbeit haben wir einfach vergessen. Die Kraft ist weg. In mir brüllt die Verzweiflung und nur noch ein Wunsch: „Ruhe.“
Wir wollen gemeinsam begreifen wer und was wir sind. Nochmal neu. Von vorne. Den Bildern in unsü endlich zuhören. Mit ungeteilter Aufmerksamkeit.
Weil wir es uns wert sind…

# Flashback im Tarnumhang


Rituale spuken durch unseren Kopf.
Diesmal mehr wie unfassbare Gedankenblitze, die kaum mehr ausmachen, als das Wort an sich.
Nicht immer kommen Erinnerungen an das was war als vollständige Szenen, bildhaft oder als Körpergefühle daher.
Oft kündigen sie sich bei uns darüber an, dass ich mich wie besessen immer wieder mit dem gleichen Thema beschäftigen muss, auch wenn ich gar nicht weiß, wieso eigentlich dieses Thema nun in diesem Moment solche Wichtigkeit hat. Es ist dann der Anfang meines Wiedererlebens und auch, wie ich mittlerweile vermute, der unbewusste Versuch es durch die Beschäftigung mit dem Thema in der Außenwelt aufhalten, bzw. wenigstens verstehen zu können, noch bevor ich genau weiß, welche, bzw. ob jetzt überhaupt eine Erinnerung hochkommt.

Über die Zeit ist mir immer mehr bewusst geworden, dass ich in diesen Momenten bereits auf einen Auslöser reagiere und in der damit verbundenen Reinszenierung stecke.
Das unbewusste Trauma arbeitet.
Ich verspüre dann den Drang z.B. Sachbücher oder Artikel zu bestimmten Themen, wie etwa Missbrauch oder Vergewaltigung, zu lesen ohne damit aufhören zu können. Es ist nicht nur starkes Interesse. Es ist mehr. Auch wenn ich mir das Lesen darüber strikt verbiete, fühle ich mich in der Phase oft wie ein Junkie auf der Suche nach seiner eigenen Identität, die er hofft irgendwo zwischen den Zeilen eines Betroffenenberichtes oder einer wissenschaftlichen Abhandlung zu finden, völlig angefixt von allem, was damit zu tun hat. Gleichzeitig würde ich mir vermutlich viel schlechter glauben können, wenn meine eigenen Bilder kommen würden, kurz nachdem ich über ähnliches gelesen hätte. Nicht, weil sie dann weniger wahr wären – Was könnte mehr eigene Erfahrungen triggern als Betroffenenberichte!? – sondern weil ich einen perfiden Grund für meinen Verstand hätte sie zu dis-tanzieren und genau das ist es, was er damit wahrscheinlich auch erreichen möchte. Willkommen bei „Es ist anderen passiert, aber doch nicht mir!“.
Deshalb lasse ich es und widerstehe dem Drang, weil ich sonst meiner eigenen Verarbeitung ein Bein stelle und meine Heilung verhindere.

Hier sitz ich nun also in diesem angetriggerten Schwebezustand und frage mich einmal mehr, was meine Seele, bzw. die Innens versuchen mir diesmal mitzuteilen.
Alles was bleibt ist offen zu beobachten, was auftaucht, immer wieder nach innen zu fragen und abzuwarten, bis es an der Oberfläche des Bewusstseins für mich greifbar wird.
Alles was ich habe ist mein Gefühl, dass es darum geht etwas zu realisieren, was ich noch nicht realisiert habe und dass es irgendetwas mit Ritualen zu tun hat.
Was es ist wird sich zeigen…

Neues Jahr – Neue Kategorie

Schon eine ganze Weile beschäftigen wir uns aus persönlichen Gründen mit dem Thema Flashbacks und Erinnerungen an Traumata. Für uns sind sie nicht immer so überwältigend klar, wie sie von Therapeuten oft beschrieben werden. Viel öfter erleben wir „komische Zustände“ die man auf den ersten Blick gar nicht offensichtlich als Flashbacks oder anbahnende Erinnerungen einordnen würde. Am Anfang hat uns das oft verunsichert und Zweifel aufgeworfen. Die Glaubwürdigkeit der Erinnerungen und Zustände, die mich scheinbar aus dem Nichts überfielen, war vor allem für mich als Außenperson ein sehr großes Thema. Mittlerweile wissen wir viele dieser komischen Erscheinungen an uns gut zuzuordnen und als „Echtheitsmerkmal“ des auftauchenden Erinnerungsfragmentes zu bewerten. Das unbewusste lügt nicht.

Unter dem Titel „Flashback im Tarnumhang“ wollen wir im neuen Jahr unsere Erlebnisse und Gedanken dazu teilen. Manchmal erhellten die Aussagen von Therapeuten unsere Sicht darauf oder das Wissen um traumaphysiologische Vorgänge. Dann machen wir das kenntlich.
Im Zentrum der Artikel stehen verschieden Fragmente der Erinnerung und die Weise ihres Auftretens an uns selbst. Wir versuchen das „Freez an Fragment“ von seiner abstrakten Beschreibung an unserem Beispiel in greifbare Realität zu überführen. Wir erheben dabei nicht den Anspruch auf Vollständigkeit oder allgemeine Gültigkeit. Da es um hier um persönlich erlebte Zustände geht, ist unsere Sicht darauf ebenso persönlich. Andere Betroffen mögen manches vielleicht anders sehen.

Wir hoffen es hilft vielleicht der ein oder anderen LeserIn weiter etwas von sich selbst zu verstehen, ebenso wie vieles davon für uns sehr elementar war.

Einen guten Rutsch und ein farbenfrohes Jahr 2018

Wir danken allen Lesern und Leserinnen von Herzen für die vielen Klicks und Kommentare in diesem Jahr! Ihr seid einfach spitze!
Der Blog ist die letzten Jahre beständig gewachsen. Auch für 2017 schreiben die Statistiken neue Rekorde. Die Anteilnahme an unseren Artikeln rührt uns sehr. Vieles wäre ohne euch nicht möglich gewesen. So mancher Kommentar hat über schlechte Momente hinweggetröstet oder einfach ein Lächeln in den Alltag gezaubert. Danke dafür!
Mit euch an der Seite macht Schreiben noch viel mehr Spaß und Sinn!

Die bunten Schmetterlinge und ich, Sofie, freuen uns darauf auch im Jahr 2018 wieder mit euch durchzustarten und viele farbenfrohe Beiträge mit euch zu teilen.
Für einen gelungenen Jahresübergang stellen wir hier schon einmal die gesamte Farbpalette zur Verfügung. Damit könnt ihr euch die kommenden Monate genau so anmalen, wie ihr sie euch wünscht.

Das neue Jahr soll Glück euch bringen,
ihr sollt tanzen, lachen, singen,
und stets in euerer Mitte sein,
dann fügt sich alles Andre ein.

Die Worte mögen in euch fließen
und sich in Sprache so ergießen,
wie eure Seele sie sich wünscht
und es dem Herzen richtig dünkt.

Voll mit Momenten kleiner Wunder,
geb‘ es der Lebensfreude Zunder.
Um Null Uhr mit Raketenstart –
Prosit Neujahr, seid gut bewahrt!

Die ersten beiden Zeilen des Gedichtes sind einer Postkarte auf Pinterest entnommen, Autor unbekannt.
Ansonsten © Copyright by „Sofies viele Welten“

S-I-L-V-E-S-T-E-R

S – ilvester
am Tag an dem die Jahre sich ändern,
da treffen sich die Herren in schwarzen  Gewändern.

I – nzest
und Folter und grausame Qualen
geschehen den Kindern in ihren Ritualen.

L – ust
zu zerstören, auf Macht und Gewalt,
gehören zu der heiligen Rituale Inhalt.

V – ergewaltigung
nennt man eins ihrer Spiele.
Dergleichen gibt es in dieser Nacht noch so viele.

E – iskalt
und nackt war der Körper im Schnee,
das Kind fast erfroren, die Seele tut weh.

S – atan
ihm opfern sie und sind dabei ganz in Trance
das Kind auf dem Altar bleibt liegen leblos.

T – ränen
sie rinnen die Wange hinunter,
die Sinne, sie schwanden vor Qualen darunter.

E – rschüttert
die Seele des Kindes so sehr,
dass Sie musste sich teilen, ist viele nunmehr.

R – aketen
Sie fliegen in den Himmel hinauf.
Rettung gab’s keine.
Das Jahr nimmt seinen Lauf.

© Copyright by „Sofies viele Welten“

Atmende Nacht

Es ist mitten in der Nacht.
Mein Rücken ist kalt. Vor dem Fenster schrabbt ein Schneeräumer. Meine Heizungen schlafen noch. In mir ist Aufgewühltheit und Unruhe. Einfach so. An Träume erinnere ich mich nicht, was nicht heißt, dass sie nicht da waren. Ich stehe auf und fange an zu Tippen. Über das was ich spüre, weil ich mich nicht fühle. Über das was ich denke, weil ich es selbst nicht fassen kann. Über die Flut in der Leere. Um mein Leben.
Das orange Licht der Straßenlaterne wirft meinen Schatten an den Schrank. Der schwarze Umriss blickt mich an. Ich starre zurück. Wo Licht ist, fällt Schatten. Die Leuchtquelle ist klein. Die Dunkelheit groß.
Meine Gedanken folgen den Atemgeräuschen aus der Umgebung.
Es gibt tausend und eine Möglichkeit zu atmen.
Laut, leise, schnell, langsam, stoßweise, gleichmäßig, zufrieden, aggressiv schnaubend, Sicherheit vermittelnd, voll Angst, vor Trauer flach, freudig erregt, durch die Nase, mit offenem Mund…
Das Surren des Kühlschrankes unterbricht meine Überlegungen.
Es hat wohl jede Situation ihre Atmung.
Sage mir wie du atmest und die sage dir, wie du dich fühlst.
Manchmal bleibt mir die Luft weg.
Sie hängt in den Momenten von einst und fehlt in der Gegenwart um meine Lungen zu füllen. Es ist als wäre der Brustkorb immer noch unsichtbar flachgedrückt und hätte keinen Platz für frischen Sauerstoff.
Schock.
Die Bilder ersticken mich.
Ich blicke durch die Balkontür in den Nachthimmel.
Er ist wolkenverhangen.
Die Nachtluft ist kalt.
Ich atme, also bin ich.