Gisèle Pelicot und mütterliche Mittäterschaft

Mit Gisèle Pelicot hat sich die Welt eine Ikone und Heldin für Frauenrechte gebacken. Dabei bildet ihre Geschichte die Realität der meisten gewaltbetroffenen Frauen gar nicht ab.

Eine zweite, unbequeme Spur wird konsequent ausgeblendet:

Pelicot ist nicht nur Opfer, sondern als Mutter auch beteiligt. Die strafrechtliche Aufklärung der Taten an ihrer Tochter unterstützt sie nicht. Stattdessen verschleiert sie. Obwohl Bildmaterial existiert, das der Vater von der Tochter angefertigt hat, sagt sie:
„Dein Vater kann so etwas nicht getan haben.“

Mit „mütterlicher Mittäterschaft“ ist hier keine aktive Täterschaft gemeint, sondern eine Form struktureller Beteiligung: das Unterlassen von Schutz, das Decken von Tätern und die Priorisierung des eigenen Selbstbildes – auch dann, wenn dadurch Gewalt fortbesteht.

Wenn Pelicot den Missbrauch ihrer Tochter relativiert, abwehrt oder sie nicht aktiv unterstützt, geht es nicht um individuelle Überforderung. Dann geht es um ein strukturelles Muster:

Mütter, die aus Loyalität, Angst, Abhängigkeit oder narzisstischer Selbstsicherung Täter schützen – und damit Gewalt an ihren Kindern fortschreiben.

Es ist gut dokumentiert, dass Betroffenheit in solchen Konstellationen instrumentalisiert wird, wenn es um das eigene Leid geht, während das Leid anderer relativiert oder negiert wird. Nicht aus Unwissen. Sondern aus Selbstzentrierung.

Die Heroisierung Pelicots verhindert, dass wir über das sprechen, worüber wir dringend sprechen müssten:

  • über mütterliche Mittäterschaft durch Unterlassen,
  • über emotionale Loyalitäten, die Kinder ungeschützt lassen,
  • über strukturelle Beteiligung durch Verdrängung und Täterschutz,
  • über die Tatsache, dass Frauen nicht automatisch auf der „richtigen Seite“ stehen, nur weil sie Frauen sind.

Unterlassen ist kein neutraler Zustand. Die Figur der „überforderten, loyalen, unwissenden Mutter“ dient oft dazu, Verantwortung unsichtbar zu machen.

Gisèle Pelicot mag an manchen Stellen dieser Geschichte selbst Opfer sein.

Sie ist aber auch Mutter, die an entscheidenden Stellen nicht schützt und deren Empathie nur bis zur eigenen Nasenspitze reicht. Danach ist egal, wohin die Scham wechselt.


Caroline Darian, Tochter von Gisèle Pelicot, sagt:

,Ich repräsentiere Opfer, die nicht alle Beweise auf dem Tisch liegen haben.“

Kontext & Quellen:

• EMMA

Der Fall Pelicot: Jetzt klagt auch die Tochter!

https://share.google/Uau0pLweKQ68YWHye

• DER SPIEGEL

Gisèle Pelicot: Tochter Caroline hat eigenen Angaben zufolge keinen Kontakt mehr zur

Mutter

https://share.google/NtkpAjYu9nEGRPvw9

• DIE ZEIT

Gisele Pelicot: Mit gewohnter Stärke. Aber ohne ihre Tochter

https://share.google/ReWORH5Ck9wliSXnr

• SN.at

Gisele Pelicots Tochter will nicht schweigen

https://share.google/QxU8M5LLqWR6v7IcH

• NDR

Der Fall Pelicot aus der Perspektive der Tochter

https://share.google/99h519Xa440kKCLLO

• 20 Minuten

Caroline Darian bricht den Kontakt zu ihrer Mutter Gisèle Pelicot ab

https://share.google/kYOkXe09BOMF5fuKm

5 Kommentare zu “Gisèle Pelicot und mütterliche Mittäterschaft

  1. Ich verstehe nicht, warum du aus Gisele Pelicot, die zum Opfer ihres widerwärtige Mannes wurde unbedingt eine Tätern machen möchtest. Sicher gibt es Mütter, die sich zu Komplizinnen machen. Nur warum du gerade dieses Beispiel wählst einer Frau, die sich sehr mutig verhalten und damit vielleicht anderen Opfern geholfen hat.

    • Weil sie das auf anderer Ebene nunmal ist, wie ausführlich erklärt und mit Quellen belegt. Sie macht sich zur Komplizin und stellt sich gegen die Aufklärung. Als Mutter versagt sie da nunmal. Das ist im übrigen nichts, wofür ich verantwortlich bin! Ich verstehe nicht, warum du dir eine Heldin schön basteln möchtest, wenn die Geschichte so nunmal in ihrer Gesamtheit nicht ist. Persönliche Opferschaft an einer Stelle entbindet nicht von Verantwortung als Mutter an einer anderen.

  2. Liebe Sofies,

    herzlichen Dank für diesen wichtigen Beitrag.

    Die Tatsache, dass Gewaltopfer auch zu (Mit-)Täter:innen werden können, zumindest durch unterlassene Hilfeleistung und ignorieren des Leids anderer, und dass diese Situation leider oft vorkommt wird durch die Tochter zurecht angesprochen. ….. Familiengeschichten von sexualisierter Gewalt sind für jede, die sie nicht erlebt haben meist komplex. Für jede, die sie erlitten haben, ähneln sich die Strukturen oft. Vielleicht liegt die Chance des Falls der Gisèle Pericot und vor allem ihrer Tochter Caroline Darian darin, Familienstrukturen in Familien mit vor allem sexualisierte Gewalt Strukturen Außenstehenden näher zu bringen und zumindest ein wenig aufzudecken, was im Allgemeinen nicht gesehen werden soll. …..

    Dass dies geschieht, wäre zu wünschen.

    Herzliche Grüße
    „Benita“

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