
Im Beitrag setze ich mich kritisch mit der Verwendung von Freierzitaten in der Aufklärungsarbeit über Prostitution auseinander. Er beleuchtet, warum es einen entscheidenden Unterschied macht, ob Betroffene selbst über ihre Erfahrungen sprechen oder ob Organisationen Täterstimmen wiedergeben. Aus traumaethischer und menschenrechtlicher Perspektive wird hinterfragt, wie Aufklärung gelingen kann, ohne Gewalt erneut zu reproduzieren oder Betroffene zu entwürdigen.
Ich verstehe, was Aktivisten mit Freierzitaten bezwecken wollen und bin als ehemalige Betroffene trotzdem dagegen, diese Zitate von Freiern einfach so zu teilen. Das hat folgende ethische Gründe:
- Verbreitung von Täterinhalten:
Wenn man Täterzitate teilt, reproduziert man ihre Sprache und Denkweise – und trägt so unbeabsichtigt zur Normalisierung und Verbreitung dieser Gewaltfantasien bei. Macht man ja bei Kinderprngraphie und anderen Gewaltdarstellungen – egal in welcher Form – aus gutem Grund auch nicht. Warum wohl?
Es geht nicht darum, etwas zu „verstecken“, sondern darum, keine sekundäre Gewalt durch Wiederholung zu begehen. - Kein Mehrwert für Betroffene:
Menschen, die wirklich verstehen wollen, hören ohnehin zu. Alle anderen finden weiter Ausreden. Es mangelt nicht an zugänglichen Fakten über das Milieu, sondern an Bereitschaft, hinzusehen. Täterzitate schockieren zwar, aber sie erzeugen selten echtes Handeln. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied zwischen Sensationsinteresse und Verantwortung. - True-Crime-Faszination statt Veränderung:
Die Grenze zwischen Aufklärung und Voyeurismus ist sehr dünn. Freierzitate sind ausgeschlachtete Schockmomente auf dem Rücken von Opfern. Auch die Nutzung für erneute Erregung ist häufig. - Entwürdigung & Objektifizierung:
Egal, ob zum vermeintlich guten Zweck oder nicht – die Ohnmacht bleibt dieselbe. Für Betroffene kann das Retraumatisierend wirken. Sie und ihre Erfahrungen werden benutzt – wenn auch für ein anderes Ziel.
Es gibt Dinge, die Täter über mich gesagt haben. Ich möchte sie nicht im Internet lesen. Schon gar nicht auf Profilen von Menschen, die eigentlich helfen wollen.
Das fühlt sich entwürdigend an.
Aufklärung darf Betroffene nicht ein zweites Mal verletzen. Man kann sichtbar machen, ohne Täterstimmen zu verstärken.
Auch gut gemeinte Sichtbarmachung kann retraumatisierend oder entwürdigend sein, wenn sie die Sprache der Täter wiedergibt.
Für mich macht es einen Unterschied, ob Betroffene ihre Erfahrungen mit Freiern schildern oder ob Organisationen Täterzitate posten. Ersteres gibt Betroffenen eine Stimme – letzteres lässt Täter noch einmal sprechen. Selbst wenn der Kontext klar ist – es ist nicht dasselbe, ob Betroffene erzählen oder ob Täterzitate geteilt werden. Das eine ist Zeugnis von Gewalt, das andere Wiederholung – mit der Sicht der Täter im Mittelpunkt.
Ich bin nicht gegen transparente Aufklärung,
sondern für eine Form von Aufklärung, die menschenwürdig bleibt!