Es ist früh am Morgen.
An den Fensterscheiben ruhen die letzten Regentropfen. Die Tränen von der Nacht in meinen Augen tun es ihnen gleich. In meinem Blick sind sie noch sichtbar, doch für das Außen sind sie verstummt.
Ein Raum meiner Wohnung hüllt sich in flackerndes Kerzenwohlfühllicht und genießt dabei das trübe grau.
Die Gedanken kreisen um die begonnene Ausbildung. Nicht, weil die Ausbildung grade so schwer ist, sondern weil die Aussagen eigentlich erwachsener Menschen mich so verletzten. Gespräche über Vergewaltigung, als könnte sich Frau nichts schöneres vorstellen. Wir haben beschlossen nächste Woche die Konfrontation mit betreffenden Menschen zu suchen und deutlich zu machen, dass wir soetwas nicht mehr hören wollen, weil wir nicht einsehen, dass wir darunter leiden.
Die neuen Sprüche paaren sich mit den Erinnerungen dieser Tage in unserem Kopf.
Die finstere Zeit…
„Feiertage“.
Menschenhandel, Prostitution, verkauft werden.
Als kleines Kind mit dem Auto in eine Halle gebracht werden. Aufgereiht neben anderen Kindern.
„Such dir aus, welches Kind du möchtest.“
Freier, die einen anstarren und jedes noch so kleine Körperdetail auf die Resonanz ihrer sexuellen Erregung durchleuchten. Seelenversuche um herauszufinden, ob das jeweilige Kind entsprechend ansprechend auf das Bevorstehende reagieren wird.
„Mit welchem Kind kann ich meine Machtphantasien und die Abreaktion meiner Aggression wohl am besten umsetzen?“, tönt es lautlos aus ihren Köpfen.
Manche möchten, dass man deutlich zeigt, dass man gerade etwas schreckliches durchlebt, weil sie genau das antörnt. Manche wollen dich als kleine lächelnde Puppe, die ihre Qualen mit einem Lächeln und einem Danke quittieren.
Wer was möchte muss das Kind alleine raus finden und wehe dem es kennt die geheimen Wünsche der Herren und Damen nicht vorher…
Wer hilft den Kindern, die das Grauen grade erleben und auch in diesen Tagen wieder darauf abgerichtet werden!?
„Tag der deutschen Einheit“.
Worin sind wir uns eins?
Und womit sind wir uns einig?
In Zeiten, in denen wir uns immer noch über die Existenz von ritueller und organisierter Gewalt streiten, in denen die sexuelle Gewalt an Frauen, Männern und Kindern verharmlost wird, in denen derartige Machtstrukturen von der Politik gefördert werden, ist sich dieses Land nicht eins.
Die Existenz von millionen Menschen in diesem Staat wird bestritten.
Es mag sein, dass äußere Grenzen gegangen sind, aber die inneren gibt es noch immer.
Durch die Gesellschaft geht ein Riss.
Was soll auch sonst passieren, wenn Menschen sich selbst verleugnen und Gewaltopfer ausgrenzen.
Es sind zu viele, als dass das so bleiben könnte.
Es sind zu viele, als dass ihr euch das als Gesellschaft leisten könnt.
Trauma
Auf zu neuen Ufern
Seit letzter Woche drücken auch wir nun wieder die Schulbank, um unser Wissen und die bereits absolvierte Ausbildung im beruflichen Bereich zu erweitern.
Täglich um 5.30 Uhr aufstehen, um rechtzeitig losfahren zu können, haben es ganz schön in sich und kosten viel Kraft. Wir haben uns vorgenommen im Zweifel einfach erst Mal nur hinzugehen ohne Leistungsansprüche. Dennoch eine Herausforderung. So ganz lassen sich die Ansprüche an uns selbst in mir dann trotzdem nicht abstellen. Die KlassenkammeradInnen sind nett und offen – Gott sei Dank! Sie wissen zwar nichts von unserer Geschichte, aber man kann ganz gut mit Ihnen reden und wir fühlen uns irgendwie zumindest „oberflächlich“ sozial integriert, wobei wir zwischendrin immer wieder etwas ungläubig denken: „Wow, das ging ja diesmal scheinbar schnell. So schnell soll das gehen!?“ Es sind viele neue Eindrücke, die auf uns einprasseln und auch wenn sie schön und lustig sind, doch einiges an innerem Koordinationskönnen abverlangen. Es gibt so unendlich viele Dinge die triggern. Lehrer, die uns einfach Angst machen. Vorgesetzte, die uns manchmal das Gefühl machen irgendwie eingesperrt zu sein, obwohl sie das sicher nicht wollen. Unbedachter Sprachgebrauch von Wörtern wie „Vergewaltigung“, die uns um die Ohren knallen. Manchmal würden wir dann am liebsten schreien, dass die Betreffende Person gefälligst damit aufhören sollen, für etwas, was nicht so benutzt wird, wie es gedacht war oder ungeschickt gebraucht wird, dieses Wort zu verwenden ohne seine Bedeutung zu kennen. Ich fühlte mich als Außenperson von Tag zu Tag mehr, wie eine leere Hülle, mit zunehmend weniger Innenkontakt. Funktionieren vs. mich/uns selbst spüren. Wir waren froh, als das Wochenende kam und genießen heute unseren Sonntag, der Platz lässt für die Dinge, die unser Herz braucht.
Wieder bei uns selbst ankommen.
Eine Kerze. Stilles Sitzen auf dem Boden in unserem „Einfach so sein, wie wir sind“-Raum. Den inneren Gedanken nachhängen. Die Katzen spüren und streicheln.
Wir sind stolz, dass wir die erste Woche geschafft haben und klopfen uns innerlich selbst dafür auf die Schulter.
Morgen geht es weiter.
Wir sind frei.
Es ist einfach schön, das tun zu können, weil wir es wollen.
Schmerzgedanken
Manchmal tut das Leben einfach nur scheiße weh!
Mitten drin.
Einfach so.
Plötzlich.
Ohne Vorwarnung.
Einfach nur scheiße weh!
Schmerz.
Taumeln.
Niedersinken.
Irrlichter.
Erbarmungslos immer weiter sinken.
Dunkle, glitschige Substanz, die nicht mehr los lässt, nach unten zieht.
Trauer.
Verlust.
Nicht darin untergehen…
Sagen, wer ich wirklich bin
Ich sitze hier und fange an zu tippen.
Seit Tagen gefangen in dichtem Nebel.
Meine Fingerspitzen berühren die Tastatur bevor mein Kopf weiß, worüber ich eigentlich schreiben will.
Erkenntnisse nehmen sich Raum in meinem Inneren. Ich stehe vor Ihnen wie vor uralten, teueren und wichtigen Fundstücken in den Vitrinen eines Museums. Man hat schon oft von Ihnen gehört und man weiß, dass es sie gibt. Manchmal ist man sogar schon an Ihnen vorbeigeschländert und hat sie kurz betrachtet. Sie sind nicht neu entdeckt, aber sie bekommen eine andere Qualität, weil sie nun noch einmal aus einer anderen Perspektive betrachtet werden.
„Man kann wirklich komplett vergessen!“
„Ich habe mich erinnert.“
„Es ist wahr.“
„Sie hat dich nie wirklich geliebt!“
„Er hat es wirklich getan.“
…
Es sind viele Erkenntnisse, die in den letzten Tagen plötzlich wie Ohrfeigen in mein Bewusstsein steigen.
Das Kind in mir schreit vor Schmerz und ist so froh, dass ich es sehe. Endlich.
Puzzelstücke fügen sich neu zusammen.
Erinnerungen werden in Ihren Zusammenhängen und Auswirkungen klarer.
Schmerz, Traurigkeit und taube Leere erfüllen Körper und Seele.
„Ich kann nicht mehr!“, möchte mein Mund schreien, doch ich kann es nicht mal flüstern.
„Ich kann!“, versuche ich mir klar zu machen.
Und je klarer mir wird, was passiert ist und dass es nicht meine Schuld war und nicht ich mich darfür schämen muss, desto klarer formt sich ein drängendes Bedürfnis:
Ich will darüber reden. Das Schweigen brechen. Nicht nur in der Therapie!
Ich will ich sein. Ganz sein. Indem ich mir den Raum nehme, so zu sein wie ich bin und dazu gehört meine Geschichte.
Wer sie nicht hören will, lehnt mich ab. Sie ist zu groß, macht mich zu sehr aus und beeinflusst mich zu stark, um nur für eine Stunde in der Woche raum zu haben darüber reden zu dürfen. Es muss aufhören, dass wir uns niemals irgendwo wirklich zugehörig fühlen, weil in uns die Angst bleibt: „Wenn Sie wüssten, wer ich, wer wir, wirklich sind, dann wären Sie bestimmt alle weg!“ Es muss aufhören, weil sonst die Spaltung in der realen Welt weiter geht. Wir haben etwas zu sagen und bestimmt hilft das neben uns selbst auch anderen!
Ich weiß noch nicht wie, aber ich werde reden
und die Welt wird mir zuhören!
Ich schaffe das!
Wir schaffen das!
Sei stolz auf dich,…
…dass du noch lebst.
…dass du das alles überlebt hast.
…dass du tapfer weiter atmest.
…dass du jeden Morgen die Augen aufschlägst, obwohl du sie so oft lieber für immer schließen würdest.
…dass du fühlst und dir die Fähigkeit zu fühlen erhalten hast.
…dass du trotz all der Gewalt nicht hart geworden bist.
…dass du empathisch bist und mitfühlst.
…dass du weinst, obwohl sie dir deine Tränen nehmen wollten.
…dass du Angst hast, obwohl sie nicht erlaubt war.
…dass du dir deinen Humor behalten hast.
…dass du Not sehen kannst – deine eigene und die anderer.
…dass du für deine Rechte und Bedürfnisse kämpfst.
…dass du damit auch für die Rechte und Bedürfnisse anderer kämpfst.
…dass du den riesengroßen Schmerz in dir erträgst und weiter machst, obwohl er unerträglich ist.
…dass du trotzdem noch Pläne und Träume hast.
…dass du dich entschlossen hast auszusteigen.
…dass du einen Teil des Ausstieges bereits dadurch geschafft hast und dich von den Tätern abgrenzt, dass du deine eigenen Gefühle behalten hast und den Schmerz spürst, wo dir doch immer gesagt wurde, dass das alles toll ist.
…dass du die Gewalt nicht weiter geben willst.
…dass du mutig neue Dinge ausprobierst, trotz der Todesangst, die sie dir oft machen.
…dass du bereit bist dir Hilfe zu suchen, trotz aller Schwierigkeiten diese zu finden und trotz den Verletzungen, die du vielleicht auch aus dem Helfersystem schon einstecken musstest.
…dass du Beziehungen eingehst und Freundschaften zulässt.
…dass andere dich und deine Fähigkeiten schätzen.
…dass du die Schweigegebote brichst und anfängst dich auszudrücken.
…dass du dir selber immer mehr vertraust.
…dass du nicht davon läufst und zu dir schaust.
…dass du Fehler machst und menschlich bist.
…dass du die Begrenzungen immer mehr aufbrichst.
…dass du dir eingestehen kannst, dass arbeiten in dieser Heilungsphase für den Moment einfach nicht möglich ist.
…dass deine sogenannten Schwächen dir nur zeigen wollen, was du wirklich brauchst.
…dass dein Körper mit dir und uneingeschränkt für dich kämpft.
…dass deine Seele endlich ihren Platz und ihre Beachtung findet.
…dass du dein Innen und deine Innenpersonen immer besser kennen lernst.
…dass du aufgeben kannst.
…dass du schwach und kraftlos sein darfst.
…dass du es weiterhin versuchst.
…dass du ____________________________
…dass du so bist wie du bist!
Fremdsprachengetümmel und Gedankentreiben
Wir sitzen am Fenster, eine Tasse Tee in der Hand und blicken hinaus in das blendende Nebelhell.
Seit zwei Tagen sprechen Innens in meinem Kopf nun fast ausschließlich in englischer Sprache mit mir. Das ganze in einer Perfektion, zu der ich im Alltag sonst gar nicht in der Lage bin. Was das ausgelöst hat, weiß ich nicht. Schwierig genug schon, die Innens zu verstehen, die mir etwas auf deutsch sagen wollen, muss ich jetzt auch noch dauerübersetzen und „meine eigenen Gedanken“ im Wörterbuch nachschlagen.
Im Nebelgrauhelligkeits- und Schneedächerschauen ziehen sie an mir vorbei, die letzten zwei Wochen.
Weihnachten, Feiertage, Vollmond, Rauhnächte, Silvester, Neujahr, Hl. drei Könige.
Anstrengendes und Verstörendes.
Schmerzende Klarheit.
Überlebenskämpfe.
Und zwischendrin packt mich die Wut, auf all die, die nicht zuhören und nicht glauben, Gegebenheiten Lügen nennen und damit Teil der Täterschaft sind. Auf all die sogenannten Helferinnen, Therapeuten und anderen Übermenschen die in ihrer Arroganz meinen sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen und müssen nicht zuhören, weil Sie wissen, was wichtig und richtig ist, obwohl sie vom Leben in diesen Strukturen keine Ahnung haben. Und ihre Arroganz und Respektlosigkeit wäre Ihnen ja vergönnt, wenn sie damit nicht genau den Tätern in die Hände spielen und es für die Opfer noch schwerer, bis unmöglich machen würden auszusteigen.
Manchmal ist es schwer, nicht auszurasten, wenn wir in unserer Arbeit als Angestellte in einer sozialen Einrichtung versuchen dezent in einem Vieraugengespräch mit der Therapeutin zwischen ihr und einer Betroffenen zu vermitteln, wenn jemand etwas aufgrund seines Hintergrundes nicht machen kann, weil davon auszugehen ist, dass es innere Programme gibt, die das verhindern und es spezielle Lösungen braucht und wir dann von Seiten der Therapeutin sofort nach unserer Befugnis oder unserem Abschluss gefragt werden, eine derartige Einschätzung vorzunehmen.
Wir brauchen nicht studieren, um zu wissen, wie sich ein Opfer fühlt und wir brauchen keine Ausbildung, um zu wissen wie man programmiert. Ich bin nicht die Therapeutin und ich Maße mir nicht an es zu sein, aber wir wissen etwas zu den Hintergründen, was für die Therapie sehr wichtig sein kann. Wir haben es schlicht erlebt und wir hören einfach zu, was Menschen uns erzählen. Keine noch so gute Ausbildung ersetzt ein offenes Ohr und ein offenes Herz, weil es das ist, was heilt.
Hoffnung macht nur, dass es die leider viel zu seltenen Momente durchaus gibt, in denen es anders läuft und gute Lösungen gefunden werden.
Nebelgrau.
Die Wut zieht weiter.
Was bleibt ist der Schmerz.
Paradox, dass es die eisige Kälte des Schnees ist, die das Leben davor bewahrt zu erfrieren.
Worte, die Realitäten schaffen…
Worte.
Worte, die uns tief treffen.
Zu tief.
Worte der Frauenärztin.
„Das wird vor allem auch durch häufig wechselnde Sexualpartner und frühe sexuelle Kontakte verursacht.“
Wumm.
Macht es immer wieder in unserem Kopf.
Wumm.
Knallen die Worte durch unseren Körper.
Worte, die wie Schläge gegen unsere Synapsen prallen.
Häufig wechselnde Sexualpartner…
… keinen haben wir uns je freiwillig ausgesucht.
Frühe sexuelle Kontakte…
… wir wünschten wir hätten sie nicht erfahren müssen.
Und dann kommt die Wut.
Wut auf all die, die das mit uns gemacht haben und die, die zugelassen haben, dass es passiert.
Wut, dass wir wegen diesen Typen nun auch noch krank sind und solche Angst deswegen haben.
Und nach der Wut kommt die Traurigkeit und die Verzweiflung.
Und das Gerüst, das mich überleben und funktionieren lies, das mir in schweren Zeiten so sehr geholfen hat, bricht endgültig in sich zusammen – das „Zweifelgerüst“.
Denn wenn „das“ von frühen sexuellen Kontakten und häufig wechselnden Sexualpartnern kommt, dann kann nicht mehr nichts passiert sein.
Dann kann ich nicht mehr hoffen, dass alles vielleicht nur Phantasie ist.
Denn ich weiß sicher, dass ich bislang noch nie freiwillig mit einem Mann geschlafen habe.
Und ich habe keine „häufig wechselnden Sexualpartner“.
Doch wenn ich noch nie mit einem Mann geschlafen hätte, dann könnte ich das jetzt nicht haben…
Dann werden die Bilder im Kopf zur Wahrheit.
Dann wird die Geschichte plötzlich real.
Meine Geschichte.
Unsere Geschichte.
„Da müssen Sie ein inneres Team bilden“
…sagte die Therapeutin.
„Die Idee ist gut!“, denke ich und frage mich gleichzeitig, wie das funktionieren soll.
Nicht, dass es das erste Mal wäre oder, dass ich das noch nie versucht hätte, aber in Bezug auf bestimmte Alltagsaktivitäten bekomme ich das einfach nicht hin. Letztendlich bin es doch immer ich, die diese Dinge übernehmen muss und mir fehlen dafür derzeit langsam einfach die Kräfte, so dass ich Unterstützung gut gebrauchen könnte.
Aussagen wie: „Irgendjemand ist immer da, der dann übernehmen kann.“ oder „Wer da innen von euch kann das denn? Eine/Einer innen kann das immer.“ bringen mich auch nicht weiter, wenn ich nunmal „den Einen oder die Eine“, die das Problem lösen könnte, nicht finden kann. Im Gegenteil, gerade lassen sie mich eher (Ver-)Zweifeln.
„Wenn das bei Multiplen so funktioniert…“ denke ich, „…dann kann ich nicht viele sein.“ Manchmal wird der Gedankengang dann von Sätzen ergänzt, wie: „Ist ja logisch, wenn du die anderen nur spielst, dann können sie auch kein Team bilden, weil sie ja gar nicht da sind.“
Und schon haben die (sicher tätergewollten) Zweifel wieder einen Fuß in der Tür, wo sie gar keinen haben sollen, weil ich ja eigentlich mittlerweile weiß, dass ich viele bin. Ich versuche sie wegzuwischen und mich nicht darauf einzulassen.
Dennoch, es frustriert mich langsam die Geschichten von gut funktionierenden Alltagsteams zu hören und gleichzeitig bewundere ich das.
Wie um alles in der Welt funktioniert das!?
Wo bekomm ich sowas her!?
Was macht man, wenn sich bei allen Bemühungen keiner finden lässt, der eine bestimmte Aufgabe übernimmt!?
Ich finde es jedesmal faszinierend, wenn meine Therapeutin davon erzählt, wie andere das machen. Dass sie sich z.B. die Arbeit aufteilen, wenn es um bestimmte Anrufe geht. Dass sie das einfach innen so abgesprochen haben und dass das dann gut funktioniert.
Ich staune und grüble…
Wenn ich äußere, dass ich etwas nicht kann oder überfordert damit bin kommt meist sofort diese Frage, wer das denn dann kann. Denn „Irgendjemand innen kann das immer.“ Das sind die Aussagen, die ich höre und doch sind sie von meiner Realität recht weit entfernt.
Und ich Frage mich auch: „Stimmt das?“
Kann irgendjemand innen wirklich immer das, was ich nicht kann? So gesehen müssten Menschen, die viele sind dann ja die totalen Genies sein, weil sie alles können.
Und wenn es stimmt und da innen vielleicht ja sogar jemand ist, der das könnte, was ich nicht kann, dann heißt das ja noch lange nicht, dass ich immer den Zugang finde, oder!?
Ich werde wohl noch etwas weiter suchen und mit meinen derzeit verfügbaren Innens nach für uns praktikablen Lösungen Ausschau halten müssen.
Ich bin gespannt…
Honig zum Frühstück
Dieser Tag begann eigenartig.
Wir waren uns eigenartig nah und das schon ganz kurz nach dem Aufwachen.
Die letzte Zeit habe ich oft geglaubt ich hätte mich selbst und all die anderen im Stress-Watte-Überforderungsnebel verloren. Nur noch eine. Die anderen futsch.
Heute Morgen war es dann plötzlich anders. Einfach so. Über Nacht.
Die Stimmen in mir waren klar und deutlich wahrnehmbar.
Ebenso deutlich war auch mein Körper spürbar. Meine Haut. Meine Grenzen.
Lange schon können wir nicht oder kaum etwas essen. Wir versuchen es so gut es geht, um unseren Körper nicht völlig auszulaugen. Als ich die Guten-Morgen-SMS meiner Freundin las und durch den netten Gruß ein lächeln auf dem Gesicht hatte, stieg innen ein Wunsch auf.
Ein ferner Wunsch.
Ein Wunsch, den wir seit Monaten nicht mehr gedacht haben.
Frühstück.
Eine Kastanie mit Butter und Honig.
Und dann taten wir es einfach.
Wir gingen zum Gefrierschrank und tauten uns das Laugengebäck auf.
Fast meditativ fingen wir an die Butter darauf zu streichen und darüber den Honig zu verteilen.
Tee zu kochen.
Alle Angst, das Essen wieder nicht zu vertragen, wieder Übelkeit zu spüren, wieder massive Probleme zu bekommen trat für diesen Moment in den Hintergrund.
Und dann saßen wir an unserem kleinen Tisch im Wohnzimmer und nahmen den ersten Bissen und spürten.
Die eher raue Konsistenz der Kastanie. Den Butter. Wir rochen den Honig so herrlich süß.
Und es schmeckte. Es schmeckte so unglaublich gut. So unglaublich, unglaublich gut.
Und bei jedem Bissen, war so viel Dankbarkeit. Für diesen Moment. Dass es gerade möglich ist zu essen.
Dass wir überhaupt zu essen haben. Für alles.
So viel Freude in den kleinen und großen Herzchen in unserer Brust.
Nur wir und unsere Honigkastanie.
Ein kleiner Kosmos.
Voller Frieden und Ruhe.
Zerbrochen oder Ganz!?
Zerbrochen
Etwas das einmal zusammen gehörte, wurde durch schädliche Einwirkung getrennt und ist somit in kleinere und/oder größere Untereinheiten aufgeteilt worden. Dadurch haben die Teile ihren vorbestimmten Platz verloren und sind in andere Relationen gerückt.
Die entstandenen Teile haben unregelmäßige, nicht planbare Konturen und haben die für sie ursprünglich vorgesehene Position verlassen. Unter Umständen geht dieser Zustand auch mit Verlust der ursprünglichen Funktionalität des Objektes einher.
Die Zusammengehörigkeit und ursprünglichen Verbindungen gingen ganz oder teilweise verloren.
Ganzheit
Eine Ansammlung von Teilen und Elementen bildet in der erwarteten Weise ein zusammengehöriges Bild. Die Platzierung der Einzelteile des ganzen Objektes entspricht der ihnen ursprünglich zugedachten Position. Sie gehen vorbestimmte Verbindungen ein. Aufgrund dieser mehr oder minder durchdachten Anordnung der Teile erfüllt das Objekt ebenfalls die zugedachten und erwarteten Funktionen.
Die Konturen des Objektes sind planbar.
Ist dann Zerbrochenheit und Ganzheit das Gleiche, nur dass in der Ganzheit die Erwartungen an die Einzelteile erfüllt sind?
Ist Ganzheit immer die Summe seiner Teile?
Oder müssen die Teile festgelegte Anforderungen erfüllen, um sich ganz nennen zu dürfen?
Wenn ja, wer legt die Anforderungen fest?
Darf in der Ganzheit vielleicht nur nicht auffallen, dass sie aus Einzelteilen besteht?
Bin ich dann nicht auch irgendwie ganz?
Denn auch wenn die Position und Funktion der Einzelteile nicht mehr in der ursprünglichen Art und Weise besteht, so bleibt eine Zusammengehörigkeit erkennbar.
Oder ist ganz nur, was unverändert bleibt?
Kann aus Zerbrochenheit eine neue Ganzheit entstehen?
Was, wenn manche Teile sich nicht mehr an die ursprüngliche Position setzen lassen und die Funktion sich dadurch für immer verändert?
Darf ich mich, dürfen wir uns ganz fühlen?
Weil jede Innenperson ja für sich wieder ganz ist und eine Aufgabe erfüllt?