Sei stolz auf dich,…

…dass du noch lebst.
…dass du das alles überlebt hast.
…dass du tapfer weiter atmest.
…dass du jeden Morgen die Augen aufschlägst, obwohl du sie so oft lieber für immer schließen würdest.
…dass du fühlst und dir die Fähigkeit zu fühlen erhalten hast.
…dass du trotz all der Gewalt nicht hart geworden bist.
…dass du empathisch bist und mitfühlst.
…dass du weinst, obwohl sie dir deine Tränen nehmen wollten.
…dass du Angst hast, obwohl sie nicht erlaubt war.
…dass du dir deinen Humor behalten hast.
…dass du Not sehen kannst – deine eigene und die anderer.
…dass du für deine Rechte und Bedürfnisse kämpfst.
…dass du damit auch für die Rechte und Bedürfnisse anderer kämpfst.
…dass du den riesengroßen Schmerz in dir erträgst und weiter machst, obwohl er unerträglich ist.
…dass du trotzdem noch Pläne und Träume hast.
…dass du dich entschlossen hast auszusteigen.
…dass du einen Teil des Ausstieges bereits dadurch geschafft hast und dich von den Tätern abgrenzt, dass du deine eigenen Gefühle behalten hast und den Schmerz spürst, wo dir doch immer gesagt wurde, dass das alles toll ist.
…dass du die Gewalt nicht weiter geben willst.
…dass du mutig neue Dinge ausprobierst, trotz der Todesangst, die sie dir oft machen.
…dass du bereit bist dir Hilfe zu suchen, trotz aller Schwierigkeiten diese zu finden und trotz den Verletzungen, die du vielleicht auch aus dem Helfersystem schon einstecken musstest.
…dass du Beziehungen eingehst und Freundschaften zulässt.
…dass andere dich und deine Fähigkeiten schätzen.
…dass du die Schweigegebote brichst und anfängst dich auszudrücken.
…dass du dir selber immer mehr vertraust.
…dass du nicht davon läufst und zu dir schaust.
…dass du Fehler machst und menschlich bist.
…dass du die Begrenzungen immer mehr aufbrichst.
…dass du dir eingestehen kannst, dass arbeiten in dieser Heilungsphase für den Moment einfach nicht möglich ist.
…dass deine sogenannten Schwächen dir nur zeigen wollen, was du wirklich brauchst.
…dass dein Körper mit dir und uneingeschränkt für dich kämpft.
…dass deine Seele endlich ihren Platz und ihre Beachtung findet.
…dass du dein Innen und deine Innenpersonen immer besser kennen lernst.
…dass du aufgeben kannst.
…dass du schwach und kraftlos sein darfst.
…dass du es weiterhin versuchst.
…dass du ____________________________
…dass du so bist wie du bist!

Fremdsprachengetümmel und Gedankentreiben

Wir sitzen am Fenster, eine Tasse Tee in der Hand und blicken hinaus in das blendende Nebelhell.
Seit zwei Tagen sprechen Innens in meinem Kopf nun fast ausschließlich in englischer Sprache mit mir. Das ganze in einer Perfektion, zu der ich im Alltag sonst gar nicht in der Lage bin. Was das ausgelöst hat, weiß ich nicht. Schwierig genug schon, die Innens zu verstehen, die mir etwas auf deutsch sagen wollen, muss ich jetzt auch noch dauerübersetzen und „meine eigenen Gedanken“ im Wörterbuch nachschlagen.
Im Nebelgrauhelligkeits- und Schneedächerschauen ziehen sie an mir vorbei, die letzten zwei Wochen.
Weihnachten, Feiertage, Vollmond, Rauhnächte, Silvester, Neujahr, Hl. drei Könige.
Anstrengendes und Verstörendes.
Schmerzende Klarheit.
Überlebenskämpfe.
Und zwischendrin packt mich die Wut, auf all die, die nicht zuhören und nicht glauben, Gegebenheiten Lügen nennen und damit Teil der Täterschaft sind. Auf all die sogenannten Helferinnen, Therapeuten und anderen Übermenschen die in ihrer Arroganz meinen sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen und müssen nicht zuhören, weil Sie wissen, was wichtig und richtig ist, obwohl sie vom Leben in diesen Strukturen keine Ahnung haben. Und ihre Arroganz und Respektlosigkeit wäre Ihnen ja vergönnt, wenn sie damit nicht genau den Tätern in die Hände spielen und es für die Opfer noch schwerer, bis unmöglich machen würden auszusteigen.
Manchmal ist es schwer, nicht auszurasten, wenn wir in unserer Arbeit als Angestellte in einer sozialen Einrichtung versuchen dezent in einem Vieraugengespräch mit der Therapeutin zwischen ihr und einer Betroffenen zu vermitteln, wenn jemand etwas aufgrund seines Hintergrundes nicht machen kann, weil davon auszugehen ist, dass es innere Programme gibt, die das verhindern und es spezielle Lösungen braucht und wir dann von Seiten der Therapeutin sofort nach unserer Befugnis oder unserem Abschluss gefragt werden, eine derartige Einschätzung vorzunehmen.
Wir brauchen nicht studieren, um zu wissen, wie sich ein Opfer fühlt und wir brauchen keine Ausbildung, um zu wissen wie man programmiert. Ich bin nicht die Therapeutin und ich Maße mir nicht an es zu sein, aber wir wissen etwas zu den Hintergründen, was für die Therapie sehr wichtig sein kann. Wir haben es schlicht erlebt und wir hören einfach zu, was Menschen uns erzählen. Keine noch so gute Ausbildung ersetzt ein offenes Ohr und ein offenes Herz, weil es das ist, was heilt.
Hoffnung macht nur, dass es die leider viel zu seltenen Momente durchaus gibt, in denen es anders läuft und gute Lösungen gefunden werden.
Nebelgrau.
Die Wut zieht weiter.
Was bleibt ist der Schmerz.
Paradox, dass es die eisige Kälte des Schnees ist, die das Leben davor bewahrt zu erfrieren.

Worte, die Realitäten schaffen…

Worte.
Worte, die uns tief treffen.
Zu tief.
Worte der Frauenärztin.

„Das wird vor allem auch durch häufig wechselnde Sexualpartner und frühe sexuelle Kontakte verursacht.“

Wumm.
Macht es immer wieder in unserem Kopf.
Wumm.
Knallen die Worte durch unseren Körper.
Worte, die wie Schläge gegen unsere Synapsen prallen.

Häufig wechselnde Sexualpartner…
… keinen haben wir uns je freiwillig ausgesucht.
Frühe sexuelle Kontakte…
… wir wünschten wir hätten sie nicht erfahren müssen.

Und dann kommt die Wut.
Wut auf all die, die das mit uns gemacht haben und die, die zugelassen haben, dass es passiert.
Wut, dass wir wegen diesen Typen nun auch noch krank sind und solche Angst deswegen haben.
Und nach der Wut kommt die Traurigkeit und die Verzweiflung.
Und das Gerüst, das mich überleben und funktionieren lies, das mir in schweren Zeiten so sehr geholfen hat, bricht endgültig in sich zusammen – das „Zweifelgerüst“.
Denn wenn „das“ von frühen sexuellen Kontakten und häufig wechselnden Sexualpartnern kommt, dann kann nicht mehr nichts passiert sein.
Dann kann ich nicht mehr hoffen, dass alles vielleicht nur Phantasie ist.
Denn ich weiß sicher, dass ich bislang noch nie freiwillig mit einem Mann geschlafen habe.
Und ich habe keine „häufig wechselnden Sexualpartner“.
Doch wenn ich noch nie mit einem Mann geschlafen hätte, dann könnte ich das jetzt nicht haben…
Dann werden die Bilder im Kopf zur Wahrheit.
Dann wird die Geschichte plötzlich real.
Meine Geschichte.
Unsere Geschichte.

„Da müssen Sie ein inneres Team bilden“

…sagte die Therapeutin.
„Die Idee ist gut!“, denke ich und frage mich gleichzeitig, wie das funktionieren soll.
Nicht, dass es das erste Mal wäre oder, dass ich das noch nie versucht hätte, aber in Bezug auf bestimmte Alltagsaktivitäten bekomme ich das einfach nicht hin. Letztendlich bin es doch immer ich, die diese Dinge übernehmen muss und mir fehlen dafür derzeit langsam einfach die Kräfte, so dass ich Unterstützung gut gebrauchen könnte.
Aussagen wie: „Irgendjemand ist immer da, der dann übernehmen kann.“ oder „Wer da innen von euch kann das denn? Eine/Einer innen kann das immer.“ bringen mich auch nicht weiter, wenn ich nunmal „den Einen oder die Eine“, die das Problem lösen könnte, nicht finden kann. Im Gegenteil, gerade lassen sie mich eher (Ver-)Zweifeln.
„Wenn das bei Multiplen so funktioniert…“ denke ich, „…dann kann ich nicht viele sein.“ Manchmal wird der Gedankengang dann von Sätzen ergänzt, wie: „Ist ja logisch, wenn du die anderen nur spielst, dann können sie auch kein Team bilden, weil sie ja gar nicht da sind.“
Und schon haben die (sicher tätergewollten) Zweifel wieder einen Fuß in der Tür, wo sie gar keinen haben sollen, weil ich ja eigentlich mittlerweile weiß, dass ich viele bin. Ich versuche sie wegzuwischen und mich nicht darauf einzulassen.
Dennoch, es frustriert mich langsam die Geschichten von gut funktionierenden Alltagsteams zu hören und gleichzeitig bewundere ich das.
Wie um alles in der Welt funktioniert das!?
Wo bekomm ich sowas her!?
Was macht man, wenn sich bei allen Bemühungen keiner finden lässt, der eine bestimmte Aufgabe übernimmt!?
Ich finde es jedesmal faszinierend, wenn meine Therapeutin davon erzählt, wie andere das machen. Dass sie sich z.B. die Arbeit aufteilen, wenn es um bestimmte Anrufe geht. Dass sie das einfach innen so abgesprochen haben und dass das dann gut funktioniert.
Ich staune und grüble…
Wenn ich äußere, dass ich etwas nicht kann oder überfordert damit bin kommt meist sofort diese Frage, wer das denn dann kann. Denn „Irgendjemand innen kann das immer.“ Das sind die Aussagen, die ich höre und doch sind sie von meiner Realität recht weit entfernt.
Und ich Frage mich auch: „Stimmt das?“
Kann irgendjemand innen wirklich immer das, was ich nicht kann? So gesehen müssten Menschen, die viele sind dann ja die totalen Genies sein, weil sie alles können.
Und wenn es stimmt und da innen vielleicht ja sogar jemand ist, der das könnte, was ich nicht kann, dann heißt das ja noch lange nicht, dass ich immer den Zugang finde, oder!?
Ich werde wohl noch etwas weiter suchen und mit meinen derzeit verfügbaren Innens nach für uns praktikablen Lösungen Ausschau halten müssen.
Ich bin gespannt…

Honig zum Frühstück

Dieser Tag begann eigenartig.
Wir waren uns eigenartig nah und das schon ganz kurz nach dem Aufwachen.
Die letzte Zeit habe ich oft geglaubt ich hätte mich selbst und all die anderen im Stress-Watte-Überforderungsnebel verloren. Nur noch eine. Die anderen futsch.
Heute Morgen war es dann plötzlich anders. Einfach so. Über Nacht.
Die Stimmen in mir waren klar und deutlich wahrnehmbar.
Ebenso deutlich war auch mein Körper spürbar. Meine Haut. Meine Grenzen.
Lange schon können wir nicht oder kaum etwas essen. Wir versuchen es so gut es geht, um unseren Körper nicht völlig auszulaugen. Als ich die Guten-Morgen-SMS meiner Freundin las und durch den netten Gruß ein lächeln auf dem Gesicht hatte, stieg innen ein Wunsch auf.
Ein ferner Wunsch.
Ein Wunsch, den wir seit Monaten nicht mehr gedacht haben.
Frühstück.
Eine Kastanie mit Butter und Honig.
Und dann taten wir es einfach.
Wir gingen zum Gefrierschrank und tauten uns das Laugengebäck auf.
Fast meditativ fingen wir an die Butter darauf zu streichen und darüber den Honig zu verteilen.
Tee zu kochen.
Alle Angst, das Essen wieder nicht zu vertragen, wieder Übelkeit zu spüren, wieder massive Probleme zu bekommen trat für diesen Moment in den Hintergrund.
Und dann saßen wir an unserem kleinen Tisch im Wohnzimmer und nahmen den ersten Bissen und spürten.
Die eher raue Konsistenz der Kastanie. Den Butter. Wir rochen den Honig so herrlich süß.
Und es schmeckte. Es schmeckte so unglaublich gut. So unglaublich, unglaublich gut.
Und bei jedem Bissen, war so viel Dankbarkeit. Für diesen Moment. Dass es gerade möglich ist zu essen.
Dass wir überhaupt zu essen haben. Für alles.
So viel Freude in den kleinen und großen Herzchen in unserer Brust.
Nur wir und unsere Honigkastanie.
Ein kleiner Kosmos.
Voller Frieden und Ruhe.

Zerbrochen oder Ganz!?

Zerbrochen
Etwas das einmal zusammen gehörte, wurde durch schädliche Einwirkung getrennt und ist somit in kleinere und/oder größere Untereinheiten aufgeteilt worden. Dadurch haben die Teile ihren vorbestimmten Platz verloren und sind in andere Relationen gerückt.
Die entstandenen Teile haben unregelmäßige, nicht planbare Konturen und haben die für sie ursprünglich vorgesehene Position verlassen. Unter Umständen geht dieser Zustand auch mit Verlust der ursprünglichen Funktionalität des Objektes einher.
Die Zusammengehörigkeit und ursprünglichen Verbindungen gingen ganz oder teilweise verloren.

Ganzheit
Eine Ansammlung von Teilen und Elementen bildet in der erwarteten Weise ein zusammengehöriges Bild. Die Platzierung der Einzelteile des ganzen Objektes entspricht der ihnen ursprünglich zugedachten Position. Sie gehen vorbestimmte Verbindungen ein. Aufgrund dieser mehr oder minder durchdachten Anordnung der Teile erfüllt das Objekt ebenfalls die zugedachten und erwarteten Funktionen.
Die Konturen des Objektes sind planbar.

Ist dann Zerbrochenheit und Ganzheit das Gleiche, nur dass in der Ganzheit die Erwartungen an die Einzelteile erfüllt sind?

Ist Ganzheit immer die Summe seiner Teile?
Oder müssen die Teile festgelegte Anforderungen erfüllen, um sich ganz nennen zu dürfen?
Wenn ja, wer legt die Anforderungen fest?

Darf in der Ganzheit vielleicht nur nicht auffallen, dass sie aus Einzelteilen besteht?

Bin ich dann nicht auch irgendwie ganz?
Denn auch wenn die Position und Funktion der Einzelteile nicht mehr in der ursprünglichen Art und Weise besteht, so bleibt eine Zusammengehörigkeit erkennbar.
Oder ist ganz nur, was unverändert bleibt?

Kann aus Zerbrochenheit eine neue Ganzheit entstehen?
Was, wenn manche Teile sich nicht mehr an die ursprüngliche Position setzen lassen und die Funktion sich dadurch für immer verändert?

Darf ich mich, dürfen wir uns ganz fühlen?
Weil jede Innenperson ja für sich wieder ganz ist und eine Aufgabe erfüllt?

Auf Traumaentzug

Was Jahre- und Jahrzentelang täglich zu unserem Leben gehörte, soll nun plötzlich komplett wegfallen.
Keine neuen Traumatisierungen mehr.
Sicherheit.
Was sich in der Therapie so stimmig anhört und irgendwie Sinn macht, ist außerhalb des Therapieraumes grausame Realität.
Kalter Entzug.

Den Ausstieg aus den direkten Täterzusammenhängen haben wir schon vor Jahren gewagt. Was blieb waren Ersatzhandlungen, wie sich immer wieder in gefährliche Situationen zu begeben und eine Sexualität zu leben, die im Grunde den Taten, die früher an uns begangen wurden, stark ähnelt und oft auch gleicht. Wie ein Junkie auf der ständigen Suche nach seiner Droge – Dominaz, Unterwerfung und Gewalt. Ich wollte das so – Zumindest dachte ich es.
Da in der Therapie nun auch darüber gesprochen wird und damit immer mehr Bewusstsein dafür entsteht, wie schlimm das eigentlich für uns alle ist, was doch so gewollt erschien, soll nun Schluss damit sein. Keine neue Gewalt mehr. Keine Retraumatisierungen. Jetzt, da wir versuchen das Verhalten bleiben zu lassen, wird zudem immer klarer: Wir hatten keine Wahl. Der Druck innen genau das zu suchen und zu tun ist unerträglich.

Gründe und Ursachen die in dieses Verhalten reinspielen, gibt es viele verschiedene, die man alle im einzelnen genauer beleuchten könnte. Ich möchte mich hier allerdings auf die Auswirkung von körpereigenen Stoffen, wie Adrenalin, Endorphinen und Opiaten, auf die Thematik beschränken.
Bei den folgenden Schilderungen handelt es sich um meine/unsere Erfahrungen und Schlüsse, die wir daraus im Zusammenhang mit der Beschäftigung traumaphysiologischer Reaktionen gezogen haben. Wir erheben also keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit.

Bei einem Trauma kommt es zunächst zur Überflutung mit Adrenalin und Endorphinen. Endorphine sind körpereigene Morphine. Herzschlag und Blutdruck steigen, um der Gefahr möglichst noch durch Kampf oder Flucht entkommen zu können. Dauert die Situation an werden zusätzlich Opiate zur Schmerzbetäubung und Cortisol zur Hemmung der Handlungen ausgeschüttet. Blutdruck, Herzschlag und Muskelspannung sinken ab. Es kommt zu Stimmbandlähmung, Schreckstarre und Dissoziation.
Wiederholen sich die Traumata werden jedes Mal diese körpereigenen Stoffe ausgeschüttet. Wächst man in einem Milieu auf, in dem (traumatischer) Dauerstress herrscht, sind diese Stoffe sogar ständig erhöht im Blut vorhanden. Die Stresshormone im Blut sind chronisch erhöht und die Morphin- und Opiatsynapsen werden dauerhaft gut „gefüttert“, um die Situation erträglich zu halten.
Was passiert aber nun, wenn der Stress nachlässt und dadurch die Hormonspiegel im Blut sinken?
Von Opiat- und Morphinabhängigen weiß man, dass diese beiden Stoffe sowohl psychisch, als auch physisch, stark abhängigkeitserzeugend sind. Stehen dem Drogenabhängigen die Substanzen nicht mehr zur Verfügung, entstehen zunächst starkes Verlangen nach den Suchtstoffen und später auch typische Entzugserscheinungen, wie Depressionen, Angst, Zittern, Schwindel, Kreislaufprobleme, Schwitzen, Erbrechen, Durchfall.
Warum sollte das mit körpereigenen Opiaten und Morphinen nun anders ablaufen?

Wir fühlen uns oft wie Abhängige, die auf der ständigen Suche nach ihren „Drogen“ sind. Je Ruhiger es um uns im Außen wird, umso heftiger wird das Verlangen, dass endlich wieder etwas passiert. Je länger es ruhig bleibt, umso stärker wird der Druck in uns. Wir fangen an aktiv danach zu suchen. Wollen nicht und müssen doch. Die Synapsen haben hunger. Hunger nach ihren Schmerzmitteln und Endorphinen. Sie fangen an verzweifelt danach zu schreien. „Nicht anfangen zu spüren, oh nein!“ Mit dem Entzug sinken auch die dissoziativen Barrieren. „Nur nicht anfangen zu realisieren! Nicht Erinnern! Lebensgefahr, Hilfe!“
Keiner würde den kalten Entzug von heute auf morgen von einem Junkie verlangen. Von uns wird es verlangt.
Was ist unser Gegenmittel? Wo ist unser Methadon?
Es wäre besser für uns damit aufzuhören. Das weiß der Verstand.
Doch emotional ist das schwer.
Paradoxerweise ist es irgendwann auch hilfreich in Gewaltsituationen zu sein. Neben dem, dass wir gelernt haben, dass es etwas mit gemocht und geliebt werden zu tun hat, so behandelt zu werden und wir uns schrecklich alleine und ungeliebt fühlen, wenn das niemand mehr mit uns macht, wenn uns niemand mehr vergewaltigt, macht es taub. Es hilft nicht spüren zu müssen. Die „Drogen“ wirken – körperlich und psychisch. Die Synapsen schreien laut: „Juhu, endlich wieder eine Runde Opiate und Morphine! Endlich schmerzfrei! Kein Körperschmerz mehr und auch kein Seelenschmerz!“ Für den Moment ist alles egal, ehe danach der Stresshormonspiegel irgendwann wieder abflacht und die Welt erneut über uns zusammenbricht und sich im Kopf die neuen zu den alten Bildern gesellen und der Kreislauf von vorne beginnt.
Die betäubende, schmerzstillende Wirkung wäre so genial, wenn der Weg nicht so destruktiv wäre…
Wir gehen weiter unseren Weg durch den Trauma-Gewalt-Entzug.
Weil wir die Zusammenbrüche danach nicht mehr wollen.
Weil wir feststellen, dass wir immer stärkere und extremere Reize brauchen, um den gleichen Effekt zu erzielen.
So ist das mit dem Gewöhnungseffekt bei Abhängigen.
Weil es sich letztendlich lohnt, so hoffen wir.
Eine Frage im Kopf bleibt bislang: „Wenn die Gewalt als Lösungsstrategie wegfällt, wie sollen wir dann mit der ganzen Scheiße in unserem Kopf umgehen!?“

Gewalt schafft viele Probleme.
Schwierig wird es, wenn Gewalt so viele Probleme geschaffen hat, dass Gewalt die Lösung wird.
Manchmal ist Gewalt grausam und verletzend.
Manchmal bringt Gewalt Menschen um.
Manchmal hilft sie, die Gewalt die passiert ist zu überleben.

Buchstabensuppe mit Milchreis und Zimt

Ich möchte schreiben. Irgendetwas. Einfach nur ausdrücken. Was auch immer. Bloggen. Denn theoretisch, glaube ich zumindest, hätte ich Spaß daran, wenn sich die Buchstaben in meinem Kopf zu Worten sortieren ließen.
In meinem Kopf bröseln die Buchstaben wild durcheinander, schwirren vor meine Augen und durchwandern unsortiert meine Gehirngänge. Von Zeit zu Zeit formatieren sie sich zu brüchigen Wortteilen, ehe sie wieder irgendwo versinken.
Programme – Therapie – Anstrengung – bilden die ABC-Fetzen sich zu Worten.
Und weil die Programme ihrerseits selbst Worte bilden, wird es voll im Kopf und ungreifbar. Nur „Klirren“ und „Zerspringen“ bleiben über. „Die Glaskönigin“ flüstert es im Hinterkopf und macht auf ein Stück Mind-Control-Verwirrungs-Erlebnis aufmerksam, das noch zu fragmentiert ist um es wirklich zu begreifen.
Die bunten Buchstaben schwirren weiter und bilden aus einem Kindermund das Wort „Monsterchen“ ehe mein Körper sich in Bewegung setzt, um das Monsterchen zu holen und auf unseren Schoß zu setzen. Schließlich soll es ja bei uns sein dürfen.
Lutscher. Hunger. Vorlesen.
Erinnerung. Müde. Langeweile.
Malen. Angst. Geborgenheit.
Telefonieren. Reden. Spaß.
Schweigen. Hüpfen. Vorfreude.
Traurigkeit. Lachen. Gemeinsamkeit.
Die Buchstabengebilde treffen sich, nur um direkt anschließend wieder zu zerfallen und mal mehr, mal weniger Sinn zu ergeben. Manche kämpfen miteinander und fechten um die Reihenfolge der Umsetzung, des von ihnen ausgedrückten Inhaltes oder bilden sich besonders häufig, um sicher zu gehen wahrgenommen zu werden.
Aktuell kann der Kampf „Hunger“ gegen „Müdigkeit“ live beobachtet werden, denn er möchte gestillt werden, auch wenn manche sich zu schlapp fühlen, um Essen zu machen. Ebenso finden die Austragungen zu „Dissoziation“ gegen „Gegenwart“, „Eigene gegen fremde Worte“,“Bewegung“ gegen „Ruhe und Liegen“ und einiger anderer wichtiger innerer Uneinigkeiten statt.
Nicht zuletzt sind da auch noch die Rangeleien um die körperliche Vorherrschaft „Klein gegen Groß“ frei nach dem Motto „Gleiches Recht für alle“.
Während ich weiter die Buchstabenworte im Kopf beobachte formatieren sich die ersten vorläufigen Kampfergebnisse für das Duell „Hunger gegen Müdigkeit“. Der Hunger hat sich durchgesetzt, so dass ich mich nun doch aufmachen muss, um mir etwas zu essen zu machen. Hmm, aber was?
Zeit und Platz für neue Gefechte.
Buchstabensuppe mit Milchreis und Zimt.

Wenn Zweifel Traumafolgen sind…

„Dissoziation bedeutet, dass wir eine Erfahrung als eigene Erfahrung gleichzeitig anerkennen und nicht anerkennen: Während ein bestimmter Teil Ihrer selbst sie wahrnimmt, weist ein anderer sie von sich.“
S.Boon, K.Steele, O. Van der Hart, „Traumabedingte Dissoziation bewältigen“

Wir schließen für uns gerade daraus, dass Zweifel somit eher Hinweise darauf sind, dass die Gewalt passiert ist, als dass sie nicht passiert ist, weil sie zu den dissoziativ bedingten Traumafolgen gehören.
Wenn ich das was geschehen ist nicht wahrnehme, bzw. wahrnehmen kann, weil die Erfahrungen dissoziiert sind, dann sind sie für mich nicht existent. Andere innen können bestimmte Erfahrungen wiederum wahrnehmen, weil sie für sie, im Gegensatz zu mir, nicht dissoziiert sind.
Die daraus resultierenden verschiedenen Wahrheiten führen zu Diskrepanzen und zu Zweifeln an meiner Wahrnehmung als Alltagsperson, weil das was ich von innen erzählt bekomme stark von meinem (Er-)Leben abweicht.
Wenn ich etwas von innen erzählt bekommen habe blieb es für mich zunächst oft dennoch vage und ungreifbar, weil ich es nicht als eigenes Erleben bewusst wahrnehmen konnte. Es unterschied sich so sehr von meiner bewusst wahrnehmbaren Geschichte, dass mir das einfach nicht passiert sein konnte. „Das ist mir nicht passiert. Anderen vielleicht. Aber nicht mir.“ Und irgendwie ist es ja genau so… Mittlerweile bemühe ich mich darum den Innenleuten dennoch zuzuhören.
Es ist vielleicht nicht die neueste Erkenntnis, aber für uns ist es trotzdem wichtig, das grade nochmal so zu bemerken.

Splitter im Kopf

Splitter im Kopf
Wie eine Bombe
Messerscharf
Zerborsten

Splitter im Kopf
Wie Spiegelscherben
Spitz steckend zwischen den Synapsen
Verworren

Splitter im Kopf
Wie Trennwände zwischen den Welten
Eiskalt klirrend
Wattig

Splitter im Kopf
Wie Fallen im Nebelwald
Unpassend verpuzzelt im Erinnerungswirrwarr
Verschollen

Splitter im Kopf
Wie Fragmente aus fremden Leben
Schneidende Unterbrechungen im Gedankenfluss
Schmerzend

Splitter im Kopf
Wie Waffen aus längst vergangenen Zeiten
Gespeicherte Bedrohungen
Gefährlich

Splitter im Kopf
Wie Suchende nach ihren verlorenen Teilen
Nach Vervollständigung sehnend
Zweifelnd

Splitter im Kopf
Wie die Seele, des Mädchens, die sich teilte
Viele
Fragend

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