Es ist mitten in der Nacht.
Mein Rücken ist kalt. Vor dem Fenster schrabbt ein Schneeräumer. Meine Heizungen schlafen noch. In mir ist Aufgewühltheit und Unruhe. Einfach so. An Träume erinnere ich mich nicht, was nicht heißt, dass sie nicht da waren. Ich stehe auf und fange an zu Tippen. Über das was ich spüre, weil ich mich nicht fühle. Über das was ich denke, weil ich es selbst nicht fassen kann. Über die Flut in der Leere. Um mein Leben.
Das orange Licht der Straßenlaterne wirft meinen Schatten an den Schrank. Der schwarze Umriss blickt mich an. Ich starre zurück. Wo Licht ist, fällt Schatten. Die Leuchtquelle ist klein. Die Dunkelheit groß.
Meine Gedanken folgen den Atemgeräuschen aus der Umgebung.
Es gibt tausend und eine Möglichkeit zu atmen.
Laut, leise, schnell, langsam, stoßweise, gleichmäßig, zufrieden, aggressiv schnaubend, Sicherheit vermittelnd, voll Angst, vor Trauer flach, freudig erregt, durch die Nase, mit offenem Mund…
Das Surren des Kühlschrankes unterbricht meine Überlegungen.
Es hat wohl jede Situation ihre Atmung.
Sage mir wie du atmest und die sage dir, wie du dich fühlst.
Manchmal bleibt mir die Luft weg.
Sie hängt in den Momenten von einst und fehlt in der Gegenwart um meine Lungen zu füllen. Es ist als wäre der Brustkorb immer noch unsichtbar flachgedrückt und hätte keinen Platz für frischen Sauerstoff.
Schock.
Die Bilder ersticken mich.
Ich blicke durch die Balkontür in den Nachthimmel.
Er ist wolkenverhangen.
Die Nachtluft ist kalt.
Ich atme, also bin ich.
Trauma
Bunte Lebensstreußel

„Manchmal muss man sich einfach selbst Konfetti ins Leben pusten.“
Getreu diesem Grundsatz ziehen wir heute unser Tagesresume:
Mit bestem Bemühen gab es Goldstaubmomente mitten in der Scheiße. Unsere bunten Highlights bestanden heute aus einer heißen Tasse Kakao mit der besten Freundin, schönen Wortzaubereien und schnurrend-liebevollen Kuscheltönen. Es hat uns ziemliche Überwindung gekostet das Haus zu verlassen. Am Ende konnten wir uns aber über die Erlebnisse in der frischen Winterlandschaft freuen. Eine Minaturschneeballschlacht war auch dabei.
Manchmal lohnt sich die Anstrengung dann doch und am Abend sickern die schönen Tagessplitter wie Konfetti über die Erinnerung. So werden selbst dunkelgraue Tage etwas bunter. 😊
Desaster bei der Heilerin
In so manch verzweifelter Lebenslage ist man bereit so einiges auszuprobieren, nur, dass man vorwärts kommt. Vorweg sei gesagt, dass wir mit dem Berufsstand der Heiler durchaus schon sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Das es da aber auch sehr auf die jeweilige praktizierende Person ankommt, beweist mal wieder unsere jetzige Erfahrung. Die ging in die Hose. Ich kann mich nicht erinnern, wann es zuletzt ein Erlebnis gab, dass es geschafft hat, so viele Bilder gleichzeitig an mir vorbeizujagen. Die Nacht danach war heftig. Blitzlichtdiashow in unbegreifbarer Geschwindigkeit. Unsere Kräfte am Ende. Der Zugang zum Innen verschüttet. Unsere Seele hängt irgendwo außerhalb vom Körper fest. Immer noch.
Vielleicht war der Zeitpunkt des Termins einige Tage vor Weihnachten ungünstig. Das Jahreszeitliche Umfeld machte Stabilisierung im Nachhinein zusätzlich schwierig. Deutlich mehr noch hat aber folgendes Vorgehen der Behandlerin zum Chaos geführt:
Ohne uns zu fragen oder ihr Vorgehen abzusprechen, ratterte sie eine Liste an Dingen herunter, die sie meinte bei uns wahrnehmen zu können und lösen zu müssen. Dabei fielen immer wieder Begriffe, die für uns extrem unpassend waren. Generell halten wir persönlich das Meiste des Reinkarnations-Karma-Lösungsweg-Gelabers für ziemlichen menschengemachten Mist. Dafür waren wir nicht da. Wir konnten ab einem bestimmten Punkt nicht mehr stoppen. Aus ihrer „Lösungsliste“ mit scheinbar zusammenhanglosen Begriffen wie „Hexen“, „Satanskult“ und „Besetzungen“ schoss sie eine Innenperson nach der Anderen in das ultimative Triggernirvana. Sie fragte nicht, was die Begriffe für uns bedeuten. Weder vorher noch nachher. Sie zog eigene Schlüsse und war am Ende zufrieden mit ihrem pseudoenergetischen Wort-Hokuspokus.
Sicher, dass sie damit sämtliche Probleme beseitigt hatte, stellte sie uns vor die Tür.
Error.
Wir sahen kaum noch die Straße, weil innere Bilder die Gegenwart überlagerten.
Unser Fazit:
Im alternativen Gesundheitsbereich gibt es viele bereichernde Anwendungen. Wenn Menschen glauben mehr über dich zu wissen, als du selbst, nimm die Beine in die Hand und bring dich in Sicherheit!
Stimmen im Kopf
Diese Doku habe ich gerade auf YouTube entdeckt. Es werden unterschiedliche Aspekte des „Stimmenhörens“ beleuchtet. Auch wenn ich nicht in allen Punkten übereinstimme, wie etwa dem Umgang mit verinnerlichten Täterstimmen, finde ich den Film dennoch sehenswert.
Erinnerungsruinen
Müde schließen sich die Augen
über Tränen auf den Linsen.
Weinen schluchzend über alles
hinter schmerzverzerrtem Grinsen.
Kalte gottverlassne Mauern,
Festungen aus Einsamkeit
lassen tief mein Herz erschauern.
Es ist das Leid, das in mir bleibt.
Die Straßen ziehn in Fahrt vorüber.
Bald sitz ich am Kamin zu Haus.
Alte Erinnrung zeigt sich wieder.
Ich atme ein, ich atme aus.
Die Müdigkeit trägt mich auf Reisen
fort an einen anderen Ort.
Lässt mich in sich Erholung finden.
Gewährt im Schwarz mir sichren Hort.
In den Ruinen hängt noch heute ein Teil von meiner Kinderseel‘.
Der Schlaf pflegt was ich nicht ertrage.
Ich schlumm‘re ein.
Es war zu viel.
Die Kriminalitätsfrage

Die letzten Wochen waren schwierig. Der Stress durch die Auseinandersetzungen rund um unseren Vater mit dem BAföG-Amt hat uns dann endgültig dahingerafft. Die Beraterin der ortsansässigen Frauenberatungsstelle meinte es gut mit uns und vereinbarte einen Termin mit dem Weißen Ring, um die Möglichkeit einer finanziellen Unterstützung für eine Rechtsberatung abklären zu können. Zwei Tage später war es so weit. Zwei Damen rückten an, um sich unsere Situation schildern zu lassen. Das offene Gespräch über die früheren Geschehnisse, die der aktuellen Problematik zu Grunde liegen, schaffte es leider nicht einmal über die Fünf-Minuten-Hürde und eine kurze unvollständige Einleitung. Danach beließ ich es auf der Minimalstinformation, die für die Klärung der finanziellen Hilfen notwendig war. Beim Abschied bin ich dankbar für den Scheck, um mich vom Anwalt beraten zu lassen und die zugesagte Überprüfung weiterer Hilfsmöglichkeiten, bis meine Finanzen geklärt sind. Das erleichtert vieles.
Der innere Abbruch des Gespräches geschah just in dem Moment in dem direkt am Anfang der Beratung eine der beiden Damen fragte: „Es geht also um sexuellen Missbrauch. Aber ist ihr Vater denn auch kriminell?“
„Äääääähm…*hust und verwirrt schau*, sie wissen schon, dass Missbrauch eine Straftat ist!?“
„Ja, ja. Aber ich meine so mehr… Also so richtig….?“
Ohne Worte.
Wattebauschstop
Der Mond steht oben am finsteren Nachthimmel.
Das Wasser in den vorbeiziehenden Regenwolken schimmert bunt in seinem Schein.
Eigenartig.
Das habe ich so von der Nachtsonne noch gar nicht beobachtet…
Kurz verweile ich in Gedanken bei dem Schauspiel.
Während Frau Luna so mystisch verschleiert da oben steht, reicht es mir plötzlich. Ich gehe mir mit meiner Wattebauschflaumalleswirdgutwerferei selbst auf die Nerven.
Den ganzen Tag sind wir bemüht darum das Beste aus der Zeit zu machen. Trommeln, trinken, essen, ruhen, spielen, schreiben… leben. In unserem Kopf die lange Leier was mittlerweile alles besser ist als damals. Und es stimmt und es ist gut so. Jetzt aber ist es genug. Wir können es nicht mehr hören. Die Gefühle überrollen uns. Sie stoppen unsere Gegenwartsklammerversuche an bessere Zeiten. Kein „Hakuna matata – die Sorgen bleiben dir immer fern“. Die Füße zappeln nervös unterm Tisch. Wir könnten in’s Bett gehen und uns die Decke über den Kopf ziehen. Was würde es nützen? Die Bilder und Gefühle sind ja doch in uns. Der Körper bebt. Mal vor Angst, dann wieder vor Wut und Zorn. „Miese Dreckschweine“, denke ich. An den Emotionen, die nun innerlich vibrieren ändert kein Schöngeist etwas. Sie müssen raus. Ungeschönt. Die „nackten Tatsachen“ von damals bleiben nackt. Sie waren roh und brutal. Da nutzt kein Weichzeichner. Die Erinnerungen lassen einen Gefühlsnerv in uns anspringen, der uns zerreißt. Die Welt teilt sich: Wir stehen an der Schwelle, an der unser Bewusstsein nichts begreift und wir doch alles spüren. Wir erleben den Kampf zwischen „Das war so furchtbar! Niemals mehr wollen wir das erleben!“ und „Es wäre gut, wenn es nochmal so wäre! Wir wollen, dass es jetzt passiert“. Die paradoxe Welt ist sich im Kern erstaunlich einig: Der Schmerz soll aufhören! Egal wie.
Die inneren Mono- und Dialoge fluten wie Wellen durch die Bewusstseinsgänge. Wir hadern. Mit uns. Mit dem Schicksal. Mit dem Vergangenem. Mit dem Jetzt. Bis wir auch darauf irgendwann keine Lust mehr haben. Oder keine Kraft dafür. Bis wir einfach von gar nichts mehr etwas hören wollen und alles doof finden.
Wir entscheiden uns mit dem Schlaf aus den Gedankenschleifen auszubrechen.
Ein neuer Tag bringt eine neue Sicht.
Vielleicht.
Gespaltener Vorabend
Ich sitze am Pc und tippe ohne zu wissen, wohin mich diese Zeilen führen werden. Die Worte sind in den Fingern, ehe sie in meinem Kopf bewusst werden. Sie fließen an meinen Synapsen vorbei. Morgen ist Tag der deutschen Einheit. Letztes Jahr haben wir hier auf diesem Blog geschrieben, dass dieses Land noch lange nicht eins ist, wenn traumatisierte Menschen gesellschaftlich derart ausgegrenzt werden. Dieses Jahr machen mich die inneren Wortschwalle stumm.
In der neuen ganz weit entfernten Wohnung kommen in der Brückentagfreizeit Dinge hoch, die im Alltag nun lange, lange Zeit weggedrückt werden mussten. Ich ärgere mich, dass morgen Feiertag ist, weil es mir Zeit nimmt, wichtige Dinge im Außen zu erledigen. Ich sitze in der Falle, weil mein Fluchtweg „Alltagsmanagement“ wegfällt. Und ich hasse das derzeit allgegenwärtige, existenzbedrohliche Gedankenkreisen, wie ich wohl am Besten damit umgehe, dass eine dritte Person einfach so, ohne mein Wissen, auf meinen Namen ein Handy, samt Vertrag bestellt hat, zu dem mir nun die Rechnung ins Haus geflattert ist. Der Einspruch bei dem Telekommunikationsunternehmen über den Bestellvorgang, interessiert die Bearbeiter herzlich wenig. Das sei mein Problem, bekomme ich dann nur zu hören, wie ich das Handy wieder auftreibe. Ich könne es ja zurück schicken und man mache alles rückgängig. Guter Witz! Immerhin haben sie es ja nicht an mich versandt, sondern widerrechtlich an besagten dritten. In der pinken Welt des Konzerns scheint es an normalem Menschenverstand zu mangeln. Das gute Stück ist übrigens nur schlappe 800 Euro Wert. Im Briefwechsel zeichnet sich ab, dass ich wohl einen Anwalt brauchen werde. Bei der Polizei habe ich bereits Anzeige erstattet. Ich rase innerlich, weil ich nicht weiß, woher ich das Geld für den Anwalt nehmen soll, geschweige denn für das geforderte Mobiltelefon. Ich hasse es zudem, dass mir gerade die Verantwortung für etwas in die Schuhe geschoben wird, für das ich nicht mal im entferntesten etwas kann, weil ich damit null zu tun habe, außer dass mein Name auf der Rechnung steht.
Bei mir ist gar nichts eins.
Das einzige worüber einheitliche Zustimmung erfolgt, ist, dass wir gerade innerlich sehr gespalten sind.
Die Scheiße triggert und sie macht auch ohne Trigger entsetzlich betroffen, traurig und ohnmächtig. Ich frage mich, was sich dieser Mensch eigentlich denkt oder eben auch nicht denkt, der auf meine Rechnung bestellt hat und an seine Adresse liefern ließ. Und wieso verdammt noch mal ist das eigentlich so leicht!?
Ich bin müde. Meine Augen wollen nur noch schlafen. Sie wollen dass im Kopf endlich ein Ende ist mit den ganzen Diskussionen. Wir wollen nicht auch noch darüber nachdenken müssen, was in den Tagen und Nächten um den dritten Oktober früher so passiert ist.
Auch damals ging die Rechnung unerlaubter Weise auf unsere Kosten.
Diesmal werden wir nicht zahlen!
Übergangszeiten

Copyright by „Sofies viele Welten“
Das Gras ist noch nass vom Tau.
Der Hauseingang liegt früh am Morgen noch im Schatten.
Aus der Magnolie glitzern die Anemonen.
Auf der Wäschespinne der Nachbarin hängt bereits ein Betttuch. Der Duft der frischen Wäsche benetzt zart die Nasenschleimhaut. Ich nehme einen tiefen Atemzug der Sommerendherbstanfangsluft zum Start in den Tag.
So wie der Tag neu beginnt, so werden auch wir in ein paar Tagen in einer neuen Stadt starten. Weit weg von unserem Ursprungszuhause. Wie das sein wird, können wir uns noch gar nicht vorstellen. Ebenso wenig was es eventuell auslöst. Einerseits freuen wir uns auf den Raum der entsteht. Morgens aufzustehen und nichts wiederzuerkennen. Beim Einkaufen sicher keine unangenehmen Erinnerungen zu treffen. Andererseits gibt es auch die Angst, dass uns Dinge überfluten, die bis dahin gut weggepackt waren. Es ist schön, wenn Innenleute zurück kommen können, weil uns das ganzer macht. Wir hoffen dennoch, dass wir vor Ort dann auch Unterstützung haben.
Heute Abend werden die Schlüssel der alten Wohnung zurück an den Vermieter übergeben. Eine Tür geht zu. Eine andere geht auf.
Möge die Zukunft in der Sonne glitzern.
Ein Karton für die Kinder

Sachen packen.
Umzugskartons fertig stellen.
Schränke ausräumen.
So sahen unsere letzten Tage und Wochen überwiegend aus.
Heute vielen uns dabei ein paar ganz besondere Sachen in die Hände.
Bücher für die Kinder, Karten von lieben Menschen, Buntstifte und nette Erinnerungen. Im Kopf wurde es laut beim Anblick der Schätze.
Mit in den Karton zu den anderen Sachen?
Niemals!
Eine extra Schachtel musste her.
Ein Karton für die Kinder.
Im Felix-Geschenkkarton finden sich nun die Lieblingsstücke der Kleinen.
Muscheln, Stifte, Grußkarten, Kinderbücher, Kuscheltiere, Fund- und Sammelstücke und kleine Erinnerungen an die Therapie.
Und irgendwie finden auch wir Großen das gar nicht so schlecht.
Alles was unser Kinderherz oft braucht ist an einer Stelle griffbereit. Egal ob zum Trösten oder einfach nur zum Spaß. Was aus Zufall entstand, werden wir nun wahrscheinlich auch in der neuen Wohnung beibehalten.
Vielleicht kommen im Laufe der Zeit auch neue Stücke dazu und andere werden ausgetauscht.
Schön und praktisch zugleich.