Die paradoxe Programmierung des „Wie geht es dir?“

Auf die Frage nach dem eigenen Befinden trifft man im Alltag immer wieder: „Wie geht es dir?“ Selten scheint sie wirklich ehrlich gemeint. Die Antworten darauf sind ebenso blass, wie nichtssagend. „Danke, gut“, „Muss ja“, oder „Irgendwas ist doch immer“ kleiden sie sich in schwammige Worthülsen.
Für Überlebende von „Ritueller Gewalt“ und organisierten Täterkreisen kann diese Phrase des gesundheitlichen Interesses noch ganz andere Bedeutung haben und Auslöser beinhalten.

In den folgenden Darstellungen möchte ich von einigen Aspekten zu diesem Thema aus unserer Erfahrung berichten. Sie basieren auf unseren subjektiven Erlebnissen. Nicht jede Überlebende, die auf diese Frage getriggert reagiert, tut das aus dem selben Grund wie wir. Da gibt es sicher noch viel mehr Facetten, die dabei eine Rolle spielen. Unsere Ausführungen können lediglich EIN möglicher Ansatz sein. Wir haben uns darum bemüht, die Vorgänge so abstrakt wie möglich zu beschreiben, dennoch kommen wir für die Verständlichkeit nicht umhin auch Gewalt grob zu skizzieren.

„Wie geht es ihnen heute?“ oder „Wie fühlen sie sich?“ ist wohl eine der standard Erföffnungsfragen für ein therapeutisches Gespräch. Wenn ich es geschafft habe meine Gefühle über die Türschwelle hinweg mit in den Therapieraum zu nehmen, so war bei mir oft spätestens nach dieser Frage Schluss damit. Mein Innen verschwand. Alles was mich bis zu diesem Zeitpunkt an Emotionen und Erinnerungen beschäftigte, verbarg sich nun hinter einer dicken Mauer im Ungreifbaren. Es war vergessen! Notgedrungen musste die weitere Konversation nun auf dem letzten Rest meiner verbleibenden kognitiven Ebene erfolgen. Sofern ich mir vorab etwas aufgeschrieben habe, konnte ich es damit versuchen. Dennoch blieb es ein Trauerspiel. Der Tiefgang verschwand. Wir drehten uns im Kreis. Nicht selten hätte ich mir hinterher die Haare raufen können. Kaum zu Hause angekommen war der ganze Horror nämlich wieder da und eine weitere Therapiestunde ungenutzt für vergleichsweise harmlose Plaudereien verstrichen.
Es verlangte uns einiges an Arbeit ab, bis sich irgendwann die Hintergründe dieser Reaktion zu zeigen begannen und Innenpersonen so mutig waren, von ihrer Geschichte zu erzählen.

Die Täter stellten uns die Frage „Wie geht es dir?“ immer wieder während Gewaltsituationen.
Ein Mann berührte uns etwa zunächst an bestimmten „harmlosen“ Stellen. Dabei fragte er uns immer wieder, wo wir etwas spüren und was genau. Im Verlaufe des Trainings nahm die Bedrängnis und die Gewaltanwendung zu. Sie gipfelte in Vergewaltigung und Folter. Seine Fragen wiederholte er beständig immer wieder. „Was fühlst du wo, wie, weshalb? Wie geht es dir?“
Auf eine detaillierte weiter Schilderung der Programmierungssituation verzichten wir an dieser Stelle. Wir wollen keine Online-Anleitung für Täter und Trittbrettfahrer schreiben.

Was passiert nun durch dieses Vorgehen.
Der oder die Täter hebeln im Moment des Traumas mit gezielten Fragen ein Stück weit die Dissoziation aus. Wer minutiös beschreiben muss, was mit einem selbst geschieht und wie man sich dabei fühlt, kann es sich nicht leisten abzuschalten. Das Opfer muss im relativ wachen, bewussten Zustand mitbekommen, was an ihm verbrochen wird. Nur so entgeht es der vielleicht tödlichen Konsequenz noch härtere Gewalt zu erfahren. Da man diese Situationen als Mensch aber nicht ertragen kann, öffnen sich die Türen nach innen, weil es im Außen kein entkommen gibt. Innere Raume und Personen müssen sich auftun, um die Qualen zu überstehen. Diese werden in das Training wiederum von Täterseite gezielt einbezogen. Das Opfer muss zunächst gegen den Schutzmechanismus „Dissoziation“ des Körpers ankämpfen, weil es ihm sonst das Leben kostet.
Nach dem Trauma setzt ein paradoxer Vorgang ein: Wer während des Traumas nicht dissoziieren kann, wird es hinterher umso stärker tun. Das ohnehin Unerträgliche wird noch unerträglicher, wenn es bewusst erlebt werden muss. Die Erfahrung wird tief verkapselt und bleibt dem Alltags-Ich unzugänglich.
Was von der traumatischen Ursprungssituation später bleibt ist die Frage „Wie geht es dir?“ als programmierter Auslöser und die taube Verkapselung als Erinnerungsfragment, die daraufhin spürbar wird und den Zugang zum eigenen Erleben verhindert.

In der Therapie kann es deshalb Sinn machen, die Eingangsfragen der Therapeutin mit den Innenpersonen zu hinterfragen. Natürlich ist das nicht das einzige Problem, das im Kontakt mit Hilfspersonen auftreten kann, wenn man aus einem organisierten Täterkreis kommt. Einen Blick sollte es aber Wert sein, vor allem dann, wenn regelmäßig in der Therapie nichts mehr wahrnehmbar oder besprechbar scheint, was sonst den Alltag bewegt.

S-I-L-V-E-S-T-E-R

S – ilvester
am Tag an dem die Jahre sich ändern,
da treffen sich die Herren in schwarzen  Gewändern.

I – nzest
und Folter und grausame Qualen
geschehen den Kindern in ihren Ritualen.

L – ust
zu zerstören, auf Macht und Gewalt,
gehören zu der heiligen Rituale Inhalt.

V – ergewaltigung
nennt man eins ihrer Spiele.
Dergleichen gibt es in dieser Nacht noch so viele.

E – iskalt
und nackt war der Körper im Schnee,
das Kind fast erfroren, die Seele tut weh.

S – atan
ihm opfern sie und sind dabei ganz in Trance
das Kind auf dem Altar bleibt liegen leblos.

T – ränen
sie rinnen die Wange hinunter,
die Sinne, sie schwanden vor Qualen darunter.

E – rschüttert
die Seele des Kindes so sehr,
dass Sie musste sich teilen, ist viele nunmehr.

R – aketen
Sie fliegen in den Himmel hinauf.
Rettung gab’s keine.
Das Jahr nimmt seinen Lauf.

© Copyright by „Sofies viele Welten“

Atmende Nacht

Es ist mitten in der Nacht.
Mein Rücken ist kalt. Vor dem Fenster schrabbt ein Schneeräumer. Meine Heizungen schlafen noch. In mir ist Aufgewühltheit und Unruhe. Einfach so. An Träume erinnere ich mich nicht, was nicht heißt, dass sie nicht da waren. Ich stehe auf und fange an zu Tippen. Über das was ich spüre, weil ich mich nicht fühle. Über das was ich denke, weil ich es selbst nicht fassen kann. Über die Flut in der Leere. Um mein Leben.
Das orange Licht der Straßenlaterne wirft meinen Schatten an den Schrank. Der schwarze Umriss blickt mich an. Ich starre zurück. Wo Licht ist, fällt Schatten. Die Leuchtquelle ist klein. Die Dunkelheit groß.
Meine Gedanken folgen den Atemgeräuschen aus der Umgebung.
Es gibt tausend und eine Möglichkeit zu atmen.
Laut, leise, schnell, langsam, stoßweise, gleichmäßig, zufrieden, aggressiv schnaubend, Sicherheit vermittelnd, voll Angst, vor Trauer flach, freudig erregt, durch die Nase, mit offenem Mund…
Das Surren des Kühlschrankes unterbricht meine Überlegungen.
Es hat wohl jede Situation ihre Atmung.
Sage mir wie du atmest und die sage dir, wie du dich fühlst.
Manchmal bleibt mir die Luft weg.
Sie hängt in den Momenten von einst und fehlt in der Gegenwart um meine Lungen zu füllen. Es ist als wäre der Brustkorb immer noch unsichtbar flachgedrückt und hätte keinen Platz für frischen Sauerstoff.
Schock.
Die Bilder ersticken mich.
Ich blicke durch die Balkontür in den Nachthimmel.
Er ist wolkenverhangen.
Die Nachtluft ist kalt.
Ich atme, also bin ich.

Erzähl dir deine Geschichte

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Die Abende sind lang und finster. In der Jahreszeit hängen viele schwierige Erinnerungen. Der beste Grund, um uns eine schöne Geschichte zu gönnen. Wir werden uns heute vorlesen und kindliche Momente gönnen, damit unsere Seelen wieder bei uns ankommen. Im Innen lodert bereits der imaginierte Kamin. In Decken gekuschelt hören wir uns gegenseitig zu und lauschen dem inneren Wissen.

Wir wünschen euch einen schönen Abend!

Man kennt sich…

Eine unserer Fähigkeiten ist es, relativ schnell sagen zu können, ob eine andere Person Traumatisierungen erlitten hat, wie weit diese reichen und ob sie multipel ist. Dafür müssen wir unser Gegenüber nicht kennen. Meist noch nicht einmal mit ihm sprechen. Es reicht, dass wir uns begegnen. Die Erkenntnis liegt auf einem stummen Präsentierteller vor uns.
Als wir noch in einer therapeutischen Einrichtung gearbeitet haben, haben wir unser Wissen manchmal dazu genutzt den BehandlerInnen einen Hinweis zu geben in Richtung Trauma zu denken, wenn Sie mit einer PatientIn einfach nicht voran kamen. Teilweise waren Sie ungläubig und schlossen eine Traumatisierung „in diesem Fall“ aus. Später führten Sie dann doch eine entsprechende Diagnostik durch und waren verblüfft, was sich dabei zeigte.
Andere Multiple berichten von ähnlichen Fähigkeiten. Man kennt sich irgendwie. Intuitiv.

Doch woher kommt das?

Neben dem, dass wir der festen Überzeugung sind, dass Menschen sich gegenseitig sehr gut spüren können, wenn Sie ein Bewusstsein dafür haben und wir durch unsere eigenen Erfahrungen mit Gewalt auch im Außen mit anderen Geschichten von Traumatisierung in Resonanz gehen, gibt es noch einen weiteren Grund.
Training.
Zunächst stellt es in organisierten Kreisen eine Überlebensnotwendigkeit dar, andere Menschen so schnell wie möglich einordnen zu können. Auch die Opfer.
Zudem lernen bereits Kinder Persönlichkeitssysteme zu durchblicken und zu kartieren. Wer später einmal ein guter Programmierer werden soll, dem dient es als Grundfähigkeit sämtliche Formen der Dissoziation blind einordnen und erkennen zu können. Dazu gehört die tiefe der Dissoziation ebenso, wie das System nach dem eine Person handelt. Stimmt die Dissoziationstiefe bei der Programmierungssituation nicht, fliegt einem später, wenn es schief läuft das gesamte System um die Ohren. Die Abspaltungen werden unkontrollierbar. Die Personen im Alltag auffällig. Das ist der „Worst Case“ für einen Programmierer.

Und wobei hilft die Fähigkeit nach dem Ausstieg?

Sie hilft sich selbst und die eigenen Dissoziationsstufen einzuordnen und verschafft einen Überblick über die eigenen inneren Grundmechanismen. Dazu kommt: Menschenkenntnis schadet nie. Wer sein Gegenüber schnell einordnen kann, ist auch in der Lage gut auf sich aufzupassen und Täter zu erkennen.

Erinnern mit Vorurteilen

Der Tee kommt dampfend heiß aus der Teemaschine. Sein Winterduft steigt mir in die Nase. Ich denke nach, wie in letzter Zeit so oft. Ich halte mir das Heißgetränk vor’s Gesicht und atme ein. Zimtig, fruchtiger Geschmack begleitet meine Gedankenreisen.
Warum ist es so schwer sich zu erinnern?
Klar war es Horror und natürlich greift die Dissoziation.
Aber da ist noch etwas.
Es ist die Informationsflut.
Oder besser eine Desinformationsflut!?
Zum Thema rituelle und organisierte Gewalt gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Büchern. Mutige Menschen haben sich getraut über ihre Erlebnisse zu sprechen. Traumatherapeuten waren gezwungen sich mit der Materie auseinander zu setzen und steuern ihre Erkenntnisse bei. Dabei ist das passiert, was immer passiert, wenn Menschen auf etwas unbekanntes, bedrohlich wirkendes stoßen: Sie versuchen es einzuordnen, ein Schema zu finden, Kontrolle über das Unaussprechliche zu erlangen. Bald gab es Klassifikationen und Beschreibungen der Erlebnisse rituell Missbrauchter. Therapeuten entwickelten Richtlinien für die Behandlung.
Was auf diesem Gebiet an Öffentlichkeitsarbeit geschehen ist, verdient Lob und Respekt. Wir selbst sind dankbar, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen gibt, die uns weiter helfen können. Aus diesen Ansätzen ist viel Gutes entstanden.

Die Krux dabei: Aus den wenigen Information die es gibt, wurden Gesetze.
Schlägt man die Bücher über rituellen Missbrauch auf, so finden sich fast immer satanistische Inszenierungen darin. Teilweise lässt sich der Eindruck gewinnen, als wäre die Gewaltform mir religiöser Ideologie, ausschließlich damit verknüpft. Doch auch ritueller Missbrauch hat viele Gesichter.
Für ein Opfer, das sich die Schreckensbilder im Kopf kaum glauben kann, werden die Informationen die es findet zur Falle, wenn es selbst ganz andere Eindrücke erlitten hat. Es passt nicht ins Klischee… Der Zweifel wächst. Ein Kreislauf, der schwerwiegende Folgen haben kann. Die Überlebende ist betroffen, aber anders und sie findet nicht den freien Raum die eigene Geschichte entdecken zu können, weil nicht selten auch Therapeuten eine feste Vorstellung davon haben, wie das Leben von rituell Misshandelten aussieht. Diese festen Vorstellungen machen es Betroffenen unglaublich schwer sich selbst zu finden und die eigenen Bilder ernst zu nehmen.
Das wiederum ist aber dringend notwendig für die Heilung und für die Erlangung von Sicherheit.
Erinnerungen gehen immer dann weiter und werden tiefer, wenn die offen liegende Schicht angenommen und zumindest anverdaut wurde. Erst jetzt wagen es die Innenleute mehr zu erzählen. Alles Andere führt zum Stillstand.

Wer beim Lesen von Berichten über Männer in schwarzen Kutten denkt: „So war es bei mir nicht. Also habe ich keine rituelle Gewalt erlebt“,irrt.
So gibt es rituelle Gewalt etwa sehr wohl auch im christlichen Kontext. Die Katholische Kirche beteiligt sich in Teilen ihrer Strukturen nicht minder an der Ausbeutung von Kindern.
Letztlich kann jede Weltanschauung benutzt werden.
Wenn Erinnerungen und Gefühle auftauchen, die auf rituelle Gewalt hindeuten, sollte man sich ernst nehmen. Dabei ist egal, wie sie aussehen. Es braucht nicht immer Kutten und mitternächtlichen Messen. Auch Misshandler in diesen Kreisen kommen manchmal einfach in Jeans daher.
Was dahinter steckt findet man nur heraus, wenn man offen betrachtet, was die Seele mitteilt.

Szenenwechsel

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Ich hänge fest.
In einer Welt voller Gedanken.
In einem Zwischenraum.
Irgendwo mitten in der Abrichtung von einst.
Im Milieu der Todespanik und Menschenverachtung.
Mein Zeigefinger scrollt durch alte E-Mails an eine Therapeutin, die wir wohl nie vergessen werden. Dort konnten wir sein.
Dann reiße ich mich los und mache mich auf in Richtung meiner alten Heimat.
Unterlagen von einer Bekannten abholen, etwas plaudern.
Die Kilometer schwinden unter meinem flitzenden Auto dahin bis zum Ziel.
Aus jedem gefahrenen Wegmeter werden Steine für eine Mauer.
Aus Watte und Nebel.
Dissoziation.
Je näher wir unserer alten Umgebung kommen, desto weniger spüre ich mich. Der Kontakt nach innen wird immer schwieriger. Ich beobachte mit Verwunderung die Wandlung, die sich in mir vollzieht.
Diesmal bemerke ich sie.
Irgendwann kurz vor der Ankunft findet der komplette Cut statt. Ich höre nichts mehr von den Stimmen der Vielen in mir, denen ich in neuer Umgebung so nah kommen durfte. Ich bin alleine.
Der Tag nimmt seinen Lauf.
Am Abend bin ich wieder zurück in unserem neuen zu Hause.
Meine Katzen begrüßen mich schnurrend.
Es war anstrengend.
Als die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fällt, fällt die Anspannung ab.
Ich beginne meine Eindrücke aufzuschreiben, um wieder bei mir selbst anzukommen. Stück für Stück schwinden die Schleier. Im Innen wird ein vorsichtiges Regen wahrnehmbar. Zarte Stimmen.
Erleichterung.

Was sagt mir das?
Was bedeutet das für uns?
Als ich vor vielen Jahren aus meinem Elternhaus floh und eine eigene Wohnung etwa eine halbe Stunde entfernt bezog, wusste ich, dass es schwierig werden würde, äußere Ruhe von Täterseite herzustellen. Es gelang irgendwann mit viel Mühe und Hilfe die Zugriffe und Übergriffe auf mich zu beenden. Ich behauptete in der Therapie steif und fest, dass ein Ortswechsel nicht nötig und gewünscht sei. Damit könne ich umgehen. Schließlich gehe es ja um die Vorfälle die passiert sind. Die Region sei da Nebensache. Das dachte ich damals wirklich. Ich spürte auch nicht, dass es irgendwie ein Problem war, noch so nah zu sein. Ich konnte mich in dem Ort in dem ich aufwuchs bewegen und völlig ausblenden, dass unweit Täter wohnen. Ich war mir sicher, dass ich eine der wenigen Menschen mit einer derartigen Geschichte sein werde, bei denen ein Umzug in eine weit entfernte Stadt nicht notwendig ist.
Nun kam es aus anderen Gründen dennoch dazu und ich bemerke zum ersten Mal, wie viel das in mir macht. Zu wie vielen Dingen in mir ich plötzlich Zugang bekomme, je länger ich vom alten Wohnort weg bin. Wie mein Innen in der Beratung Gesprächsbereit wird und mutig langsam seine Mauern abbaut. Wie ich mich plötzlich an Dinge erinnern kann, die so verborgen waren und nun ganz klar vor mir liegen.
Und ich merke auf den Fahrten, die mich derzeit noch hin und wieder zurück in die alte Region führen, wie verdammt dissoziativ ich sein muss, dass ich die Umgebung auch nur ansatzweise ertrage. Mein gesamtes Persönlichkeitssystem verändert sich in den Stunden der Fahrzeit zurück in die Horrorzone. Ich fange an immer weniger ich zu sein und immer mehr die Hülle, die die Täter von mir verlangen.
Bis ich mich zurückverwandle. Auf dem Heimweg.
Zu einem Menschen in dem viele Lebensretter wohnen und aufatmen.
Es wird noch ein paar Tage dauern, bis das Gefühl der Sicherheit wieder durchsickern kann.

Manchmal bemerkt man ein Problem erst dann, wenn es eine Lösung gibt. Bis dahin weiß man ja gar nicht, dass es anders laufen könnte. Man blendet Probleme aus, um sich Boden unter den Füßen vorzugaukeln. Wenn der Boden dann wirklich da ist, erkennt man den Abgrund hinter sich.

Advent mit 52 Zähnen

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Leise rieseln die Schneeflocken am ersten Advent zu Boden.
In meiner Wohnung ist es warm. Mich friert dennoch.
Mit einer Tasse Tee ziehe ich mich zurück und schaue in Gedanken auf die letzte Woche. Auf der Heizung glühe ich einstweilen ein Shirt vor, dass ich mir überziehen kann.
Ich habe in den letzten Tagen neue Dinge gelernt. Mit Freude und viel Verzweiflung. Am Ende war meine Arbeit nicht perfekt, ich wusste aber, wen ich Fragen konnte, um sie zu perfektionieren. Also doch perfekt!?
Ich puste in den Tee und beobachte, wie mein Atem über die Wellen bis an den Tassenrand stolpert. „Butterkekse haben 52 Zähne“, flüstert mir ein Innenkind den Werbeslogan zu, als ich gerade von einem abbeißen will. Ich zähle nach. Auf 52 komm ich nicht. Letztlich ist mir das egal. Wichtig ist: Ich habe sie gehört, diese Stimme in mir.

Eigentlich eignet sich der Advent als besinnliche Zeit dem Innen öfter zu lauschen. Uneigentlich gibt es Tage, an denen ich ungern zuhöre, weil es in mir dann so brüchig knackt. Es ist, als könnte ich mein Herz noch einmal splittern hören.
Vor ein paar Tagen erst schlug ich die Zeitung auf. In den ersten Seiten war ein großer Artikel von der Verurteilung eines Täters eingebettet, der sich kleine Mädchen und Videos von Vergewaltigungen in der organisierten Kriminalität gekauft hat. Es ist der Mann über den ich vor rund zehn Jahren in meiner Therapie sprach, weil ich ähnliche Bilder im Kopf hatte. Zweieinhalb Jahre. Welcher Hohn. Die unerwartete Bestätigung ist traurig und scheußlich schmerzhaft.

Während in den nächsten vier Wochen Besinnlichkeitskerzen des schönen Scheins über die Probleme der Welt gemalt werden, findet die Lautheit der Verbrechen an mir in dieser Zeit ihren schweigenden Ausdruck. Wie von der Alraune betäubt würden die Menschen neben mir zu Boden sinken, wenn sie die Schreie in jeder meiner lebenden Zellen hören könnten. Stattdessen lieben sie mein Lächeln.

Der Advent lädt uns ein still zu werden. Wir haben uns selbst dazu eingeladen ein Stück von uns selbst zu finden. Es ist Zeit.

Euch Mitlesern wünschen wir von ganzem Herzen ruhige und besinnliche Adventswochen, 
mit den Pflastern der Stille die euere Wunden brauchen, um heil zu werden.

Stecknadelstille

Ich sitze in der Stille und bin dankbar für das selten kostbare Gut. Im Innen fällt eine Stecknadel zu Boden und bleibt klirrend neben dem Messer im Herzen liegen. Vor dem Fenster nimmt der Mond zu. Beim Atmen schwinden meine Kräfte. Ein Gedanke dreht vorsichtig am Messerknauf. „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ Es waren nur dunkle Jeans mit einem Gürtel. Die offene Schnalle entführte mich in ein blutiges Szenario. Dolche zwischen Hüften. Erst im Mund und dann im Herz. zwischen den Lebensbildern pocht die Verzweiflung. „Es hat dich eingeholt, Sofie.“ Während ich Leichenteile zusammensammle, wo Andere sich selbst finden, singe ich mein persönliches Abschiedslied von der Illusion eines normalen Berufsalltages. Diese Welt ist nicht für Überlebende gemacht. Ich werde mir meine Welt basteln müssen.

Samhain-Trommeln

Dumpf dröhnen die Trommelschläge in meinem Kopf nach. Vom entspannenden Rhythmus ist eine tranceartige Schwere geblieben. Draußen am grauen Himmel ziehen die Wolken vorbei bis sich die Sonnenstrahlen durchs dichte Grau quetschen. Mein blauer Filzschlegel klopft zart gegen das gespannte Leder. „Mystisch ist die Zeit und die Schleier dünn“, denke ich bei mir. Längst habe ich einen eigenen Glauben mit eigenen Ritualen. Ich freue mich darauf, mir in den nächsten Tagen bewusst Zeit zu nehmen liebe Seelen aus einer ganz anderen Welt zu treffen. In meinem Herz zu sein.

Und was ist mit damals? Was ist mit dem Leid? Ist alles einfach vorbei und wieder gut?
Nein, das ist es nicht. Unsere Seele trauert. Unsere Seele weiß wie sehr die Zeit besetzt ist. In unseren Gliedern steckt Schreck und Müdigkeit. Aber sie hat Platz in unserem Tun. Sie darf weinen, wenn wir trommeln und schweigen und lachen und schreien, weil es das Herz zerreißt. Bei all dem Schmerz erleben wir Momente des Glücks, weil wir heute einfach sein dürfen.

Langsam und sanft beginnen wir wieder zu trommeln. Lassen aus den dumpfen Tönen der Rituale von einst den Herzschlag von Mutter Erde werden und fühlen uns von ihr gehalten, wenn wir die Verletzungen betrauern.
Bom…
Bom…… Bom.