Erzähl dir deine Geschichte

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Die Abende sind lang und finster. In der Jahreszeit hängen viele schwierige Erinnerungen. Der beste Grund, um uns eine schöne Geschichte zu gönnen. Wir werden uns heute vorlesen und kindliche Momente gönnen, damit unsere Seelen wieder bei uns ankommen. Im Innen lodert bereits der imaginierte Kamin. In Decken gekuschelt hören wir uns gegenseitig zu und lauschen dem inneren Wissen.

Wir wünschen euch einen schönen Abend!

Man kennt sich…

Eine unserer Fähigkeiten ist es, relativ schnell sagen zu können, ob eine andere Person Traumatisierungen erlitten hat, wie weit diese reichen und ob sie multipel ist. Dafür müssen wir unser Gegenüber nicht kennen. Meist noch nicht einmal mit ihm sprechen. Es reicht, dass wir uns begegnen. Die Erkenntnis liegt auf einem stummen Präsentierteller vor uns.
Als wir noch in einer therapeutischen Einrichtung gearbeitet haben, haben wir unser Wissen manchmal dazu genutzt den BehandlerInnen einen Hinweis zu geben in Richtung Trauma zu denken, wenn Sie mit einer PatientIn einfach nicht voran kamen. Teilweise waren Sie ungläubig und schlossen eine Traumatisierung „in diesem Fall“ aus. Später führten Sie dann doch eine entsprechende Diagnostik durch und waren verblüfft, was sich dabei zeigte.
Andere Multiple berichten von ähnlichen Fähigkeiten. Man kennt sich irgendwie. Intuitiv.

Doch woher kommt das?

Neben dem, dass wir der festen Überzeugung sind, dass Menschen sich gegenseitig sehr gut spüren können, wenn Sie ein Bewusstsein dafür haben und wir durch unsere eigenen Erfahrungen mit Gewalt auch im Außen mit anderen Geschichten von Traumatisierung in Resonanz gehen, gibt es noch einen weiteren Grund.
Training.
Zunächst stellt es in organisierten Kreisen eine Überlebensnotwendigkeit dar, andere Menschen so schnell wie möglich einordnen zu können. Auch die Opfer.
Zudem lernen bereits Kinder Persönlichkeitssysteme zu durchblicken und zu kartieren. Wer später einmal ein guter Programmierer werden soll, dem dient es als Grundfähigkeit sämtliche Formen der Dissoziation blind einordnen und erkennen zu können. Dazu gehört die tiefe der Dissoziation ebenso, wie das System nach dem eine Person handelt. Stimmt die Dissoziationstiefe bei der Programmierungssituation nicht, fliegt einem später, wenn es schief läuft das gesamte System um die Ohren. Die Abspaltungen werden unkontrollierbar. Die Personen im Alltag auffällig. Das ist der „Worst Case“ für einen Programmierer.

Und wobei hilft die Fähigkeit nach dem Ausstieg?

Sie hilft sich selbst und die eigenen Dissoziationsstufen einzuordnen und verschafft einen Überblick über die eigenen inneren Grundmechanismen. Dazu kommt: Menschenkenntnis schadet nie. Wer sein Gegenüber schnell einordnen kann, ist auch in der Lage gut auf sich aufzupassen und Täter zu erkennen.

Erinnern mit Vorurteilen

Der Tee kommt dampfend heiß aus der Teemaschine. Sein Winterduft steigt mir in die Nase. Ich denke nach, wie in letzter Zeit so oft. Ich halte mir das Heißgetränk vor’s Gesicht und atme ein. Zimtig, fruchtiger Geschmack begleitet meine Gedankenreisen.
Warum ist es so schwer sich zu erinnern?
Klar war es Horror und natürlich greift die Dissoziation.
Aber da ist noch etwas.
Es ist die Informationsflut.
Oder besser eine Desinformationsflut!?
Zum Thema rituelle und organisierte Gewalt gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Büchern. Mutige Menschen haben sich getraut über ihre Erlebnisse zu sprechen. Traumatherapeuten waren gezwungen sich mit der Materie auseinander zu setzen und steuern ihre Erkenntnisse bei. Dabei ist das passiert, was immer passiert, wenn Menschen auf etwas unbekanntes, bedrohlich wirkendes stoßen: Sie versuchen es einzuordnen, ein Schema zu finden, Kontrolle über das Unaussprechliche zu erlangen. Bald gab es Klassifikationen und Beschreibungen der Erlebnisse rituell Missbrauchter. Therapeuten entwickelten Richtlinien für die Behandlung.
Was auf diesem Gebiet an Öffentlichkeitsarbeit geschehen ist, verdient Lob und Respekt. Wir selbst sind dankbar, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen gibt, die uns weiter helfen können. Aus diesen Ansätzen ist viel Gutes entstanden.

Die Krux dabei: Aus den wenigen Information die es gibt, wurden Gesetze.
Schlägt man die Bücher über rituellen Missbrauch auf, so finden sich fast immer satanistische Inszenierungen darin. Teilweise lässt sich der Eindruck gewinnen, als wäre die Gewaltform mir religiöser Ideologie, ausschließlich damit verknüpft. Doch auch ritueller Missbrauch hat viele Gesichter.
Für ein Opfer, das sich die Schreckensbilder im Kopf kaum glauben kann, werden die Informationen die es findet zur Falle, wenn es selbst ganz andere Eindrücke erlitten hat. Es passt nicht ins Klischee… Der Zweifel wächst. Ein Kreislauf, der schwerwiegende Folgen haben kann. Die Überlebende ist betroffen, aber anders und sie findet nicht den freien Raum die eigene Geschichte entdecken zu können, weil nicht selten auch Therapeuten eine feste Vorstellung davon haben, wie das Leben von rituell Misshandelten aussieht. Diese festen Vorstellungen machen es Betroffenen unglaublich schwer sich selbst zu finden und die eigenen Bilder ernst zu nehmen.
Das wiederum ist aber dringend notwendig für die Heilung und für die Erlangung von Sicherheit.
Erinnerungen gehen immer dann weiter und werden tiefer, wenn die offen liegende Schicht angenommen und zumindest anverdaut wurde. Erst jetzt wagen es die Innenleute mehr zu erzählen. Alles Andere führt zum Stillstand.

Wer beim Lesen von Berichten über Männer in schwarzen Kutten denkt: „So war es bei mir nicht. Also habe ich keine rituelle Gewalt erlebt“,irrt.
So gibt es rituelle Gewalt etwa sehr wohl auch im christlichen Kontext. Die Katholische Kirche beteiligt sich in Teilen ihrer Strukturen nicht minder an der Ausbeutung von Kindern.
Letztlich kann jede Weltanschauung benutzt werden.
Wenn Erinnerungen und Gefühle auftauchen, die auf rituelle Gewalt hindeuten, sollte man sich ernst nehmen. Dabei ist egal, wie sie aussehen. Es braucht nicht immer Kutten und mitternächtlichen Messen. Auch Misshandler in diesen Kreisen kommen manchmal einfach in Jeans daher.
Was dahinter steckt findet man nur heraus, wenn man offen betrachtet, was die Seele mitteilt.

Szenenwechsel

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Ich hänge fest.
In einer Welt voller Gedanken.
In einem Zwischenraum.
Irgendwo mitten in der Abrichtung von einst.
Im Milieu der Todespanik und Menschenverachtung.
Mein Zeigefinger scrollt durch alte E-Mails an eine Therapeutin, die wir wohl nie vergessen werden. Dort konnten wir sein.
Dann reiße ich mich los und mache mich auf in Richtung meiner alten Heimat.
Unterlagen von einer Bekannten abholen, etwas plaudern.
Die Kilometer schwinden unter meinem flitzenden Auto dahin bis zum Ziel.
Aus jedem gefahrenen Wegmeter werden Steine für eine Mauer.
Aus Watte und Nebel.
Dissoziation.
Je näher wir unserer alten Umgebung kommen, desto weniger spüre ich mich. Der Kontakt nach innen wird immer schwieriger. Ich beobachte mit Verwunderung die Wandlung, die sich in mir vollzieht.
Diesmal bemerke ich sie.
Irgendwann kurz vor der Ankunft findet der komplette Cut statt. Ich höre nichts mehr von den Stimmen der Vielen in mir, denen ich in neuer Umgebung so nah kommen durfte. Ich bin alleine.
Der Tag nimmt seinen Lauf.
Am Abend bin ich wieder zurück in unserem neuen zu Hause.
Meine Katzen begrüßen mich schnurrend.
Es war anstrengend.
Als die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fällt, fällt die Anspannung ab.
Ich beginne meine Eindrücke aufzuschreiben, um wieder bei mir selbst anzukommen. Stück für Stück schwinden die Schleier. Im Innen wird ein vorsichtiges Regen wahrnehmbar. Zarte Stimmen.
Erleichterung.

Was sagt mir das?
Was bedeutet das für uns?
Als ich vor vielen Jahren aus meinem Elternhaus floh und eine eigene Wohnung etwa eine halbe Stunde entfernt bezog, wusste ich, dass es schwierig werden würde, äußere Ruhe von Täterseite herzustellen. Es gelang irgendwann mit viel Mühe und Hilfe die Zugriffe und Übergriffe auf mich zu beenden. Ich behauptete in der Therapie steif und fest, dass ein Ortswechsel nicht nötig und gewünscht sei. Damit könne ich umgehen. Schließlich gehe es ja um die Vorfälle die passiert sind. Die Region sei da Nebensache. Das dachte ich damals wirklich. Ich spürte auch nicht, dass es irgendwie ein Problem war, noch so nah zu sein. Ich konnte mich in dem Ort in dem ich aufwuchs bewegen und völlig ausblenden, dass unweit Täter wohnen. Ich war mir sicher, dass ich eine der wenigen Menschen mit einer derartigen Geschichte sein werde, bei denen ein Umzug in eine weit entfernte Stadt nicht notwendig ist.
Nun kam es aus anderen Gründen dennoch dazu und ich bemerke zum ersten Mal, wie viel das in mir macht. Zu wie vielen Dingen in mir ich plötzlich Zugang bekomme, je länger ich vom alten Wohnort weg bin. Wie mein Innen in der Beratung Gesprächsbereit wird und mutig langsam seine Mauern abbaut. Wie ich mich plötzlich an Dinge erinnern kann, die so verborgen waren und nun ganz klar vor mir liegen.
Und ich merke auf den Fahrten, die mich derzeit noch hin und wieder zurück in die alte Region führen, wie verdammt dissoziativ ich sein muss, dass ich die Umgebung auch nur ansatzweise ertrage. Mein gesamtes Persönlichkeitssystem verändert sich in den Stunden der Fahrzeit zurück in die Horrorzone. Ich fange an immer weniger ich zu sein und immer mehr die Hülle, die die Täter von mir verlangen.
Bis ich mich zurückverwandle. Auf dem Heimweg.
Zu einem Menschen in dem viele Lebensretter wohnen und aufatmen.
Es wird noch ein paar Tage dauern, bis das Gefühl der Sicherheit wieder durchsickern kann.

Manchmal bemerkt man ein Problem erst dann, wenn es eine Lösung gibt. Bis dahin weiß man ja gar nicht, dass es anders laufen könnte. Man blendet Probleme aus, um sich Boden unter den Füßen vorzugaukeln. Wenn der Boden dann wirklich da ist, erkennt man den Abgrund hinter sich.

Advent mit 52 Zähnen

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Leise rieseln die Schneeflocken am ersten Advent zu Boden.
In meiner Wohnung ist es warm. Mich friert dennoch.
Mit einer Tasse Tee ziehe ich mich zurück und schaue in Gedanken auf die letzte Woche. Auf der Heizung glühe ich einstweilen ein Shirt vor, dass ich mir überziehen kann.
Ich habe in den letzten Tagen neue Dinge gelernt. Mit Freude und viel Verzweiflung. Am Ende war meine Arbeit nicht perfekt, ich wusste aber, wen ich Fragen konnte, um sie zu perfektionieren. Also doch perfekt!?
Ich puste in den Tee und beobachte, wie mein Atem über die Wellen bis an den Tassenrand stolpert. „Butterkekse haben 52 Zähne“, flüstert mir ein Innenkind den Werbeslogan zu, als ich gerade von einem abbeißen will. Ich zähle nach. Auf 52 komm ich nicht. Letztlich ist mir das egal. Wichtig ist: Ich habe sie gehört, diese Stimme in mir.

Eigentlich eignet sich der Advent als besinnliche Zeit dem Innen öfter zu lauschen. Uneigentlich gibt es Tage, an denen ich ungern zuhöre, weil es in mir dann so brüchig knackt. Es ist, als könnte ich mein Herz noch einmal splittern hören.
Vor ein paar Tagen erst schlug ich die Zeitung auf. In den ersten Seiten war ein großer Artikel von der Verurteilung eines Täters eingebettet, der sich kleine Mädchen und Videos von Vergewaltigungen in der organisierten Kriminalität gekauft hat. Es ist der Mann über den ich vor rund zehn Jahren in meiner Therapie sprach, weil ich ähnliche Bilder im Kopf hatte. Zweieinhalb Jahre. Welcher Hohn. Die unerwartete Bestätigung ist traurig und scheußlich schmerzhaft.

Während in den nächsten vier Wochen Besinnlichkeitskerzen des schönen Scheins über die Probleme der Welt gemalt werden, findet die Lautheit der Verbrechen an mir in dieser Zeit ihren schweigenden Ausdruck. Wie von der Alraune betäubt würden die Menschen neben mir zu Boden sinken, wenn sie die Schreie in jeder meiner lebenden Zellen hören könnten. Stattdessen lieben sie mein Lächeln.

Der Advent lädt uns ein still zu werden. Wir haben uns selbst dazu eingeladen ein Stück von uns selbst zu finden. Es ist Zeit.

Euch Mitlesern wünschen wir von ganzem Herzen ruhige und besinnliche Adventswochen, 
mit den Pflastern der Stille die euere Wunden brauchen, um heil zu werden.

Stecknadelstille

Ich sitze in der Stille und bin dankbar für das selten kostbare Gut. Im Innen fällt eine Stecknadel zu Boden und bleibt klirrend neben dem Messer im Herzen liegen. Vor dem Fenster nimmt der Mond zu. Beim Atmen schwinden meine Kräfte. Ein Gedanke dreht vorsichtig am Messerknauf. „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ Es waren nur dunkle Jeans mit einem Gürtel. Die offene Schnalle entführte mich in ein blutiges Szenario. Dolche zwischen Hüften. Erst im Mund und dann im Herz. zwischen den Lebensbildern pocht die Verzweiflung. „Es hat dich eingeholt, Sofie.“ Während ich Leichenteile zusammensammle, wo Andere sich selbst finden, singe ich mein persönliches Abschiedslied von der Illusion eines normalen Berufsalltages. Diese Welt ist nicht für Überlebende gemacht. Ich werde mir meine Welt basteln müssen.

Samhain-Trommeln

Dumpf dröhnen die Trommelschläge in meinem Kopf nach. Vom entspannenden Rhythmus ist eine tranceartige Schwere geblieben. Draußen am grauen Himmel ziehen die Wolken vorbei bis sich die Sonnenstrahlen durchs dichte Grau quetschen. Mein blauer Filzschlegel klopft zart gegen das gespannte Leder. „Mystisch ist die Zeit und die Schleier dünn“, denke ich bei mir. Längst habe ich einen eigenen Glauben mit eigenen Ritualen. Ich freue mich darauf, mir in den nächsten Tagen bewusst Zeit zu nehmen liebe Seelen aus einer ganz anderen Welt zu treffen. In meinem Herz zu sein.

Und was ist mit damals? Was ist mit dem Leid? Ist alles einfach vorbei und wieder gut?
Nein, das ist es nicht. Unsere Seele trauert. Unsere Seele weiß wie sehr die Zeit besetzt ist. In unseren Gliedern steckt Schreck und Müdigkeit. Aber sie hat Platz in unserem Tun. Sie darf weinen, wenn wir trommeln und schweigen und lachen und schreien, weil es das Herz zerreißt. Bei all dem Schmerz erleben wir Momente des Glücks, weil wir heute einfach sein dürfen.

Langsam und sanft beginnen wir wieder zu trommeln. Lassen aus den dumpfen Tönen der Rituale von einst den Herzschlag von Mutter Erde werden und fühlen uns von ihr gehalten, wenn wir die Verletzungen betrauern.
Bom…
Bom…… Bom.

Dünnhäutig

Ich falte ein Stück Papier.
Erst in der Mitte. Dann nochmal in die andere Richtung.
Öffnen.
Linke Ecke zur Mittellinie. Rechte Ecke zur Mittellinie.
Einmal. Zweimal. Dreimal.
Meine Finger bewegen sich mit nervöser Genauigkeit.
Mich fröstelt.
Ich bekomme Gänsehaut
und ein heißes Gesicht.
Der Spannungsbogen der Situation läuft darauf zu, dass sich ein Papierflieger in die Lüfte erhebt.
Äußerlich.
Innerlich kämpfen wir damit, dass uns ein hartnäckiges Ekzem im Intimbereich den letzten Nerv raubt.
Es juckt. Es schmerzt. Es brennt.
Kurz: Es kann alles, was ein richtig guter Trigger an dieser Stelle können muss.
Jackpot dabei: Kein Arzt weiß, weshalb es überhaupt da ist.
Keine Therapie schlägt wirklich an.
Die nässend geschwollenen Stellen haben keinen Namen.
Kein Pilz. Kein Bakterium. Kein Nichts.
Dennoch ist die Frau in uns löchrig dünnhäutig.
Wundflüssigkeit läuft wie Tränen über die Schamlippen.
Und nun?
Es ist, als schrien sämtliche meiner Hautzellen: „Ich möchte nie wieder angefasst werden! Schon gar nicht dort!“
Gleichzeitig lösen sich unsere (Haut-)Grenzen auf.
Eine innere Gewissheit tut sich auf, dass dieser Bereich erst dann wieder heilen wird, wenn eine bestimmte Innenperson Beachtung findet. Wenn ein Stück Erfahrung heilt. Aber wie? Der Zugang fehlt.

Hey du,
Kind voller Tränen.
Lass uns wachsen. Gemeinsam. Zur Frau.
Zur Überlebenden.
Mit Grenzen.

Studie zur Aufarbeitung ritueller Gewalt

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Die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ hat auf ihrer Internetseite eine Befragung eingerichtet um das Vorkommen von ritueller Gewalt und die spezifischen Hilfsangebote näher zu beleuchten. Geleitet wird die Studie von Prof. Dr. Peer Briken. Im Internet stehen zwei Online-Fragebögen für Betroffene und Therapeuten zur Verfügung. Die Teilnahme kann anonym durchgeführt werden. Ziel ist es unter anderem auf Basis der Ergebnisse eine größere Anerkennung der Thematik in Gesellschaft und Therapeuthenkreisen zu schaffen.
Eine Beschreibung der Studie und den Link zu den Fragebögen findet man hier.

Die Beantwortung der Fragen dauert ca. 45 Minuten. Pausen sind währenddessen leider nicht möglich. Wer mehr Zeit benötigt, kann sich die Fragen aber vorab als PDF-Datei ansehen. Neben direkten Fragen zu Art und Umfang der erlebten Gewalt, geht es darin auch um die Bewertung der bislang wahrgenommenen medizinischen oder psychotherapeutischen Angebote. Studienmitarbeiter sind bei einer eventuell durch die Fragen ausgelösten Krise erreichbar. Es wird aber ausdrücklich drauf hingewiesen, dass man nur bei ausreichender Stabilität mit der Beantwortung des Bogens beginnen sollte.

Wir finden es gut, wenn offizielle Stellen sich mit der Thematik auseinandersetzen und dadurch mehr Anerkennung von ritueller Gewalt und ihren Folgen entsteht. Was das Studienergebnis sein wird und ob es letztlich im Sinne der Betroffenen ausfällt, ist noch ungewiss. Dennoch finden wir den Grundgedanken unterstützenswert und sehen darin die Chance mit unserer Geschichte und den Folgen gehört zu werden.

Traum vom Trauma

Ich wache auf, weil jemand meine Hand auf sein steifes Geschlechtsteil drückt und sie dort bewegt. Meine Handflächen spüren die Details. Die Augen zu öffnen und damit dem Täter deutlich zu machen, dass ich nicht mehr schlafe, wage ich nicht. Die Szenerie setzt sich fort, bis er irgendwann auf mir liegt. Die Vergewaltigung ist absehbar. Ich halte mich still und scheinschlafend. Die Angst ansonsten umgebracht zu werden, ist zu groß. Im Kopf rasen die Gedanken auf der Suche nach einer Lösung, wie ich entkommen könnte.

Irgendwann wache ich wirklich auf. Der Alptraum lässt mich für den Moment reglos und verwirrt im Bett liegen. Ich blicke mich um. Ich bin allein. Langsam gewinne ich Fassung. Es ist Jahre her.

Heute war es nur ein Traum.
Aber auch mehr als das.
Es ist Erinnerung.

Halbschlaf und traumabedingte Dissoziation sind oft nahezu Todesurteile für jedes Erinnerungsvermögen. Zumindest stimmt das für uns. Wir erklären uns das so: Durch den Schlaf besteht schon vor der Traumasituation kein waches Bewusstsein, mit dem man speichern könnte. Der „Traumcharakter“, den Dissoziation vermittelt, lässt sich nicht oder noch schlechter hinterfragen oder einordnen, wenn man ohnehin gerade „träumt“. Wenn überhaupt etwas blieb, war es oft Verwirrtheit: War ich wach oder hab ich geträumt oder was war das heute Nacht!? Manchmal auch ein komisches Gefühl oder ein ziehender Schmerz im Unterleib, der schnell wegrationalisiert war… Am anderen Morgen wach zu werden und einfach gar nichts mehr zu davon zu wissen, war aber ebenso häufig der Fall. Ein bisschen viel Watte vielleicht, dumpfe unreale Wolke am folgenden Tag. „Irgendetwas ist nicht gut, aber was?“

Meine Erinnerungen an Situationen in denen ich im Schlaf missbraucht wurde, kommen hin und wieder im Traumschlaf zurück. Manchmal nicht eins zu eins, sondern mit anderen Traumelementen vermischt.

Manche Träume sind Träume.
Andere sind Wirklichkeit, die sich im Traum zeigt.
Nicht jeder Traum ist Phantasie, nur weil das Geschehen dem Bewusstsein zu surreal erscheint, um wirklich zu sein.
Träume sind Tore zum Bewusstsein.
Im Schlaf öffnen sich die Schlösser.
Die gequälte Seele kehrt im Traum zurück.