Gewichtige Abendgedanken

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Es regnet. Draußen höre ich die Regentropfen auf die Balkonbretter klopfen. Eigentlich ist es ein sanfter Schauer. Dennoch klingen manche Aufplatscher hart. Die Luft ist angenehm zu atmen. Feuchte Kühle schleicht sich in mein Zimmer. Ich schaue unter der Bananenpalme zur Tür hinaus. Würde mir nicht das Dach fehlen, säße ich jetzt gerne auf der Terasse. Nebenbei bemerke ich, dass es finsterer ist, als mir lieb ist. Immerhin ist Sommer. Da mag ich es nicht, wenn es um neun Uhr schon dunkelt. Um jetzt noch etwas zu arbeiten bräuchte ich Licht. Allerdings möchte ich nicht, dass 1738 Mücken sofort laut „Gefällt mir“ schreien und mich besuchen kommen. Also lasse ich das und beschließe den Rest des Abends maximal lichtreduziert zu verbringen.
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Urwaldtauchzug zu eigenen Pfaden

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Ein heißer Anstrengender Tag geht zu Ende. Wir waren Schwimmen, haben einen Kaffee mit einer Bekannten getrunken und uns soweit ganz gut geschlagen. Der Schrittzähler zeigt rund 3000 Schritte. Dennoch frage ich mich, ob sie uns wirklich vorwärts gebracht haben. Wir sind auf dem besten Weg wieder in das Hamsterrad einzusteigen und rundzulaufen. Der Funktionsmodus ist zurück. Nun könnten wir uns ja über die Rückkehr von „Normalität“ freuen und tun es ein Stück weit auch. Andererseits sind wir uns selbst so fern wie lange nicht. Ich fühle, dass ich nichts fühle. Wie eine leere, fahle Hülle spüre ich gerade noch so viel, dass ich mich ausreichend emphatisch und alltagstauglich verhalten kann. Wie einem Roboter fehlt mir allerdings der Bezug zu mir selbst und den anderen Innens. Die Erfahrung zeigt – das ist eine explosive Konstellation. Früher oder später sucht sich das Trauma den Weg an die Oberfläche und dann knallt es so richtig. Wenn ich jetzt wüsste, wo der Schalter für ein Mittelmaß aus beiden Welten liegt…!?

Wir sitzen auf dem Balkon und blicken in die Sterne. Manchmal würden wir gerne danach greifen. Ich gönne mir eine kurze Traumzeit. Im Geiste bewandere ich die tiefsten Urwälder, die höchsten Berge und tauche durch die Weite von Seen und Meeren. Immer Schritt für Schritt und so, wie es die Umgebung eben zulässt. Bestimmt nun die Umgebung meinen Weg oder bestimme ich ihn frei selbst? Oder lege ich den Weg im Rahmen meiner Möglichkeiten fest, wie es die Umgebung zulässt? Die Gedanken gefallen mir nicht. Nie bin ich völlig frei von äußeren Einflüssen. Da ist nie ein „Nur ich selbst“-Sein. Irgendwie beängstigend. In der Phantasie bestimme ich einfach die Umgebung mit. Das ist einfacher, weil ich sie mit einem einzigen Gedanken meinen Bedürfnissen anpasse. Im Alltag ist das in dieser Form nur sehr begrenzt möglich. Schade eigentlich.

Nachdenklich schaue ich auf das Foto dieses Beitrages, das mir gerade in die Hände gefallen ist. Stufe für Stufe im Rhythmus der Natur. Mein Herz mag die Symbiose von Weg und Wald. Das Moos polstert. Ohne die Umgebung wäre der Pfad wohl kaum so schön geworden. Das lässt ein bisschen Hoffnung wachsen. Mit einer inneren Feder male ich Blumen in mein Leben. Ein bisschen freundlicher wirkt es dadurch. Aus dem Schwarz steigen die Bilder. Sie verbinden sich zu einem bunten Strauß. „Dieses Leben beruht auf einer wahren Geschichte“ und der passende Weg wächst mit dem Menschen, der es lebt.

Scham und ihre Opfer

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Scham ist die Angst davor nicht mehr Beziehungswürdig zu sein.
Im Grunde ist sie nichts anderes, als die Furcht vor dem Verlust von lebenswichtigen Bindungen. Wer Scham einmal gefühlt hat, weiß, wie vernichtend sie sein kann. Sie radiert mit unerträglichem Schmerz die Erlaubnis zur eigenen Existenz aus. Kaum ein Opfer von Gewalt kennt sie nicht. Betroffene schämen sich für das, was ihnen zugestoßen ist. Ihre Scham lässt sie unter der Angst leiden, den Kontakt mit anderen Menschen aufgrund der Übergriffe nicht wert zu sein.
Gleichzeitig stellt Scham der Gesellschaft ein Armutszeugnis aus. Sie hat verfehlt den Grundsatz „Die würde des Menschen ist unantastbar“ so zu leben, dass die Opfer von Straftaten sich ihrer menschlichen Daseinsberechtigung sicher sein können. Hingegen gelten sie oft als beschmutzt, kaputt, zerbrochen und nicht mehr normal lebensfähig. Das Opfer hat eine Beschädigung davongetragen. Dem Täter spricht man seine Ganzheit nicht ab. Im Gegenteil. Er war eben frustriert, konnte es nicht anders, hatte eine schlechte Kindheit und wird das doch bestimmt nicht wieder tun. Es ist, als bliebe all sein Dreck am Opfer haften.
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Pfingstmontagabend

Gerade habe ich die kleine Leselampe angeknipst. Zwar ist es noch einigermaßen hell draußen, aber mir ist nach dem bisschen zusätzlichen Lichtschein auf dem Papier. Außerdem ist die Atmosphäre so irgendwie gemütlicher. Was ich in diesem Moment noch gar nicht ahne: Die anschließende Zeit wird sprunghaft vergehen. So, als wäre der Zeiger einer Uhr am Ziffernblatt hängen geblieben und hätte anschließend dafür einen großen Sprung nach vorne gemacht. Meine Uhr geht nicht gemütlich im Kreis. Sie hüpft, scheppert, schleicht oder rast ab und an. Heute setze ich mitten in der Nacht wieder in der Realität auf. Im dunklen Zimmer starre ich in das grelle Licht der Nachttischlampe. Die Küchenuhr tickt bedrohlich.

Ich rekonstruiere, was sich rekonstruieren lässt. Immerhin kann ich am Ende feststellen, dass wir die Wohnung nicht verlassen haben und sicher waren. Der Kopf pocht. Wir haben gegessen, gebadet, telefoniert und mit Erinnerungen gekämpft. „Was für ein scheiß Tag“, denke ich. Mein Körper zittert zwischen Wut auf die Täter und Überforderung. Wir beschließen für heute einfach die Decke über den Kopf zu ziehen und die Nacht so ruhig wie möglich zu durchstehen.

Es gibt Tage da sind die alten Bilder näher, als uns lieb ist.

Was ist rituelle Gewalt?

Die liebe Alenka hat uns in den Kommentaren zum letzten Beitrag folgende Fragen gestellt:

Was ich mich frage, aber eigentlich nie zu fragen traute, war, worum es bei ritualisierter Gewalt wirklich geht. Geht es überhaupt um Rituale, und wenn ja, was sollen diese bewirken? Sind Rituale nicht lediglich ein Vorwand, um Gewalt ausüben zu können? Ihr müsst mir diese Frage natürlich nicht beantworten. Ich wollte sie nur mal aussprechen, weil sie in meinem Kopf herum spukt. LG!

Auf unserem Blog gibt es grundsätzlich keine Triggerwarnungen. An dieser Stelle wollen wir dennoch darauf aufmerksam machen, beim Lesen dieses Artikels gut auf sich zu achten.
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Schmerzwellen

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Ich sitze auf meinem Bett und schreie.
Laut.
So laut ich kann.
Der Schmerz verhallt in Stille.
Meine Beine verharren taub.
Körper und Kopf sind durchflutet vom alten Grauen.
Irgendwann werde ich müde.
Mit Tränen in den Augen schlafe ich ein.

Mit komischen Zwängen und traurig dumpfen Gedanken wache ich auf.
Wir kämpfen.
Gegen die Selbstzerstörung.
In dichter Watte kreisen unsere Gedanken.
Irgendwie möchte ich schreiben und andererseits bin ich kaum auf dieser Welt.

Noch immer ist es das Ausmaß der Gewalt, das mich förmlich erschlägt.
Und in all dem Nachspüren, weshalb die Situation gerade so ist, wie sie ist und wo der Auslöser liegt, wird mir plötzlich klar, dass ich den ersten Mai ganz vergessen habe.

Die Bedeutung der Diagnostik von dissoziativen Traumafolgen – Eine persönliche Sicht

Im Grunde können wir es kurz machen: Solange keine Diagnose der passenden dissoziativen Störung erfolgt, gibt es keine erfolgreiche Behandlung.
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Glauben als Entscheidungsfrage

In den letzten Tagen haben wir viel über das Thema des sich selbst glaubens nachgedacht. Begonnen hat alles mit einer sehr intensiven Therapiestunde. Wir arbeiteten daran eine Erinnerung zusammen zu setzen. Mittlerweile kennen wir uns gut genug, dass wir wissen, dass die Zweifel bzw. ein starkes Hinterfragen immer zeitgleich mit intensiver Innenarbeiten auftauchen. Der Umstand beeinträchtigt uns nicht mehr derart stark, als er das am Anfang unserer Therapie tat. Damals war dadurch nicht nur keine Innenarbeiten möglich, sondern oft genug auch unser Leben durch Suizidgedanken bedroht, weil wir miesen Lügner bestimmt kein Leben verdient hätten. Nach langer Auseinandersetzung lag der entscheidende Durchbruch in einem Kompromiss. Wir wollten gemeinsam neutral auf die Bilder und Gefühle in unserem Kopf schauen, ohne sie als wahr oder unwahr zu bewerten. Das konnten die Leute, deren Job es war um unser Leben zu zweifeln, mittragen. Von dem Zeitpunkt an konnten wir in der Therapie anfangen über unsere inneren Vorgänge zu sprechen, ohne derart heftige Folgen aus Zweifelgründen zu bekommen. Die Glaubensfragen klopften zwar immer wieder an, aber ohne das extreme Ausmaß.

Gestern war etwas neu. Ich sprach über die Teile einer Erinnerung, die ich wusste und darüber, dass es darin eine Stelle gibt, an der das „Filmbild“ wie bei einem unsauberen Schnitt springt. Ich sprach über die Angst, nicht mehr in die Situation hineininterpretieren zu wollen, als wirklich war, aber dass die Stelle nun mal nicht ganz rund ist. Da können wenige Sekunden fehlen, Minuten oder Stunden, aber irgendetwas fehlt.
Und dann spürte ich das kleine Mädchen, das damals betroffen war. Es war schrecklich alleine und extrem verwirrt und ich saß da und bemühte mich die neutrale Position zu halten, um überhaupt tiefer hinschauen zu können, ohne dass in meinem Kopf Chaos ausbrach. Dann schwabbte mich ihre Gefühlsflut weg. Wir saßen vor unserer Therapeutin und schluchzten tränenüberströmt. Nach einiger Zeit sagte ich heiser: „Vielleicht wollen wir uns auch einfach glauben! Sie hat doch sonst niemanden. Wir können uns doch nicht auch noch selbst im Stich lassen. Wir wollen uns einfach dafür entscheiden.“ Dann legte ich den Arm um das kleine gequälte Mädchen.
Seitdem ist innen etwas anders. Immer wieder nehme ich das Kind in den Arm und versuche da zu sein. Weil ich es so möchte. Weil wir ihr glauben wollen. Weil es sowas von unfair wäre diesem Leid mit Neutralität zu begegnen.

Mir ist darüber etwas bewusst geworden. In das Thema „Glauben“ spielen sicher mehrere Bereiche hinein. Wir machen viel von der direkten Faktenlage abhängig, ermitteln oft unerbittlicher in uns, als jede Polizei es je tun könnte und machen es uns nicht leicht unsere Wahrheit zu erkunden. Letztlich gibt es aber einen Punkt, an dem muss man sich einfach entscheiden. Dabei ist die Faktenlage zweitrangig. Da geht es nur um die innere Grundhaltung, die man einnehmen möchte. Das ist genau so, wie andere Menschen sich dafür oder dagegen entscheiden Opfern von diesen Taten zu glauben oder auch nicht. Ich muss einen Standpunkt dazu beziehen, ob ich mich verlassen will oder an meiner Seite bleiben. Wir müssen das. In Anbetracht des Leides, das sich jeden Tag vor unseren inneren Augen abspielt, bleiben wir.

Wir glauben uns, weil wir es so wollen!

Alltagsstruktur mit DIS

Bunte Sterne haben uns in den Kommentaren von „Ein Beitrag für euere Fragen“ zu dem Thema „Alltag“ und „Alltagsorganisation“ mit DIS angeregt.

Liebe Sofie,

ich finde das eine sehr schöne Idee 🙂
Mich würde interessieren wie ihr euren Alltag organisiert. Habt ihr eine gute Regelung dafür gefunden, dass jeder seinen Interessen nachgehen kann, aber auch die Pflichten des Alltags nicht zu kurz kommen? Wie geht ihr damit um, dass einige sehr viele Fähigkeiten haben, aber andere noch im vergangenen Erleben stecken?

Liebe Grüße
Bunte Sterne

Hier geht es weiter zu unseren Alltagseinblicken→

Bullet-Journal-itis

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Die Sonrisas vom Distanzblog haben uns angesteckt. 😊
Sie haben auf ihrem Blog verschiedene Ideen zur Gestaltung eines Notizbuches für Menschen mit Traumafolgestörungen und DIS eingestellt.
Interessierte finden die wirklich tollen Entwürfe hier:
„Organisation für komplexe Traumafolgestörungen 1“
„Organisation für komplexe Traumafolgestörungen 2“
„Organisation für komplexe Traumafolgestörungen 3“
• Unter den passwortgeschützten Beiträgen sind auch noch Anregungen dabei.

Da wir so begeistert waren, haben wir uns mittlerweile auch ein kleines Büchlein besorgt und angefangen darin zu schreiben. Bislang haben wir auf den klassischen Kalender und die Wochenübersichten verzichtet. Wir freuen uns einfach, wenn wir auf diese Weise mehr miteinander ins Gespräch kommen. Die lästigen Termine tragen wir in einen separaten Kalender ein, um sie nicht zum Hemmnis werden zu lassen, das Journal zur Hand zu nehmen. Gestern haben wir wichtiges für unsere Therapie darin festgehalten. Heute kam die Seite für schöne Momente dazu. Bei den „Happy Moments“ wollen wir kleine Glücksmomente festhalten. „Zeit für uns“ bietet den Wortraum uns bewusst mit unserem für Innen zu beschäftigen, gemeinsam ein Buch zu lesen oder etwas anderes zu unternehmen.

Wir sind gespannt, was sich im Laufe der Zeit noch so ergibt.
Vielen Dank liebe Sonrisas für diese Anregung! ❤️