Das erwachsene, „frühreife“ Mädchen – meine Zeit im organisierten Verbrechen und Gedanken zu „elitären Kreisen“

Ich starre gedankenversunken aus dem Fenster. Immer wieder spiele ich meine Lebenszüge auf einem inneren Schachbrett durch. Wie steht wohl das Spiel? Bin ich dabei zu gewinnen oder habe ich eine Position des Gegners übersehen, die mich in Kürze platt macht.

Mein Ausstieg aus dem organisierten Verbrechen liegt nicht hinter mir. Er ist ein anhaltendes Lebensgefühl. Bei jedem neuen Schritt, denke ich das Täternetzwerk mit. Das „frühreife Mädchen“ ist erwachsen geworden. Eine junge Frau. Doch sie hält die angefolterte Struktur ihrer Kindheit gefangen: funktionieren, planen, taktisch vorgehen, Rollenverteilung, Hierarchien, Züge und Gegenzüge.

„Frühreif“ sei sie als Kind gewesen. „Ungewöhnlich erwachsen für ihr Alter“. Doch trotz des schweren sexuellen Missbrauchs und der extremen Gewalt, hatte die „Frühreife“ nur am Rande mit Sexualität zu tun. Oftmals ging es in geplanten Operationen mit einflussreichen Menschen um etwas ganz anderes.

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Geschenke als Mittel der Entwürdigung – wie Gaben in Gewaltkontexten zu Machtinstrument und Waffe werden

Steif stehe ich da und blicke auf meine kleine Kinderhand. Sie umschließt Markstücke und Pfennige, die mir mein Onkel soeben mit viel Kraft in die Hand gedrückt hat. Dann verschwand er aus der Tür. Gerade noch ist er mit einem Sturm der gewaltvollen Vernichtung über mich hinweggefegt, der mir noch Jahrzehnte später Tränen in die Augen treiben wird. Ich fühle mich leer und ausgelöscht. Messerscharf hat er mit seinen Worten meine gesamte kindliche Würde aus mir entfernt. „Wer will schon so sein und so aussehen wie du!?“, hallen seine Worte in mir nach. Nun bin ich in der Küche meiner Großeltern stehen gelassen. Was ich mit dem Geld soll, weiß ich in dem Alter noch gar nicht. In mir brennt nur der wahnsinnige Schmerz, den ich schlucken muss. Ich bin unerträglich und für alle eine Zumutung, also muss ich mich wenigstens anstrengen. Lächeln. Nicht weinen. Niemanden belasten. Mich fassen. Vielleicht umklammere ich das Geld deswegen so sehr und starre in meiner Verzweiflung darauf, weil ich hoffe, dass es mir sagt, wie das ganz leicht geht. Mein Onkel scheint sich damit von seinen Entgleisungen zumindest frei gekauft zu haben. Denn von dem Zeitpunkt der Übergabe an, tun alle so, als wäre nie etwas geschehen. Nur ich, ich stehe da: Allein, verwirrt, entwürdigt, leer, bezahlt dafür, jetzt ganz normal mit Alltag weiter zu machen, zu schweigen und mir von der soeben erlittenen Gewalt nichts anmerken zu lassen.

Mehr als dreißig Jahre später sitze ich in meiner Therapiestunde und weine Rotz und Wasser. In mir reihen sich die Bilder aneinander, in denen mir Geschenke gemacht wurden – um mich zu entwürdigen.

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Die Namen der Peiniger

Es ist Nacht. Ich bin wach. Mein Körper sucht Ruhe und hat doch Angst vor dem Schlaf. „Am Anfang war das Wort“, denke ich. Es gibt Worte, die werden zu selten ausgesprochen. Dazu gehören die Namen der Peiniger. Mein Wort hatte bereits einen Anfang. Vor mehr als 10 Jahren haben wir angefangen hier über unsere Geschichte zu schreiben. An unterschiedlichen Stellen haben wir in der Zwischenzeit Zeugnis von der erlittenen Folter abgelegt – zum Teil sehr detailliert. Doch eine Sache fehlt in der öffentlichen Auseinandersetzung weitestgehend: Konkrete Angaben zu den Tätern. Es gibt sie. Sie sind da. Doch ihr Stuhl steht leer im Raum. Unbesetzt. Als Platzhalter und Mahnmal. Sie teilen ihn sich. Denn obwohl sie viele sind, wird er nie gebraucht. Ihr gemeinsames Reservierungsschild: „Täter.“

Warum benennen wir nicht?

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