Zugfahrt zu meinen Tönen

Wir sitzen im Zug.
Hinter uns macht ein Kind rabatz. Als ob mein Kopf nicht schon voll genug wäre, bringt es mit seinen Quengeleien mein Synapsensystem zum Überlaufen. Ich habe nichts gegen das Kind an sich, nur gegen das, was es auslöst. Ich möchte weg und kann nicht. Die Bahn ist voll. Mein Ziel lässt auf sich warten. Früher als gedacht löst sich unvermittelt zumindest das äußere Problem. Die Familie ist angekommen und steigt einige Stationen vor mir aus.
Während mir die Sonne auf’s Gesicht scheint, bin ich damit beschäftigt, mich selbst zu halten, um nicht an der Kinderstimme zu zerbrechen. Die Triggerbilder rasen durch meinen Kopf. Alte Verletzungen treiben mir stille Tränen in die Augen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich in der Regel öffentliche Verkehrsmittel meide. Zu viele Menschen mit zu hohem Triggerpotenzial. In meinem Auto bin ich kuschelig mit mir alleine. Da kommt mir keiner dumm, niemand quetscht sich neben mich und die Kontakte auf dem Weg bleiben berechenbar. Heute wollten wir es mit dem Zug versuchen, weil es an sich praktischer gewesen wäre – theoretisch.

Wir versuchen aus den weiten Gedankenschleifen zurück zu unserem eigentlichen Ziel zu kommen. Darauf haben wir uns schon am Morgen gefreut. Noch einmal mit der S-Bahn umsteigen, dann sind wir da.
Wir gehen singen.
Eine Stunde mit einer Lehrerin haben wir uns lange nicht gegönnt. Unsere Seele mag es Töne zu finden und Klänge zu bauen und atmend den Emotionen Stimme zu geben. Die Arbeit mit unserem Lautorgan eröffnet uns neue Räume. Manchmal haben wir in den Gesangstunden lange feststeckende Tränen geweint. Sie liefen einfach, während wir uns sanft bewegten und dehnten, um Resonanzräume zu schaffen. Wir sind gespannt, wie es heute sein wird. Ein Neuanfang nach Jahren.

Ein paar schöne Gedanken weiter, singt unsere Seele wieder in Dur statt Moll. Wir steigen aus und laufen die letzten Meter zum Ziel.
Trotz bitterer Winterkälte begleiten uns Sonnenstrahlen.
„Let the Sunshine in…“

DIS und der Beginn der Gewalt

Zu dem Beitrag „DDNOS und Programmierung“  gab es jede Menge Kommentare, die teilweise auch in andere spannende Themenbereiche führten.
Wir möchten heute nochmal die Wortmeldungen um die Entwicklung einer DIS und den Beginn der Gewalt herausgreifen. So sind sie leichter zu finden und etwas sortierter. An einigen Stellen habe ich des Umfanges wegen deutlich gekürzt. Wer sich genauer dafür interessiert findet die original Kommentare unter dem eingangs verlinkten Beitrag.

Angefangen hat alles mit unserer Aussage:
„Eine DIS entsteht nur bei Traumatisierungen vor dem fünften Lebensjahr. Danach kann „nur“ noch eine DDNOS entstehen. Sollte die Traumatisierung also erst mit 6 oder 7 Jahren begonnen haben ist eine DIS als Traumafolge nicht möglich.“
Da ahnten wir noch nicht, dass wir damit eine Diskussion lostreten würden. Für uns war es ein Fakt aus Erfahrung und irgendwie gingen wir davon aus, dass das auch die Fachwelt so sieht.

Der Bunte Ring stellte daraufhin sein Wissen darum gegenüber:
Laut Huber heißt es:
„Als auslösenden Faktor findet man bei über 95 Prozent aller DIS-PatientInnen eine Geschichte schwerer, langanhaltender frühkindlicher Traumatisierung in Form von sexuellem, physischem, psychischem und rituellem Missbrauch vor allem im Elternhaus, der _zumeist_ schon _vor dem fünften_ Lebensjahr begonnen hat.“

Dagmar Eckers erklärte in einem Referat beim Institut für Traumatherapie Oliver Schubbe:
„Ein kleines Kind verfügt noch nicht über Kampf-Flucht-Reaktionen, somit erhöht sich das Risiko einer Dissoziation. Je kleiner Kinder sind, desto eher reagieren sie bewusstseinsspaltend auf Bedrohungen. Ab dem _achten_ Lebensjahr reagiert das Kind eher überreizt und die Symptome sind deutlicher.“
(https://www.traumatherapie.de/emdr/workshops/berlin2003/eckers)

Bereits 1998 hieß es im Journal of Traumatic Stress, Vol. 11, No. 4:
„…and the trauma scores for the earliest developmental period involved the first _6_ years of life. The reported traumas generally were of long duration.“

Die isst-d sagte 2011 in ihren Guidelines:
„Briefly, many experts propose a developmental model and hypothesize that alternate identities result from the inability of many traumatized children to develop a unified sense of self that is maintained across various behavioral states, _particularly_ if the traumatic exposure first occurs _before the age of 5_.“

sowie:
„DID develops during the course of childhood, and clinicians have _rarely_ encountered cases of DID that derive _from adult-onset trauma_ (unless it is superimposed on preexisting childhood trauma and preexisting latent or dormant fragmentation).“

Laut all unseren Informationen, besuchten Fachvorträgen, Workshops, Fachbüchern und Studien ist die Aussage zusammengefasst: Im Regelfall tritt eine DID/DIS auf, wenn ein Trauma, dass die nichtdissoziative Bewältigungsfähigkeit des Kindes übersteigt, in der frühen Kindheit (je nach Fachkraft zwischen [0-2 wird allgemein als nicht erinnerbar und auslösend angesehen] dem 2-11 Lebensjahr) begonnen hat, über längere Zeit [meistens 1 oder mehr Jahre] angehalten hat und dem Kind nicht (ausreichend) geholfen wurde. Dieser ‚Regelfall‘ bedeutet demnach aber nicht, dass es keine ‚Ausreisser‘ gibt. Uns wurde mehrfach von verschiedenen Fachleuten erklärt, dass es auf die individuelle emotionale Reife und Bewältigungsfähigkeit des Kindes ankommt. Das Gehirn eines Kind ist nicht einfach nur des Alters wegen in der Lage nicht bewusstseinsspaltend zu reagieren. Sonst ließe sich auch nicht erklären, dass zwei Kinder gleichen Alters und mit (tatsächlich) gleicher traumatischer Erfahrung unterschiedlich reagieren. Das eine Kind bildet eine DID/DIS aus, das andere nicht.

Daraufhin versuchten wir unsere Erfahrungswerte genauer zu erläutern:
Hallo, 🙂
ich bin etwas erstaunt, weil ich spontan gesagt hätte, das steht doch in allen Fachbüchern so. Auch von meinen Therapeuten habe ich bislang nie anderes gehört.

Bevor ich auf die offiziellen Quellen genauer eingehe, möchten wir persönlich einen Standpunkt dazu beziehen:
Wir halten das nach unseren Erfahrungen und Wissensstand für ausgeschlossen. Ein 11-jähriges Kind entwickelt keine DIS ohne entsprechende frühkindliche Traumatisierung. Kein Programmierer dieser Welt, würde das bestätigen.
Die Quelle für dieses „hohe Alter“ geht auch aus den Zitaten leider nicht hervor.

„Uns wurde mehrfach von verschiedenen Fachleuten erklärt, dass es auf die individuelle emotionale Reife und Bewältigungsfähigkeit des Kindes ankommt. Das Gehirn eines Kind ist nicht einfach nur des Alters wegen in der Lage nicht bewusstseinsspaltend zu reagieren.“
Doch. Genau das ist der Fall. Ein guter Programmierer überlegt sich nicht umsonst, was er bis zu welcher Altersstufe umgesetzt haben muss, weil er dann keinen Zugriff mehr auf bestimmte Ebenen hat. Da hat er auch keinen „Zeitvorteil“ wenn das Kind emotional weniger reif wäre. Das Kind ist natürlich in der Lage weiterhin zu spalten, jedoch nicht im Sinne einer DIS, sofern die Anlagen nicht gemacht wurden.

„Sonst ließe sich auch nicht erklären, dass zwei Kinder gleichen Alters und mit (tatsächlich) gleicher traumatischer Erfahrung unterschiedlich reagieren. Das eine Kind bildet eine DID/DIS aus, das andere nicht.“
Auch das lässt sich dennoch erklären. Das nämlich hat mit individuellen Persönlichkeitsmerkmalen zu tun. […]

Das Zeitmanagement bei der Schädigung ist wichtig. Die zunehmende Myelinisierung des Gehirns spielt bei der Entstehung einer DIS eine große Rolle. Diese erreicht mit ca. fünf Jahren einen Zustand, der die Ausbildung einer DIS massiv erschwert. Zudem konnten sich dann bereits andere Verbindungen von neuronalen Netzwerken bilden. Der Neocortex und die Großhirnrinde wird zunehmend erschlossen. Synapsen bilden sich und erstellen andere gesunden Verbindungen. Je mehr davon zu beginn der Traumatisierung umgesetzt ist, desto unwahrscheinlicher bis unmöglich wird die DIS.
Dann nämlich bleiben die Teile nicht mehr dauerhaft vom Bewusstsein getrennt, wie es bei der DIS der Fall ist. Es greifen andere Bewältigungsstrategien.

Der Bunte Ring ergänzte neben vielen weiteren wichtigen Dingen mit einem Beispiel aus seiner Begleitung von Betroffenen:
Ich habe zwei Betroffene bei Der Bunte Ring in der Begleitung gehabt, die im Alter von 8 und 9 Jahren waren, als sie die ersten Traumata erlebten und diese beiden sind mit der Diagnose DID/DIS von sämtlichen Kliniken und Fachleuten eingestuft worden. Ob tatsächlich keinerlei frühere Traumatisierung vorlag konnte bei beiden Damen aber nicht geklärt bzw. endgültig ausgeschlossen werden. 

Vergissmeinnicht sagte dazu:
Eine Traumatisierung vorher ist nicht ausgeschlossen, nur weil die Damen es nicht erinnern.
Wir haben uns an die ersten Traumata ewig nicht „erinnert“! Und „wenn eine Programmierung perfekt ist, erfährt man nichts von ihr im Außen oder von den ANPs“ – sinngemäß aus meiner Erinnerung nach Alice Miller…

Zunächst einigten wir uns dann darauf, die Informationen einfach so stehen zu lassen. Meine Erfahrungen konnte ich nicht zweifelsfrei belegen, auch wenn ich mir, aus dem was ich erlebt habe, sehr sicher war. Den bunten Ring beschäftigte das Thema dennoch ebenso weiter, wie mich. In der Zwischenzeit haben wir beide nochmal in der Fachwelt nachgehakt:

Von unserer Seite noch ein kleiner Nachschub zum Thema Altersgrenzen:
Wir haben bezüglich der Entwicklung einer DIS nach dem 5. Lebensjahr heute unsere Therapeutin befragt. Sie meinte, sie hätte bislang von einer strikten Altersbegrenzung weder gehört, noch gelesen und meinte sie sei da einfach offen für alles. Das Gehirn sei bis ca. zum 10. Lebensjahr sehr formbar. Ob es nach dem 5. Lebensjahr noch im Sinne einer DIS reagiert sei für sie zumindest eine mögliche Option. Unsere Aussage diesbezüglich könne sie aber fachlich weder bestätigen noch widerlegen, weil sie selbst darüber noch nie so intensiv darüber nachgedacht hat und das auch in den Ausbildungen so explizit nie Thema gewesen sei. […]Beim reflektieren heute in der Therastunde ist uns außerdem nochmal bewusst geworden, dass wir auch in unserem Kopf klar eine „programmierte DIS“ und eine „normale“ DIS unterscheiden müssen. Das kommt als ein Faktor für unsere dargelegte Sicht mit Sicherheit dazu. 

Wie besprochen dann noch die „Recherche-Ergebnisse“ von mir (Anmerkung: mir=Der bunte Ring):
Ich habe das Thema beim Therapeuten angesprochen, der ja auch nun schon lange genug mit dissoziativen Patienten arbeitet sowie verschiedene Fortbildungen und Kurse unter anderem bei Nijenhuis und den anderen ‚Spezialisten‘ hatte.
Der Thera bestätigte, dass deine Aussage in wohl weit über 99 Prozent der Fälle genau so stimmt und wies mich aber nochmal darauf hin, den Facharzt zu fragen, der mich betreut, da dieser im Bereich Gehirnforschung bereits das ein oder andere gemacht hat.
Also habe ich gerade dort angerufen. Der Facharzt meinte, dass es einige wenige belegte Fälle in der Gehirnforschung gibt, wo eine Entwicklungsverzögerung der Patienten so ausgeprägt ist, dass bei solchen Personen die Entstehung einer DIS/DSNNS theoretisch auch im Alter von 8 oder 9 Jahren möglich gewesen wäre. Diese Betroffenen würden dann auch im Erwachsenenalter ‚hinterher hinken‘, was die Erschließung des Neocortex und der Großhirnrinde angeht und die Synapsen würden bei diesen Personen bis ins Erwachsenenalter hinein nicht so verbunden, wie es normal wäre. Die Fälle der Entwicklungsverzögerung, die er hatte, waren aber nicht von DID/DIS betroffen. Er hält es aus medizinischer Sicht zwar für möglich aber für extrem unwahrscheinlich. Auch er geht eher davon aus, dass eine solche Person dann vorher bereits Traumata erlebt hat, die nicht unbedingt erschlossen werden können.

Nach dem ganzen hin und her um fachliches und erfahrenes Wissen zu Altersgrenzen bei der DIS-Entstehung, wollen wir zum Schluss an dieser Stelle etwas anmerken, was uns sehr wichtig erscheint.
Falls du viele bist und dich nicht an frühkindliche Erfahrungen von Traumatisierung erinnerst, dann fang jetzt nicht an zu zweifeln. Dafür ist der Beitrag bestimmt nicht gedacht! Du bist gut so, wie du bist. Nimm dich ernst, mit dem was da ist. Trau dich im Zweifelsfall die erste Person zu sein, bei der es anders gelaufen ist. Letztlich zählt, dass du dir näher kommst, dich spüren kannst und es dir gut geht.

Wir hatte Spaß an der Auseinandersetzung, weil wir uns innen damit auch wieder ein Stück näher gekommen sind und etwas begreifen von unserer Erfahrung genauer durften. Danke an alle Beteiligten für diesen Austausch!

Die Suche nach der Quelle

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Es ist ein neblig verschneiter Tag.
Ich mache mich auf, um eine Quelle zu suchen, die unweit von hier entspringen soll. Mehrmals habe ich bereits versucht sie zu finden. Bislang ohne Erfolg. Alles was auf Ihre Existenz hinweist, ist eine Bildtafel, an einer Wegkreuzung. Wenige Meter weiter, verliert sich ihre Spur. Die Beschilderung endet. Zwei einheimische Spaziergänger erklärten mir bei der letzten Wanderung die grobe Richtung. Damit versuche ich nun den Ursprung zu finden.
Nach kurzer Zeit des Laufens steil bergab durch den Wald und über ein Feld höre ich schließlich ein Bächlein plätschern. „Über den Bach drüber und schon sind sie da“, höre ich in Gedanken die alten Auskünfte. Doch dort ist nicht mehr, als eine Wegkreuzung mit widersprüchlichen Beschilderungen. Die eine Tafel zeigt nach links, die andere nach rechts. „Was stimmt denn nun“, denke ich verwirrt. Schließlich entscheide ich mich, für heute einer Richtung zu folgen und bei Bedarf einen neuen Ansatz zu machen, sollte ich mein Ziel nicht erreichen. Irgendwann ist der Wald zu ende und auch der Wanderweg. Quelle sehe ich keine. Ich kehre um.
Zurück an der Kreuzung laufe ich noch ein kurzes Stück in die entgegengesetzte Richtung, in der Hoffnung, doch noch etwas zu entdecken. Dann trete ich erfolglos den Rückweg an.

Während ich einen Fuß vor den anderen setze, denke ich nach.
Die Quelle habe ich nicht gefunden, aber was sagt mir das?ice-3051195_1920
Manchmal gibt es im Leben nur Symptome ohne erkennbare Ursache, genau so, wie die Schilder und der plätschernde Bach das Symptom einer Quelle sind. Den Ursprung wirklich zu finden kann manchmal schwierig sein, selbst wenn man genau weiß, wonach man sucht. Er ist über die Jahre gut versteckt im Dickicht.
Wir Menschen denken oft, es wäre etwas besonders die Gründe für etwas zu kennen oder das würde uns handlungsfähiger in der Gegenwart machen. Nicht selten fangen wir sogar an die eigenen Wahrnehmung zu bezweifeln, wenn wir den Ursprung unseres Handelns und Fühlens nicht sofort erfassen können. Aber ist denn der Fluss weniger da, nur weil ich die Quelle nicht gefunden habe?
Ich bin darüber gelaufen, seinen Spuren gefolgt, habe ihn berührt, mit meinen Händen in das kalte Wasser gefasst und wäre auf den matschigen Wegen mehrfach fast ausgerutscht. Niemals käme ich auf die Idee ihn in seiner Existenz zu negieren, geschweige denn die Quelle.
Mit meinem Leben sieht das anders aus.
Oft bin ich durch den Schlamm gekrochen, durch die Sümpfe meiner Seele gewatet, habe den Atem des Schreckens gerochen, mein Herz vor Schmerzen bersten spüren, Bilder von Qualen zerhämmerten meinen Kopf und schließlich habe ich vor Verzweiflung geweint.
Weshalb?
Die Quelle so vieler Dinge kenne ich nicht, habe nur eine grobe Ahnung, dass sie existiert und aus welchen Wassern sie besteht. Ihre Folgen und Symptome dagegen nehme ich eindrücklich wahr.
Für meine Seele griff hier in der Vergangenheit häufig ein Fluß-Quell-Paradox:
Ist dann vielleicht alles gar nicht passiert? Oder bilde ich mir die Schmerzen gar nur ein? Bin ich Faul? Undankbar?  Verrückt? Gibt es Überhaupt eine Quelle.
Statt die Abspaltung der Quelle zu akzeptieren, wird die gesamte Erfahrung ausradiert. Das widerspricht jedoch einem Naturgesetz.
Das ist in etwa so, als würde ich nach dem Spaziergang sagen, ich war nie in diesem Wald und habe mir den Fluss wahrscheinlich eingebildet, nur weil ich nicht an seinem Ursprung war.

Jeder Fluss hat seine Quelle. Er führt das gleiche Wasser, wie sie. Dabei ist es egal, ob man seinen Ursprung bewusst kennt. In seinem Sein zeigt sich dieser von ganz allein. Es wird Zeit den Symptomen zu vertrauen. Sie beweisen die Existenz der Quelle.
Woraus sonst würde der Bach gespeist?

Byron Katie und „The Work“

Auf verschiedenen Blogs (Birke – Zeitenmosaik, Sophie 0816) habe ich in letzter Zeit etwas zu „The Work“ von der Autorin Byron Katie gelesen. Das hat mich dazu angeregt meine Gedanken zu der Urheberin des Konzeptes zu posten.

Eines vorab: Ich habe selbst nie mit dem Konzept „The Work“ gearbeitet und möchte auch die Wirksamkeit weder bewerten, noch in Frage stellen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es sehr hilfreich sein kann Gedankenkreisläufe zu hinterfragen. Das wird in der kognitiven Therapie ja auch gemacht. Die Autorin kenne ich nicht persönlich und weiß nicht mehr als das, was Sie öffentlich über sich erzählt.
Dennoch sei es mir an dieser Stelle erlaubt meine Gedanken offen in den Raum zu stellen, auch wenn ich damit falsch liegen kann. Ihre Geschichte passt meiner Meinung nach gut zum Thema „Dissoziation“.

Byron Katie ist 1943 geboren. Ihre Bücher sind mittlerweile Bestseller. Darin schreibt sie über ein System an Fragen zur Selbsterkenntnis, dass sie von ihren schwerwiegenden psychischen Problemen befreite.
Sie selbst litt Jahrelang unter schweren Depressionen, Selbsthass, starken Ängsten und ging nie ohne einen Revolver unter dem Kissen schlafen. Dazu kam eine starke Essstörung mit Essattacken, die ihr Gewicht in die Höhe trieb. Irgendwann brachte man sie in eine Klinik. Dort hatte das Personal Angst um andere Patienten und ließ sie deshalb in einer Dachkammer schlafen. In diesem Zimmer erlebte sie in einer Nacht ihr „Erleuchtungserlebnis“, dass ihr von heute auf Morgen alle Sorgen und Ängste genommen zu haben scheint. Es sei nicht mehr als das große Nichts geblieben, überschwängliche Freude, die für Jahren anhielt und der Grundgedanke für „The Work“, sagt sie selbst dazu.
Alles paletti – Wunder soll es ja geben.
Ihren Mann und ihre drei Kinder erkennt sie allerdings bis heute seit dieser Nacht nicht mehr. Das erzählt sie in einem Artikel des Engel-Magazins. Ihrer Familie ging es umgekehrt ähnlich. Die Mutter und die Frau, die sie in die Klinik gebracht haben, war plötzlich verschwunden.

Mich machte das beim Lesen stutzig. Die Schilderung ihrer Geschichte lässt mich viel mehr an traumatische Dissoziation denken, als an das so hoch gefeierte „Erleuchtungserlebnis“. Persönlich erwarte ich bei einem derartigen spirituellen Ereignis ein Wunder, das zu Selbsterkenntnis und Heilung führt. Dazu gehört für mich aber auch gleichzeitig die liebevolle Integration der Vergangenheit.
Genau das ist hier nicht passiert. Byron Katie beginnt mit 43 Jahren ein völlig neues Leben, nach einer Nacht, die alles zuvor da gewesene ausradiert.
Sie Dis-tanziert.
Vergleichbare Fälle gibt es auch in Deutschland. Da gibt es etwa im letzten Jahr den Mann, der mit seiner Geschichte durch die Medien geht. Mitte 2017 wird er in der Bahn aufgefunden und erinnert sich an nichts mehr. Ärzte und Polizei wissen nicht, was vorgefallen ist. Sie suchen schließlich auch über die Medien nach seiner Identität. Psychiater stufen den sonst kompetent wirkenden Mann als völlig glaubwürdig ein und stellen die Diagnose der dissoziativen Amnesie.
Trauma unbekannt.
Seine Familie identifiziert ihn schließlich.
Damit ist er längst nicht der einzige.
Der Seelenschutz der Dissoziation krempelt das Leben dieser Menschen um, um in einer Ausweglosen Situation überleben zu können.
In der Geschichte der Autorin spielt im weiteren Verlauf Rationalisieren eine entscheidende Rolle. Ebenfalls eine Form der Dissoziation.
Wenn ich nicht so denken würde, sondern….
…dann würde ich mich auch anders fühlen.
Also ändere ich den Satz in meinem Kopf.
Wenn ich mich anstrenge bessere Gedanken zu haben, dann ist auch die Welt um mich herum gleich viel besser. Ich glaube einfach nicht mehr, dass mir eine bestimmte Situation scheiß Gefühle macht.
Als alleinige dauerhafte Methode führt das eher zum Selbstverlust, als zur Selbsterkenntnis.
Alles ist nur in meinem Kopf real. Wenn ich es nicht wahrhaben will, ist es auch nicht. Inneres victim blaming alla ich suche die Verantwortung für mein Leben nur noch bei mir und sehe mir meine Umgebung nicht mehr an, weil ich manchmal eben doch daran was ändern müsste!?
Auch die negative Außenwelt ist eben von Zeit zu Zeit Realität.

Warum aber interessiert mich das überhaupt?
Ich könnte sagen: „Gut, wenn es Katie einfach wunderbar geht seitdem – Who cares? Wenn das auch noch anderen gut tut – Who cares?“ Andererseits denke ich: „Wenn das was sie lebt Dissoziation ist, verpasst sie verdammt viel und eine falsche, bzw. nicht gestellte Diagnose führt mittlerweile hunderttausende von Lesern ihrer Bücher in die Irre, weil sie unter Umständen auf die gleiche „Erleuchtung“ hoffen.“ So angewandt heilt sie nicht, sie hilft zu dissoziieren.

Die überschwängliche Freude, die sie nach der Nacht in der Klinik beschreibt und das Gefühl, als ob alle Grenzen und Dinge sich auflösen, ist mir nicht minder bekannt. Der Hormoncocktail den Traumata und Trigger bei mir auslösten schaffte das früher oft von heute auf morgen über weite strecken des Alltags. Er ließ mich alle Schrecken für eine gewisse Zeit völlig vergessen. Mir ging es blendend. Ich flog im Überschwang. War ich nun in diesen Phasen erleuchtet, weil ich plötzlich Freude empfinden konnte? Wohl sicher nicht… War ich in diesen Phasen gesund? Wohl auch eher nicht…

Im Grunde macht sie nicht viel anderes, als kognitive Verhaltenstherapie. Sie verkauft es nur besser. Hier stelle ich mir die Frage, ob sich ihre Texte ohne den spirituellen Kram im Hintergrund und die Suggestion von Einfachheit so gut an die Leser bringen lassen würden. Ich denke eher nicht, weil die göttlich abgesegnete Möglichkeit zur Realitätsverdrehung und -flucht dann fehlt. Die Leugnungsscheuklappen fallen aus. Denn Negatives gibt es dann nunmal.
Immer wenn für eine Seite im Leben kein Platz mehr ist, läuft für mich etwas gewaltig schief.
Heilung ist und bleibt harte Arbeit. Da helfen vier Fragen vielleicht manchmal, aber sie streicheln sicher nicht alle Wunden weg. Es ist völlig ok in der Herangehensweise ihrer Bücher hilfreiches zu finden, genauso, wie in anderen Selbsthilfebüchern hilfreiches stecken kann. Allwissend und die einzige Lösung sind sie nicht.
Auf keinem einzigen ihrer Videos auf YouTube macht sie auf mich den Eindruck, in ihrer Mitte zu sein. Ich kann das Leuchten nicht spüren. Für mich wirkt sie aufgesetzt, teils hart, wenig bodenständig. Ihre Augen blicken hinter der Fassade ungreifbar und leer.
Vielleicht empfinden andre da anders.

Ich glaube, dass so einige dissoziative Patienten, die zum ersten Mal den Schrecken, der in ihrem Leben passiert ist benennen und den Mut haben all dem Schmerz in ihnen einen Namen zu geben, näher an sich und damit auch an der „Erleuchtung“ sind, als diese Frau.

Quellen:
– „Ich liebe was ist“, Engelmagazin, Ausgabe Januar/Februar 2018, S. 31;
– https://realization.org/p/byron-katie/massad.byron-katie-interview/massad.byron-katie-interview.1.html
– http://thework.com/en/about-byron-katie
– https://www.mystica.tv/byron-katie_interview/
– https://www.morgenpost.de/vermischtes/article211539507/Wer-ist-der-Mann-ohne-Gedaechtnis.html
– https://www.berliner-zeitung.de/berlin/wer-kennt-diesen-mann–der-mann-ohne-gedaechtnis-10699546

# Flashback im Tarnumhang


Rituale spuken durch unseren Kopf.
Diesmal mehr wie unfassbare Gedankenblitze, die kaum mehr ausmachen, als das Wort an sich.
Nicht immer kommen Erinnerungen an das was war als vollständige Szenen, bildhaft oder als Körpergefühle daher.
Oft kündigen sie sich bei uns darüber an, dass ich mich wie besessen immer wieder mit dem gleichen Thema beschäftigen muss, auch wenn ich gar nicht weiß, wieso eigentlich dieses Thema nun in diesem Moment solche Wichtigkeit hat. Es ist dann der Anfang meines Wiedererlebens und auch, wie ich mittlerweile vermute, der unbewusste Versuch es durch die Beschäftigung mit dem Thema in der Außenwelt aufhalten, bzw. wenigstens verstehen zu können, noch bevor ich genau weiß, welche, bzw. ob jetzt überhaupt eine Erinnerung hochkommt.

Über die Zeit ist mir immer mehr bewusst geworden, dass ich in diesen Momenten bereits auf einen Auslöser reagiere und in der damit verbundenen Reinszenierung stecke.
Das unbewusste Trauma arbeitet.
Ich verspüre dann den Drang z.B. Sachbücher oder Artikel zu bestimmten Themen, wie etwa Missbrauch oder Vergewaltigung, zu lesen ohne damit aufhören zu können. Es ist nicht nur starkes Interesse. Es ist mehr. Auch wenn ich mir das Lesen darüber strikt verbiete, fühle ich mich in der Phase oft wie ein Junkie auf der Suche nach seiner eigenen Identität, die er hofft irgendwo zwischen den Zeilen eines Betroffenenberichtes oder einer wissenschaftlichen Abhandlung zu finden, völlig angefixt von allem, was damit zu tun hat. Gleichzeitig würde ich mir vermutlich viel schlechter glauben können, wenn meine eigenen Bilder kommen würden, kurz nachdem ich über ähnliches gelesen hätte. Nicht, weil sie dann weniger wahr wären – Was könnte mehr eigene Erfahrungen triggern als Betroffenenberichte!? – sondern weil ich einen perfiden Grund für meinen Verstand hätte sie zu dis-tanzieren und genau das ist es, was er damit wahrscheinlich auch erreichen möchte. Willkommen bei „Es ist anderen passiert, aber doch nicht mir!“.
Deshalb lasse ich es und widerstehe dem Drang, weil ich sonst meiner eigenen Verarbeitung ein Bein stelle und meine Heilung verhindere.

Hier sitz ich nun also in diesem angetriggerten Schwebezustand und frage mich einmal mehr, was meine Seele, bzw. die Innens versuchen mir diesmal mitzuteilen.
Alles was bleibt ist offen zu beobachten, was auftaucht, immer wieder nach innen zu fragen und abzuwarten, bis es an der Oberfläche des Bewusstseins für mich greifbar wird.
Alles was ich habe ist mein Gefühl, dass es darum geht etwas zu realisieren, was ich noch nicht realisiert habe und dass es irgendetwas mit Ritualen zu tun hat.
Was es ist wird sich zeigen…

Atmende Nacht

Es ist mitten in der Nacht.
Mein Rücken ist kalt. Vor dem Fenster schrabbt ein Schneeräumer. Meine Heizungen schlafen noch. In mir ist Aufgewühltheit und Unruhe. Einfach so. An Träume erinnere ich mich nicht, was nicht heißt, dass sie nicht da waren. Ich stehe auf und fange an zu Tippen. Über das was ich spüre, weil ich mich nicht fühle. Über das was ich denke, weil ich es selbst nicht fassen kann. Über die Flut in der Leere. Um mein Leben.
Das orange Licht der Straßenlaterne wirft meinen Schatten an den Schrank. Der schwarze Umriss blickt mich an. Ich starre zurück. Wo Licht ist, fällt Schatten. Die Leuchtquelle ist klein. Die Dunkelheit groß.
Meine Gedanken folgen den Atemgeräuschen aus der Umgebung.
Es gibt tausend und eine Möglichkeit zu atmen.
Laut, leise, schnell, langsam, stoßweise, gleichmäßig, zufrieden, aggressiv schnaubend, Sicherheit vermittelnd, voll Angst, vor Trauer flach, freudig erregt, durch die Nase, mit offenem Mund…
Das Surren des Kühlschrankes unterbricht meine Überlegungen.
Es hat wohl jede Situation ihre Atmung.
Sage mir wie du atmest und die sage dir, wie du dich fühlst.
Manchmal bleibt mir die Luft weg.
Sie hängt in den Momenten von einst und fehlt in der Gegenwart um meine Lungen zu füllen. Es ist als wäre der Brustkorb immer noch unsichtbar flachgedrückt und hätte keinen Platz für frischen Sauerstoff.
Schock.
Die Bilder ersticken mich.
Ich blicke durch die Balkontür in den Nachthimmel.
Er ist wolkenverhangen.
Die Nachtluft ist kalt.
Ich atme, also bin ich.

Reizende Weihnachten

Ich drehe am Rad und am Deckel des kleinen Medizinfläschchens.
Die Plastiksicherung knackt, wie erwartet, beim ersten Öffnen. Sanft, aber hektisch, drücke ich den Gumminupsi zum Befüllen der eingebauten Pipette in der Verschlusskappe zusammen. Meine Zunge zählt: „Ein Tropfen, zwei Tropfen, drei Tr… ach egal! Ich nehm‘ einfach die ganze Füllung!“ Noch ehe die Flüssigkeit meinen Gaumen benetzt hat, erwarte ich ihre Wirkung. Entspannung! Ausgleich! Entlastung! Aber flott!!!
Meine Schleimhäute machen derweil Bekanntschaft mit dem Trägerstoff der Arznei – Alkohol und fühlen sich eher weniger beruhigt. Während meine Gedanken versuchen sich an einer Notfallstrickleiter entlang zu hangeln, frage ich mich, weshalb sich dieses Gebräu eigentlich „Rescue Tropfen“ nennen darf, wenn sich im Ernstfall nicht sofort etwas tut. Ich verwerfe meine Überlegungen diesbezüglich und Schlucke.
Die Tropfen, die Bitterkeit, die Tränen.
Weshalb geht‘s uns grad eigentlich so? 🤔
Das Christkind war da. Es war brav, hatte Geschenke dabei und hat uns vor allen Dingen dieses Jahr nicht vergessen. Erinnerungen habe ich grade keine. Zumindest keine Bilder. Dennoch stehe ich unter Druck, wie ein Dampfkessel auf der Flucht.
„Was ist los?“, frage ich nach innen.
Wenig Antwort. Nur der Wunsch nach Ruhe.
„Ich hab euch lieb“, flüstere ich durch die dicken Nebelwände.
Die Zeit steht still.
Der Körper ist taub.
Ich bin raus…
Körperauszeit ehe ich mich zurück ins Leben brülle:
„Du Arschloch! Du verdammtes Arschloch! Ihr miesen Verräter!“
Aus der Krippe fließt mein Blut. Die Bilder sind hinter der Schutz-Wut—Mauer.

Man kennt sich…

Eine unserer Fähigkeiten ist es, relativ schnell sagen zu können, ob eine andere Person Traumatisierungen erlitten hat, wie weit diese reichen und ob sie multipel ist. Dafür müssen wir unser Gegenüber nicht kennen. Meist noch nicht einmal mit ihm sprechen. Es reicht, dass wir uns begegnen. Die Erkenntnis liegt auf einem stummen Präsentierteller vor uns.
Als wir noch in einer therapeutischen Einrichtung gearbeitet haben, haben wir unser Wissen manchmal dazu genutzt den BehandlerInnen einen Hinweis zu geben in Richtung Trauma zu denken, wenn Sie mit einer PatientIn einfach nicht voran kamen. Teilweise waren Sie ungläubig und schlossen eine Traumatisierung „in diesem Fall“ aus. Später führten Sie dann doch eine entsprechende Diagnostik durch und waren verblüfft, was sich dabei zeigte.
Andere Multiple berichten von ähnlichen Fähigkeiten. Man kennt sich irgendwie. Intuitiv.

Doch woher kommt das?

Neben dem, dass wir der festen Überzeugung sind, dass Menschen sich gegenseitig sehr gut spüren können, wenn Sie ein Bewusstsein dafür haben und wir durch unsere eigenen Erfahrungen mit Gewalt auch im Außen mit anderen Geschichten von Traumatisierung in Resonanz gehen, gibt es noch einen weiteren Grund.
Training.
Zunächst stellt es in organisierten Kreisen eine Überlebensnotwendigkeit dar, andere Menschen so schnell wie möglich einordnen zu können. Auch die Opfer.
Zudem lernen bereits Kinder Persönlichkeitssysteme zu durchblicken und zu kartieren. Wer später einmal ein guter Programmierer werden soll, dem dient es als Grundfähigkeit sämtliche Formen der Dissoziation blind einordnen und erkennen zu können. Dazu gehört die tiefe der Dissoziation ebenso, wie das System nach dem eine Person handelt. Stimmt die Dissoziationstiefe bei der Programmierungssituation nicht, fliegt einem später, wenn es schief läuft das gesamte System um die Ohren. Die Abspaltungen werden unkontrollierbar. Die Personen im Alltag auffällig. Das ist der „Worst Case“ für einen Programmierer.

Und wobei hilft die Fähigkeit nach dem Ausstieg?

Sie hilft sich selbst und die eigenen Dissoziationsstufen einzuordnen und verschafft einen Überblick über die eigenen inneren Grundmechanismen. Dazu kommt: Menschenkenntnis schadet nie. Wer sein Gegenüber schnell einordnen kann, ist auch in der Lage gut auf sich aufzupassen und Täter zu erkennen.

Erinnern mit Vorurteilen

Der Tee kommt dampfend heiß aus der Teemaschine. Sein Winterduft steigt mir in die Nase. Ich denke nach, wie in letzter Zeit so oft. Ich halte mir das Heißgetränk vor’s Gesicht und atme ein. Zimtig, fruchtiger Geschmack begleitet meine Gedankenreisen.
Warum ist es so schwer sich zu erinnern?
Klar war es Horror und natürlich greift die Dissoziation.
Aber da ist noch etwas.
Es ist die Informationsflut.
Oder besser eine Desinformationsflut!?
Zum Thema rituelle und organisierte Gewalt gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Büchern. Mutige Menschen haben sich getraut über ihre Erlebnisse zu sprechen. Traumatherapeuten waren gezwungen sich mit der Materie auseinander zu setzen und steuern ihre Erkenntnisse bei. Dabei ist das passiert, was immer passiert, wenn Menschen auf etwas unbekanntes, bedrohlich wirkendes stoßen: Sie versuchen es einzuordnen, ein Schema zu finden, Kontrolle über das Unaussprechliche zu erlangen. Bald gab es Klassifikationen und Beschreibungen der Erlebnisse rituell Missbrauchter. Therapeuten entwickelten Richtlinien für die Behandlung.
Was auf diesem Gebiet an Öffentlichkeitsarbeit geschehen ist, verdient Lob und Respekt. Wir selbst sind dankbar, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen gibt, die uns weiter helfen können. Aus diesen Ansätzen ist viel Gutes entstanden.

Die Krux dabei: Aus den wenigen Information die es gibt, wurden Gesetze.
Schlägt man die Bücher über rituellen Missbrauch auf, so finden sich fast immer satanistische Inszenierungen darin. Teilweise lässt sich der Eindruck gewinnen, als wäre die Gewaltform mir religiöser Ideologie, ausschließlich damit verknüpft. Doch auch ritueller Missbrauch hat viele Gesichter.
Für ein Opfer, das sich die Schreckensbilder im Kopf kaum glauben kann, werden die Informationen die es findet zur Falle, wenn es selbst ganz andere Eindrücke erlitten hat. Es passt nicht ins Klischee… Der Zweifel wächst. Ein Kreislauf, der schwerwiegende Folgen haben kann. Die Überlebende ist betroffen, aber anders und sie findet nicht den freien Raum die eigene Geschichte entdecken zu können, weil nicht selten auch Therapeuten eine feste Vorstellung davon haben, wie das Leben von rituell Misshandelten aussieht. Diese festen Vorstellungen machen es Betroffenen unglaublich schwer sich selbst zu finden und die eigenen Bilder ernst zu nehmen.
Das wiederum ist aber dringend notwendig für die Heilung und für die Erlangung von Sicherheit.
Erinnerungen gehen immer dann weiter und werden tiefer, wenn die offen liegende Schicht angenommen und zumindest anverdaut wurde. Erst jetzt wagen es die Innenleute mehr zu erzählen. Alles Andere führt zum Stillstand.

Wer beim Lesen von Berichten über Männer in schwarzen Kutten denkt: „So war es bei mir nicht. Also habe ich keine rituelle Gewalt erlebt“,irrt.
So gibt es rituelle Gewalt etwa sehr wohl auch im christlichen Kontext. Die Katholische Kirche beteiligt sich in Teilen ihrer Strukturen nicht minder an der Ausbeutung von Kindern.
Letztlich kann jede Weltanschauung benutzt werden.
Wenn Erinnerungen und Gefühle auftauchen, die auf rituelle Gewalt hindeuten, sollte man sich ernst nehmen. Dabei ist egal, wie sie aussehen. Es braucht nicht immer Kutten und mitternächtlichen Messen. Auch Misshandler in diesen Kreisen kommen manchmal einfach in Jeans daher.
Was dahinter steckt findet man nur heraus, wenn man offen betrachtet, was die Seele mitteilt.

Szenenwechsel

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Ich hänge fest.
In einer Welt voller Gedanken.
In einem Zwischenraum.
Irgendwo mitten in der Abrichtung von einst.
Im Milieu der Todespanik und Menschenverachtung.
Mein Zeigefinger scrollt durch alte E-Mails an eine Therapeutin, die wir wohl nie vergessen werden. Dort konnten wir sein.
Dann reiße ich mich los und mache mich auf in Richtung meiner alten Heimat.
Unterlagen von einer Bekannten abholen, etwas plaudern.
Die Kilometer schwinden unter meinem flitzenden Auto dahin bis zum Ziel.
Aus jedem gefahrenen Wegmeter werden Steine für eine Mauer.
Aus Watte und Nebel.
Dissoziation.
Je näher wir unserer alten Umgebung kommen, desto weniger spüre ich mich. Der Kontakt nach innen wird immer schwieriger. Ich beobachte mit Verwunderung die Wandlung, die sich in mir vollzieht.
Diesmal bemerke ich sie.
Irgendwann kurz vor der Ankunft findet der komplette Cut statt. Ich höre nichts mehr von den Stimmen der Vielen in mir, denen ich in neuer Umgebung so nah kommen durfte. Ich bin alleine.
Der Tag nimmt seinen Lauf.
Am Abend bin ich wieder zurück in unserem neuen zu Hause.
Meine Katzen begrüßen mich schnurrend.
Es war anstrengend.
Als die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fällt, fällt die Anspannung ab.
Ich beginne meine Eindrücke aufzuschreiben, um wieder bei mir selbst anzukommen. Stück für Stück schwinden die Schleier. Im Innen wird ein vorsichtiges Regen wahrnehmbar. Zarte Stimmen.
Erleichterung.

Was sagt mir das?
Was bedeutet das für uns?
Als ich vor vielen Jahren aus meinem Elternhaus floh und eine eigene Wohnung etwa eine halbe Stunde entfernt bezog, wusste ich, dass es schwierig werden würde, äußere Ruhe von Täterseite herzustellen. Es gelang irgendwann mit viel Mühe und Hilfe die Zugriffe und Übergriffe auf mich zu beenden. Ich behauptete in der Therapie steif und fest, dass ein Ortswechsel nicht nötig und gewünscht sei. Damit könne ich umgehen. Schließlich gehe es ja um die Vorfälle die passiert sind. Die Region sei da Nebensache. Das dachte ich damals wirklich. Ich spürte auch nicht, dass es irgendwie ein Problem war, noch so nah zu sein. Ich konnte mich in dem Ort in dem ich aufwuchs bewegen und völlig ausblenden, dass unweit Täter wohnen. Ich war mir sicher, dass ich eine der wenigen Menschen mit einer derartigen Geschichte sein werde, bei denen ein Umzug in eine weit entfernte Stadt nicht notwendig ist.
Nun kam es aus anderen Gründen dennoch dazu und ich bemerke zum ersten Mal, wie viel das in mir macht. Zu wie vielen Dingen in mir ich plötzlich Zugang bekomme, je länger ich vom alten Wohnort weg bin. Wie mein Innen in der Beratung Gesprächsbereit wird und mutig langsam seine Mauern abbaut. Wie ich mich plötzlich an Dinge erinnern kann, die so verborgen waren und nun ganz klar vor mir liegen.
Und ich merke auf den Fahrten, die mich derzeit noch hin und wieder zurück in die alte Region führen, wie verdammt dissoziativ ich sein muss, dass ich die Umgebung auch nur ansatzweise ertrage. Mein gesamtes Persönlichkeitssystem verändert sich in den Stunden der Fahrzeit zurück in die Horrorzone. Ich fange an immer weniger ich zu sein und immer mehr die Hülle, die die Täter von mir verlangen.
Bis ich mich zurückverwandle. Auf dem Heimweg.
Zu einem Menschen in dem viele Lebensretter wohnen und aufatmen.
Es wird noch ein paar Tage dauern, bis das Gefühl der Sicherheit wieder durchsickern kann.

Manchmal bemerkt man ein Problem erst dann, wenn es eine Lösung gibt. Bis dahin weiß man ja gar nicht, dass es anders laufen könnte. Man blendet Probleme aus, um sich Boden unter den Füßen vorzugaukeln. Wenn der Boden dann wirklich da ist, erkennt man den Abgrund hinter sich.