Migränestopp

Es ist Sonntag Nachmittag.
Bereits seit heute Vormittag habe ich starke Migräne.
Angefangen hat alles kurz nach dem Frühstück.
Die Augen gaukelten Lichtblitze vor und selbst die umgehend eingeworfene Schmerztablette, verhinderte nicht die bald dazukommenden heftigen Kopfschmerzen mit Übelkeit.
Nun sitze ich hier am offenen Fenster mit heruntergelassenen Rollläden, weil die Helligkeit des Tages unerträglich ist, ich aber die frische Luft brauche.
In meinem Kopf ist Energiestau und in die Tasten des Computers fließen Worte, die ich kaum sehe, die ich aber dennoch schreiben will.
Im schmerzhaft pochenden Kopf stoßen bittere Wahrheiten gegen die empfindlich gereizten Schmerzsynapsen und lässen mir die Realität unserer Vergangenheit bewusst sein.
Ich wäre so gerne belastbarer.
Die letzten Tage und Wochen waren einfach zu viel.
Ich wollte so gerne nach den Sternen greifen und hab dabei übersehen, dass es für die Folterrealität in mir zu schnell geht.
Dass die Schritte zu Groß sind, weil sie in der Form noch überfordern und Heilung für uns anders aussehen muss.
Ich habe vergessen mich und die anderen mitzunehmen.
Die Migräne bremst und zwingt mich, zu stillen Momenten auf dem Sofa.
Egal, ob ich möchte oder nicht.
Egal, ob heute die Sonne scheint.
Egal, ob ich noch so viel zu erledigen hätte oder nicht…
Sie schmerzt.
Genau wie mein Innerstes.
Es wird Zeit, mir selbst über die Wange zu streicheln, mich in den Arm zu nehmen und mich bei mir selbst und den anderen zu entschuldigen.
„Es tut mir leid, dass ich euch übersehen habe.“

Redetropfen

Die Regentropfen rutschen im Frühlingsgrau die Scheiben hinunter und sammeln auf Ihrem Weg andere Wassertropfen, die ihre Rinngeschwindigkeit sprunghaft beschleunigen. Unten angekommen werden sie zum Regenfensterbrettbächlein, dass Zielsicher auf die Regenrinne zusteuert.
Spaß. Spiel. Naturgesetz.

Durch die wassernassen Scheiben verschwimmt mein Blick und lässt die Häuser der Nachbarschaft unscharf erscheinen.
Im Innen bewegen sich kleinere Innenpersonen müde in den Tag.
Mir ist kalt. Die imaginierte Decke wärmt nicht, drum hole ich mir eine andere. Eine echte. Eine zum Anfassen und begreifen.
Entgegen dem Fluss der Wassertropfen erlebe ich selbst gerade kraftlose Stagnation.
Meine Gefühle sind irgendwo eingefroren und drängen trotzdem mit ihren Eismassen an die Oberfläche.
Die Abschlussprüfungen stehen kurz bevor und ich schleppe mich Mühsam vorwärts, wie der Kämpfer, der kurz vor dem Ziel zusammen gebrochen ist und eigentlich nicht mehr kann.
Der Kopf mag nicht mehr lernen und das Herz nicht mehr schweigen.
Mir ist danach Worte zu finden, für das was uns zugestoßen ist und mit meinem Viele-sein darüber zu sprechen.
Und dann sehe ich in die erschrockenen Gesichter der Menschen, die nicht mal ansatzweise von all dem wissen und trotzdem überfordert sind von der bloßen Andeutung, dass wir Gewalt erlebt haben. Die scheinende Sonnenworte mögen, aber nicht die grauschillernden Redetropfen.
Ich höre ihr mal lautes und mal stummes: „Ich halte das was du erzählst nicht aus.“
Und manchmal frage ich mich, warum verdammt nochmal die sich nicht einfach zusammenreißen können. Schließlich ist es mir passiert und nicht ihnen.
Und ich spüre mein Misstrauen und die Vorsicht denen gegenüber, die mir ein offenes Ohr anbieten, weil ich Angst habe, letztlich doch wieder verlassen zu werden, wenn sie wüssten…
Und dann schreibe ich eine Zeile und lösche sie wieder und schreibe eine neue und lösche sie wieder und dann…
… rinnen mir einfach die Tränen über die Wangen, weil ich das Kind fühle, dass sich so schrecklich einsam fühlt und mit ihm auch ich und so gerne reden würde und einfach nicht mehr schweigen will und die Isolation hasst, in die es gedrängt wird und irgendwie nirgendwo wirklich ankommt.

Die Regentropfen laufen die Scheiben hinunter und meine Tränen tun es Ihnen auf meinen Wangen gleich.
Wo ist der Platz wo wir ganz sein dürfen?

National Multiple Personality Day 2017

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Heute ist „National Multiple Personality Day“.

Für uns ist das ein guter Anlass mal wieder schöne Sachen für die Innenleute zu machen, uns bewusst wahrzunehmen und das zu tun, was uns eben gut tut, um dabei im Gefühl von „gesehen werden“ ein kleines Stückchen näher zusammenzurücken. Es bedeutet anzunehmen was war und das Beste daraus zu machen und auch, wenn es als bunt strukturierter Haufen oft schwierig ist, so schätzen wir uns doch gegenseitig wert und den Einsatz, den jeder/jede/jedes Innen für unser Überleben beigetragen hat.
Eine kleine Feier dafür, dass wir überlebt haben. Für uns selbst.

Wir wünschen euch allen einen schönen Sonntag! 🙂

Orgasmuszwänge

Ich sitze auf dem Rand der Badewanne, gerade dabei mich selbst zu befriedigen, weil ich den Schmerz und den Druck, der von Zeit zu Zeit in mir anflutet noch immer nicht anders lösen kann, als mir mit Gewalt einen Orgasmus zu verschaffen.
Trigger.
Autopilot.
Vor dem Orgasmus geht gar nichts mehr.
Ein anderes Ziel lässt mein Kopf nicht mehr zu.
Der Weg dorthin ist völlig egal.
Aufhören geht nicht.
Es geht nicht darum Sexualität zu erleben.
Alles worum es geht, ist den verdammten Schmerz und Verzweiflungsdruck, der in Wellen innerer Leere mündet zu beenden.
So schnell wie möglich.
Es ist nicht angenehm.
Es ist purer Stress.
In der Regel sacke ich nach dem Orgasmus dann in mir zusammen.
Tränen rinnen über mein Gesicht.
Die Anspannung fällt ab.
Der Trancezustand geht zurück.
Langsam werden wieder andere Gedanken zum und über das Leben und den Alltag möglich, ehe ich mich aufrapple und beginne wieder zu funktionieren.

Meiner Seele sitzen die dreckigen Forderungen Ihrer Folterer noch immer im Nacken.
Vorbei war es all zu oft erst, wenn der Orgasmus passiert ist.
Das Ende der Qualen, wurde zu häufig an diese Forderung geknüpft.
Was davon übrig geblieben ist, ist das Grundgerüst als Überlebensmechanismus.
Anforderung/Trigger –> Druck/Angst/Überforderung –> Dem Druck und der Angst (wobei ich diese in der Situation oft gar nicht bewusst wahrnehme, weil nur noch der Drang den Druck zu beenden spürbar ist) irgendwie entkommen müssen, weil er nicht mehr auszuhalten ist –> Selbstbefriedigung mit Orgasmus –> Druck und Angst lässt (zumindest kurzfristig) nach.
Manchmal erlebe ich den Druck auch, wenn Erinnerungen nach oben kommen. Die Seele denkt sich wohl: „Lieber mache ich es selbst, als es gleich erneut erleben zu müssen.“ Tatsächlich lassen sich unsere Erinnerungsbilder damit manchmal kurzzeitig nochmal unterdrücken.
Statt Angst, ohnmächtiger Verzweiflung, Schrecken und Scham erlebe ich dann Lust.

Lange Zeit haben wir damit gehadert, wie wir bei den ganzen Schrecklichkeiten überhaupt noch an Lust denken können.
Heute denke ich, es ist das gute Recht jedes Körpers sich die Folter so angenehm wie möglich zu gestalten.
Dadurch ist es nicht weniger Folter, aber es gibt die Chance sie zu überleben.

Die gewollte Zufallsgeste

Samstagabend.
Die Fingernägel sind gerade frisch lackiert.
Es tippt sich noch etwas vorsichtig.

Im Kopf ist viel.
So viel, dass die Gedanken Loopings schlagen.
Gefühlswirrwarr.

Im Alltag sind wir gestern zufällig auf einen Mann getroffen.
Sehr lange nicht gesehen.
Eine kleine „harmlose“ Geste mit einem Lächeln.
Wir wissen, was es in dieser Kombination zu bedeuten hat.
Eines von den Zeichen, das uns schon vor langer Zeit beigebracht worden ist, das in Gruppierungen und organisiertem Verbrechen so gerne genutzt wird.
Doch wir bemerken es.
Diesmal weigern wir uns, wehren uns gegen den Reflex, den man normalerweise dadurch auslösen kann.
Wir gewinnen.
Diesmal verlassen wir die Situation und holen uns Hilfe.
Sicherheit.

Ich bin froh, die Situation souverän gelöst zu haben.
Wir sind stolz auf uns!
Derartige Situationen händeln zu können war viel Arbeit.

Was bleibt ist die Erinnerung ans Damals.
Brechreiz,
weil wir Ihn wieder vor uns stehen sehen.
Wie er uns hält,
um unseren Kopf fasst,
uns vergewaltigt,
das Gefühl zu ersticken,
seine Worte,
sein Atem,
seine Lust an unserer Erniedrigung,
sein alles.

Es bedeutet Heilung für uns, der Vergangenheit immer mehr ins Auge zu sehen, sie zu verstehen und darüber Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.
Gleichzeitig tut nichts so weh, wie die Heilung selbst, die in aller Bitterkeit fordert, das was war zu realisieren.

Ich glaube dir

Manchmal, da sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.
Da weiß man nicht mehr wem oder was man glauben soll und am wenigsten traut man sich selbst.
Wir kennen diese Phasen des totalen Zweifels im Ausstiegsprozess, des getrieben seins und doch nicht wissen wohin. Eine treue Begleiterin hat lange Zeit für uns immer wieder die Fahne hochgehalten. Für uns, an uns und mit uns geglaubt, wenn bei uns selber vor zerreißenden Zweifeln gar nichts mehr ging und uns geholfen uns selbst und unsere Geschichte wieder zu finden. Etwas davon möchten wir nun mit unseren Worten an andere Betroffene weiter geben:

Ich glaube dir.
Deine Geschichte, deine Schmerzen, deine Qual.
Und ich bleibe.
Egal was kommt.

Ich glaube dir.
Weil ich den Schmerz in deine Augen sehe und deine Tränen in meinem Herzen fühle.
Ich glaube dir, weil ich weiß, dass ich meinem Gefühl zu dem was du erzählst vertrauen kann.
Ich glaube dir, weil du nicht einfach nur irgendeine Geschichte erzählst, sondern sie mit jeder Faser deines Körpers spürst.
Ich glaube dir, weil ich dir glauben will.
Es ist meine Entscheidung und ich habe mich für dich entschieden.

Ich glaube dir.
Weil du es Wert bist, dass man dir glaubt.
Weil ich weiß, dass es die schreckliche Gewalt von der du erzählst gibt.
Ich glaube dir, weil es keinen Sinn für dich macht sich das alles auszudenken.
Ich glaube dir, weil man sich das so gar nicht ausdenken kann.

Ich glaube dir.
Deine Zweifel.
Du darfst Sie behalten.
Am Ende entscheidest nur du, was von all dem wirklich wa(h)r.
Solange sehe ich Sie als Beweis für die unglaublichen Dinge, die passiert sind und wir schauen gemeinsam hin.

Ich glaube dir.
Weil dein Leben mir wichtig ist.

Bitte glaube dir!
Deine Geschichte. Deine Schmerzen. Deine Qual.
Weil die Programme der Täter sonst freie Bahn haben und du nichts dagegen tun kannst.
Weil es die Bilder und Emotionen in deinem Kopf wert sind verstanden zu werden.
Weil sie nicht ohne Grund da sind.
Weil du sie überlebt hast und heute heilen darfst.
Weil du nur so heilen kannst.
Weil dein Leben davon abhängt.

Hab Mut zu sprechen!

In Gruppierungen und organisiertem Verbrechen wird so einiges unternommen, um die Opfer dauerhaft zum Schweigen zu bringen.
Neben Folter und Qual, sind es vor allem auch die Indoktrinierungen und Vorhersagen, was passieren wird, wenn man es dennoch schafft zu sprechen, die Opfer davon abhalten ihr Schweigen zu brechen.
„Dir glaubt sowieso keiner“, „Alle werden sagen, dass du lügst“, „Sie werden dich für verrückt halten“, etc…

Vor zwei Wochen haben wir uns aus einer großen Not heraus einem unserer Lehrer anvertraut.
Haben etwas von der Gewalt erzählt die wir erlebt haben.
Wir bereuen es nicht. Im Gegenteil.
Er ist zu einer großen Hilfe für uns im Schulalltag geworden.
Es entlastet uns zu wissen, dass jemand bescheid weiß, falls etwas wäre und es uns nicht gut geht.
Allein zu spüren, dass er ein Mann ist und dennoch nicht im geringsten daran denken würde einem Kind so etwas anzutun, ist heilsam für uns.
Zudem:
Er glaubt.
Er zweifelt nicht, nennt uns keine Lügnerin und er ist an unserer Seite.
Einfach so.
Mittlerweile weiß noch eine weitere Lehrerin bescheid.
Auch Sie hilft uns sehr.
Auch Sie glaubt.

Zwei Lehrer sind zu wichtigen Säulen in unserem Alltag geworden.
Sie geben uns neben der schulischen Hilfe, die Sicherheit verstanden zu werden, Ansprechpartner zu haben für den Notfall und etwas gesehen zu werden, mit dem was hinter der Funktionierfassade abläuft.
Möglich geworden durch Worte, die wir hörbar haben werden lassen, auch wenn sie nur schwer über unsere Lippen kamen.

Wir sind dankbar dafür!
Es zeigt, dass es sich lohnt, das Schweigen doch an geeigneter Stelle zu brechen.
Die Vorhersagen der Täter sind ein weiteres Mal nicht eingetreten.

Hab Mut zu sprechen, es lohnt sich!
Es sind die Täter, die lügen!

Spurensuche – sich das unvorstellbare glauben

„Einer der besten Indikatoren einer möglichen Geschichte von Mind-Control ist das Vorhanden sein von traumatischer Dissoziation. Unglücklicherweise liegt der Umstand der Dissoziation darin, verborgen zu sein. Sie verbirgt nicht nur das Material, sondern den Umstand selbst, dass es Material gibt, das dem Bewusstsein entzogen ist.“

Alison Miller in „Werde wer du wirklich bist“ 

Erst war es nur ein leises Klopfen, dann ein Pochen und schließlich ein synapsenfüllender Prozess des Selbstzweifels und des Bezweiflens der eigenen Geschichte.
Von einem Moment zum anderen war oft gar nichts mehr klar. Nicht mal das sicherste Nichts.
Die Suche nach Beweisen für oder gegen die Bilder, die so unverfroren waren, ungefragt in meinem Kopf aufzutauchen, mir von Abgründen zu erzählen und sowohl Körper, als auch Seele von jetzt auf gleich in einen Zustand zerberstenden Schmerzes oder erfrierender Ohnmacht zu versetzen und danach oft wieder abtauchten in ungreifbare Tiefen.
Dissoziation macht Realitäten ungreifbar.
Mehr oder weniger starke Zweifelphasen sind wohl den meisten Überlebenden bekannt, teils sogar von den Tätern bewusst geplant.
Ringen um Wissensstrohalme, durch dessen kleine Öffnung in der Gefühlsverwirrung Sicherheiten entstehen können.
Anbei möchten wir mit euch ein paar der Erinnerungen, Symptome und Beweise dafür teilen, dass wirklich etwas geschehen ist, die uns geholfen haben:

  • Bist du dissoziativ? Gibt es vielleicht sogar eine Diagnose wie DIS oder DDNOS, die das bestätigt? Übermäßige Dissoziation ist eine Traumafolge. Hast du ausreichende Erklärungen für das Maß der Dissoziation, das du bei dir selbst wahrnehmen kannst, wenn du leugnest, dass dir etwas geschehen ist?
  • Wenn du denkst, dass du dir selbst und anderen nur etwas vorspielst, kannst du damit aufhören?
  • Wenn du malst, schau dir deine Bilder an. Worum geht es? Wiederholt sich etwas immer wieder? Sind sie so unterschiedlich, als hätten Sie verschiedene Personen gemacht? Welchen Inhalt haben sie? Lange bevor wir eine Diagnose hatten oder in Therapie waren, haben wir z.B. Bilder gemalt, in denen verschiedenen Welten getrennt waren, links und rechts, schwarz und weiß, Tag und Nacht, Schnee und Sonne, ein offenes und ein geschlossenes Auge…
  • Hattest du vor den Zweifeln gerade eine Phase, in der besonders viel schmerzliches Material hochgekommen ist oder du dir glauben konntest? Habt Ihr gerade in der Therapie eine Erinnerung näher besprochen? Uns ist für uns aufgefallen, dass sich die stärksten Zweifelphasen oft als eine (Rettungs-)Reaktion auf eine Flut unaushaltbarer Erinnerungen zeigten oder als eine Art Gegenreaktion auf den Realisierungsprozess in der Therapie.
  • Gibt es Dinge, Erinnerungen und Verhaltensweisen, die schon vor jeder Therapie oder bevor du mit jemandem gesprochen oder etwas darüber  gelesen hast, aufgetaucht sind? Man kann sich Erinnerungen nicht einreden, wenn nichts passiert ist. Allison Miller selbst schreibt über sich, dass sie im Laufe Ihres Berufslebens zig solcher Geschichten gehört hat und noch nicht einmal auch nur Ansatzweise auf den Gedanken kam, dass es ihr selbst passiert sei. Von unserer Therapeutin haben wir ähnliches gehört. Völlig unlogisch wäre auch, dass man auch öfter von anderen traumatischen Begebenheiten, wie Naturkatastrophen hört. Wie oft hast du dir schon gedacht, dass du einen Tsunami, ein Erdbeben oder einen Vulkanausbruch überlebt hast, nur, weil du im Fernsehen Berichte darüber gesehen hast und das auch noch körperlich und emotional spüren können (sofern du das nicht wirklich erlebt hast)? Wahrscheinlich nie.
    Dennoch hat es uns oft geholfen uns zu überlegen, was an Bildern, Emotionen, Verhaltensweisen und Empfindungen schon immer da war, bevor wir uns direkt mit dem Thema beschäftigt haben, um aus der „Das rede ich mir nur ein“-Schleife herauszukommen.
  • Gibt es Erinnerungen von denen du hundertprozentig weißt, dass sie genau so passiert sind?
  • Falls du denkst, du lügst oder bildest dir alles nur ein, dürftest du eigentlich aussschließlich ganze und vollständige Geschichten, von denen du weißt, wie sie begannen, wie sie verliefen und wie sie endeten, haben. Nein!? Wenn du dir die Erinnerungen nur ausdenken würdest, könntest du sie einfach nach belieben phantasievoll ergänzen. Wenn du an Punkte kommst, wo du feststellst, dass du hier nicht weißt, wie es weiter geht oder wie es zu Anfang war, spricht das nicht dafür, dass du gerade Geschichten erzählst, denn den Verlauf von Geschichten kannst du einfach bestimmen.
  • Hast du Körpererinnerungen? Körpererinnerungen stellen das Wiedererleben eines körperlich erfahrenen Traumas dar. Dein Körper kann sich nicht an Schmerzen oder Berührungen erinnern, die er nicht erfahren hat. Sie sind nicht durch Fernsehen oder Bücher beeinflussbar. Was man noch nie gespürt hat, kann man auch nicht wiedererleben. Wie fühlt es sich an vom Rüssel eines Elefanten umarmt zu werden? Sofern du es nicht erlebt hast, kannst du vielleicht versuchen es dir vorzustellen, aber wissen und spüren tust du es nicht. Im Gegensatz dazu werden die meisten sofort wissen und körperlich nachempfinden können, wie es sich anfühlt einen Hund oder eine Katze zu streicheln. Wenn du Vergewaltigung oder Missbrauch auf Körperebene spüren kannst, kannst du dir sicher sein, dass das auch passiert ist.
  • Gibt es Belege von Außen, die dir deine Erinnerungen ein Stück weit bestätigen können? Berichten andere Betroffene ähnliche Abläufe oder über die gleichen Orte, an denen die Gewalt passierte? Gibt es Fotos?  Zugegebenermaßen sind das wohl die am schwierigsten zu bekommenden Beweise. Manchmal gibt es Sie dennoch. Mittlerweile wissen wir von anderen Personen, die ganz unabhängig von uns, Jahre nachdem wir bereits in der Therapie darüber geredet haben, über die gleichen Täter und Orte, wie wir berichten. Wir wissen, dass das selten ist und wir würden nicht gezielt danach suchen. Erstens, weil wir es als zu gefährlich erachten und zweitens, weil Erfahrungsgemäß bei uns die Aussagen anderer noch lange nicht dazu führten, dass wir die eigenen Erinnerungen auch als Wahrheit zulassen konnten. Dennoch kann das wichtige Anhaltspunkte liefern, sofern vorhanden.

Unsere Liste ist sicher nicht vollständig und nur ein Auszug an Überlegungen, die uns geholfen haben. Eventuell werden wir diese zu einem späteren Zeitpunkt ergänzen.
Wenn in deinem Kopf Erinnerungen und Fragmente an rituelle oder organisierte Gewalt auftauchen oder du das Gefühl hast, dass etwas von dem Thema mit dir zu tun hat, vertraue dir und folge der Spur. Letztendlich kannst du nur so herausfinden was für dich stimmt und was es für dich bedeutet.
Andere mögliche Indizien für rituelle Gewalt findet man auch auf anderen Internetseiten, z.B. hier oder im Buch von Alison Miller für Betroffene von Ritueller Gewalt und Mind Control „Werde, wer du wirklich bist“, erschienen im Asanger Verlag, aus dem auch das obige Zitat und einige Anregungen für diesen Blogbeitrag stammen.

Seiltänzer

Wir hängen in den Seilen.
Ordentlich.
Seit fast zwei Wochen fehlt von einem Moment auf den anderen der so dringend benötigte Boden unter den Füßen.
Sterben. Aufgeben.
Verlockend.
Andererseits – Leben ist auch wirklich schön.
Wenn es gerade nicht so scheiße wehtun würde.
Ok… einen Versuch ist es wert.
Unser Gehirn boykottiert den Funktioniermodus.
Lernen für Prüfungen Fehlanzeige.
Allein das Sitzen im Unterricht ist schon anstrengende Qual genug.
Lächeln und Schmunzeln.
Dann fühlen sich wenigstens Lehrer und Mitschüler sicher und wohl.
Depression inkognito.
Harmlos wirkt es und unernst, nach kleineren Wehwehchen, wenn wir sagen, dass es uns nicht gut geht.
Doch das ist es nicht.
Es ist der gesamte Ernst, der auf uns prallt, wenn wir spüren, dass wir Opfer sind.
Wenn die Bilder der Folter, die uns angetan wurde, in uns wirken.
Es sind die Gerüche der Männer, die uns in die Nase steigen.
Das Parfüm, der Körpergeruch, Alkohol,…
Es ist das Spüren ihres Atems, der auf unseren Körper trifft.
Mal sanft und hauchig. Mal hart und fordernd.
Es sind die Spuren ihrer Berührungen, die sie auf unseren Körper zeichneten.
Das „Es war so schrecklich“.
Wir sind Seiltänzer auf den Synapsen und hoffen an den Überspannungsleitungen möglichst vorbei zu kommen und schon gar nicht mitten auf dem Starkstromnervenkabel zu landen.
Etwas Ruhe.
Wenig Reize.
Abgerichtet auf das Leben in Kult und organisiertem Verbrechen, wo selbst Reizlosigkeit einen Reiz darstellt.
Kaum möglich.
Nervenseilüberlebenstanz.

Weihnacht 2016

img_1590Es ist Weihnachten.
Die Weihnachtszeit hat wieder ihr Funkel-Glitzer-Kleid ausgepackt und lädt zum besinnlichen Jahresausklang ein.
Diese Tage sind für uns oft schwer, weil sie Zauberschlüssel für Erinnerungen beinhalten, die für uns den Rest des Jahres kaum oder gar nicht greifbar sind. Bei allem Schmerz – wir finden uns auch selbst ein Stück in diesen Tagen und nicht nur die Weihnachtszeit glitzert, wir tun es auch.
Mit unseren eigenen Bräuchen.
Der grüne Baum bekommt rote Bastschleifen mit Wünschen für das nächste Jahr und keine Kugeln, sondern essbare Anhänger, wie Lebekuchen, Schokolade und Glitzerpapierumhülltes.
Ein Twix kann richtig schön funkeln und ein Milky Way zum träumen in die Milchstraße einladen… 😉
Für uns zusätzlich ganz wichtig – es gibt in diesen Tagen keinen festen Zeitplan.
Wenn wir um 12.00 Uhr zu Mittag essen gut, wenn erst später, auch gut. Der Baum ist dann fertig, wenn er eben fertig ist. Wir verlassen das Haus dann, wenn wir wollen oder eben nicht.
Und wenn wir eine Pause brauchen, einfach nur dasitzen wollen/müssen und die Gefühle laufen lassen, dann können wir das jederzeit einfach tun. Das nimmt uns viel Druck (aus-)halten zu müssen.
Was gut ist, wird beibehalten, was sich nicht gut anfühlt wird geändert und wenn es ganz klitzekleine Dinge sind. Für uns ist es wichtig „Anker“ im Tagesablauf zur Orientierung zu schaffen, die deutlich anders sind als früher.

In seiner ungeplanten Chaotischheit hatten wir einen schönen Weihnachtsabend mit unserer Wahlfamilie. 🙂

Wir wünschen euch allen eine schöne Weihnachtszeit ganz nach eueren Bedürfnissen!