Samhain-Trommeln

Dumpf dröhnen die Trommelschläge in meinem Kopf nach. Vom entspannenden Rhythmus ist eine tranceartige Schwere geblieben. Draußen am grauen Himmel ziehen die Wolken vorbei bis sich die Sonnenstrahlen durchs dichte Grau quetschen. Mein blauer Filzschlegel klopft zart gegen das gespannte Leder. „Mystisch ist die Zeit und die Schleier dünn“, denke ich bei mir. Längst habe ich einen eigenen Glauben mit eigenen Ritualen. Ich freue mich darauf, mir in den nächsten Tagen bewusst Zeit zu nehmen liebe Seelen aus einer ganz anderen Welt zu treffen. In meinem Herz zu sein.

Und was ist mit damals? Was ist mit dem Leid? Ist alles einfach vorbei und wieder gut?
Nein, das ist es nicht. Unsere Seele trauert. Unsere Seele weiß wie sehr die Zeit besetzt ist. In unseren Gliedern steckt Schreck und Müdigkeit. Aber sie hat Platz in unserem Tun. Sie darf weinen, wenn wir trommeln und schweigen und lachen und schreien, weil es das Herz zerreißt. Bei all dem Schmerz erleben wir Momente des Glücks, weil wir heute einfach sein dürfen.

Langsam und sanft beginnen wir wieder zu trommeln. Lassen aus den dumpfen Tönen der Rituale von einst den Herzschlag von Mutter Erde werden und fühlen uns von ihr gehalten, wenn wir die Verletzungen betrauern.
Bom…
Bom…… Bom.

Dünnhäutig

Ich falte ein Stück Papier.
Erst in der Mitte. Dann nochmal in die andere Richtung.
Öffnen.
Linke Ecke zur Mittellinie. Rechte Ecke zur Mittellinie.
Einmal. Zweimal. Dreimal.
Meine Finger bewegen sich mit nervöser Genauigkeit.
Mich fröstelt.
Ich bekomme Gänsehaut
und ein heißes Gesicht.
Der Spannungsbogen der Situation läuft darauf zu, dass sich ein Papierflieger in die Lüfte erhebt.
Äußerlich.
Innerlich kämpfen wir damit, dass uns ein hartnäckiges Ekzem im Intimbereich den letzten Nerv raubt.
Es juckt. Es schmerzt. Es brennt.
Kurz: Es kann alles, was ein richtig guter Trigger an dieser Stelle können muss.
Jackpot dabei: Kein Arzt weiß, weshalb es überhaupt da ist.
Keine Therapie schlägt wirklich an.
Die nässend geschwollenen Stellen haben keinen Namen.
Kein Pilz. Kein Bakterium. Kein Nichts.
Dennoch ist die Frau in uns löchrig dünnhäutig.
Wundflüssigkeit läuft wie Tränen über die Schamlippen.
Und nun?
Es ist, als schrien sämtliche meiner Hautzellen: „Ich möchte nie wieder angefasst werden! Schon gar nicht dort!“
Gleichzeitig lösen sich unsere (Haut-)Grenzen auf.
Eine innere Gewissheit tut sich auf, dass dieser Bereich erst dann wieder heilen wird, wenn eine bestimmte Innenperson Beachtung findet. Wenn ein Stück Erfahrung heilt. Aber wie? Der Zugang fehlt.

Hey du,
Kind voller Tränen.
Lass uns wachsen. Gemeinsam. Zur Frau.
Zur Überlebenden.
Mit Grenzen.

Gespaltener Vorabend

Ich sitze am Pc und tippe ohne zu wissen, wohin mich diese Zeilen führen werden. Die Worte sind in den Fingern, ehe sie in meinem Kopf bewusst werden. Sie fließen an meinen Synapsen vorbei. Morgen ist Tag der deutschen Einheit. Letztes Jahr haben wir hier auf diesem Blog geschrieben, dass dieses Land noch lange nicht eins ist, wenn traumatisierte Menschen gesellschaftlich derart ausgegrenzt werden. Dieses Jahr machen mich die inneren Wortschwalle stumm.
In der neuen ganz weit entfernten Wohnung kommen in der Brückentagfreizeit Dinge hoch, die im Alltag nun lange, lange Zeit weggedrückt werden mussten. Ich ärgere mich, dass morgen Feiertag ist, weil es mir Zeit nimmt, wichtige Dinge im Außen zu erledigen. Ich sitze in der Falle, weil mein Fluchtweg „Alltagsmanagement“ wegfällt. Und ich hasse das derzeit allgegenwärtige, existenzbedrohliche Gedankenkreisen, wie ich wohl am Besten damit umgehe, dass eine dritte Person einfach so, ohne mein Wissen, auf meinen Namen ein Handy, samt Vertrag bestellt hat, zu dem mir nun die Rechnung ins Haus geflattert ist. Der Einspruch bei dem Telekommunikationsunternehmen über den Bestellvorgang, interessiert die Bearbeiter herzlich wenig. Das sei mein Problem, bekomme ich dann nur zu hören, wie ich das Handy wieder auftreibe. Ich könne es ja zurück schicken und man mache alles rückgängig. Guter Witz! Immerhin haben sie es ja nicht an mich versandt, sondern widerrechtlich an besagten dritten. In der pinken Welt des Konzerns scheint es an normalem Menschenverstand zu mangeln. Das gute Stück ist übrigens nur schlappe 800 Euro Wert. Im Briefwechsel zeichnet sich ab, dass ich wohl einen Anwalt brauchen werde. Bei der Polizei habe ich bereits Anzeige erstattet. Ich rase innerlich, weil ich nicht weiß, woher ich das Geld für den Anwalt nehmen soll, geschweige denn für das geforderte Mobiltelefon. Ich hasse es zudem, dass mir gerade die Verantwortung für etwas in die Schuhe geschoben wird, für das ich nicht mal im entferntesten etwas kann, weil ich damit null zu tun habe, außer dass mein Name auf der Rechnung steht.
Bei mir ist gar nichts eins.
Das einzige worüber einheitliche Zustimmung erfolgt, ist, dass wir gerade innerlich sehr gespalten sind.
Die Scheiße triggert und sie macht auch ohne Trigger entsetzlich betroffen, traurig und ohnmächtig. Ich frage mich, was sich dieser Mensch eigentlich denkt oder eben auch nicht denkt, der auf meine Rechnung bestellt hat und an seine Adresse liefern ließ. Und wieso verdammt noch mal ist das eigentlich so leicht!?
Ich bin müde. Meine Augen wollen nur noch schlafen. Sie wollen dass im Kopf endlich ein Ende ist mit den ganzen Diskussionen. Wir wollen nicht auch noch darüber nachdenken müssen, was in den Tagen und Nächten um den dritten Oktober früher so passiert ist.
Auch damals ging die Rechnung unerlaubter Weise auf unsere Kosten.
Diesmal werden wir nicht zahlen!

Studie zur Aufarbeitung ritueller Gewalt

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Die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ hat auf ihrer Internetseite eine Befragung eingerichtet um das Vorkommen von ritueller Gewalt und die spezifischen Hilfsangebote näher zu beleuchten. Geleitet wird die Studie von Prof. Dr. Peer Briken. Im Internet stehen zwei Online-Fragebögen für Betroffene und Therapeuten zur Verfügung. Die Teilnahme kann anonym durchgeführt werden. Ziel ist es unter anderem auf Basis der Ergebnisse eine größere Anerkennung der Thematik in Gesellschaft und Therapeuthenkreisen zu schaffen.
Eine Beschreibung der Studie und den Link zu den Fragebögen findet man hier.

Die Beantwortung der Fragen dauert ca. 45 Minuten. Pausen sind währenddessen leider nicht möglich. Wer mehr Zeit benötigt, kann sich die Fragen aber vorab als PDF-Datei ansehen. Neben direkten Fragen zu Art und Umfang der erlebten Gewalt, geht es darin auch um die Bewertung der bislang wahrgenommenen medizinischen oder psychotherapeutischen Angebote. Studienmitarbeiter sind bei einer eventuell durch die Fragen ausgelösten Krise erreichbar. Es wird aber ausdrücklich drauf hingewiesen, dass man nur bei ausreichender Stabilität mit der Beantwortung des Bogens beginnen sollte.

Wir finden es gut, wenn offizielle Stellen sich mit der Thematik auseinandersetzen und dadurch mehr Anerkennung von ritueller Gewalt und ihren Folgen entsteht. Was das Studienergebnis sein wird und ob es letztlich im Sinne der Betroffenen ausfällt, ist noch ungewiss. Dennoch finden wir den Grundgedanken unterstützenswert und sehen darin die Chance mit unserer Geschichte und den Folgen gehört zu werden.

„Was die an diesen Nutten bloß finden!?“

Höre ich eine junge Frau sagen, die mit einer anderen ins Gespräch vertieft ist. Beide wirken auf den ersten Blick durchaus gut gekleidet. Man hätte Niveau vermuten können.
Von Zeit zu Zeit führt mein Weg durch eine Gegend, in der auch immer wieder Prostituierte auf den Straßen zu sehen sind, weil der Straßenstrich nicht weit entfernt ist. Ausweichmöglichkeiten für mich gibt es nicht, wenn ich das Geschäft meiner Wahl besuchen möchte, weil es nun mal dort lokalisiert ist. Mich stört es allerdings auch nicht sonderlich. Die Frauen tun mir nichts und ich schaue sie eher voller Mitgefühl an. Mit den Leuten des Ladengeschäftes versteh ich mich gut, sie machen gute und bezahlbare Arbeit. Ich mag den Austausch dort. Weshalb sollte ich also ein anderes Geschäft aufsuchen!?
„Schau dir die doch mal an! Wie die aussieht! Da müssten ja eigentlich die Männer noch was dafür bekommen.“
„Die könnten doch auch einfach Kellnern, wenn Sie Geld verdienen wollen.“
Es wird über Prostituierte geschimpft und gelästert und wie schlimm die Männer es wohl haben, mit ihnen ins Bett gehen zu müssen.
Ich höre zu, obwohl ich eigentlich viel lieber gar nichts davon gehört hätte und weil ich schon zu viel gehört habe, mische ich mich schließlich ein.
„Haben Sie eigentlich keine eigenen Probleme?“, frage ich freundlich nach.
Man blickt mich an.
„Naja, es stimmt doch! Die könnten doch auch einfach einen anderen Job machen!“, bekomme ich als verteidigende Antwort.
„Wenn es so einfach wäre und sie tatsächlich wählen könnten, dann stimmt das. Leider können die meisten dieser Frauen nicht einfach frei wählen. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich“, spreche ich in erstaunte Gesichter. „Haben sie jemals mit einer dieser Frauen über ihre Lebensrealität oder ihre Geschichte gesprochen? Hatten sie jemals wirklich Kontakt zu jemandem aus der Szene oder haben zumindest ein paar Worte gewechselt? Haben sie jemals versucht diesen Frauen zu helfen auszusteigen? Haben sie sich überhaupt schonmal in die Materie eingearbeitet, bevor sie derartige Aussagen treffen?“, frage ich freundlich, aber mit spürbarer Wut im Bauch. Was ich ernte ist nicht viel mehr als entsetztes Schweigen. Das ist mir aber allemal lieber, als mir das Gewäsch weiter mit anhören zu müssen. Ich erledige meine Sachen und mache mich dann auf den Heimweg.
Wenn andere Menschen über Prostituierte sprechen fühle ich mich unwillentlich immer persönlich angesprochen. Ich kann nicht einfach weghören. In mir schreit dann etwas „Weißt du Arschgeige eigentlich wie das ist und worüber du da sprichst?“. Oft schweige ich, diesmal war es an der Zeit den Mund aufzumachen.

„Trotz allem“-Wut

Vor vielen, vielen Jahren, bei unserer ersten kompetenten Therapeutin, bekamen wir von Ihr das Buch „Trotz allem“ zum lesen ausgeliehen. Was wir damals daran so besonders toll fanden, ist die Tatsache, dass uneingeschränkt an die Erinnerungen der Betroffenen geglaubt wurde. Das selbst dann vertrauen in die Gefühle bestand, wenn konkrete Erinnerungen fehlten und die Überlebende „nur“ einem innerem Instinkt folgte. Damals waren meine Zweifel noch deutlich größer und übermächtiger im Vergleich zu heute. Nur kleine diffuse Bruchstücke drangen durch das Schwarz meines Erinnerns. Der klare Standpunkt der Autorinnen erleichterte es mir meinen Weg zu finden und mich auf mich selbst einzulassen. Um zu begreifen was meine eigene Geschichte ist, war und ist es für mich elementar wichtig, dass es Menschen um mich gibt, die für mich die Fahne hochhalten und glauben, wo ich selber vor Verwirrung gar nichts mehr glauben kann. Das Buch war damals ein Teil davon. Nur so konnte ich überhaupt kritisch hinschauen, was in meinem Kopf los ist und mir selbst ein Bild davon machen, was ich letztendlich glaube. Mit Wischiwaschi-hätte-wenn-könnte-wäre-Aussagen, wäre ich keinen Schritt weiter gekommen. Es war das „Du schaust dir das jetzt an und deine Meinung kannst du danach immer noch ändern, weil ich daran glaube, dass an deinen Bildern was wahres dran ist“, das mich hat wachsen und erkennen lassen.

Nun hielt ich gerade die neue Auflage von „Trotz allem“ von Ellen Bass und Laura Davis in den Händen und stellte mit bedauern fest, dass die Eindeutigkeit an manchen Stellen gewichen ist. Man ist vorsichtiger in den Aussagen geworden. Als Leserin habe ich Eindruck bekommen, dass auch hier die Debatte um „Falsche Erinnerungen“ zu einem Zurückrudern in der Eindeutigkeit geführt hat. „Überlebende werden sich zwangsläufig etwas ungenau an die Einzelheiten des Missbrauchs erinnern“, heißt es etwa im Kapitel „Die Grundlegende Wahrheit der Erinnerung“. Nein! werden sie nicht! Wir haben durchaus sehr genaue Erinnerungen! Zwar werden die Erinnerungen und Gefühle an dieser Stelle noch als Hinweis für etwas genommen, was passiert ist und sehr verletzt hat. Dass es Eins zu Eins so war, wird allerdings in Frage gestellt. So wird auf Seite 138 ausgeführt: „Manche Frauen Erinnern sich nicht, weil es keine physischen Übergriffe gab. Stattdessen warst du vielleicht einer Atmosphäre, unangemessener Grenzen, anzüglicher Blicke oder einem unangebrachten romantischen Verhalten ausgesetzt.“ Unterlegt wird die Behauptung mit dem Beispiel einer Betroffenen: „Ich war drei Jahre lang in Therapie und habe geforscht, in Erwartung eine Vergewaltigung oder ein anderes Ereignis aufzudecken, wo er mich tatsächlich belästigt hat. Doch er hat nichts dergleichen getan. Es war alles emotional.“
Wir finden solche Aussagen mehr als schwierig, zumal wir denken, dass sich eine Frau nicht vergewaltigt fühlt, weil die Atmosphäre nicht stimmt. Außerdem würde mich an der Stelle interessieren, wie die Frau zu der Einsicht kam, dass es letztlich nicht so war. Nur weil sich eine bildhafte Erinnerung nicht zeigt, belegt das nicht die Unrichtigkeit von Gefühlen. Wenn der Körper nicht weiß, was es bedeutet vergewaltigt zu werden, wird keine Frau der Welt plötzlich in jeder ihrer Körperzellen genau das fühlen können. Wie soll ein Körper speichern, was er nicht kennt!?
Über die Aussage „Langfristig ist es besser, deine Ungewissheit anzuerkennen, als vorzeitig etwas zu benennen, dessen du dir nicht sicher bist“ (S.139) könnten wir dann nur noch kotzen. Die Täter werden sich freuen und das Opfer kommt keinen Schritt mehr vom Fleck, weil es sich mit seinen Gefühlen nie Vertrauen darf, oder wie!? Genau diese Vertrauen braucht es doch aber, um irgendwann Sicherheit finden zu können. Egal wie sie am Schluss aussieht.
Es braucht Klarheit! Es ist wichtig zunächst davon auszugehen, dass es genau so war, wie es erinnert wird und von diesem Standpunkt weiter zu gehen. Anders kann man Verzerrungen, sofern sie überhaupt vorhanden sind, nicht aufdecken.
Aus einem Buch, dass vorher uneingeschränkt empfehlenswert war, ist durch das angepriesene „Überarbeitungs- und Zusatzmaterial“ in der Neuauflage ein Eiertanz geworden, bei dem klare Aussagen sich doch selbst zu vertrauen und zu glauben, im nächsten Moment wieder untergraben werden.
Ein Großteil des Inhaltes ist empfehlenswerter Lesestoff zum Thema Missbrauch, sofern man die Verunsicherung ausblenden kann, die den Weg ins Buch geschafft hat.
Diese Entwicklung finden wir sehr schade!

Vielfalt im Viele sein

Dass nicht alle Menschen ein bisschen Viele sind, haben wir bereits in diesem Artikel deutlich gemacht. Was die Abgrenzungen betrifft bleiben wir auch weiterhin ganz klar. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen mal kindlich sein und dem Viele sein.
In diesem Blog-Beitrag soll es heute vielmehr darum gehen, dass auch Menschen die Viele sind vielfältig sind. Das ist eine Tatsache, die Diagnosehandbücher und Literatur oft vermissen lassen. Diese Richtlinien sind sicher wichtig um zuverlässig diagnostizieren und damit auch Behandeln zu können. Wenn es darum geht sich selbst das Viele sein zu glauben ist diese Starrheit allerdings oft hinderlich. Wir sind alles Menschen und genau so wie es die „Unos“ in den unterschiedlichsten Ausführungen mit eigener Wahrnehmung gibt, ist das auch bei „Multis“. Multipel sein heißt, dass man die stärkste Form der Dissoziation als Überlebensmechanismus entwickelt hat. Die Parallelen zwischen mehreren Multiplen bestehen in dieser Tatsache. Wie jedoch der Einzelne diese Dissoziation erlebt kann sehr unterschiedlich sein und hängt sicher auch von der individuellen Lebensgeschichte ab.

1. Das Stimmenhören:
Es ist wohl der Klassiker, der in so gut wie jedem Fachbuch über das Viele sein auch beschrieben wird. Multiple hören die Stimmen von anderen Innenpersonen, die mit ihnen kommunizieren, in Ihrem Kopf. Das kann sein, muss aber nicht!
Lange nicht jede DIS-Patientin hört diese Stimmen und unterhält sich innerlich. Genau so gut, kann es sein, dass man nur „fremde Gedanken“ im Kopf hat oder es fühlt sich vielleicht sogar anfangs so an, als wären es die Eigenen. Gerade, wenn die Bewusstheit, dass es innen noch Andere gibt noch nicht gegeben ist, tritt das häufig auf. Ein anderes Mal passiert die Wahrnehmung der Innenpersonen vielleicht auch über das Körpergefühl. Man fühlt sich plötzlich viel kleiner, bewegt sich anders oder empfindet in einer Situation konträr zu dem, wie man es üblicher Weise tun würde. Auch Mischformen dieser Möglichkeiten die Innenpersonen wahrzunehmen und in Kontakt zu treten. Sind möglich. Nicht zuletzt ändert sich die Wahrnehmung auch mit dem grad der Co-Bewusstheit.
Bei uns ist es so, dass ich als Außenperson manchmal klar eine Stimme höre, die ich mal mehr mal weniger direkt zuordnen kann. Häufig erlebe ich unser Viele Sein allerdings auch, als hätte ich einfach mehrere Gedanken gleichzeitig im Kopf, die sich zum Teil auch widersprechen. Manchmal denke ich, ich denke selbst und stelle erst später in der Therapie fest, dass jemand anderes mit seinen Gedanken ganz nah an mich herausgerutscht ist. Oder mich überschwappt eine Gefühlswelle mitten aus dem nichts und es stellt sich erst im laufe der Zeit heraus, zu wem die Gefühle gehören. Fazit: Es ist wichtig die eigene Wahrnehmung der anderen, wie immer sie auch aussehen mag, ernst zu nehmen und zu entwickeln. Die Diagnose DIS ist nicht ausgeschlossen, nur weil man (vielleicht auch nur zunächst) keine Stimmen hört.

2. Kommunikationsweg innere Konferenz:
Schon möglichst frühzeitig in der Therapie geht es darum sich gegenseitig im Innen kennenzulernen und Kommunikation zu entwickeln. An dieser Stelle ist der Vorschlag zur inneren Konferenz oft nicht weit. Was nun aber, wenn das nicht funktioniert? Was wenn man die Antworten auf Fragen auf diesem Wege nicht wahrnehmen kann? Was wenn trotz den Mühen nichts vorwärts geht!? Ist man dann weniger Multipel, weil es bei den anderen ja anscheinend klappt?
Es gibt durchaus Multiple bei denen das nicht funktioniert. Die auch nach längerem Versuchen oder dem Hinterfragen, ob Programme am laufen sind, nicht in der Lage sind, die Innenpersonen auf diesem Weg wahrzunehmen. Dann gilt es andere Wege zu entwickeln. Auch Allison Miller schreibt in „Werde, wer du wirklich bist“ dass manchen ihrer Klienten die innere Kontaktaufnahme nicht möglich ist. Schreiben dient dann beispielsweise als Alternative.

3. Irgendjemand Innen hat auf jede Frage eine Antwort:
Öhm ja, kann sein… Das heißt aber lange noch nicht, dass er erreichbar ist oder die Antwort verrät. Wir persönlich bezweifeln auch, dass das so ist. Manchmal hat man auch trotz der Vielfältigkeit im Innen keine Lösung parat. Multis wissen genau so wenig alles, wie andere Menschen. Selbst wenn man davon ausgeht, dass ein bestimmtes Wissen innen irgendwo sein muss oder eine Innenperson die Erinnerung ergänzen kann, nützt das wenig, wenn es in diesem Moment schlicht nicht greifbar ist.

4. Irgendjemand Innen kann die Aufgaben übernehmen, mit denen du nicht klar kommst:
Im Grunde ähnlich wie unter Punkt drei. Innenpersonen sind kein unerschöpfliches Ersatzteillager für überforderte Außenpersonen oder welche Anforderungen auch immer. Bis zu einem gewissen Punkt kann man zusammen helfen. Die ein oder andere Aufgabe auch mal Teilen, sich in den Kompetenzen ergänzen. Wie gut das klappt hängt auch davon ab, wie weit man sonst schon mit der Zusammenarbeit gekommen ist. Aber am Viele sein muss keiner Zweifeln, nur weil er in einer schwierigen Situation keine Innenperson hat, die auf Anfrage der Therapeutin sofort einspringt. Auch als Mensch der Viele ist, gibt es Situationen in denen keiner einfach mal eben übernehmen kann. Zudem sind Alltagssituationen auch oft neu und es müssen bestimmte Kompetenzen ebenfalls von Grunde auf neu gelernt werden.

5.Die Diagnose sagt ich bin viele, ich fühle mich aber nur als eine
Dann hat der Programmierer ganze Arbeit geleistet. Wenn die Diagnose sorgfältig von fachkundigen Therapeuten gestellt ist, aber du dich dennoch nur als eine fühlst, dann ist das gut möglich. Schließlich bist du ja eine. Eine von Vielen, aber dennoch eine. Das heißt nicht, dass du deinen Körper für dich hast, nur weil die eigene Wahrnehmung für die Anderen fehlt. Wenn unter Umständen auch schon zweit und Drittmeinungen die gleiche Diagnose stellen, wird es Zeit sich genauer damit zu beschäftigen. Teilweise wird beim Programmieren auch versucht genau diesen Zustand herzustellen. Als Alltagsperson sollst du (meist) nichts von den anderen wissen (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel). Vielleicht magst du dich auf die Diagnose ja mal unverbindlich einlassen und erkunden was davon für dich stimmt… Ablehnen kannst du sie ja am Ende immer noch, aber dann hast du ehrlich geprüft. Und keine Angst, du wirst sie nicht einfach irgendwann für wahr halten, obwohl niemals etwas war…

6. Andere kaufen Dinge von denen ich nichts weiß und Jugendliche wollen in die Disco zum Party machen…
Das hängt von dir als Mensch, deinem System und wie ihr organisiert seid, ab. Ich habe bei mir innen bislang keine Jugendliche ausmachen können, die gerne mal auf eine Party loszieht ohne dass ich davon weiß. Das wäre für uns früher auch sicher tödlich geendet… Zudem mag einfach keiner die laute Musik, nach der noch Stunden später die Ohren klingeln. Beim Einkaufen ist es ähnlich. Innenkinder sind unbeaufsichtigt nicht draußen beim Einkaufen unterwegs. Das wäre viel zu auffällig gewesen und damit verboten. Dementsprechend wird das auch schon immer von Beschützern Innen kontrolliert. Was bei uns durchaus vorkommt, ist, dass Sachen in den Einkaufswagen gepackt werden wollen, die ich als große ungern darin sehe. Im Großen und ganzen weiß ich aber meist davon. Die Lücken zeigen sich bei uns eher an anderer Stelle.

Das sind nun zunächst die Punkte, die uns als erstes eingefallen sind und mit denen wir Anfangs auch von Zeit zu Zeit gekämpft haben. Die Liste ist sicher unvollständig und noch erweiterbar.
Grundsätzlich gilt auch beim Viele sein:
Mut zur Vielfalt! Mut sich selbst als Individuum zu entdecken!

Übergangszeiten

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Copyright by „Sofies viele Welten“


Das Gras ist noch nass vom Tau.
Der Hauseingang liegt früh am Morgen noch im Schatten.
Aus der Magnolie glitzern die Anemonen.
Auf der Wäschespinne der Nachbarin hängt bereits ein Betttuch. Der Duft der frischen Wäsche benetzt zart die Nasenschleimhaut. Ich nehme einen tiefen Atemzug der Sommerendherbstanfangsluft zum Start in den Tag.
So wie der Tag neu beginnt, so werden auch wir in ein paar Tagen in einer neuen Stadt starten. Weit weg von unserem Ursprungszuhause. Wie das sein wird, können wir uns noch gar nicht vorstellen. Ebenso wenig was es eventuell auslöst. Einerseits freuen wir uns auf den Raum der entsteht. Morgens aufzustehen und nichts wiederzuerkennen. Beim Einkaufen sicher keine unangenehmen Erinnerungen zu treffen. Andererseits gibt es auch die Angst, dass uns Dinge überfluten, die bis dahin gut weggepackt waren. Es ist schön, wenn Innenleute zurück kommen können, weil uns das ganzer macht. Wir hoffen dennoch, dass wir vor Ort dann auch Unterstützung haben.
Heute Abend werden die Schlüssel der alten Wohnung zurück an den Vermieter übergeben. Eine Tür geht zu. Eine andere geht auf.
Möge die Zukunft in der Sonne glitzern.

Ein Karton für die Kinder

Umzugskarton
Sachen packen.
Umzugskartons fertig stellen.
Schränke ausräumen.
So sahen unsere letzten Tage und Wochen überwiegend aus.
Heute vielen uns dabei ein paar ganz besondere Sachen in die Hände.
Bücher für die Kinder, Karten von lieben Menschen, Buntstifte und nette Erinnerungen. Im Kopf wurde es laut beim Anblick der Schätze.
Mit in den Karton zu den anderen Sachen?
Niemals!
Eine extra Schachtel musste her.
Ein Karton für die Kinder.
Im Felix-Geschenkkarton finden sich nun die Lieblingsstücke der Kleinen.
Muscheln, Stifte, Grußkarten, Kinderbücher, Kuscheltiere, Fund- und Sammelstücke und kleine Erinnerungen an die Therapie.
Und irgendwie finden auch wir Großen das gar nicht so schlecht.
Alles was unser Kinderherz oft braucht ist an einer Stelle griffbereit. Egal ob zum Trösten oder einfach nur zum Spaß. Was aus Zufall entstand, werden wir nun wahrscheinlich auch in der neuen Wohnung beibehalten.
Vielleicht kommen im Laufe der Zeit auch neue Stücke dazu und andere werden ausgetauscht.
Schön und praktisch zugleich.

Traum vom Trauma

Ich wache auf, weil jemand meine Hand auf sein steifes Geschlechtsteil drückt und sie dort bewegt. Meine Handflächen spüren die Details. Die Augen zu öffnen und damit dem Täter deutlich zu machen, dass ich nicht mehr schlafe, wage ich nicht. Die Szenerie setzt sich fort, bis er irgendwann auf mir liegt. Die Vergewaltigung ist absehbar. Ich halte mich still und scheinschlafend. Die Angst ansonsten umgebracht zu werden, ist zu groß. Im Kopf rasen die Gedanken auf der Suche nach einer Lösung, wie ich entkommen könnte.

Irgendwann wache ich wirklich auf. Der Alptraum lässt mich für den Moment reglos und verwirrt im Bett liegen. Ich blicke mich um. Ich bin allein. Langsam gewinne ich Fassung. Es ist Jahre her.

Heute war es nur ein Traum.
Aber auch mehr als das.
Es ist Erinnerung.

Halbschlaf und traumabedingte Dissoziation sind oft nahezu Todesurteile für jedes Erinnerungsvermögen. Zumindest stimmt das für uns. Wir erklären uns das so: Durch den Schlaf besteht schon vor der Traumasituation kein waches Bewusstsein, mit dem man speichern könnte. Der „Traumcharakter“, den Dissoziation vermittelt, lässt sich nicht oder noch schlechter hinterfragen oder einordnen, wenn man ohnehin gerade „träumt“. Wenn überhaupt etwas blieb, war es oft Verwirrtheit: War ich wach oder hab ich geträumt oder was war das heute Nacht!? Manchmal auch ein komisches Gefühl oder ein ziehender Schmerz im Unterleib, der schnell wegrationalisiert war… Am anderen Morgen wach zu werden und einfach gar nichts mehr zu davon zu wissen, war aber ebenso häufig der Fall. Ein bisschen viel Watte vielleicht, dumpfe unreale Wolke am folgenden Tag. „Irgendetwas ist nicht gut, aber was?“

Meine Erinnerungen an Situationen in denen ich im Schlaf missbraucht wurde, kommen hin und wieder im Traumschlaf zurück. Manchmal nicht eins zu eins, sondern mit anderen Traumelementen vermischt.

Manche Träume sind Träume.
Andere sind Wirklichkeit, die sich im Traum zeigt.
Nicht jeder Traum ist Phantasie, nur weil das Geschehen dem Bewusstsein zu surreal erscheint, um wirklich zu sein.
Träume sind Tore zum Bewusstsein.
Im Schlaf öffnen sich die Schlösser.
Die gequälte Seele kehrt im Traum zurück.