Diagnostikvorläufer

Am Donnerstag waren wir in einer Klinik mit Traumaambulanz, um mal wieder Diagnostik zu machen. Hintergrund zu dem ganzen Aufwand ist die Antragstellung für einen Klinikaufenthalt. Die Therapeutin in der angestrebten Klinik hat uns in einem Gespräch mitgeteilt, dass es für den Antrag in unserem Fall wichtig wäre, bereits eine gesicherte Diagnose beizulegen. Dann wäre zum einen die Auswahl an alternativ möglichen Kliniken geringer, zum anderen könnte mich aber auch die Traumaklinik direkt auf die DIS-Station einordnen.
„Kein Problem“, war mein erster Gedanke. „Schwerer, als ich mir das vorgestellt habe“, mein zweiter nach einigen anrufen. Die erste Therapeutin, die die Diagnose vor über 10 Jahren gestellt hat, arbeitet nicht mehr und ist auch nicht anderweitig erreichbar. „Ok, gut. Es gab ja auch noch welche nach ihr“, beruhige ich mich. Ich greife also zum Hörer und wähle weiter. Eine Andere ist derzeit schwer an Krebs erkrankt und nicht in der Lage etwas auszustellen. Der angebotene Schrieb einer Beratungsstelle ist nicht ausreichend. Die Psychotherapeutin an meiner vierten Anlaufstelle, sagt zu mir etwas zu schreiben, wäre aber froh, die Testdiagnostik der Traumaambulanz in der ich vor einigen Jahren vorstellig war, zusätzlich mit einbeziehen zu können. Das würde der Diagnose zusätzlich Gewicht verleihen. Also rufe ich auch dort an und bitte um die Übersendung der Unterlagen. Das geht jedoch nicht so einfach, weil dort die Therapeutin, die damals die Diagnose gestellt hat, nicht mehr arbeitet und Dritte den Befund nicht schreiben können, ohne mich jemals gesehen zu haben. Nach längerer Diskussion, dass doch Patientendaten nicht einfach nicht mehr greifbar sein können, weil das Personal wechselt, lädt man mich kurzfristig zu einem Termin ein, in der man die Diagnostik wiederholt. Soweit also die Vorgeschichte zu dem Termin in der Ambulanz.

Was lernen wir daraus:
Man sollte sich seine Diagnosen immer im Laufe der Therapie mindestens einmal schriftlich bestätigen lassen, auch wenn man das zu dem Zeitpunkt nicht braucht. Man weiß nie, wofür es mal gut ist.

In der Traumaambulanz ist man sehr freundlich zu uns. Die Ärztin und Psychotherapeutin, die für uns eingeteilt wurde, ist mit unserem Anliegen direkt bestens vertraut. Sie hat die alten Akten vor sich liegen und sich eingelesen. Mit Ruhe beginnt sie die erneute Diagnostik. An Zeit mangelt es nicht. Das empfinden wir als sehr positiv. Wir arbeiten uns durch mehrere Fragebögen. Anschließend klärt sie im freien Gespräch Dinge, die ihr zusätzlich wichtig erscheinen. Am Ende kann sie die Diagnose ihrer früheren Kollegin bestätigen. Die DIS ist eindeutig. Dazu kommen andere Probleme, wie etwa eine Essstörung und Depressionen.

Wir sind froh, dass wir das gemacht haben. Der Umgang in der Ambulanz mit uns, hätte nicht besser sein können. Das Vorgehen können wir auch für unsichere DIS-ler, die endlich eine sichere Diagnose wollen, nur empfehlen. Auch im Nachgang zum Termin bekamen wir direkt Unterstützung angeboten.
Trotzdem schlauchen uns die Folgen des Untersuchungsgesprächs immer noch. Wir sind seit Tagen komatös müde, können uns kaum auf den Beinen halten und kämpfen mit starken Schmerzen. Zumindest hat sich der Termin aber auf unserem Weg zur Traumaklinik gelohnt. 😊

Worte tanken

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Heute war ein anstrengender Tag. Mehrere Stunden Zugfahrt und ein langes Gespräch in einer Traumambulanz später wollen wir einfach nur noch abhängen. Am liebsten hätten wir jetzt auch so eine Hängematte, wie die Katze. Darin würden wir bewegungslos ausspannen. Da es uns daran leider mangelt, nehmen wir mit unserem Bett vorlieb und kuscheln uns in eine weiche Decke ein. Wir lassen den Tag ausklingen. Erschöpft versuchen wir Ruhe zu finden. Es gibt viele Eindrücke und viel zu erzählen. Für heute sind allerdings die Worte leer. Unsere Seele freut sich auf die stille Nacht zum Wortetanken.

Wir wünschen euch allen eine gute und erholsame Nacht! Habt seelenstreichelnde Träume.
Bis morgen!

Eigentlich war es doch gar nicht so…

… unbedeutend.
… leicht.
… harmlos.
Schlimm!?

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Weshalb jeder Missbrauch zählt, zeigt folgender Fall:

Die Geschichte zu diesen Gedanken beginnt mit einem Kundentermin, den ich trotz meiner Krankschreibung wahrgenommen habe. Es war mir wichtig, die offenen Akten soweit abzuschließen, dass ich die Arbeit mit halbwegs gutem Gewissen zurücklassen kann. Die Frau, die im Büro vor mir sitzt, ist über 70 Jahre alt. Wir regeln gemeinsam Formalien, Unterschriften und grob die weiteren Abläufe. Ganz nebenbei beginnt sie von sich zu erzählen, ihrem Mann, der gerade erst verstorben ist und ihrer Kindheit. Ich sei emphatisch und dass Sie sich sehr freue, dass ich mich um ihr Anliegen kümmere, meint sie.
Dann platzt es aus ihr heraus, wie eine Offenbarung. Endlich habe sie nun den Mut in Therapie zu gehen. „Es hat so schrecklich lange gedauert, aber dem Missbrauch aus meiner Kindheit konnte ich mich vorher nie stellen. Jetzt hab ich es doch gewagt“, zittert ihre Stimme. „Mir geht es schon viel besser, seit ich damit angefangen habe. Mein ganzen Leben war danach ausgerichtet. Was ich esse, was ich anziehe, welche Filme ich sehe…“
Ich bin für den Moment sprachlos. Ihre Augen durchdringen mich mit der unausgesprochenen Frage nach meiner Meinung. Mein Kopf nickt und meine Lippen formen eine Bestätigung: „Ich finde es gut, dass sie das machen. Es kommt nicht darauf an, wie alt sie schon sind, sondern dass sie es verdient haben endlich zu heilen.“
Sie lächelt.
Dann erzählt sie mir die alten Situationen.
Für einen Moment möchte ich nur Stopp schreien. Darum geht es hier gerade eigentlich nicht. Es wird mir zu viel. Ich atme zwei Mal tief durch und sammle mich. Dabei bringe ich mich selbst in Sicherheit. Ich entscheide mich für einen Augenblick zuhören zu wollen.

Ihre Schilderung ist kurz.
Erstaunlich kurz.
Irgendwie hatte ich bei der alten Dame „schlimmeres“ erwartet. Immerhin erzeugte das Erlebte einen siebzig Jahre andauernden Leidensdruck…
Das ist an dieser Stelle meinerseits gar nicht abwertend oder verharmlosend gemeint. Das möchte ich deutlich betonen.
Als sie mit der Detailschilderung anfing, war ich innerlich überzeugt davon, dass sie mir gleich Vergewaltigungsszenarien erzählen wird.
Doch darum ging es nicht.
Viel mehr stand Folgendes im Mittelpunkt:
Ein Bekannter steckte ihr bei einem Besuch in einem unbeobachteten Moment kurz unvermittelt die Hand in die Hose als sie gerade vier war. In zwei weiteren Situationen bedrängten Sie als Jugendliche Fremde auf der Straße. Einer riss ihr die Bluse auf. Die Fortsetzungen der Taten konnte durch Passanten verhindert werden.
Alle Täter stammten nicht aus dem familiären Kreis.
Ihre Mutter glaubte ihr sofort, als sie die Vorfälle schilderte und kümmerte sich fürsorglich.

Worauf will ich eigentlich hinaus?:
Die Gesellschaft übersieht viel zu häufig, was solche Situationen bei Menschen anrichten können. Dabei nehme ich mich selber nicht aus. Es fällt mir an mir selbst oft schwer, mich ernst mit meinen Gefühlen zu nehmen. Mit Sätzen wie „Es war doch nur ein bisschen Streicheln“ oder „Das kann mich doch nicht so lange beeinträchtigen“ habe ich in der Vergangenheit häufig Teile meiner eigenen Erinnerungen abgewertet. Was ich dazu fühle ist eine ganz andere Sache. Der Heilung ist das nicht gerade förderlich. Bei anderen Menschen ist mir die Tragweite viel klarer.
Nicht nur in Missbrauchsfamilien wird die Meinungsbildung Richtung „Akzeptierte Grenzüberschreitung“ geformt. Die Medien verkaufen uns mittlerweile tagtäglich in der Nachmittagsunterhaltung, dass eine gewisse Übergriffigkeit zum Leben dazugehört und Frau das auszuhalten hat.
Der Schock und das Entsetzen der Taten war im Fall der älteren Dame deutlich sicht- und spürbar. Es muss keine Vergewaltigung sein um langanhaltende, schwerwiegende Folgen von Traumatisierung zu bewirken.
Meiner Kundin war das absolut klar. „Mit Sprüchen wie „Nochmal gut ausgegangen“ braucht man mir gar nicht mehr kommen. Es war einfach furchtbar. Grenzen werden nicht erst bei Vergewaltigung überschritten. Das ist es was zählt“, sagt sie bewegt und schließt so ihre Erzählungen.

Es wird Zeit, dass wir uns endlich wieder trauen unsere Grenzen unabhängig von der Meinung anderer zu fühlen.
Da Grenze individuell ist, sind es auch Ausmaß und Schwere der Traumatisierungen des Einzelfalles. Es zählt, was für dich selbst zählt!

Einen Teelöffel Worte

Ich sitze hier und nuckle kopfüberfüllt am Strohalm der Capri-Sonne mit Orangengeschmack. Genau genommen ist es keine echte, sondern eine billigere Variante und noch genauer genommen habe ich längst den Überblick verloren, wer hier eigentlich in diesem Moment alles sitzt. Das angebliche Fruchtsaftgetränk schmeckt. Jetzt ist es zu allem Überfluss aber leer.
Ich werfe das ausgesaugte Plastikdingens unachtsam vor mich auf den Tisch. Meine Hände suchen im Kühlschrank hinter mir nach einem Joghurt. Sie finden ihn schließlich auf der obersten Ebene. Während kleine Finger mit Mühe die Abdeckfolie aufziehen und beginnen mit dem Teelöffel in der Creme-Matsche mit Mandeln herumzustochern, weil sie weder aussieht noch schmeckt wie Fruchtzwerge, begegnen sich im Innen unsere Gedanken.

„Na, heute schon gelebt?“, fragt mich ein Jugendlicher flapsig.
Die Frage kommt irgendwie überraschend. „Öhm, naja, also,… wie man’s nimmt“, antworte ich.
„Gut, dass du das so genau weißt“, lacht er. „Wie kommt’s, dass du hier drin rumhängst?“
„Ja, wie kommt das eigentlich?“, denke ich für mich selbst noch einmal. „Irgendwie war da die Limo, das Joghurt und ein stiller Moment und dann wollte ich einfach mal sehen, was in mir so los ist.“
Während ich weiter versuche mich auf das Gespräch zu konzentrieren, machen sich Kopfschmerzen und Müdigkeit breit. Ich wandere mit dem Laptop zum Bett. Die Katze war vor mir da und hat größere Teile davon bereits besetzt. Ich kuschle mich dennoch dazu.
Über den Kopfschmerzen verliere ich den direkten Draht nach innen. Für mich wirkt alles Durcheinander. Für andere Innens scheint es geregeltes Chaos zu sein.
Je bewusster ich versuche mir Zeit für das „Wir“ zu nehmen, umso schwieriger wird es jedoch. Meine Augen beginnen zu krampfen und zu zucken. Bald will ich einfach nur noch schlafen.
„Ich wünsche allen eine gute Nacht“, verabschiede ich mich.
Ein kleines „Gute Nacht“ hallt zurück.
Dann beende ich das bewusste Gespräch, rutsche einfach aus meiner sitzenden Position nach unten und lege mich zum Ausruhen auf die Seite.
Es ist spät und ich kenne den Mechanismus bereits. Für heute gebe ich nach.
Morgen ist ein neuer Tag, mit einer neuen Chance sich kennen zu lernen.

Die Dimension der Heilung

„Es ist wie bei einem Schock. Alle Energie zieht sich von den Extremitäten zurück, um nur noch die lebenswichtigen Organe zu versorgen. Bei Ihnen ist es gerade ähnlich. Das was passiert ist, war einfach zu viel. Es ist keine Kraft mehr da, sich um das Außen und den Alltag zu kümmern. Ihre Seele hat jetzt andere Prioritäten. Sie braucht die Energie um ihr Innerstes zu erhalten und zu heilen.
Der einzige Unterschied zum investierten Kraftaufwand ist, dass sie dafür leider keinen Uniabschluss oder besondere Auszeichnungen im Außen bekommen. Was sie leisten ist dadurch weniger sichtbar, aber gewiss nicht weniger wertvoll für Sie selbst und unsere Gesellschaft.“ 

Diese Worte meiner Therapeutin haben mich sehr bewegt. Sie bringen sehr gut auf den Punkt, worum es in meiner Situation derzeit und im Leben vieler traumarisierter Menschen geht. Alltagseinbrüche heißen Heilung. Die Anerkennung im Außen dafür fehlt leider häufig.
Neulich habe ich ein Zitat gelesen:
„Jede Frau, die sich selbst heilt, heilt alle Frauen, die vor ihr da waren und all die, die nach ihr kommen.“  
Der Verfasser ist mir leider unbekannt. Gefunden habe ich es hier.
In meinem Herzen gibt es einen Teil, der sich über diese Aussagen freut. Sie zeigen die gesellschaftliche Dimension, die mutige Frauen mit ihrer eigenen Heilarbeit leisten und machen klar, dass Selbstwerteinbrüche nicht sein müssen. Im Gegenteil, sie können stolz auf ihre Courage sein, die sie mitbringen ihren Themen ins Auge zu blicken. Vielleicht sind andere Überlebende, genau wie ich im Moment, über manche Strecken nicht dazu in der Lage, auch noch einen Beruf zu managen oder normalen Alltag zu leben. Sie werden nicht für ihre seelischen Glanzleistung bezahlt und müssen unter Umständen, auf die Versorgung durch den Staat zurückgreifen. Manchmal fallen dann auch noch blöde Sprüche. Man fühlt sich schlecht anderen auf der Tasche zu liegen. Aber hey – es ist ok, dafür aus der Gemeinschaftskasse bezahlt zu werden, dass man Themen therapiert, für die der Staat zu feige ist und sonst keine Lösungen anbieten kann. Für die er es noch nicht einmal hinbekommt, geeignete Therapiemöglichkeiten zu schaffen. Damit meine ich jetzt nicht nur die mangelhaften „Ich stell dich auf die Beine“-Angebote in Kliniken die lediglich funktionierfähig machen sollen. Um Aufarbeitung geht es kaum. Wer das Trauma deckeln kann, gilt als gesund. Was, wenn ich mehr erwarte!? Ich möchte nicht Krankenkassenfinanziert lernen dauerzuverdrängen. Ich möchte mit Empathie und Herzlichkeit auf meine Wunden schauen dürfen. Begleitet. Von Menschen, die Ohnmacht und Schmerz aushalten können und nicht ihre Ziele an mir verwirklichen wollen/müssen.

Das Geschenk der heilenden Frauen an diese Welt ist ein ganz besonderes:
Sie bringen Stück für Stück die Emotionen zurück und ein gesundes Selbst- und Menschenbild in dem euere Kinder sicher aufwachsen.

Taras Welten auf YouTube

Wer sich für die Serie „Taras Welten“ interessiert findet die meisten Folgen aus den verschiedenen Staffeln mittlerweile auch auf deutsch bei YouTube.
Vorab sei gesagt, dass durchaus oft vulgäre, sexualisierte Sprache benutzt wird, die auch leicht einmal triggern kann. Auch gewisse Szenen sind mit Vorsicht zu genießen.

Wir haben die Serie bereits vor längerer Zeit im Fernsehen gesehen. Damals lief sie zur „Primetime“ auf ARD um ein Uhr nachts. 😉
Für uns persönlich, hat sie mit dem „normalen“ Leben einer multiplen Persönlichkeit nicht wirklich viel gemein. Das liegt auch an der stark überspitzen Darstellung und den mangelhaften medizinischen Fakten. So sucht Tara in der ersten Staffel etwa beständig nach den Puzzelstücken eines Traumas im Alter von 16 Jahren. Dieses sieht sie als Auslöser für ihre Spaltung. Wer also hofft realitätsgetreue Einblicke in das Erleben zu bekommen wird enttäuscht. Bildungsfernsehen ist das sicher nicht.

Dennoch finden wir die Serien als Unterhaltung sehenswert. An vielen Stellen müssen wir einfach über die Absurdität der Situationen lachen.

PTBS bei DIS

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Ich telefoniere mit meiner Therapeutin.
Sie ist neu, aber wirkt kompetent.
Das Gespräch führt uns an den Unterschieden in der Behandlung von einer DIS mit komplexer PTBS und einer PTBS nach Monotrauma vorbei.
Was ich in dem Moment interessiert gehört, aber nicht weiter realisiert habe, ist jetzt in meinem Bewusstsein angekommen. Ihre Aussagen fühlen sich verdammt stimmig an:

„Es gibt gewaltige Unterschiede in der Behandlung von einer normalen PTBS und einer Patientin mit DIS. Eine PTBS haben sie nach dem ersten Trauma. Die sieht und merkt man deutlich. Mit Patienten im akuten Zustand der PTBS können sie nicht länger als 5-10 Minuten sprechen. Danach sind sie platt, völlig überfordert und sie bemerken als Behandler das Leid.
Bei Ihnen ist die PTBS chronisch. Sie ist bei DIS mit zunehmender Abspaltung durch die häufigen Traumatisierungen hinter der Fassade versteckt. Deshalb laufen sie auch lächelnd in die Praxis ihres Arztes und er hat Mühe die Ernsthaftigkeit der Lage zu erfassen. Sie sind als Alltagsperson in dem Moment nicht traumatisiert. Sie funktionieren. Alles andere trägt ein Innen. In ihrer Lebenssituation waren sie gezwungen die PTBS unsichtbar in den Alltag zu integrieren. Sie ist chronisch vorhanden, aber auch chronisch unsichtbar.“
(Sinngemäß wiedergegeben)

Diese Worte lassen mich vieles verstehen. Die Therapeutin hat recht.
Das trifft den Nagel meiner Problematik auf den Kopf.
Ich kann nicht mehr, aber eigentlich habe ich damit nichts zu tun. Nicht wirklich irgendwie. Also völlig eigentlich, aber dann doch wieder nicht. Ich trete ein für die inneren Bedürfnisse einer anderen Person. Meine Konversation ist klar und rationell. Die emotionale Dramatik dahinter, bleibt oft verborgen.

„Wenn ich mit einer PTBS-Patientin arbeite muss ich den Überblick für eine Person behalten. Bei einer DIS bin ich für Viele verantwortlich. Wenn ich eine Frau mit DIS stabil nach Hause schicke und übersehe, dass ich innen ein Fass aufgemacht habe, kann sie beispielsweise plötzlich ihre Kinder nicht mehr versorgen, sobald sie aus der Türe ist.“

Ja, das kann passieren. Das kennen wir gut aus früheren Therapiesituationen. Leider.
Für mich war’s ok zu gehen und kaum draußen ging der Punk ab.
Tut gut das Gefühl, eine Person gegenübersitzen zu haben, die verantwortungsbewusst mit dem Viele sein umgeht und zumindest eine Idee davon hat, dass innen etwas anderes laufen kann, als außen. 👩‍👩‍👧‍👦

Byron Katie und „The Work“

Auf verschiedenen Blogs (Birke – Zeitenmosaik, Sophie 0816) habe ich in letzter Zeit etwas zu „The Work“ von der Autorin Byron Katie gelesen. Das hat mich dazu angeregt meine Gedanken zu der Urheberin des Konzeptes zu posten.

Eines vorab: Ich habe selbst nie mit dem Konzept „The Work“ gearbeitet und möchte auch die Wirksamkeit weder bewerten, noch in Frage stellen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es sehr hilfreich sein kann Gedankenkreisläufe zu hinterfragen. Das wird in der kognitiven Therapie ja auch gemacht. Die Autorin kenne ich nicht persönlich und weiß nicht mehr als das, was Sie öffentlich über sich erzählt.
Dennoch sei es mir an dieser Stelle erlaubt meine Gedanken offen in den Raum zu stellen, auch wenn ich damit falsch liegen kann. Ihre Geschichte passt meiner Meinung nach gut zum Thema „Dissoziation“.

Byron Katie ist 1943 geboren. Ihre Bücher sind mittlerweile Bestseller. Darin schreibt sie über ein System an Fragen zur Selbsterkenntnis, dass sie von ihren schwerwiegenden psychischen Problemen befreite.
Sie selbst litt Jahrelang unter schweren Depressionen, Selbsthass, starken Ängsten und ging nie ohne einen Revolver unter dem Kissen schlafen. Dazu kam eine starke Essstörung mit Essattacken, die ihr Gewicht in die Höhe trieb. Irgendwann brachte man sie in eine Klinik. Dort hatte das Personal Angst um andere Patienten und ließ sie deshalb in einer Dachkammer schlafen. In diesem Zimmer erlebte sie in einer Nacht ihr „Erleuchtungserlebnis“, dass ihr von heute auf Morgen alle Sorgen und Ängste genommen zu haben scheint. Es sei nicht mehr als das große Nichts geblieben, überschwängliche Freude, die für Jahren anhielt und der Grundgedanke für „The Work“, sagt sie selbst dazu.
Alles paletti – Wunder soll es ja geben.
Ihren Mann und ihre drei Kinder erkennt sie allerdings bis heute seit dieser Nacht nicht mehr. Das erzählt sie in einem Artikel des Engel-Magazins. Ihrer Familie ging es umgekehrt ähnlich. Die Mutter und die Frau, die sie in die Klinik gebracht haben, war plötzlich verschwunden.

Mich machte das beim Lesen stutzig. Die Schilderung ihrer Geschichte lässt mich viel mehr an traumatische Dissoziation denken, als an das so hoch gefeierte „Erleuchtungserlebnis“. Persönlich erwarte ich bei einem derartigen spirituellen Ereignis ein Wunder, das zu Selbsterkenntnis und Heilung führt. Dazu gehört für mich aber auch gleichzeitig die liebevolle Integration der Vergangenheit.
Genau das ist hier nicht passiert. Byron Katie beginnt mit 43 Jahren ein völlig neues Leben, nach einer Nacht, die alles zuvor da gewesene ausradiert.
Sie Dis-tanziert.
Vergleichbare Fälle gibt es auch in Deutschland. Da gibt es etwa im letzten Jahr den Mann, der mit seiner Geschichte durch die Medien geht. Mitte 2017 wird er in der Bahn aufgefunden und erinnert sich an nichts mehr. Ärzte und Polizei wissen nicht, was vorgefallen ist. Sie suchen schließlich auch über die Medien nach seiner Identität. Psychiater stufen den sonst kompetent wirkenden Mann als völlig glaubwürdig ein und stellen die Diagnose der dissoziativen Amnesie.
Trauma unbekannt.
Seine Familie identifiziert ihn schließlich.
Damit ist er längst nicht der einzige.
Der Seelenschutz der Dissoziation krempelt das Leben dieser Menschen um, um in einer Ausweglosen Situation überleben zu können.
In der Geschichte der Autorin spielt im weiteren Verlauf Rationalisieren eine entscheidende Rolle. Ebenfalls eine Form der Dissoziation.
Wenn ich nicht so denken würde, sondern….
…dann würde ich mich auch anders fühlen.
Also ändere ich den Satz in meinem Kopf.
Wenn ich mich anstrenge bessere Gedanken zu haben, dann ist auch die Welt um mich herum gleich viel besser. Ich glaube einfach nicht mehr, dass mir eine bestimmte Situation scheiß Gefühle macht.
Als alleinige dauerhafte Methode führt das eher zum Selbstverlust, als zur Selbsterkenntnis.
Alles ist nur in meinem Kopf real. Wenn ich es nicht wahrhaben will, ist es auch nicht. Inneres victim blaming alla ich suche die Verantwortung für mein Leben nur noch bei mir und sehe mir meine Umgebung nicht mehr an, weil ich manchmal eben doch daran was ändern müsste!?
Auch die negative Außenwelt ist eben von Zeit zu Zeit Realität.

Warum aber interessiert mich das überhaupt?
Ich könnte sagen: „Gut, wenn es Katie einfach wunderbar geht seitdem – Who cares? Wenn das auch noch anderen gut tut – Who cares?“ Andererseits denke ich: „Wenn das was sie lebt Dissoziation ist, verpasst sie verdammt viel und eine falsche, bzw. nicht gestellte Diagnose führt mittlerweile hunderttausende von Lesern ihrer Bücher in die Irre, weil sie unter Umständen auf die gleiche „Erleuchtung“ hoffen.“ So angewandt heilt sie nicht, sie hilft zu dissoziieren.

Die überschwängliche Freude, die sie nach der Nacht in der Klinik beschreibt und das Gefühl, als ob alle Grenzen und Dinge sich auflösen, ist mir nicht minder bekannt. Der Hormoncocktail den Traumata und Trigger bei mir auslösten schaffte das früher oft von heute auf morgen über weite strecken des Alltags. Er ließ mich alle Schrecken für eine gewisse Zeit völlig vergessen. Mir ging es blendend. Ich flog im Überschwang. War ich nun in diesen Phasen erleuchtet, weil ich plötzlich Freude empfinden konnte? Wohl sicher nicht… War ich in diesen Phasen gesund? Wohl auch eher nicht…

Im Grunde macht sie nicht viel anderes, als kognitive Verhaltenstherapie. Sie verkauft es nur besser. Hier stelle ich mir die Frage, ob sich ihre Texte ohne den spirituellen Kram im Hintergrund und die Suggestion von Einfachheit so gut an die Leser bringen lassen würden. Ich denke eher nicht, weil die göttlich abgesegnete Möglichkeit zur Realitätsverdrehung und -flucht dann fehlt. Die Leugnungsscheuklappen fallen aus. Denn Negatives gibt es dann nunmal.
Immer wenn für eine Seite im Leben kein Platz mehr ist, läuft für mich etwas gewaltig schief.
Heilung ist und bleibt harte Arbeit. Da helfen vier Fragen vielleicht manchmal, aber sie streicheln sicher nicht alle Wunden weg. Es ist völlig ok in der Herangehensweise ihrer Bücher hilfreiches zu finden, genauso, wie in anderen Selbsthilfebüchern hilfreiches stecken kann. Allwissend und die einzige Lösung sind sie nicht.
Auf keinem einzigen ihrer Videos auf YouTube macht sie auf mich den Eindruck, in ihrer Mitte zu sein. Ich kann das Leuchten nicht spüren. Für mich wirkt sie aufgesetzt, teils hart, wenig bodenständig. Ihre Augen blicken hinter der Fassade ungreifbar und leer.
Vielleicht empfinden andre da anders.

Ich glaube, dass so einige dissoziative Patienten, die zum ersten Mal den Schrecken, der in ihrem Leben passiert ist benennen und den Mut haben all dem Schmerz in ihnen einen Namen zu geben, näher an sich und damit auch an der „Erleuchtung“ sind, als diese Frau.

Quellen:
– „Ich liebe was ist“, Engelmagazin, Ausgabe Januar/Februar 2018, S. 31;
https://realization.org/p/byron-katie/massad.byron-katie-interview/massad.byron-katie-interview.1.html
http://thework.com/en/about-byron-katie
https://www.mystica.tv/byron-katie_interview/
https://www.morgenpost.de/vermischtes/article211539507/Wer-ist-der-Mann-ohne-Gedaechtnis.html
https://www.berliner-zeitung.de/berlin/wer-kennt-diesen-mann–der-mann-ohne-gedaechtnis-10699546

Auftakt ohne Puste

Das Jahr ist noch so jung und mir geht die Puste aus.
Ich bin reif für die Klinik. Halten können und wollen wir nicht mehr.
Wir lassen los und geben auf. Zum ersten Mal in unserem Leben auf diese Art und Weise. Mir ist egal, wie es weiter geht, ob das gut für meinen Job ist oder in meinem Lebenslauf schlecht kommt. Wir scheißen drauf, was die Nachbarn sagen und was von uns erwartet wird. Denn die Erinnerung zerstört uns, wenn sie weiter verdrängt werden muss. So geht‘s nicht mehr. Die Bilder der Qualen sind klarer denn je. Sie verdichten sich. Sind alt und in dieser Qualität doch neu.

Der Zustand ist an dieser Stelle positiver, als es auf den ersten Blick aussehen mag. Wir stehen zu uns. Sind uns nahe, auch wenn uns der Schmerz zerreißt.
Funktioniermensch ade – Heilung wir kommen.

Wir haben begonnen den Zusammenbruch zu regeln. Klingt irgendwie komisch. Ist aber so. Gut, ein bisschen Kontrollfreak ist wohl übrig geblieben… 😊 Wir schleppen uns vorwärts und lassen unser jetziges Leben Stück für Stück zurück, organisieren die Jobpause, telefonieren mit der Klinik wegen einem Therapieplatz und bekommen immer weniger geregelt. Wir sind längst nicht mehr in der Lage unsere Post zu öffnen. Unsere Leistungen im Job sind. rapide gesunken. Die letzten Termine bei der Arbeit haben wir einfach vergessen. Die Kraft ist weg. In mir brüllt die Verzweiflung und nur noch ein Wunsch: „Ruhe.“
Wir wollen gemeinsam begreifen wer und was wir sind. Nochmal neu. Von vorne. Den Bildern in unsü endlich zuhören. Mit ungeteilter Aufmerksamkeit.
Weil wir es uns wert sind…

# Flashback im Tarnumhang


Rituale spuken durch unseren Kopf.
Diesmal mehr wie unfassbare Gedankenblitze, die kaum mehr ausmachen, als das Wort an sich.
Nicht immer kommen Erinnerungen an das was war als vollständige Szenen, bildhaft oder als Körpergefühle daher.
Oft kündigen sie sich bei uns darüber an, dass ich mich wie besessen immer wieder mit dem gleichen Thema beschäftigen muss, auch wenn ich gar nicht weiß, wieso eigentlich dieses Thema nun in diesem Moment solche Wichtigkeit hat. Es ist dann der Anfang meines Wiedererlebens und auch, wie ich mittlerweile vermute, der unbewusste Versuch es durch die Beschäftigung mit dem Thema in der Außenwelt aufhalten, bzw. wenigstens verstehen zu können, noch bevor ich genau weiß, welche, bzw. ob jetzt überhaupt eine Erinnerung hochkommt.

Über die Zeit ist mir immer mehr bewusst geworden, dass ich in diesen Momenten bereits auf einen Auslöser reagiere und in der damit verbundenen Reinszenierung stecke.
Das unbewusste Trauma arbeitet.
Ich verspüre dann den Drang z.B. Sachbücher oder Artikel zu bestimmten Themen, wie etwa Missbrauch oder Vergewaltigung, zu lesen ohne damit aufhören zu können. Es ist nicht nur starkes Interesse. Es ist mehr. Auch wenn ich mir das Lesen darüber strikt verbiete, fühle ich mich in der Phase oft wie ein Junkie auf der Suche nach seiner eigenen Identität, die er hofft irgendwo zwischen den Zeilen eines Betroffenenberichtes oder einer wissenschaftlichen Abhandlung zu finden, völlig angefixt von allem, was damit zu tun hat. Gleichzeitig würde ich mir vermutlich viel schlechter glauben können, wenn meine eigenen Bilder kommen würden, kurz nachdem ich über ähnliches gelesen hätte. Nicht, weil sie dann weniger wahr wären – Was könnte mehr eigene Erfahrungen triggern als Betroffenenberichte!? – sondern weil ich einen perfiden Grund für meinen Verstand hätte sie zu dis-tanzieren und genau das ist es, was er damit wahrscheinlich auch erreichen möchte. Willkommen bei „Es ist anderen passiert, aber doch nicht mir!“.
Deshalb lasse ich es und widerstehe dem Drang, weil ich sonst meiner eigenen Verarbeitung ein Bein stelle und meine Heilung verhindere.

Hier sitz ich nun also in diesem angetriggerten Schwebezustand und frage mich einmal mehr, was meine Seele, bzw. die Innens versuchen mir diesmal mitzuteilen.
Alles was bleibt ist offen zu beobachten, was auftaucht, immer wieder nach innen zu fragen und abzuwarten, bis es an der Oberfläche des Bewusstseins für mich greifbar wird.
Alles was ich habe ist mein Gefühl, dass es darum geht etwas zu realisieren, was ich noch nicht realisiert habe und dass es irgendetwas mit Ritualen zu tun hat.
Was es ist wird sich zeigen…