Suizid nach Vergewaltigung

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Ich liege im Bett. Es ist früh am Morgen. Die Katze schnurrt neben mir. Wir kuscheln uns beide in die warme Decke. Meine Gedanken beginnen den Tag mit einem traurigen Thema – dem Tod durch die Folgen von Vergewaltigung. Dabei geht es mir als Ursache gerade weniger um direkte Verletzungen oder Schockzustände während dem Trauma selbst, als mehr um die langfristige Gefahr deshalb verfrüht aus dem Leben zu scheiden. Neben körperlichen Spätfolgen durch den posttraumatischen Dauerstress ist auch die Suizidwahrscheinlichkeit drastisch erhöht. Vergewaltigung ist damit ein Verbrechen, das leider allzu oft permanente Todesnähe in das Leben der Opfer bringt.
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„Ich bin traumatisiert“

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Ja, ich weiß. Das kommt überraschend. 😉

Tatsächlich kam mir die Erkenntnis vor ein paar Tagen nachts im Bett und knallte mit voller Wucht durch bis zum Bewusstsein. Nun mag sich vielleicht die ein oder andere MitleserIn wundern, wie das möglich ist, wo ich doch hier schon so lange über Traumatisierung schreibe. Zu recht. Mir geht es seitdem nicht anders. Immerhin habe ich ja auch schon einen längeren Weg an ambulanter Therapie hinter mir und arrangiere meinen Alltag so, dass sich die Folgen meiner Geschichte möglichst wenig darauf auswirken. Dennoch hat dieser Moment einiges in mir verändert.
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Vom Schmerz im Hier und Jetzt

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Da ist er nun wieder  – der gemütliche Balkonabend. Irgendwie hat er sich in den letzten Wochen so eingebürgert. Manchmal schauen und denken wir einfach so vor uns hin. Ein anders Mal legen wir die Füße hoch, nehmen den Laptop auf den Schoß und beschäftigen uns mit kunterbunten Dingen aus dem Internet. Heute bin ich froh, dass ich sitze. Der Rest ist mir fast egal. Nach einer Wandertour vorgestern ist der Muskelkater nun so richtig in Fahrt. Ich atme tief ein und aus.
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Gewichtige Abendgedanken

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Es regnet. Draußen höre ich die Regentropfen auf die Balkonbretter klopfen. Eigentlich ist es ein sanfter Schauer. Dennoch klingen manche Aufplatscher hart. Die Luft ist angenehm zu atmen. Feuchte Kühle schleicht sich in mein Zimmer. Ich schaue unter der Bananenpalme zur Tür hinaus. Würde mir nicht das Dach fehlen, säße ich jetzt gerne auf der Terasse. Nebenbei bemerke ich, dass es finsterer ist, als mir lieb ist. Immerhin ist Sommer. Da mag ich es nicht, wenn es um neun Uhr schon dunkelt. Um jetzt noch etwas zu arbeiten bräuchte ich Licht. Allerdings möchte ich nicht, dass 1738 Mücken sofort laut „Gefällt mir“ schreien und mich besuchen kommen. Also lasse ich das und beschließe den Rest des Abends maximal lichtreduziert zu verbringen.
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„Wie fühlt sich eigentlich…

…eine vergewaltigte Frau?“

Ich sitze ruhig, atme noch einmal tief ein und aus und lasse die Frage einen Moment länger auf mich wirken. Sie kommt aus vollem Herzen von jemandem der verstehen möchte. Das spüre ich. Sie ist es wert beantwortet zu werden, auch wenn sie zunächst komisch klingen mag. Also versuche ich Worte zu finden. Stille trennt mich von der Antwort. Im Suchen nach Sprache finde ich mich selbst kurz selbst wieder. Jeden Tag frage ich mich, wie ich mich eigentlich fühle. Selten gibt es eine wirkliche innere Antwort. Meist besteht sie aus unerschöpflich vielen Facetten, die ich nicht greifen kann.
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Urwaldtauchzug zu eigenen Pfaden

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Ein heißer Anstrengender Tag geht zu Ende. Wir waren Schwimmen, haben einen Kaffee mit einer Bekannten getrunken und uns soweit ganz gut geschlagen. Der Schrittzähler zeigt rund 3000 Schritte. Dennoch frage ich mich, ob sie uns wirklich vorwärts gebracht haben. Wir sind auf dem besten Weg wieder in das Hamsterrad einzusteigen und rundzulaufen. Der Funktionsmodus ist zurück. Nun könnten wir uns ja über die Rückkehr von „Normalität“ freuen und tun es ein Stück weit auch. Andererseits sind wir uns selbst so fern wie lange nicht. Ich fühle, dass ich nichts fühle. Wie eine leere, fahle Hülle spüre ich gerade noch so viel, dass ich mich ausreichend emphatisch und alltagstauglich verhalten kann. Wie einem Roboter fehlt mir allerdings der Bezug zu mir selbst und den anderen Innens. Die Erfahrung zeigt – das ist eine explosive Konstellation. Früher oder später sucht sich das Trauma den Weg an die Oberfläche und dann knallt es so richtig. Wenn ich jetzt wüsste, wo der Schalter für ein Mittelmaß aus beiden Welten liegt…!?

Wir sitzen auf dem Balkon und blicken in die Sterne. Manchmal würden wir gerne danach greifen. Ich gönne mir eine kurze Traumzeit. Im Geiste bewandere ich die tiefsten Urwälder, die höchsten Berge und tauche durch die Weite von Seen und Meeren. Immer Schritt für Schritt und so, wie es die Umgebung eben zulässt. Bestimmt nun die Umgebung meinen Weg oder bestimme ich ihn frei selbst? Oder lege ich den Weg im Rahmen meiner Möglichkeiten fest, wie es die Umgebung zulässt? Die Gedanken gefallen mir nicht. Nie bin ich völlig frei von äußeren Einflüssen. Da ist nie ein „Nur ich selbst“-Sein. Irgendwie beängstigend. In der Phantasie bestimme ich einfach die Umgebung mit. Das ist einfacher, weil ich sie mit einem einzigen Gedanken meinen Bedürfnissen anpasse. Im Alltag ist das in dieser Form nur sehr begrenzt möglich. Schade eigentlich.

Nachdenklich schaue ich auf das Foto dieses Beitrages, das mir gerade in die Hände gefallen ist. Stufe für Stufe im Rhythmus der Natur. Mein Herz mag die Symbiose von Weg und Wald. Das Moos polstert. Ohne die Umgebung wäre der Pfad wohl kaum so schön geworden. Das lässt ein bisschen Hoffnung wachsen. Mit einer inneren Feder male ich Blumen in mein Leben. Ein bisschen freundlicher wirkt es dadurch. Aus dem Schwarz steigen die Bilder. Sie verbinden sich zu einem bunten Strauß. „Dieses Leben beruht auf einer wahren Geschichte“ und der passende Weg wächst mit dem Menschen, der es lebt.

Kühles Nass und harter Tobak

Ich sitze bei meiner Frauenärztin im Wartezimmmer. Die Luft ist schwül und stickig. Doch hier findet sich etwas Zeit, um die Gedanken wie Buchstabensuppe auf ein Stück Papier auszuschütten. Man weiß nie, ob die Lettern ausreichen alles in Worten auszudrücken. So manches verschwimmt wohl einfach ungesagt im Meer der Erfahrungsbilder aus den letzten Wochen. Bei den Temperaturen lässt sich der Kopf ohnehin am Besten unter Wasser frei bekommen. Stille lange Züge im Schwimmbad haben ihn die letzten Tage oftmals vorm Zerbersten bewahrt.

Da gibt es etwa die Klinikalternative zu Dresden, die mir tatsächlich anbietet mich aufzunehmen, wenn… ja wenn ich mich vorher einer magenverkleinernden Operation unterziehe und das ohne mich auch nur ein einziges Mal gesehen oder persönlich gesprochen zu haben. Nein, das ist kein Witz. Ihr habt richtig gelesen. Nun habe ich bestimmt nicht grundsätzlich etwas gegen Adipositaschirurgie. 160Kg auf knapp 1,80 m Körpergröße sind sicher deutlich zu viel. Mir geht’s hier nur um die Art und Weise wie dieses Angebot zu Stande kam. Die Ärzte dort haben mich nie gesehen, geschweige denn gesprochen. Bislang war ich noch NIE in einer psychiatrischen Klinik, und schon gar nicht auf Reha. Bis vor wenigen Wochen, war die Essstörung NIEMALS offenes Thema in einer Therapie und anstatt mir erst einmal Hilfe anzubieten, gesundes Essverhalten zu erlernen, kommt man nun auf die grandiose Idee das Problem einfach wegzuschneiden. Menschlichkeit ade! Armes Deutschland! Es wird immer besser… Ehrlich gesagt hätten wir an dieser Stelle erwartet, dass man sich als Arzt oder Therapeut die Mühe macht, den Menschen hinter den Kilos erst einmal zu sehen. Wenn man so nicht weiter kommt, kann man gemeinsam immer noch über Alternativen nachdenken.

Dann also doch lieber abtauchen und die Sonne genießen. Fast täglich findet man uns derzeit im Schwimmbad. Damit schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Das Sporteln tut unserem Körper gut und die Seele ist hinterher auch viel entspannter. Und manchmal sitzen wir dann am Beckenrand, lesen ein Buch und freuen uns, dass wir eine beste Freundin haben, die empathisch an unserer Seite beleibt, während die Fachwelt durch Unmenschlichkeit und emotionale Legasthenie glänzt.

Von Tochter zu Vater

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Lieber Papa,
seit du mich gezeugt hast, gehört dir ein Platz in meinem Herzen. Du hast ihn dir leider nie verdient. Trotz allem vermisse ich in manchen Stunden einen wirklichen Vater. Bei all der Angst, die diese Welt mir macht, hätte ich dich so sehr, als den Helden an meiner Seite gebraucht.

Als deine Tochter wünsche ich mir, dass du meine kleinen wackligen Schritte so behütet hättest, dass ich als Frau fest im Leben stehen kann. Ich hätte dich gebraucht als Mann, der mir die Männerwelt erklärt. Der mir zeigt, wie Männer wirklich ticken. Wie geht das mit dem flirten eigentlich? Was empfindet ein Mann und wie finde ich heraus, ob er’s ehrlich mit mir meint? Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass ich deine Prinzessin gewesen wäre, die du auf Händen getragen hättest und der du sagst, dass sie die schönste Frau der Welt ist und der Mann, der sie später bekommt, sich glücklich schätzen kann. Mein Herz sehnt sich nach dem Daddy, der mir beim ersten Liebeskummer die Hand hält und mir sagt, dass mich der Typ, so wie er mich behandelt, gar nicht verdient hat und dass noch viel tollere kommen. Ich vermisse einen friedvollen Krieger, der mir den Rücken frei hält und der mich vor den Männern schützt, die mir böses wollen.

Stattdessen sitze ich hier und weiß nicht, wie ich mit dem jungen Mann umgehen soll, der seit Wochen mein Herz so eigenartig bewegt. Ich habe Angst vor ihm. Nicht weil er etwas tut, was mir Angst macht, sondern weil er ein Mann ist und damit allein bedrohlich auf mich wirkt. Ich kann ihm nicht glauben, dass er nichts schlechtes im Sinn führt, weil du und deine Freunde es nie gut mit mir meinten. Dabei würde ich dich so gerne fragen, wie ich mich nun richtig verhalte und wie man mit einer Beziehung umgeht und wie seine Worte gemeint sein könnten.

Heute habe ich so viel Angst davor zu lieben, weil meine Liebe zu dir noch immer so schrecklich schmerzhaft ist. Nie wieder soll mich jemand so sehr zerstören.

Ich weiß, dass ich dich und die Vergangenheit leider nie mehr ändern kann. Aber ich will, dass du weißt, dass du mir in manchen Momenten auch als erwachsene Frau noch fehlst. Trotz allem. Und dass du immer noch scheiße baust, weil du nicht da bist. Jeden Tag neu. Du hast dich dafür entschieden Verbrecher statt Vater zu sein. Das ist deine Sache. Ich habe das Recht dich zu vermissen, egal was war. Und dabei vermisse ich wahrscheinlich noch nicht mal dich, sondern eine wirkliche Vaterfigur, die ihren Job macht.

Von Opfer zu Täter,
Von Tochter zu Vater,
deine Sofie

Gewichtige Probleme

Vor ein paar Wochen war endlich der Rehaantrag bei der Krankenkasse durch. Dresden sollte es werden. Schon vorher haben wir mehrmals mit einer Therapeutin dort Kontakt aufgenommen und uns soweit ganz gut beraten gefühlt. Nun kam es zu einem Vorgespräch mit der zuständigen Ärztin und kurz darauf mit dem Aufnahmebogen für uns auch zum vorläufigen Klinikaus. Denn unser BMI ist zu HOCH. Man nimmt uns so nicht auf. Wenn wir mit allem gerechnet hätten, aber nicht damit. Allerdings hat man uns unverschämt freundlich angeboten, dass wir ja bis zum Zeitpunkt der Aufnahme noch etwas Zeit hätten, um uns das erforderliche Gewicht anzudiäten. Sonst könne keine Traumatherapie stattfinden. Das ist bei einer Esstörung ein guter Witz. Als ob der Traumahintergrund mal eben gestrichen werden kann, bis man ein bestimmtes Gewicht erreicht. Abgesehen davon, wären wir wohl ohne die langen Hungerkuren, die wir hinter uns haben, kaum in der misslichen Lage mit den Essstörungen. Nicht selten sind wir in der Vergangenheit über eine Diät sogar direkt vom Binge Eating in die Anorexie geschlittert. Das ständigen Überessen wich dem nicht mehr essen. Darin waren wir dann ebenso ausdauernd, machten exzessiven Sport und hatten in relativ kurzer Zeitspanne Gewichtsschwankungen von bis zu 70 Kilo rauf und runter in zwei Jahren. Das kann und will ich so nicht mehr. Für uns steht fest, dass es nicht im Sinne des Erfinders sein kann, wenn eine Klinik da Druck aufbaut. Wir werden das Gespräch mit verschiedenen Verantwortlichen suchen müssen.

Wir waren so froh, dass wir die letzten Wochen erstmals wieder ein normales Essverhalten entwickelten. Es kam viel Obst und Gemüse auf den Teller und kochen machte zum ersten Mal seit langem richtig Spaß. Seit dieser Aussage der Klinik ist nichts mehr, wie es war. Drei Tage wurde nichts gegessen, dann kam die Heißhungerattacke und danach das große Kotzen. Das macht uns grade einfach nur unendlich traurig.

Mutterschmerz

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Schmerzwellen fluten unser sein.
Sie tragen unterschiedliche Namen.
Mal ist Ebbe, dann wieder Flut. Aber das Meer ist immer da.
„Verrat“ und „Verzweiflung“ und „Überforderung“ und „Kindheitsschmerz“ und „Schutzlosigkeit“ schreien sie gegen meine Synapsen, bis mir vor Seelenkummer fast der Kopf platzt. Es rüttelt mich. Mein Körper vibriert. Jede Faser schüttelt sich. „Wo warst du, schützende Mutter!?“ „Und wo bist du heute!?“
Meine Not nimmt sie nicht an. Sie kämpft ihren Kampf und lässt mich darin untergehen. Sie tut ihr Bestes, aber ist das Beste auch genug? Das sind die Momente, in denen klar wird, weshalb wir viele sind. Es gibt die aktiven Täter und eine Muttertäterin, die vor allem mit Passivität glänzt. Mit ihrem Nicht-Eingreifen, dem Nicht-Verstehen und dem Nicht-Sehen-wollen. Egal was passierte, die Verantwortung blieb alleine bei uns.
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