
„Zieh dich aus.“ Ich verstehe nicht, aber mache trotzdem. „Auch die Unterhose.“ Er deutet dem kleinen Mädchen an, sich ins Bett zu legen. Ich krieche unter die Decke. Wortlos. Verwirrt. Innerlich fragend. Äußerlich wie erwartet. Bis er fertig ist. Danach geht der Alltag weiter. Genau so, wie auch die Gewalt Alltag ist.
Man könnte denken, es habe sich um „ganz normalen“ Missbrauch gehandelt. In der Situation selbst gab es keinen offensichtlichen Anhalt für ideologie geprägte Gewalt.
Bei genauerer Betrachtung jedoch muss man feststellen, dass es um das geht, was ich „implizite rituelle Gewalt“ nenne.
Implizite rituelle Gewalt weist für Außenstehende keine sichtbaren rituellen oder ideologischen Elemente in der Tatsituation auf. Dennoch sind diese Elemente wirksam – denn der Täter handelt innerhalb einer Ideologie, die für das Kind im Alltag allgegenwärtig ist. Die Gewalt stellt in diesem Kontext den logischen Vollzug dieser Werte dar und dient ihrer praktischen Vermittlung.



Teil der ideologischen Werte waren in meinem Fall z.B.:
- Du bist nichts wert.
- Ein Mädchen hat einem Mann zur Verfügung zu stehen, wann immer er es wünscht. Das ist keine Gewalt.
- Mädchen müssen das lernen und ihre Geschlechtsorgane müssen möglichst früh drauf vorbereitet werden.
Rituelle Gewalt hat immer eine Alltagsform. Damit die Indoktrinierung funktioniert, muss das Kind die zugrunde liegende Ideologie als „normal“ verinnerlichen.
Deshalb ist die implizite Form so gefährlich:
Sie ist unsichtbar für Außenstehende – aber vollständig ritualisiert durch die Werte, die sie verkörpert.
Wenn wir rituelle Gewalt verstehen und verhindern wollen, dann ist es wichtig, die impliziten Formen klar zu kennen. Rituelle Gewalt passiert überwiegend nicht im „Hollywood-Stil“ mit viel offensichtlicher Inszenierung.
Das gilt auch für polizeilich sichergestelltes Bildmaterial, auf dem keine Hinweise auf Ideologie enthalten sind. Es dient in der Tätergruppe schlicht einem anderen Zweck.
Ideologie muss aktiv identifiziert werden – durch Wissen, Kontext und durch das ernsthafte Zuhören bei Betroffenen. Wenn wir nur nach sichtbaren Ritualen suchen, werden Menschen auch in hundert Jahren behaupten, es gebe keine Hinweise auf rituelle Gewalt – und Täternetzwerke nicht entlarven.
Die Bedeutung von impliziter Gewalt für Betroffene:
Viele Menschen, die implizite rituelle Gewalt erlebt haben, erkennen sich selbst nicht in offiziellen Beschreibungen wieder – und wissen deshalb oft lange nicht, dass auch sie von einer Form ritueller Gewalt betroffen sind.
Warum?
- Weil sie kein Pentagramm, keine Kutten, keine Messe gesehen haben.
- Weil die Gewalt äußerlich „alltäglich“, „familiär“ oder „normal“ wirkte.
Beispiele für implizite rituelle Gewalt:
- ein extrem religiöses Elternhaus, in dem jede Tat „gottgewollt“ war und als notwendiger Erziehungsakt legitimiert wurde.
- eine Mutter, die sich dem gewalttätigen Ehemann nicht entzieht, weil die Ideologie „bis dass der Tod uns scheidet“ wichtiger ist als der Schutz der Kinder – Gewalt muss aufgrund des Glaubens ertragen werden.
- ein rechtsextremer Vater, der „Disziplin“ und Sozialdarwinismus prügelt und Gewalt als natürlichen Teil seiner Weltanschauung inszeniert.
- eine Ideologie/Religion/Weltsicht, die im Alltag ständig mitschwingt und die Gewalt begründet, rechtfertigt und strukturiert.
Das sind rituelle Strukturen – auch wenn sie unscheinbar aussehen.
Rituell heißt nicht immer: Inszenierung, Symbolik, Messe.
Rituell heißt: Die Gewalt folgt einer Ideologie, einer Wiederholung, einer Bedeutung.
Ideologie wirkt auch dann, wenn sie nicht laut ausgesprochen wird.
Deswegen halte ich es für wichtig, implizite rituelle Gewalt sichtbar zu machen:
Damit Betroffene endlich Worte bekommen für etwas, das ihnen nie erklärt wurde – das aber ihr gesamtes Aufwachsen geprägt hat.