Geschenke als Mittel der Entwürdigung – wie Gaben in Gewaltkontexten zu Machtinstrument und Waffe werden

Steif stehe ich da und blicke auf meine kleine Kinderhand. Sie umschließt Markstücke und Pfennige, die mir mein Onkel soeben mit viel Kraft in die Hand gedrückt hat. Dann verschwand er aus der Tür. Gerade noch ist er mit einem Sturm der gewaltvollen Vernichtung über mich hinweggefegt, der mir noch Jahrzehnte später Tränen in die Augen treiben wird. Ich fühle mich leer und ausgelöscht. Messerscharf hat er mit seinen Worten meine gesamte kindliche Würde aus mir entfernt. „Wer will schon so sein und so aussehen wie du!?“, hallen seine Worte in mir nach. Nun bin ich in der Küche meiner Großeltern stehen gelassen. Was ich mit dem Geld soll, weiß ich in dem Alter noch gar nicht. In mir brennt nur der wahnsinnige Schmerz, den ich schlucken muss. Ich bin unerträglich und für alle eine Zumutung, also muss ich mich wenigstens anstrengen. Lächeln. Nicht weinen. Niemanden belasten. Mich fassen. Vielleicht umklammere ich das Geld deswegen so sehr und starre in meiner Verzweiflung darauf, weil ich hoffe, dass es mir sagt, wie das ganz leicht geht. Mein Onkel scheint sich damit von seinen Entgleisungen zumindest frei gekauft zu haben. Denn von dem Zeitpunkt der Übergabe an, tun alle so, als wäre nie etwas geschehen. Nur ich, ich stehe da: Allein, verwirrt, entwürdigt, leer, bezahlt dafür, jetzt ganz normal mit Alltag weiter zu machen, zu schweigen und mir von der soeben erlittenen Gewalt nichts anmerken zu lassen.

Mehr als dreißig Jahre später sitze ich in meiner Therapiestunde und weine Rotz und Wasser. In mir reihen sich die Bilder aneinander, in denen mir Geschenke gemacht wurden – um mich zu entwürdigen.

Kern jeder gelungenen Täterstrategie sind Geschenke, Gaben und Zugeständnisse. Dazu zählen nicht nur materielle Werte, sondern auch immaterielle Dinge von denen die Betroffene vermeintlich profitiert. In Kontexten extremer Gewalt kann das „Geschenk“ sogar darin bestehen das Opfer am Leben zu halten und dafür Dankbarkeit zu erwarten. Auf unterschiedliche Arten und Weisen erkaufen sich Täter ihr Recht auf Gewalt. Immerhin hat das Opfer ja dann von ihnen (und der Gewalt profitiert) – oder!?

Marcel Mauss untersuchte 1925, wie Gesellschaften durch die Prinzipien von Geben, Nehmen und Erwidern zusammengehalten werden. Er zeigte: In fast allen Kulturen ist eine Gabe nie nur ein Geschenk – sie ist ein soziales Band, das Pflichten erzeugt. Die Gabe trägt demnach sozial drei unausgesprochene Pflichten in sich:

  1. Pflicht, die Gabe anzunehmen:
    Wenn man eine Gabe ablehnt, lehnt man nicht die Sache ab, sondern die Beziehung, die der andere herstellen möchte.
    In vielen Kulturen bedeutet Ablehnung Feindschaft, Affront, Hierarchie-Kampf und Ablehnung einer Person oder Gruppe.
    Darum ist es für Opfer so schwer, ein „Geschenk“ abzulehnen – selbst wenn es sich falsch anfühlt.
  2. Pflicht, Dankbarkeit zu zeigen:
    Eine Gabe ist immer eine Form von
    Anerkennung, Status, Aufmerksamkeit, Fürsorge und Macht. Sie fordert eine emotionale Antwort:
    Dank, Loyalität, Anerkennung der Beziehung. Man „steht emotional in der Schuld“ des Gebenden.
  3. Pflicht, eine Gegengabe zu leisten:
    Die Gabe erzeugt ein Ungleichgewicht – und das muss ausgeglichen werden.
    Nicht immer sofort, sondern irgendwann. Gaben schaffen Bindungen, Verstrickungen und Abhängigkeiten.
    Das ist im Alltag harmlos (Nachbarschaft, Gastfreundschaft), aber in asymmetrischen Machtverhältnissen brandgefährlich. Oft besteht die Gegengabe dann aus Schweigen, Funktion, Loyalität, „Normalität spielen“, Nicht-belasten, Dankbarkeit zeigen, Weitermachen, Nähe ertragen, Gewalt dulden und Mitspielen.

Das Opfer gibt seine Würde als Gegengabe.

Der Täter gibt eine Sache. Das Opfer „gibt“ Realität, Autonomie, Stimme, Ausdruck und persönliche Wahrheit.

Viele Gewaltbetroffene denken: „Ich übertreibe.“ „Ich bin undankbar.“ „Ich spinne.“ „Es waren doch nur Geschenke“. Dabei sind sie längst Opfer dieser sehr komplexen und tief verankerten sozialen Dynamik geworden.

Die Perversion der Gabe: Wenn das Geschenk zur Waffe wird

Täter wissen genau, dass Geschenke nicht neutral sind. Ein Geschenk sagt: „Du schuldest mir etwas.“ „Ich habe jetzt einen Anspruch auf dich.“ „Du darfst nicht gegen mich sprechen, denn ich habe dir etwas gegeben.“ „Ich bin der Großzügige – du bist der Empfangende.“ „Ich bestimme, wie unsere Beziehung definiert wird.“ Die Gabe erzeugt also Abhängigkeit, Loyalitätsdruck, Schuldgefühle, Schweigen Rollenfestlegung und Unterwerfung. In einem gewaltvollen Kontext wird ihre soziale Struktur pervertiert:

Die Gabe überschreibt die Gewalt.

Die Gabe verpflichtet das Opfer zum Schweigen.

Die Gabe macht das Opfer abhängig.

Die Gabe legitimiert den Täter („Ich war doch großzügig.“).

Deshalb ist eine Gabe – ganz egal ob materiell oder immateriell wie etwa durch Zuwendung – in einem Gewaltverhältnis kein Geschenk, sondern ein Werkzeug der Kontrolle! Wenn eine Person Gewalt ausübt – psychisch, körperlich, sexuell, finanziell – und später oder zwischendurch etwas schenkt, verändert sich die Gabe fundamental und wird ins Gegenteil verkehrt: Sie wird nicht mehr zu einem sozialen Band, sondern zu einem Herrschaftswerkzeug.

In engen Beziehungen bestehen vier grundlegende strukturelle Bedingungen, die Gaben besonders wirksam machen:

  1. Die Gabe ist mit Liebe/Fürsorge verschmolzen:
    Fürsorge wird als Großzügigkeit inszeniert. Wer gibt, gilt als „gut“. Wenn Eltern oder Partner etwas geben, wird es kulturell oft gleichgesetzt mit Liebe: Essen, Kleidung, Emotionalität, Zuwendung, Aktivität, Zeit, Geld, Geschenke. Das macht die Gabe zu einem moralischen Schutzschild für Täter.
  2. Ablehnung der Gabe ist tabu und sozial kaum möglich:
    In Familien und Partnerschaften gilt ein unausgesprochener Kodex:
    Du musst annehmen.
    Du musst dankbar sein.
    Du musst die Beziehung wertschätzen.
    Das zwingt Menschen in eine Rolle:
    „Wenn ich das Geschenk annehme, bin ich gebunden. Wenn ich es ablehne, bin ich schuldig und riskiere die Beziehungen.“ In Gewaltbeziehungen ist das eine Falle.
  3. Gaben ersetzen Verantwortung:
    In vielen destruktiven Familien wird Fürsorge selbst als Gabe gerahmt, nicht als Selbstverständlichkeit. Sie wird zur Machtressource.
    „Ich gebe dir Essen – also sei dankbar.“
    „Ich arbeite für dich – also hast du dich zu fügen.“
    „Ich hab dir Spielzeug gekauft – also darfst du mich nicht kritisieren.“
    „Ich habe dich großgezogen – also schuldest du mir Loyalität.“

    Das ist die Umkehrung der Realität:
    Ein Kind wird zum Schuldner.
    Wenn ein Täter schenkt, statt Verantwortung zu übernehmen, verwandelt er das Opfer in eine Ware: Er setzt einen Preis auf Schweigen, Anpassung und Überleben – genau in diesem Moment wird Würde in Gegenleistung umgewandelt.
  4. Emotionale Nähe verstärkt die Gabe:
    Je näher die Beziehung, desto stärker wirkt das Prinzip:
    In Paarbeziehungen: Geschenke als Liebesbeweis → später Kontrolle
    In Familien: Versorgung → später Pflicht, Schweigen, Dankbarkeit
    In Eltern-Kind-Beziehungen: totale Macht → totale Abhängigkeit
    In einer Familie kann man nicht „neutral“ sein. Gaben schaffen deshalb mächtige Bindungen – positiv oder negativ.

Geschenke sind in Gewaltbeziehungen ein asymmetrisches Tauschmittel: Der Täter definiert, was Wert hat und was nicht. Ganz egal in welcher Form Täter ihre Taten ausüben – verbal, psychisch, physisch oder sexuell – ist das Geschenk ein Akt der Objektifizierung eines Menschen. Der macht den Weg frei, das Opfer ohne Skrupel so behandeln zu dürfen, wie es dem Täter gerade passt. Der Wert des Opfers wird in Gegenleistungen – oft die Duldungsfähigkeit von Gewalt – gemessen. Das ist das Ende jeder Würde.

Der Täter legt den Wert der Gabe fest. Der Täter legt den Wert des Opfers fest. Und dieser Wert ist immer weniger als die Menschlichkeit des Opfers.

Er bestimmt, dass seine Zuwenung, sein Geld, sein Spielzeug, seine Großzügigkeit, ja sogar seine Gewalt „viel wert“ ist. Gleichzeitig bestimmt er, dass der Schmerz, das Erleben, die Grenzen des Opfers nichts wert sind. Das Geschenk wird zum Instrument der Bewertung und die Würde wird auf Null gesetzt.

Das Opfer, dem ein Täter etwas schenkt, soll verstehen: „Du bist nicht wertvoll aus dir heraus. Dein Wert entsteht erst durch das, was ich dir gebe.“ Das ist eine der prägnantesten Formen der Entwürdigung.

Ein Geschenk in Gewaltkontexten macht etwas Brutales: Es überschreibt die Realität der Gewalt und ersetzt die Anerkennung des erlittenen Schmerzes durch einen Gegenstand.

Die Gefühle des Opfers werden nicht anerkannt. Die Erfahrung wird gelöscht. Leid wird entwertet. Die ganze Szene wird reinterpretiert: nicht als Gewalt, sondern als „Fürsorgemoment“. Das nimmt Würde, weil Würde bedeutet, als erlebendes Wesen anerkannt zu werden, ein Recht auf die eigene Realität zu haben und nicht damit ausradiert zu werden. Ein Geschenk, das Gewalt „beendet“, ist eine Auslöschung der Wirklichkeit. Das ist strukturelle Entwürdigung.

Würde heißt: Ich habe ein Recht auf meine eigene Reaktion.

Entwürdigung heißt: Meine Reaktion wird definiert, kontrolliert oder verboten.

Ein Geschenk, das „Normalität“ herstellen soll, sagt:

„Ich bestimme deine Emotionen, nicht du.“

Wenn ein Täter das kann, ist die Würde radikal verletzt.

Einer der schlimmsten Momente von Entwürdigung entsteht, wenn ein Opfer spürt:„Ich bin eine Person, die man kaufen kann. Ein bisschen Geld oder ein Spielzeug reicht, und mein Körper, meine Gefühle, meine Grenzen spielen keine Rolle mehr.“ Natürlich stimmt das nicht. Aber die Botschaft des Täters ist genau das: „Du bist nicht unverfügbar.“ „Du bist handelbar.“ „Du bist kein Zweck an sich – du bist ein Mittel.“ Das ist philosophisch (Kant), psychologisch und moralisch die maximale Form der Entwürdigung: Menschenwürde wird in eine Ware verwandelt. Der Täter setzt den Preis. Und der Preis ist immer viel zu niedrig im Vergleich zu einem Menschenleben.

Der Täter inszeniert sich über ein Geschenk oder Zuwendung als moralisch überlegen. Ein Geschenk erlaubt dem Täter, sich als großzügig, fürsorglich, reuig, liebevoll und großherzig zu präsentieren.

Das Opfer wird damit erneut abgewertet: „Du bist die Kaputte, ich bin der Gebende.“ „Du bist so schwach und unverschämt, dass du meine Wiedergutmachung nicht anerkennst.“ „Du bist klein, ich bin groß.“ „Du bist angewiesen, ich bin der Retter.“ Diese Inszenierung moralischer Überlegenheit zerstört den letzten Rest von Gleichwertigkeit. Würde bedeutet: Ich bin ein gleichwertiger Mensch. Entwürdigung bedeutet: Du wirst auf die Position der Niedrigeren gesetzt – durch eine Gabe, die dich klein macht.

In Gewaltbeziehungen bindet eine Gabe zerstörerisch: Sie hindert Opfer daran, sich abzugrenzen. Auch das ist eine Form der Entwürdigung: Das Opfer darf nicht frei entscheiden zu gehen, Nein zu sagen oder sich zu schützen.

Symbolische Gewalt

Symbolische Gewalt ist eine Form von Gewalt, die nicht über Schläge, Drohungen oder physische Mittel wirkt, sondern über: Bedeutungen, Erwartungen, Normen, Rollen, Sprache, Gesten oder „Selbstverständlichkeiten“. Sie ist unsichtbar, weil sie in den Alltagslogiken steckt. Menschen merken deshalb oft gar nicht, dass sie Gewalt erleben. Dies geschieht durch die Verinnerlichung vorherrschender Ansichten, Werte und Symbole, die dazu führen, dass die Beherrschten ihre eigene Unterordnung unbewusst akzeptieren und unterstützen. Symbolische Gewalt funktioniert, weil der Täter die Deutungshoheit hat, das Opfer die Bedeutungen übernimmt („Es ist wohl normal / nicht so schlimm / ich übertreibe…“) und die Umgebung die Struktur unterstützt (z. B. Schweigen, Bagatellisieren, Normalisieren). Die Gewalt wird dadurch als normale Struktur verinnerlicht, nicht erzwungen. Es geht also um innere Unterwerfung durch äußere Bedeutungen. Ein Geschenk oder eine Gabe ist ein Instrument symbolischer Gewalt par excellence. Symbolische Gewalt ist die Gewalt, bei der ein Täter oder eine Tätergruppierung durch Bedeutungen, Rollen und kulturelle Selbstverständlichkeiten herrscht – und das Opfer diese Bedeutungen so weit verinnerlicht, dass es sie für normal hält! Täter definieren, was „normal“ ist. Täter bestimmen, was etwas bedeutet. Opfer übernehmen diese Bedeutungen, weil sie in der Beziehung gefangen sind und von der Umgebung und den Normen der Gesellschaft das Narrativ und die Sicht des Täters permanent als richtig bestätigt bekommen! Gewalt wird nicht als Gewalt erkannt, sondern als „natürlich“, „normal“, „verdient“.

Jahrelang dachte ich, ich sei einfach empfindlich – heute weiß ich, dass das Symbolische Gewalt war.

Die juristische Dimension der Gabe

Bedeutungsvoll ist die Strategie des Geschenks auch in juristischen und kriminalistischen Dimensionen. Es gehört zu den Täterstrategien Opfer emotional erpressbar zu machen oder sie über „Geschenke“ zu isolieren. Bei häuslicher Gewalt sind Geschenke nach Gewaltakten häufig Teil der Zyklen von Reue–Eskalation–Versöhnung. Die Gabe verschleiert Gewalt – nicht nur sozial, sondern leider oftmals auch juristisch.

Die Gabe wird als „Einwilligung“ missgedeutet.

Die Gabe wird zum Freispruch, obwohl sie das Tatwerkzeug war.

Die Gabe macht aus einem Opfer eine vermeintliche „Teilnehmerin“.

Die Gabe verschiebt die Schuld: Opfer = „wollte das Geld“. Täter = „hat doch bezahlt“.

Das kennen wir besonders aus den Kontexten von Prostitution, Pornografie, Sugar-Dating, sexueller Ausbeutung im Graubereich, Grooming Jugendlicher, sexuellen Beziehungen mit Machtgefällen (Vorgesetzte, Lehrer, Prominente, Mächtige). Damit entsteht die Entwürdigung für die Opfer nach der Tat ein zweites Mal:

1. durch die rechtliche Interpretation der Tat. („Sie hat etwas bekommen → also freiwillig“)

2. dadurch, dass Gabe (Geld, Versorgung, Zuwendung) als Zeichen von Konsens gewertet wird – obwohl sie Teil der Gewalt ist.

Das führt zu absurden Schlussfolgerungen:

Kinder, die Geschenke bekommen → „haben mitgemacht“ (obwohl es z.B. Grooming war)

Frauen in Armut → „haben sich entschieden“ (obwohl es existenzielle Not war)

Abhängige Partnerinnen → „wollten es ja“ (obwohl Versorgung als Erpressung genutzt wurde)

Prostituierte → „sind doch bezahlt worden“ (obwohl sie meist nicht frei sind)

In all diesen Fällen wird Würde und Gerechtigkeit gegen Geld verrechnet.

Das Geschenk ist nicht nur ein Mittel der Entwürdigung in der Familie und in privaten Beziehungen – es ist auch ein Mittel der Entwürdigung im Rechtssystem.

Recht und Gesellschaft tun oft genau das, was der Täter auch tut: Sie setzen Preis und Wert fest. Sie überhöhen die Gabe. Sie entwerten den Schmerz. Sie leugnen die Ungleichheit. Sie akzeptieren die Gegenleistung als Freiwilligkeit. Sie machen den Körper zu einer Ware. Sie sprechen dem Opfer ab, dass seine Würde unverkäuflich ist.

Würde = nicht verhandelbar. Gewaltgeschenke = machen sie verhandelbar. Rechtssystem = bestätigt diese Perversion oft.

Die Macht in der Gabe und ihre Umkehrung

Macht, besonders auch in Kontexten der gezielten Abrichtung, funktioniert über Abhängigkeit, nicht über Zwang!

Foucault zeigt: Macht stabilisiert sich nicht durch Schläge, sondern durch Gefüge aus Abhängigkeit und Nutzen. Eine Gabe erzeugt diese Abhängigkeit. Sie schafft ein Verhältnis, in dem das Opfer funktionieren muss! Das Opfer gibt seine Würde als Gegengabe nicht freiwillig, sondern weil die Gabe sozial automatisch eine tiefe empfunden Schuld erzeugt. Selbst die Existenz wird an Bedingungen geknüpft und der Rest an verbleibender Autonomie wird zur „Gegenleistung“.

Ein Geschenk in einem Gewaltverhältnis sagt:

„Deine Würde ist verhandelbar.

Deine Grenzen haben einen Preis.

Dein Schweigen kostet X.

Ich definiere den Wert.“

Der Mensch wird vom Zweck an sich, zum Mittel für die Bedürfnisse des Täters. (Das ist übrigens: Kant, Grundlegung der Menschenwürde.)

In Gewaltbeziehungen wird die Gabe invertiert, weil die soziale Logik und Bedeutung der Gabe sich umkehrt: statt Anerkennung → Abwertung; statt Gleichheit → Hierarchie; statt Freiheit → Abhängigkeit; statt Gegenseitigkeit →Zwang; statt Bindung → Gefangenschaft; statt Geschenk → Waffe.

Die invertierte Gabe zeigt eindrucksvoll, dass selbst positive kulturelle Praktiken (Geben) gewaltsam missbraucht werden können und dass eine Gabe nie neutral ist. Macht ist fester Bestandteil der Gabe. Soziale Praktiken können leicht „kippen“. Entwürdigung geschieht dann oft über kulturelle Normen, nicht über sichtbare Gewalt!

Die Folgen invertierter Geschenke in der Kindeheit:

Wenn eine Gabe im Kindheitskontext entwürdigt, wird ihre „Annahme“ selbst zum Risiko. Kinder, die Gewalt erlebt haben, lernen: Geschenke sind nicht sicher. Geschenke bedeuten Abhängigkeit. Geschenke kommen mit Erwartungen. Geschenke überspielen Gewalt. Geschenke löschen die eigene Realität. Geschenke verpflichten. Wenn ich etwas annehme, verliere ich Freiheit. Das ist ein entscheidender Mechanismus und Trigger, an dem später oft unbewusst auch die Möglichkeit Hilfe anzunehmen scheitert. Gewaltbetroffene können schlecht annehmen — weil für sie Annehmen kein neutrales soziales Ritual ist, sondern ein erlerntes Machtverhältnis. Die Scham in allem was sie annehmen müssen, wird riesig sein – genau so, wie sie sich damals geschämt haben und entwürdigt fühlten, als der Täter ihnen etwas schenkte.

Das „Sozialsystem“ und die Gewalt als Gabe

Das deutsche Sozialsystem (und viele westliche Wohlfahrtsstaaten) ist in ganz zentralen Teilen auf einer „Gabe-Gegengabe-Logik“ aufgebaut, die beschämend, entwürdigend und machtvoll ist.

Sobald der Staat Leistungen gewährt (Grundsicherung, Sozialhilfe, Bürgergeld, etc.), passiert genau das, was Marcel Mauss beschreibt: Die Gabe erzeugt Pflicht zur Gegengabe. Nicht nur materiell, sondern: zur Dankbarkeit, zur Demut, zur „Richtigkeit“ des Verhaltens, zum „Nicht-Auffallen“, zur moralischen Fügsamkeit, zur Erfüllung von Mitwirkungspflichten, zur „Anstrengung“, das Geld „wieder zu verdienen“. Die Beziehung ist jedoch nicht gleichwertig. Der Staat ist der gebende, der Bedürftige der empfangende Teil. Das schafft strukturelle Scham.

Soziologen wie Erving Goffman (Stigma), Pierre Bourdieu (symbolische Gewalt), Richard Sennett (Respekt und soziale Ungleichheit), Axel Honneth (Anerkennung), Fraser (Umverteilung vs. Anerkennung) zeigen: Die Beschämung resultiert nicht aus der Armut selbst, sondern aus der asymmetrischen Gabe-Struktur. Denn der Empfänger wird geprüft. Der Empfänger wird kontrolliert. Der Empfänger steht unter Generalverdacht. Der Empfänger muss nachweisen, dass er „würdig“ ist. Der Empfänger wird moralisch abgewertet. Scham entsteht nicht, weil Menschen „nicht arbeiten“. Scham entsteht, weil sie in ein asymmetrisches Tauschverhältnis gezwungen werden. Der Staat gibt etwas und der Mensch gibt dafür seine Privatsphäre, Autonomie, Anonymität, Selbstbestimmung, Zeit, Würde, Erzählung über sich selbst, etc. Es ist die Gabe-Gegengabe-Perversion, wieder einmal: Der Staat gibt Geld. Der Mensch gibt Würde.

Eine Gegengabe kann gerade von kranken Menschen oftmals gar nicht erbracht werden. Der Empfänger wird damit permanent in Schuld gehalten. Er darf sich nicht gegen das entwürdigende System stellen und muss schweigen, während er darin erneut um seine Existenz kämpft. Das ist exakt dieselbe Logik wie bei entwürdigenden Geschenken in Gewaltbeziehungen – nur institutionalisiert. Staatsgewalt.

Würde bedeutet: Ich bin ein Mensch, kein Fall, kein Schuldner. Und genau das stellt das System infrage. Wenn der Staat seine Leistungen als Gabe rahmt und die Bedürftigen als Schuldner, reproduziert er denselben Würdeverlust wie Täter in Gewaltbeziehungen.

Die Gabe-Gegengabe-Logik erklärt auch einen großen Teil der Feindseligkeit gegenüber Menschen, die als „nicht zugehörig“ oder „nicht verpflichtet“ wahrgenommen werden. Flüchtlinge brechen dieses sonst unbewusst geduldete System auf. Schwer traumatisierte Menschen können und wollen keine Gegengabe leisten – weil sie mit Überleben beschäftigt sind. Menschen in Deutschland, die selbst aus dem System (zu viel Arbeit, zu niedrige Löhne, etc.) nicht aussteigen können und sich gleichzeitig nicht gut versorgt fühlen, spüren darüber unbewusst die eigene Ohnmacht im System. Vielleicht aber wäre es für uns alle an der Zeit, aus dem Schulddenken ein Stück auszubrechen, um Probleme endlich an der Wurzel lösen zu können und die Forderungen der Mächtigen zu hinterfragen. Wut, Neid und moralische Empörung gehören nicht zu den Schwächsten, sondern zu den Mächtigen, die das institutionalisierte Gewaltsystem mit vielen unterschiedlichen Facetten genau so schaffen.

Viele gewaltbetroffene Menschen trifft im späteren Leben Armut. Sie können oftmals schlecht für sich einfordern, auch weil sie kein Täter sein wollen. Das Gefühl niemals genug zu sein und auf ewig in den alten Schulden der Gewalt zu stehen, sitzt tief und lässt sie ihren Wert nicht erkennen. Die erlernte übermächtige Dankbarkeit überhaupt atmen zu dürfen, lässt sie still ertragen. Das schlägt sich in den Finanzen nieder. Wenn sie unter komplexen Traumafolgestörungen leiden, sind sie oftmals nicht mehr arbeitsfähig. Sie sind nicht arbeitsunwillig – sie sind systematisch entwürdigt und überfordert. Betroffene können nicht wie gefordert funktionieren und leisten. Auf Grundlage ihrer Erfahrungen fällt es ihnen meist im Traum nicht ein, für sich ein Leben einzufordern, in dem es ihnen wirklich gut geht und das auf ihre Grenzen achtet. Das waren sie nie Wert. Wenn sie es doch tun, stoßen sie auf alle Widerstände des Systems. Gestraft werden die Opfer, nicht die Täter.

Die Entwürdigung durch Geschenke ist keine Ausnahme, sondern ein Muster menschlicher Machtverhältnisse. Das Prinzip zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten und Strukturen. Im kleinen wie im Großen. Von der eigenen Familie, bis hin zur Staatsstruktur. Gerade finanzielle Abhängigkeit ist Kernbedingung für männliche, patriarchale Gewalt und ihre Strukturen.

Advent, Weihnachten und Gabenkultur

Bald kommt nun mit Advent und Weihnachten eine Phase im Jahreskreis, in der das Geben und Schenken zentral wird. Längst ist an vielen Stellen aus einer Zeit der Herzenswärme ein kommerzieller Großkampf geworden, bei dem sich Menschen vielfach nur noch überlegen, wie Gabe und Gegengabe aussehen muss. Die Beziehung, die eigentlich das wichtigste soziale Element dieser Dynamik ist, wenn sie gesund sein soll, gerät immer mehr aus dem Blickfeld. Als Betroffene von extremer Gewalt tue ich mich bis heute schwer damit, beschenkt zu werden und selbst zu schenken. Geschenke drücken mich oft in die alte Ohnmacht. Dann bin ich lieber direkt nichts wert, als abhängig. Wenn ich selbst gebe, freue ich mich zwar über die Freude bei anderen, merke aber auch, wie ich Angst vor der Position des „Mächtigen“ habe. Ich habe nicht die (inneren) Ressourcen viel Geben zu können, weil mir selbst oft die Kraft fehlt.

Die Trigger und schwierigen Daten überschlagen sich im Advent. Sie machen den Jahreswechsel jedes Jahr zu einer enormen Herausforderung. Viele Frauen in meiner Familie hörte ich schon als Kind über Generationen hinweg sagen: „Ich will nichts geschenkt.“ Wenn es doch passierte, erfasste sie teils enorme Wut und Ärger, dass man ihre Grenze nicht respektierte. Heute frage ich mich immer wieder, wie viel in der Reaktion unbewusst ihre eigene Traumageschichte eine Rolle spielte.

Ich weiß, dass das Kokettieren um Geschenke nach dem Motto „Wir schenken uns nichts“ in vielen Familien und Freundschaften Einzug gehalten hat. Manche machen es dann dennoch, wenn sie sich zuvor davon losgesagt hatten. Eine unbewusste Strategie, der Machtdynamik im Schenken zu entkommen und die Erwartungen abzuschütteln?

Ein persönlicher Nachhall

Wir verstoßen mit vielen unserer gesellschaftlichen Prinzipien des Gabe-Gegengabe-Prinzips jeden Tag gegen unser Grundgesetz. Wir eliminieren Würde von Menschen darüber – nicht nur in offensichtlichen Gewaltkontexten. Wir stellen die soziale Bedeutung der Gabe höher, als ihre Reflexion und damit den Gewaltschutz – nicht nur in der Prostitution. Wir erlauben, dass Täter ihre Gewalt als Normalität verkaufen können und bestätigen jeden Tag ihre Ausbeutung.

Warum?

Organisiertes Verbrechen ist keine Parallelwelt. Es läuft auf den Schienen der als völlig legitim betrachteten gesellschaftlichen Normen und bewegt sich offen durch den Tag. Wir erkennen es nicht etwa nicht, weil es so gut verschleiert wäre, sondern weil wir viele Täterstrukturen für völlig normal halten.

Eine Gabe ist nur dann eine soziale, positive Gabe, wenn sie keine Gegengabe einfordert.

5 Kommentare zu “Geschenke als Mittel der Entwürdigung – wie Gaben in Gewaltkontexten zu Machtinstrument und Waffe werden

  1. Vielen Dank für diesen starken Text! Mir wird soviel klar. Ich habe immer gespürt, dass mit den Geschenken meines Vaters was faul war, dass er mich damit kaufen wollte (als Erwachsene) und wie sehr mich sein NEIN traf, als ich ihm das geliehene Geld zurückzahlen wollte. Alles Machtspielchen.

    Ich erlebe das teilweise auch bei der Tafel. Dort gibt es manche Verkäuferinnen (ja meist weiblich) die pikiert schauen, wenn man etwas nicht will, oder einen gar vehement dazu überreden, es doch zu nehmen. Ich habe dort viel üben und lernen dürfen, NEIN zu sagen und meine Grenzen zu zeigen.

    Auch in der Prostitution habe ich das nur so erlebt. Wie gönnerhaft da Geld geboten wurde: Sollst ja nicht leer ausgehen…bin großzügig. Oder allein das Wort Taschengeld in diesem Kontext!

    Alles Gute!

  2. Herzlichen Dank dir für diesen sehr wertvollen Text!!!

    Ich versuche ja u.a. mit meinem Blog schon seit längerem, genau das WARUM zu ergründen. Zu ergründen, was ist so furchtbar falsch gelaufen in dieser Welt, das es organisiertes Überallverbrechen als Ergebnis hat?

    Vielleicht magst du zu den Punkten, die mir dazu in deinem Text aufgefallen sind, in Resonanz gehen; vielleicht auch nicht (ich möchte dir nichts aufdrängen):
    Aus meiner Sicht sind viele dieser furchtbaren Fehlprägungen von Menschen biblischen Ursprungs (wobei die Bibel vermutlich eine Art Sammelsurium bereits vorher bestehender religiöser Ansichten ist; aber als extrem weit verbreitete angeblich „heilige“ Schrift einen enormen Einfluss auf die Menschheit hat):

    Da gibt es auf der einen Seite diese furchtbare Prägung, dass es angeblich „göttlich“ ist, auch schlimmste Folter des „liebenden“ (ha ha…) Vaters klaglos oder gar „gern?“ zu erdulden, um so als „Märtyrer“ angeblich besonders „groß“ zu erscheinen.
    Das gefoltert werden selber, wird im „Christentum“ leider als „Gabe“ an die Menschheit auf schlimmste Weise fehlinterpretiert. Der folternde (oder die Folter zumindest zulassende) „Vater“ wurde als „guter Vater“ und „großer Gott“ milliardenfach angebetet.

    Gleichzeitig gibt es in der Bibel (mehr noch in vorbiblischen, aber in die Bibel eingeflossenen Mythen) aber auch die genau gegenteilige Prägung.
    Diese behauptet, dass jemand besonders „groß“ sei, der sich nichts „gefallen“ lasse, sich wehrt, brutal zurückschlägt, den anderen „besiegt“ und vernichtet. (Da das diese älteren Prägungen unterdrückt – aber nie geheilt – habende Christentum zurückgeht, werden diese älteren Prägungen derzeit vermehrt sichtbar.)
    Diese furchtbare Fehlprägung führt nach meinem Gefühl wiederum dazu, dass sadistische Täter (und Täterinnen) ihren widerlichen Sadismus gerne damit zu „rechtfertigen“ versuchen, dass sie mit ihrem Sadismus / ihrem Mobbing etc. dem Opfer angeblich „etwas Gutes“ täten, weil das dem Opfer angeblich „helfen“ würde, in dessen „Kraft“ zu kommen. Das ist natürlich totaler widerlicher bullshit, denn diese Sadisten und Sadistinnen waren ja die, die dem Opfer die Kraft überhaupt erst genommen haben!

    Der Satz in deinem Text hier, „du wirst auf die Position des Niedrigeren gesetzt, durch eine Gabe, die dich klein macht“; war für mich besonders interessant.
    Denn ich tue mit meinen Texten seit längerem genau das:
    Ich sehe meine Texte tatsächlich als eine Gabe an die Menschheit. Und ich mach(t)e mit dieser Gabe tatsächlich die Täter und Täterinnen immer kleiner, und das mit Absicht.
    Denn die „Größe“, die die Täter und Täterinnen sich so gerne selber zugeschrieben haben, ist ein Popanz; unter dem sich bei solchen Sadisten und Sadistinnen ein sehr mickriger Charakter verbirgt, und in dem alles andere als tatsächliche „Größe“ steckt.
    Es erklärt mir aber, warum meine Tätigkeit hier mir von so vielen extrem übel genommen wurde, denn ich habe den Tätern und Täterinnen damit etwas genommen, was sie als ihre „Würde“ versucht haben, anzusehen;
    während ich das bei Tätern und Täterinnen als – letztlich auch ihnen selbst; vor allem aber dieser gesamten Welt hier sehr schadende – Maske wahrgenommen habe. Die aus meiner Sicht weggezogen werden muss, falls diese Welt des Überallverbrechens noch irgendeine Chance auf echte Heilung haben soll.

    lg
    Maren

  3. Hm…
    meine Eltern bezahlten mir zum größten Teil mein Leben,
    anstatt mir mal in den Po zu treten und mir kein Geld monatlich zu uberweisen damit ich arbeiten gehe.
    Aber die 500 DM 7 Jahre lang haben mir auch völlig gereicht für den damaligen Lebenstil.
    Ich hätte wäre ich arbeiten gewesen vermutlich mehr monatlich gehabt.
    Papa wollte sein Geld nicht ans Sozialamt zahlen also bekam ich es so und war zu dem Zeitpunkt nie auf Sozialhilfe angewiesen.
    Auch ne Art von Erpressung.

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