Die Namen der Peiniger

Es ist Nacht. Ich bin wach. Mein Körper sucht Ruhe und hat doch Angst vor dem Schlaf. „Am Anfang war das Wort“, denke ich. Es gibt Worte, die werden zu selten ausgesprochen. Dazu gehören die Namen der Peiniger. Mein Wort hatte bereits einen Anfang. Vor mehr als 10 Jahren haben wir angefangen hier über unsere Geschichte zu schreiben. An unterschiedlichen Stellen haben wir in der Zwischenzeit Zeugnis von der erlittenen Folter abgelegt – zum Teil sehr detailliert. Doch eine Sache fehlt in der öffentlichen Auseinandersetzung weitestgehend: Konkrete Angaben zu den Tätern. Es gibt sie. Sie sind da. Doch ihr Stuhl steht leer im Raum. Unbesetzt. Als Platzhalter und Mahnmal. Sie teilen ihn sich. Denn obwohl sie viele sind, wird er nie gebraucht. Ihr gemeinsames Reservierungsschild: „Täter.“

Warum benennen wir nicht?

Ich könnte, wenn ich wollte. Ihre Namen sind mir bewusst. Und doch umwebt mich diesbezüglich Schweigen.

Wenn ich an dieser Stelle Faktoren wie Schweigegebote, Gefährdung durch die Täterkreise und gesellschaftliche oder rechtliche Fallstricke beiseite stelle, dann glaube ich, dass die Lücke in der Benennung von Tätern vor allem auch daran liegt, dass es mir als Opfer selten primär um die Tatpersonen geht, wenn ich mich mitteile. Ich möchte gesehen werden mit meinem Leid, ernst genommen sein und irgendwie heilen. Ich beginne aus der inneren Not heraus mich zu öffnen, oft weil es gar nicht mehr anders gehtnicht, um Anklage zu erheben, sondern weil Reden über das Erlebte ein Akt des Überlebens ist. Viel mehr als das „Wer“ beschäftigt mich in all den Flashbacks WAS mir angetan wurde und was es in Folge in meinem Leben verursacht hat.

Ich erzähle nicht, um Täter zu jagen. Ich erzähle, weil es mich sonst innerlich zerreißt.

Wozu also das „Wer?“ beantworten?

Das „Wer“ ist aus meiner Sicht sowohl für mich, als auch für das Gegenüber nutzlos, solange der Mensch nicht emotional wirklich versteht, was ich als Betroffene da berichte. Ich möchte mich verstanden fühlen. Im Zentrum meiner Aufarbeitung soll nicht wieder der Täter stehen. In Momenten in denen Herz und Körper voll mit Schmerz sind, brauche ich die Zuwendung bei mir. Jemanden, der mich aushält. Ein davongaloppierender Geist, der mir kaum zuhört, weil er die Flucht in die Funktion ergreift und nur noch den Täter dingfest machen möchte, nützt mir nichts. Im Heilungsprozess wartet das Kind in mir darauf endlich gehört zu werden – auch in seiner Schwäche, die nicht mehr kämpft, in seiner Erschöpfung, seinem Verstummen. Erst einmal so ankommen zu dürfen, wie es nie sein durfte.

Wenn es ein Grundrecht hat, dann, dass der Täter an letzter Stelle steht!

Wie oft, hab ich auch in professionellen Settings gehört: „Sie müssen aufstehen.“ „Sie müssen sich endlich wehren.“ „Sie dürfen sich nicht so klein machen.“

Doch! Darf ich. Und einen Scheiß muss ich.

Du musst mich aushalten oder darfst gerne gehen. Ich kämpfe mein ganzes Leben lang und ich bestehe darauf, dass Heilung nicht der nächste Kampf wird! Sondern sanft, schwach, verletzlich, vielleicht brüllend vor Schmerz oder Wut, erschöpft und weinend.

Ich brauche ganz gewiss keine Therapeuten, die mich danach fragen, wie denn die Lebensgeschichte der Täter so war, was sie sonst für Menschen sind, ob sie selbst traumatisiert wurden, ihre Gründe hatten oder dergleichen. Ich möchte nicht, dass ihre Vorstellung von „meinem Täter“ Raum einnimmt, während sie äußerlich vorgeben, an meiner Seite zu sein.

Traumatisierte Kinder brauchen die absolute Aufmerksamkeit ihrer Bezugspersonen im Moment. Kein Multitasking an Themen, Gedanken oder moralischen Konstrukten. Unsere schnelllebige Welt ist mit so vielen Dingen gleichzeitig beschäftigt, dass wir als Gesellschaft oft gar nicht mehr realisieren, dass das weder normal, noch gesund ist. Aber mein traumatisiertes Gehirn spürt das. Es konnte sich nie aus einem inneren Zentrum des Verstehens in die Welt und ihre Reize hinaus entwickeln. Im Heilungsprozess brauche ich ein authentisches Zentrum. Einen Raum in dem nur ich zähle, dass ich mich darin erfahren und begreifen kann, um mich zu entwickeln.

Täternamen lenken leider oft vom Wesentlichen ab.

Sie nicht auszusprechen ist manchmal reine Selbstfürsorge.

„Ich bin ausgebeutet und gefoltert worden“ löst im Außen andere Prozesse aus als „Mein Vater, meine Mutter, der Prominente XY haben mich ausgebeutet und gefoltert.“

„Aufarbeitung ist ja schön und gut“, mag jetzt der ein oder andere vielleicht sagen. „Aber wir müssen die Täter doch aus dem Verkehr ziehen, dass das nicht noch mehr Kindern passiert. Du musst sie benennen, wenn du kannst.“

Zunächst einmal darf ich mich heute an erste Stelle stellen und mich zuerst schützen. Ja, der Schutz vor weiterer Gewalt ist wichtig. Solange diese Gesellschaft nicht bereit ist, Betroffene zu schützen, bleibt Schweigen ein Schutzraum. Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass man mich ernst nehmen wird und strafrechtliche Verfolgung zum Ziel führt. Im Gegenteil muss ich damit rechnen, dass sich meine Situation massiv verschlechtert, während die Täter trotzdem weiter machen.

Der Ball zurück an die Gesellschaft

Ich frage zurück: Warum vertraut ihr eurer eigenen Wahrnehmung so wenig?

Fangt an euch und eurer Wahrnehmung mehr zuzuhören. Als Betroffene ist es nicht meine Verantwortung euch die Belastung abzunehmen, dass es unerkannte Täter da draußen gibt! Euch muss niemand sagen, ob ein Mensch ein „Kinderschänder“ ist. Eigentlich braucht es oft keine Namensliste. Man kann im Verhalten und in den Worten eines Menschen sehen, ob er grundsätzlich Grenzen verletzt, Macht missbraucht, manipuliert, entwertet oder übergriffig agiert. Wenn wir das feststellen, dann wissen wir, dass wir es mit einem potentiellen gewaltbereiten Menschen zu tun haben könnten und tun gut daran mindestens wachsam zu sein.

Wir aber folgen oft den Falschen – den Lauten, den Machtvollen, den Strahlenden und Schillernden, selbst wenn Körper und Bauch längst warnen.

Menschen wählen Politiker, die aus jeder Zelle Respektlosigkeit, Egozentrik und Menschenverachtung verkörpern und das in Wort und Tat immer wieder deutlich werden lassen. Statt das wahrzunehmen und einem Gefühl im Innen zu vertrauen, wird ihren Floskeln und leeren Worthülsen in Statements hinterhergelaufen. Ihre Sprache wird mit absurden Theorien zerpflückt.

Fühlt es sich gut an für dich, wenn du jemanden sprechen hörst? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht? Wie fühlst du dich in seiner Nähe? Macht dir das, was jemand sagt Angst? Macht dich etwas daran fanatisch oder wütend? Begeistert es dich übermäßig, so dass dein Verstand ein Stück aussetzt? Auch das ist keine gute Reaktion, sondern ein Zeichen von Stress im Körper! Was ist dein erster Impuls? Wenn du das nicht benennen kannst, trau dir trotzdem und beobachte dein erstes Gefühl mit Sorgfalt, statt es einfach wegzuschieben. Vielleicht ist am Ende nicht jeder ein Schwerverbrecher, aber du weißt zumindest, dass etwas daran für dich nicht gut ist!

Ich muss dir nicht sagen wer mich missbraucht hat, dass du Kinder schützt!

Wenn du beginst, dich zu spüren,deinen Gefühlen zu vertrauen, dich in die Tiefe zu reflektieren, Grenzen ernst zu nehmen, und dein eigenes Unbehagen nicht wegzudrücken,

dann erkennst du Täter.

Dann handelst du anders.

Dann hätten Täter deutlich weniger Chance.

Wohin mit den Namen der Peiniger?

Trotz allem gibt es Schutzräume, in denen ich Täternamen bewusst ausspreche. Dort sage ich, wer es war. Dort bleibt der Täter keine abstrakte Figur, sondern ein realer Mensch, der existiert, gehandelt und verletzt hat. Manchmal braucht mein Inneres genau diese Klarheit, diesen Satz: „Das hat XY getan.“

Weil Beziehung nicht anonym ist.

Weil Gewalt nicht namenlos bleibt.

Weil manche Dynamiken, Machtstrukturen und Abhängigkeiten erst dann vollständig begreifbar werden, wenn sie auch sprachlich die Gestalt bekommen, die sie tatsächlich hatten.

Aber auch hier gilt:

Ich entscheide wann, wo, mit wem, warum und für wen.

Nicht jedes Benennen ist ein Akt der Befreiung — doch manchmal ist es ein Schritt in Richtung Wahrheit und damit innerer Ordnung.

Es gibt sichere Orte, in denen das Benennen wichtig, heilend, kontextualisierend oder identitätsstärkend sein kann.

Es gibt Situationen, in denen das Benennen retraumatisiert oder verschiebt, statt etwas zu klären oder zu entlasten.

Es kommt darauf an, aus welchem inneren Ort heraus gesprochen wird – aus Druck, Pflicht und Reaktion oder aus Selbstausdruck, Verstehen und Autonomie.

Und das gilt auch für Tatorte. Der wahre Tatort war nicht ein Raum, ein Bett oder ein Keller – es war meine Kinderseele. Dort wurde alles hinterlassen, was bis heute weiterlebt.

Ich schulde der Welt keine Namen oder Tatorte. Ich schulde mir und meinem Nervensystem die Freiheit, meine Geschichte in für mich stimmigen Worten zu erzählen und zu heilen.

2 Kommentare zu “Die Namen der Peiniger

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