Diagnose DIS –

Wie können sinnvolle Gespräche zur DIS-Diagnose gelingen, in denen schwierige Aspekte angesprochen werden, ohne Betroffene zu stigmatisieren? Was braucht es, um sinnvoll ins Gespräch zu kommen, statt unsinnige Kontroversen wie eine kaputte Schallplatte zu wiederholen?

Der Fokus muss zunächst auf die solide, faktenbasierte Basis der Diagnose gerichtet werden. Das kann wie ein sicheres Zentrum verhindern, dass Gespräche den roten Faden und damit die Betroffenen aus den Augen verlieren. Die DIS ist eine valide, nach internationalen Standards und Studienergebnissen anerkannte und belegte Traumafolgestörung – sowohl im ICD, als auch im DSM. Daran gibt es nichts zu rütteln. Alles, was die Diagnose und Geschichte der Patienten pauschal in Frage stellt, ist im öffentlichen Diskurs deshalb klar auf die Fakten zurückzuweisen. Wer nicht glauben möchte, kann das privat tun und mit einem eigenen Therapeuten ggf. zu seinen Themen dahinter schauen, aber seine Sicht gehört nicht auf Plattformen oder darf so gepusht werden, dass die Patienten als Projektionsfläche stellvertretend das Problem lösen sollen, indem sie verneint werden. Wir kommen nicht weiter, wenn wir immer wieder über die Diagnose inhaltlich diskutieren, wo es nichts zu diskutieren gibt. Diese Haltung müssen Betroffene von ihren Behandlern und Therapeuten uneingeschränkt spüren dürfen. Wer nicht betroffen ist, muss zuhören, statt besser zu wissen, wie das Leben von fremden Menschen verlaufen sein kann, ohne dabei gewesen zu sein.

Gleichzeitig braucht es einen Raum, in dem auf Grundlage dieser Fakten zur Diagnose und der Sicherheit für Opfer, dass Helfer hinter ihnen stehen, auch heikle Themen angesprochen werden können. Wer mit DIS lebt, lebt häufig mit großer innerer Zerrissenheit und empfindet in sich extreme Spannungen. Die Sichtweisen der Innenpersonen auf die eigene Geschichte, könnten unterschiedlicher nicht sein. Manche haben Gewalt erlebt, andere durch die Dissoziation keinen blassen Schimmer davon. Gerade am Anfang nach der offiziellen Diagnose, ist die innere Verunsicherung groß. Man muss Schritt für Schritt begreifen, was man bislang an sich meist noch gar nicht wahr genommen hat. Wenn man selbst noch nicht weiß, was man glauben soll, verunsichern die Thesen der False-Memory-Bewegung und jeglicher Zweifel an der Diagnose zu tiefst. Man kann und will davon nichts hören und hat direkt das Gefühl sich selbst darüber zu verlieren.

Gleichzeitig bringt der rege Austausch im Internet und auf Social- Media-Plattformen nicht nur positive Effekte. Egal wie wahr oder unwahr Behauptungen zur DIS-Diagnose im Einzelfall sind – jeder kann sie Teilen. Damit werden leider auch immer wieder Eindrücke zur DIS kreiert, die mit der Realität Betroffener wenig bis nichts zu tun haben. Menschen beschreiben aus Selbstdiagnose, wie eine DIS sich anfühlt und wie die ebenso selbstgebastelte Therapie verläuft. Das muss nicht immer falsch sein und man kann den Menschen zum Teil noch nicht einmal einen Vorwurf machen, weil es flächendeckend an Anlaufstellen für fachliche Diagnostik und Therapie fehlt. Manchmal wird dann aber etwas als DIS beschrieben, was es am Ende nicht ist. Ich wollte von dem Thema „Fake-DIS“ lange nichts hören, bis ich gar nicht mehr drum rum kam, weil Ärzte, Therapeuten und Fachpersonal mit dem Thema auf mich zu kamen. Im professionellen Setting ist es leider gar nicht so selten, dass Patienten die Diagnose haben wollen, zum Teil darauf bestehen oder Dinge über ihre Lebensgeschichte erzählen, die am Ende längerer Diagnostik nachweislich unwahr sind. Insbesondere auf TikTok fallen mir immer wieder Menschen auf, die mit durchaus Reichweite behaupten sie hätten eine DIS völlig ohne Trauma einfach nur so oder aufgrund von Stress im Erwachsenenalter. Das benennen sie dann mit dem Pseudofachbegriff „endogene DIS“. Das ist schlicht Humbug und existiert so nicht! Bei allen Rettungsversuchen über „Jeder ist individuell“ gibt es Bereiche der faktischen Unmöglichkeit, die so nicht dem Diagnosebild und der Definition einer DIS entsprechen.

Nun sind das Internet und diverse Plattformen aus unterschiedlichen Gründen in meinem Empfinden keine Orte, an denen man das mit wildfremden Menschen ausdiskutieren kann und sollte. Es bleibt nur an den gesunden Menschenverstand zu appellieren und selbst immer wieder kritisch zu prüfen, was man konsumiert. Gleichzeitig kann man die Vorgänge schlecht gänzlich unkommentiert lassen, weil diese Eindrücke auf die DIS-Betroffenen ungut abfärben. Ich habe auf meinem Blog selbst schon erlebt, dass egal, wie sachlich ich versucht habe, Problemfelder grundsätzlich zu benennen, oft heftige Diskussionen entflammen, weil Leser_innen das auf sich beziehen, sich angezweifelt fühlen und in Krisen rutschen. Persönlich glaube ich dennoch, dass man das ansprechen muss, um Lösungen zu finden, weil man sonst Fachbegriffe und Diagnosen verwäscht und das schadet den Betroffenen. Nicht jede Belastung ist ein Trauma, nicht jede Konditionierung, aus der man sich zunächst nur schwer oder gar nicht befreien kann ein Programm. Nicht jeder Flashback oder schwierige Zustand an einem Feiertag, ist ein Hinweis auf rituelle Gewalt, nicht jedes kindliche Gefühl eine Innenperson, nicht jeder unkontrollierte Zustand, ein Anteil der übernimmt und nicht jede Zeitlücke ein Hinweis auf DIS.

Die DIS ist eine Störung, die durch völlige, gewaltvolle Entgrenzung entstanden ist. Umso wichtiger ist es, dass im Heute Diskussionen diesbezüglich nicht gewaltvoll entgrenzt werden. Es braucht ein klares Stopp an Leugner. Eine Sicherheitszone von Patienten und Therapeuten raus aus der existenziellen Abwehr und ein sichtbar machen des geschehenen: „Verleugnung ist Gewalt, die ich grade erlebe – mit allen direkten und indirekten Kampf und Fluchtimpulsen.“ Gewalt kann man nicht mit Neutralität begegnen und ihr Raum in Gesprächen geben. Das ist auch kein „Abholen von Skeptikern“, sondern unterlassene Hilfeleistung bei einem Angriff auf schutzbefohlene Patientengruppen und ihre Helfer.

Wir sind gesellschaftlich darin gefordert nun diese Schutzräume von Patienen mit Diagnose DIS durch klare Haltung zu schaffen. Sie ist längst nicht mehr umstritten! Das muss in den Köpfen ankommen. Wir brauchen das als sichere Basis, um uns sinnvoll und stabil mit der DIS und ihrer Behandlung auseinandersetzen zu können, statt von extremen oder falschen Darstellungen immer wieder übermäßig vom Kern abgelenkt zu werden – der extremen Traumatisierung und dem Leid der Betroffenen.

3 Kommentare zu “Diagnose DIS –

  1. Nachfrage zu „gewaltvolle Entgrenzung“

    Verlangt dieser Definition nach körperlicher Gewalt oder kann die Vorgehensweise auch ausschließlich auf psychischer Gewalt beruhen?

    Ist vorstellbar, die Psyche eines Kindes ohne oder allenfalls zurückhaltend dosierter körperlicher Gewalt zu zersetzen und dann auf zu spalten?

    Ich vermute, ein derartiges Vorgehen ist vergleichsweise unauffällig für die Außenwelt, könnte sogar von Dritten (unbeteiligt, unwissend) als positiv wahrgenommen, da überangepasste Kinder im Alltagsleben „problemlos“ sind.

    • Man verzeihe mir den Vergleich: Ich fühle mich bei der Frage ein bisschen so wie Professor Slughorn in Harry Potter, der Voldemort erklärt wie Horkruxe entstehen können. 😅

      Aber zurück zu deinen Fragen:

      Für die Beantwortung müsste man ganz viel erste einmal definieren. Deshalb will ich an der Stelle einfach an die Fachliteratur und die beschriebenen Voraussetzungen für eine DIS verweisen und mich nicht selbst dazu einlassen. Außerdem möchte ich speziell unter diesem Beitrag jede Einladung an andere vermeiden, zu diskutieren, wer am Ende eine DIS haben kann und wer nicht. Wenn der Therapeut oder Arzt sie diagnostiziert, dann kann man sich in der Regel darauf verlassen und dann muss jeder für sich selbst herausfinden, was die eigene Geschichte dahinter ist.

      • Merci vielmals für die Reaktion.

        Mich hatte Deine/Eure persönliche Einschätzung interessiert, nicht die der Forschenden.

        Aus einem naheliegendem Grund: kann jemand mit Foltererfahrung der körperlichen Zufügung sich vorstellen, dass ausschließlich via psychischer Gewalt Abspaltung und Programmierung (ich ziehe Design vor) bewirkt werden kann?

        Mir ging und geht es keinesfalls um Verdachtsdiagnosen oder Diagnosen, sondern um Vorgehensweisen gesehen von Überlebenden.

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