„Blinder Fleck“ – eine Klinikfachtagung für oder gegen Betroffene!?

Liz Wieskerstrauch, die Regisseurin des Kinofilms „Blinder Fleck“, wurde von den Kitzberg-Kliniken darum gebeten eine dreitägige Fachtagung zu konzipieren, auf der die DIS kontrovers diskutiert wird (Quelle: @blinder_fleck_kinofilm Instagram). Der Titel „Trauma oder Suggestion“ lässt nicht unbedingt etwas gutes erahnen.

Ist das nun gut oder schlecht!? Passiert so Arbeit für Betroffene? Meine Gedanken:

Journalistische Arbeit unterscheidet sich von therapeutischer Arbeit diametral. Während Journalisten dazu angehalten sind, möglichst umfassend alle Seiten einzubeziehen, arbeiten Therapeuten grundsätzlich parteiisch mit subjektiven Wirklichkeiten eines Patienten. Aus meiner Sicht verlässt Liz Wieskerstrauch mit diesem Projekt den Bereich der eigenen Kompetenz als Journalistin, auch wenn man andere Fachpersonen einlädt.

Kontroverse Diskussion um DIS sind nicht pro Betroffene, sondern führen davon weg. Die eigenen Lager machen mal wieder die Arbeit der Täter, ohne es zu merken. Statt dessen freut man sich unter dem Post, dass die Täter sich ja bedeckt halten. Haben sie denn einen Grund aufzustehen? Sie kommen ja ausreichend zu Wort und werden mit ihren Weltsichten im Film aufgrund der fehlenden Einordnung als gleichwertig wissenschaftlich dargestellt, obwohl sie das nicht sind.

Für eine Klinikfachtagung frage ich mich: Was gibt es an einer offiziellen Diagnose im ICD kontrovers zu diskutieren!? Sie existiert. Sie ist valide. Ärzte und Therapeuten müssen sicher damit umgehen können. Punkt. Vielfach können sie es bislang nicht. Die Betroffenen stehen ohne Behandler auf weiter Flur und scheitern schon an der richtigen Diagnostik, weil es dafür viel zu wenige gute Anlaufstellen gibt. Fortbildung ist also sicher dringend nötig – nur nicht kontrovers, sondern so eindeutig, wie das ICD es künftig vorschreibt.

Wir kommen über den Kinofilm, der angeblich für Betroffene sprechen soll, immer mehr an einen Punkt, wo Menschen denken, es gäbe ein Recht darauf bestimmte Punkte zu diskutieren oder auch Befürworter der False Memory Bewegung mal zu Wort kommen zu lassen. Das Recht auf Verleumdung von Gewaltbetroffenen und ihrer Lebensgeschichten gibt es aber nicht. Es ist Gewalt. Genau so, wie man Holocaustleugnern als Täterlobby keine Stimme gibt, sind auch Veröffentlichungen der False Memory Bewegungen abzulehnen. Die DIS ist inzwischen mindestens so gut belegt, wie der 2. Weltkrieg. Die Studien der False Memory Bewegung sind eindeutig widerlegt. Trotzdem fordert man von den Opfern immer wieder offen bleiben zu sollen, auch Tätern zuhören zu müssen, ihre Sicht zulassen zu sollen. Man stünde ja klar an ihrer Seite, aber…

Gewalt ist keine Meinung, die diskutiert werden kann! Dazu braucht es eindeutige Haltung. Wenn man anfängt über Gewalt zu diskutieren, betreibt man Täterpropaganda. Das kann man noch so gut meinen. Unterm Strich verharmlost man damit klare Grenzen.

Es gibt in der Wirtschaftspsychologie einen Grundsatz, wenn Unternehmen verleumdet oder schlecht geredet werden: Nicht die Lüge im eigenen Statement wiederholen, sonst verbreitet man auch sie immer wieder. Das gilt auch für Traumatherapeuten. Man äußert sich zu dem, was man tut und auf welcher Grundlage, aber man wiederholt nicht womit das schlecht geredet wird, wenn es und weil es nicht stimmt.

Gute journalistische Arbeit, wie die von Liz Wieskerstrauch, kann für mich veranschaulichender Teil einer Fachtagung sein. Sie kann aber nicht den Ausgangspunkt der Organisation bieten. Während Journalisten bis zur Verurteilung eines Täters, in Möglichkeitsformen sprechen, arbeiten Therapeuten vom ersten Tag an mit den Opfern, ihrer Innenwelt und offiziellen Diagnosen – egal was die Gegenseite dazu denkt.

In Kliniken und Facheinrichtungen brauchen Betroffene keine kontroversen Diskussionen. Sie brauchen ausreichend fortgebildete Behandler, die zu den Diagnosen, den Patienten und ihrer Arbeit stehen. Es ist zermürbend, wenn immer wieder von den Betroffenen verlangt wird, doch offen für die Sicht ihrer Täter zu sein. Geholfen ist damit niemandem.

Also liebe Kitzberg-Kliniken: Wenn ihr euch dazu fortbilden wollt, ist das super, aber dann tut das nicht „kontrovers“ über eine Journalistin, sondern fachlich korrekt nach ICD-11. Sie entbindet euch nicht aus der Verantwortung, dass ihr euch eine Haltung zugelegen müsst und dass es am Leid eurer Patienten nichts zu diskutieren gibt. Ihr habt einen klaren Versorgungsauftrag, der sich nicht nach journalistischen Recherchen und persönlichen Meinungen richtet, sondern nach gängigem Stand der Wissenschaft. Die False-Memory- und Leugnerbewegung ist kein Teil von valider und faktenbasierter Arbeit. Entsprechend ist darauf zu achten, dass man mit den von ihnen ausgelösten Diskussionen nicht den Anschein erweckt, als hätten sie auch nur den Hauch von echter Wissenschaftlichkeit, indem man sie zum Thema von Fachtagungen macht.

Quellen:

https://www.instagram.com/p/DK6ckUPs4q5/?igsh=cWFlang3YXgyaDM2

6 Kommentare zu “„Blinder Fleck“ – eine Klinikfachtagung für oder gegen Betroffene!?

  1. Ich bekenne, während des Lesens dieses Beitrags zunächst Zorn, dann enorme Resignation zu empfinden. Der Vorgang scheint mir typisch für eine Gesellschaft zu sein, in der nicht Ethik, sondern Gewinn die Richtschnur ist. Die Differenzierung zwischen gut und böse ist abhanden gekommen, und so werden Opfer immer wieder zu Opfern gemacht. Opfer sieht das Schema nicht mehr vor, sondern ausschließlich Gewinner und Versager – überrollt worden zu sein? Gibt’s nicht! Sondern nur solche, die sich einbilden, dass ihnen böse Erlebnisse widerfuhren! Schweigen ist für mich schon lange die Losung.

  2. DANKE!!!!!
    (D
    und die Psychologen und Psychiater, die valide Fortbildungen zum Thema DIS nach ICD 11 anbieten, sollten in Fachkreisen ja als bekannt vorausgesetzt sein….)

    • Sollte man meinen, aber die ganzen Diskussionen werden immer absurder. 🙄

      Es wäre mir tausend mal lieber, man sagt als Regisseurin von vornherein
      ehrlich, dass man sich inhaltlich nicht klar positionieren kann und will, sondern nur alles sammeln, was es dazu unabhängig von der Qualität der Quelle gibt, als einen Film für Betroffene anzukündigen und dann solche unsinnigen Diskussionen daraus zu kreieren, die sich wieder gegen die Bedürfnisse der Opfer richten. Welche Gründe es dafür gibt, ist mir persönlich Schleierhaft. Für mich ist das mit journalistischer Sorgfalt und Umsichtigkeit so nicht vom Tisch zu wischen. Zwar gibt es den Grundsatz der journalistischen Neutralität, aber das verhindert nicht Gedanken bis zum Ende zu denken und die wissenschaftliche Situation so pro Betroffene darzustellen, wie sie auch ist. Es ist absurd, dass wir nach einem Film, der angeblich für die Betroffenen sprechen sollte, wieder die gleichen Diskussionen führen, wie wir es auch nach einem Bohmermannbeitrag oder Spiegelartikel getan haben und erneut weg sind von der Lebenswelt der Opfer! Was bislang durch den Film gestärkt wurde, ist die Möglichkeit das Thema in der Öffentlichkeit kontrovers zu diskutieren, wo es nichts kontroverses gibt und nicht die Betroffenen!

  3. Hier können wir es ja schreiben…

    Wir haben das gelesen und dann ging ein Rums durch’s System, auch mit Tränen.

    Wir wurden in dieser Klinik vor fünf Jahren behandelt. Und die Oberärztin dort hat in der Visite angeordnet, dass wenn ein Wechsel stattfindet die Gesprächstherapie beendet wird. Damit sollte erreicht werden, dass die Hauptpersönlichkeit gestärkt wird …Aha…
    Was wirklich arg war der Ausdruck: „Sie haben ja eine Horde wild gewordener Hunde. Die müssen zurück in ihren Zwinger. Die machen ja was sie wollen.“ Was dann folgt war nur destabilisierend und für uns bis heute nicht verarbeitbar. Obwohl wir uns auch „gewehrt“ haben. Unsere Stimme wurde nicht nur nicht ernst genommen sondern auch belustigt. Zu einer Mail nachfolgend kam keine Reaktion und im Arztbrief stand, wir konnten uns auf das setting nicht einlassen.

    Wie gesagt wir haben damit immer noch zu tun und wenn wir lesen, was diese Klinik vor hat…..können wir das nicht gut heißen.

    Sicherlich haben andere andere Erfahrungen mit dieser Klinik. Das war unsere…..und leider nicht die einzige.

    • Vielen Dank für‘s Teilen eurer Erfahrungen! Das klingt leider so gar nicht nach Expertise zu diesem sensiblen Thema und ist furchtbar.

      Es wäre so schön, wenn wir uns endlich nicht auch noch von Helfern erholen müssten!

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