Die komplexe posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS) als Multisystemerkrankung

Der folgende Beitrag war ursprünglich ein Instagrampost auf meinem Profil @sofiesvielewelten. Da er sehr viel Anklang fand, möchte ich ihn zusammengefasst mit meinen Antworten auf Kommentare hier ebenfalls zur Verfügung stellen:

Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung nach schwerer, frühkindlicher Gewalt und Folter ist eine körperliche Multisystemerkrankung. Wir werden den Betroffenen in der Behandlung nicht gerecht, wenn wir so tun, als müssten und könnten sie das alles über ein bisschen Mentalisierung, Realisierung, Traumaintegration und kognitive Umstrukturierung in der Psychotherapie bewältigen!

kPTBS-Patienten haben im MRT-Scan nachgewiesen sichtbare körperliche Veränderungen und Entwicklungsveränderungen an Organen! Das Gehirn ist auch ein Organ!

Die Patienten weisen entsprechend neurologische Veränderung und Symptome auf, die wie andere organische Erkrankungen nicht einfach schön oder wegzudenken sind!

Sie leiden unter Veränderungen ihres Immunsystems und damit einhergehenden Entzündungsprozessen im gesamten Körper. Autoimmunerkrankungen sind häufig.

Sie leben mit einer dauerhaften Verschiebung der Hormonachsen und Beeinträchtigungen ihrer Hormondrüsen.

Der Neurotransmitterhaushalt ist dauerhaft gestört.

Sie leiden unter veränderten Organfunktionen und entsprechenden Beschwerden.

Autonome Dysregulationen sind KÖRPERLICHE Auswirkungen des traumatischen Stresses.

Das Muskel und Skelettsystem ist extrem angespannt und verkrampft. Immer wieder kommt es deshalb sogar bis zu Ermüdungsbrüchen an Knochen.

Die körpereigene Kommunikation zwischen den Organen ist anhaltend blockiert und gestört.

Emotionale Dysregulation durch die Traumata führt zu einer großen Breite psychischer und körperlicher Symptome. Aber: Nicht alle traumabedingten körperlichen Symptome sind alleine emotional bedingt!

Fachärzte die sich auf Medizin für Folterüberlebende spezialisiert haben, weisen bei Betroffenen inzwischen spezifische, strukturelle Veränderungen im Knochenmark und anderen Körpersystemen nach.

Wir tun den Betroffenen Unrecht, wenn wir nur psychotraumatologisch auf sie schauen!

Bei der kPTBS nach frühen, anhaltenden Traumatisierungen haben wir es mit einer Ganzkörpererkrankung zu tun. Übermäßige Psychologisierung wird der Lebenssituation von Opfern schwerer Gewalt nicht gerecht. Immer wieder wird erwartet, dass sie lernen mit Unweltreizen einfach anders umzugehen. Würden wir von einem Menschen ohne Nierenfunktion erwarten, dass er dennoch vollständig selbst entgiften kann? Was führt uns zu der Annahme, dass Gewaltbetroffene das mal eben einfach so (lernen) können, wenn doch gewisse Strukturen im Gehirn und Nervensystem nicht vorhanden sind? Neuroplastizität ist etwas tolles, aber keine Wunderwaffe und nicht an jeder Stelle gegeben – so wie auch andere Organe nicht einfach nachwachsen, wenn sie beschädigt wurden. Traumapatienten sind keine Axolotl, die sich abgetrennte Körperteile und Organe einfach durch Imagination nachproduzieren.

Ebenso wenig lässt sich jeder Schmerz, jede Lähmung oder Krampfanfälle alleine durch Entspannung verändern! Vielfach nützt es eben nicht, nur das Bewusstsein weg vom Trauma zu verschieben, um eine Symptomverbesserung zu erreichen. Auch dann haben die Patienten ein Recht auf Antworten in der Behandlung!

Eindimensionale Ansätze vergrößern häufig die Not und die Selbstvorwürfe der Patienten. „Habe ich mich nur zu wenig angestrengt?“ „Warum funktionieren manche Techniken bei mir nicht?“ Die Antwort ist manchmal schlicht: Weil das mit der Geschichte und den vorhandenen Schädigungen schon körperlich nicht so einfach funktionieren kann!

Mir ist der hauptsächliche Blickwinkel in der gängigen Psychosomatik für manche Lebensgeschichten und Traumafolgen tatsächlich nicht ausreichend, weil man immer noch viel zu viel mit dem Blickwinkel der Psyche in Richtung Körper auf die Traumathematik schaut und für den Körper im Grunde in meiner Erfahrung auch nichts anzubieten hat. Immer wieder wird argumentiert, dass die psychischen Traumafolgen eine Rückwirkung auf die Körpersysteme haben. Wer schaut aber mal darauf, ob es nicht zum Teil genau anders herum ist: Dass nämlich die körperlichen Traumafolgen sich auch seelisch äußern, ohne primär psychisch zu sein. Wenn ich mir beim Skifahren das Bein kompliziert breche und das nicht ohne Konsequenzen verheilt, dann würde niemand kommen und sagen, das ist psychosomatisch, weil ich in der Situation Stress hatte. Das körperliche Problem würde unabhängig vom Auslöser anerkannt. Wenn ich als Betroffene extremer, frühkindlicher Traumatisierung aufgrund von Gewalteinwirkung Brüche“ in meinem physiologischen Nervensystem erleide, manche Organstrukturen sich nicht entwickeln können, Autoimmunerkrankungen entstehen, der Stoffwechsel unmittelbar verändert wird, etc. dann schauen wir aktuell immer aus Perspektive der Psyche und des inneren Stresses darauf, ohne anzuerkennen, das der Körper durch das (Poly-) Trauma der Gewalt an sich schwerwiegend verletzt wurde und Schaden genommen hat, wenn auch nicht in Strukturen, die man auf Röntgenbildern sieht. Wir tun so, als hätten Folterüberlebende Wahlmöglichkeiten, die diese Vorgänge im Körper durch psychische Konfrontation heilen, aber das haben sie nicht!

Immer wieder findet dadurch ungerechtfertigte Stigmatisierung der Betroffenen statt. Wir sehen das in vielen Bereichen. So lässt sich das Beispielsweise im Bereich der Suchterkrankungen nachweisen: Sucht ist keine Wahl sondern eine Reaktion auf Stoffwechselentgleisungen, die unmittelbar während und durch traumatische Situationen entstanden sind (Vgl. Gabor Mate, „Im Reich der hungrigen Geister).

Die körperlichen Gewaltfolgen bei frühkindlichen Traumatisierungen sind nicht intrinsisch und einfach „nur“ durch den Stress hervorgerufen, den man in der Psychotherapie überwinden müsste. Sie sind direkt, wie der Knochenbruch, durch äußere Einflüsse und Krafteinwirkung, also durch den Täter und die Tat an sich, entstanden – mit anderen Bruchstellen im Körper. Ich finde, dass man das in der Gesellschaft mal realisieren muss, weil wir sonst nicht davon wegkommen, den Opfern eine Verantwortung zu ihrer Heilung aufzubürden, die körperlich und psychisch so gar nicht drin ist. Heilung ist eben keine bloße Frage des kognitiven Bemühens! Wir sprechen pauschal von „Psychotrauma“, aber sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, körperliche Gewalt und Folter sind ein körperliches Trauma durch die Täter und eine tiefe körperliche Verwundung mit später auch psychischen Folgen und nicht primär anders herum.

Die Art wie wir Probleme (Diagnosen) definieren, entscheidet über die Art, wie wir uns um sie kümmern und das ist in der Behandlung entscheidend.

Die Forschung zu körperlichen Folter- und Traumafolgen steckt gerade erst in den Kinderschuhen. Die Ergebnisse zeigen aber schon jetzt, dass es für die Behandlung der vielfältigen Traumafolgen mehr braucht, als Psychotherapie. Die Blickwinkel für die Heilung müssen genau so vielfältig und ganzkörperbezogen sein, wie das Problem!

4 Kommentare zu “Die komplexe posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS) als Multisystemerkrankung

  1. …..und dann wundert sich die „Menschheit“ warum Betroffene im höheren Alter Demenzen kriegen?

    Wäre das „ein Wunder“?

    Betroffene werden aufs Übelste stigmatisiert,links liegen gelassen,hauptsächlich mit Chemie behandelt ,und Chemie alleine hat Langzeitfolgen ….was nachgewiesen wurde…A B E R …“..halt einfach die Klappe“……vergiss DAS doch endlich….wenn denn überhaupt geglaubt wird…..!

    Alice Miller hat wunderbare Berichte ,die genau dies alles beschreiben zu 100% wahrheitsgetreu!!!

    thx to“ Sofies Viele Welten“= grossartig !!!!

    • Zu Demenz und Trauma gibt es auch einige Studien. Man konnte unter anderem inzwischen nachweisen, dass Menschen mit unverarbeiteten Traumata und PTBS mehr als doppelt so oft wie in der Normalbevölkerung eine Demenz entwickeln. Durch die permanente Überstimulierung bestimmter Hirnareale aufgrund der Traumata und dadurch veränderte Hormonausschüttung, kommt es zu Hirnschädigungen. Eine möglichst frühzeitige und adäquate Traumatherapie senkt hingegen nachweislich das Demenzrisiko. Noch ein Grund mehr, seine Traumata möglichst bewusst mit Hilfe anzugehen und sich gute therapeutische Anbindung zu suchen.

      Ich glaube, wer fordert, dass man das vergessen sollte oder denkt, das wäre Vergangenheit, die man zurücklassen müsste, hat keine Ahnung wovon er spricht und was die Betroffenen wirklich erleben.

      Vielen Dank für die liebe Rückmeldung!

    • hallo Sofie,

      das ist ein gelungener Beitrag und eine tolle Zusammenfassung. Hast du zu den einzelnen Aussagen vielleicht Quellen? Ich würde da gerne einiges nachlesen.

      Viele Grüße

      • Vielen Dank für die liebe Rückmeldung! Es gibt sehr viel unterschiedliche Fachliteratur zu dem Thema, die leider sehr verstreut ist und es kommt darauf an, nach welchen Aspekten man für die Vertiefung sucht. Wenn du mir sagen magst, welche Themen dich in der Hinsicht interessieren, kann ich nochmal genauer nachsehen, was sich eignen würde. Ansonsten kommt man mit Suchbegriffen wie „Psychoneuroimmunologie und Trauma“, „Demenz, Trauma, Studien“, „Autoimmunerkrankungen, Trauma, Studien“ bei Google auch oft weiter.

        Viele Grüße zurück,
        Sofie

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