Der Ausstiegsreflex in Therapie- und Helfersettings

Aktuell erreichen mich einige, zum Teil sehr verzweifelte Anfragen zum Thema Ausstieg aus organisierten und rituellen Gewaltzusammenhängen. Das einende große Problem: Der Therapeut macht Druck, Täterkontakte abbrechen zu müssen und die Gewalt zu beenden. Die Klienten jedoch können das innerlich aus unterschiedlichen Gründen nicht im gewünschten Tempo leisten. Es scheint bei Hilfspersonen eine Art Reflex zu geben, in Richtung Ausstieg drängen zu müssen. Ich möchte an dieser Stelle meine persönliche Erfahrung und Sichtweise der Thematik eröffnen und widme mich der Frage: „Kann und muss Ausstieg immer das Ziel sein? Ist er überhaupt immer die beste Option?“

Außenstehende mögen an dieser Stelle nun denken: „Ja, klar! Die Gewalt muss beendet werden! So kann menschenwürdiges Leben nicht aussehen! Was, wenn die Klientin an einer der nächsten Taten stirbt? Ich kann mich doch nicht zum Verbündeten der schlechten Verhältnisse machen!“ Sie haben vollkommen recht. Menschenwürdiges Leben sieht anders aus. Darin hat Gewalt nichts zu suchen. Das wissen ihre Klienten auf einer Ebene häufig auch selbst. Sie möchten der Gewalt entkommen und überleben.

Was aber, wenn die Klientin am Ausstieg zu sterben droht – sei es durch die Gefahr und Übergriffe von Außen oder schlicht aufgrund der inneren Überlastung? Die Seite der Patientin, die bei Ihnen panisch in Beratung sitzt und verzweifelt versucht in ihrer inneren Spaltung eine Lösung zu finden, weiß, dass sie die Reise ihres Lebens begonnen hat und es um ihr blankes Überleben geht. Sie möchte schon alleine deshalb die Bindung zu ihnen nicht wieder verlieren und versagen. Meist ist ihr zudem durchaus bewusst, dass sie alleine keine Chance gegen die Täter hat und Anker im Außen braucht. Wenn sie jetzt Druck machen, wird die Oberfläche mit einiger Wahrscheinlichkeit versuchen Ihnen zu gefallen und sie verscherzen sich den so wichtigen Zugang in andere Tiefen, ohne die der Ausstieg nicht gelingen wird.

Jeder Ausstieg beginnt damit, sich selbst und seine Innenpersonen zu begreifen. Zu den Innenpersonen gehören nunmal nicht nur die „geliebten Kinder“, die willig sind, sich anzupassen, die Meinungen des Therapeuten teilen und alles dafür tun endlich irgendwo angenommen zu sein – auch wenn sie dafür einen Ausstieg sterben müssen. Es wird immer auch die Innenpersonen geben, die zu recht endlich einfach so sein wollen, wie sie sind und keine Lust mehr auf die ständige Umerziehung haben, weil irgendjemand und eine ganze Gesellschaft im Außen vermeintlich besser weiß, was gut für sie ist, wie sie zu sein haben und wie sie sich in der neuen Lebenswelt verhalten müssen. Sie wollen sich für Liebe und Bindung nicht mehr verbiegen müssen und Ansprüche anderer erfüllen, sondern erst wissen, dass man sie auch mit ihren Ecken, Kanten und eigenen Vorstellungen mögen würde. Es wird die Personen im Innen geben, die gute Gründe dafür haben, bei den Tätern zu bleiben, deren Sichtweisen verstehen und Kontakte nicht einfach abbrechen. Deshalb sind sie noch lange nicht täterloyal! Es braucht sie alle im Gespräch ohne Festlegung auf das Ziel! Würden sie mit jemandem sprechen und sich öffnen, wenn von Anfang an klar wäre, dass er ihre Informationen dazu nutzen will, sie zum schweigen zu bringen und sie auszuradieren? Offene Fragen nach inneren Wünschen und Bedürfnissen und dem was das System aus seiner sich jetzt braucht, sind angesagt. Das kann manchmal auch etwas ganz anderes Sein, als die kognitive, anstrengende Arbeit am Ausstieg!

Denn an dieser Stelle muss man eines deutlich sagen: Ausstieg ist nicht immer die beste Option! Manchmal ist es (vorübergehend) notwendig bei Tätern oder in Kontakt zu bleiben, erst in Ruhe die Ängste im Inneren zu hören und sie ernst zu nehmen. Das Innen weiß aus Erfahrung, mit welchen Schritten man besser wirklich vorsichtig ist. kleinschrittiges Puzzeln ist angesagt. Leider sind die guten Wünsche der Therapeutin, dass bestimmt am Ende alles leere Drohungen der Täter sind, nicht immer zutreffend. Die Betroffenen spüren aus ihrer Erfahrung intuitiv: Ich lebe extrem schlecht, aber ich lebe. Und: Ich bin mit meiner Entfernung vom Täterkreis an einer Grenze angekommen, an der er nicht ohne erhebliche Konsequenzen und Gefahren weiter toleriert, wenn ich mich noch mehr davon weg bewege. Diese Konsequenzen können äußerer Natur sein, sie können aber auch im Innen stattfinden müssen und sind dann nicht minder lebensgefährlich. Auch ein Suizid kann in diesen Zusammenhängen Mord sein.

Niemand im Außen weiß, ob die Betroffenen das Ende der Reise erreichen werden, auch wenn man es den Vielen so sehr wünscht. Sie können als Therapeutin die Türe nach Außen für die Täter schließen und Zugang versperren, aber sie werden die inneren Türen der Folter und ihrer Folgen nicht so einfach geschlossen halten können. Die eigene Traumageschichte in ein gewaltfreies Leben zu integrieren, braucht lange und tiefe Traumatherapie mit allen inneren Anteilen. Ab einem gewissen Stresslevel im Therapieraum zerschießen sich Therapeuten mit zu viel Druck und Zielorientiertheit selbst jede Möglichkeit, dass die Klientin überhaupt noch Aufnahme- und Lernfähig ist. Das ist zum Teil schädlicher für eine erfolgreiche Therapie, als der Täterkontakt an sich. Ich bin trotz Täterkontakt lange in eine Beratungsstelle gegangen und konnte irgendwann spüren, wie für diese eine Stunde der Stress in mir abfiel und im sicheren Rahmen Arbeit im Innen möglich wurde, obwohl im Alltag die Hölle tobte. Dafür muss der Ort aber so gestaltet sein, dass man als Betroffene wirklich mit allem sein und ankommen darf. Ich kann ganz gewiss sagen, dass ich meinen Ausstieg nicht geschafft hätte, wenn man zu sehr auf den Kontaktabbruch gedrängt und ein offenes arbeiten im System damit verhindert hätte.

Manchmal fehlen für einen Ausstieg (zunächst) schlicht die Kraft und die Ressourcen. Die Täter und die Heilung der Gewaltfolgen kosten immer wieder viel Energie. Neben der inneren Entscheidung zum Ausstieg braucht es auch ein äußeres, alltagspraktisches Netz, das man sich aufbauen können muss. Leider steht es so gut wie nie einfach vor der Tür, kostet meist zusätzliche Verletzungen und frisst mit unwissenden Helfern als Zusatzrisiko enorme, sowieso nicht vorhandene Kraft. Stellen Sie als Helferin der Klientin jeden Tag Essen vor die Tür, wenn sie sich irgendwann selbst aufgrund der Gewaltfolgen im Verarbeitungsprozess nicht mehr helfen kann oder Täter Präsenz zeigen!? Sind sie in der Lage im Ausstieg bei Bedarf eine eins zu eins Betreuung für alle notwendigen Wege außerhalb der Wohnung anzubieten und das bis auf die Toilette, dass wirklich keine Sekunde unbegleiteter Zugang für Täter entsteht? Wenn nicht, sind sie noch überhaupt nicht in der Position irgendwelche Forderungen an die Klientin zu stellen, die den schnellen Ausstieg alleine ausbaden muss und sie sollten gemeinsam dringend darüber nachdenken, wie das im Ernstfall laufen soll, denn diese Phasen in der Heilung werden kommen. Meine Erfahrung ist, dass Betroffene auch sehr gut spüren, wenn sie in der „neuen Welt“ mit ihren Grundbedürfnissen nicht genug abgesichert sind, um den nächsten Schritt wagen und im Notfall auch komplett zusammenbrechen zu können. Dazu gehören gute, sichere Bindungen ebenso wie die Grundversorgung von ihnen selbst und ihren Lieben, die nicht nur Menschen umfasst, sondern vielfach auch Haustiere wie Hund und Katze. Die Beantragung und Durchsetzung von Hilfen, Pflegegrad und Eingliederungsleistungen dauert in der Regel und oft sind Betroffene darauf angewiesen, dass diese Anträge jemand für sie stellt. Wer aber soll das machen, wenn die Genehmigung der Anträge gebraucht wird, um die Helfer überhaupt bezahlen zu können? Jeder Aussteiger wird schnell merken, dass er zu der Auseinandersetzung mit den Tätern nun auch noch gegen eine Menge anderer Systemgewalt und Unmenschlichkeit ankämpfen muss. Von den zehrenden Kämpfen mit Sozialversicherungen, Renten und Entschädigungen, um entgegen aller Widrigkeiten und Programmierungen wenigstens ein absolutes Existenzminimum schaffen zu können, spreche ich grade noch nicht einmal. Die Gruppe wird zumindest einen Teil der dringend benötigten Sicherheiten bedienen. Man wird nicht verhungern. Man hat ein Dach über dem Kopf, auch wenn es sich vielleicht Bordell nennt und man ist nicht gänzlich alleine. Sofern sich die eigenen Aktivitäten nicht gegen die Gruppe richten, besteht dort durchaus ein unterstützendes, soziales Netzwerk.

Einen Kontaktabbruch zu Tätern von heute auf morgen muss man erst mal aushalten können, weil dann ebenso von heute auf morgen das gesamte Traumamaterial auf einmal nach oben schießen wird. Meist ist das für die Opfer aber nur Schrittweise zu bewältigen. Insofern sind die vermeintlichen „Rückschläge“ mit Täterkontakt über weite Strecken eine gewisse Selbstmedikation. Wenn sie die Klientin dahingehend unter Druck setzen, Kontakte abzubrechen – bieten sie und ggf. ein Netzwerk an Helfern, Freunden und Bekannten ihr auch echte Alternativen, die die Folgen abfangen können? Wenn Ausstieg auf Platz 1 der To-do-Liste steht – kennen sie die Innenpersonen so gut, dass sie sie wirklich bei der Regulation unterstützen können und ihre Sichtweisen respektieren? Mit einer Stunde Therapie in der Woche und ein paar Tresorübungen wird es nicht getan sein! Die Hölle wird sich nicht mit imaginierten sicheren Orten und schönen Gärten überwinden lassen. Sie braucht gerade bei kleinen Innenpersonen eine unmittelbare Bindungsantwort. Die emotionalen Regulationssysteme in der Klientin müssen wachsen und das dauert bei früher und anhaltender Traumatisierung. Solange ist sie auf Unterstützung von außen angewiesen, ob sie will oder nicht. Heilung basiert auf gesunder Bindungserfahrung. Sie lässt sich nicht in einen engen Zeitplan drücken. Über Jahrzehnte in der Lebensgeschichte hat das Leid der Betroffenen niemanden interessiert. Keiner hat geholfen. Körper und Psyche haben massiven Schaden erlitten und manche neuronalen Strukturen gar nicht bilden können. Und dann sitzen die Opfer nach langem Kampf um einen Platz endlich im Therapieraum und sollen aber bitte sofort ein soweit gesundes Nervensystem haben, dass sie in der Welt alleine zurecht kommen und in der Lage sind zusammenhängende Entscheidungen zu treffen. Wie kann man voraussetzen, dass das ohne langwierige Traumatherapie gelingen soll!?

Betroffene von RG und OG haben aus meiner Sicht ein Recht auf menschenwürdige Versorgung. Das gilt auch bei fortgesetztem Kontakt ins Tätersystem! Niemand würde bei körperlichen Verletzungen und schweren Blutungen Wundversorgung verweigern, nur weil sie Verletzungen unter Umständen in der Zukunft wiederholen könnten. Schickt ein Arzt einen schwer verwundeten Patienten weg und verweigert die Behandlung, wäre der Aufschrei groß. Weshalb wird dieses Vorgehen in der Psychotherapie immer noch oft toleriert und sogar als notwendige Hilfe erachtet? Dabei handelt es sich schlicht um Gewalt. Ein Ausstieg dauert, ist zehrend und geht über viele Jahre. Die meisten Betroffenen nabeln sich in kleinen Häppchen ab. Manche fliehen am Anfang und scheinen den Kontaktabbruch tatsächlich sofort umzusetzen, müssen dann aber immer wieder nacharbeiten, wenn sich im Innen die nächste Schicht mit Sicherheitslücken zeigt. Andere bleiben länger mit den Tätern parallel zur Therapie in Kontakt, können am Ende den Schritt des Ausstieges aber in ihrem Tempo konsequent weitergehen und der Kontaktabbruch bleibt letztlich stabil. Egal wie – den Opfern steht ein bestmögliches Leben und fortgesetzte Therapie zu, auch wenn die Gewalt sich nicht beenden lässt. Manche Menschen sind vielleicht zu schwach und zu gequält für die langen Durststrecken eines Ausstieges und dennoch dürfen sie zumindest in Therapie und bei Hilfestellen beständige Menschlichkeit statt umerziehende Härte erwarten. Alles andere empfinde ich als komplett unethisch! Das bedeutet, dass Helfer Ohnmacht mit der Betroffenen aushalten können müssen und vertrauensvoll mit den inneren Prozessen gehen. Zielorientiertes Handeln funktioniert nur bedingt.

Rein kognitive Verhaltenstherapie ist in der Traumatherapie da gut, wo eine erneute innere Amputation ganz oder zeitweilig Ziel ist. Dafür kann es gute Gründe geben, wenn es z.B. darum geht zunächst funktional durchzuhalten, um für gewisse Sicherheiten zu sorgen, ohne sich seinen Gefühlen zuzuwenden. Genutzt werden dafür allerdings dissoziative Prozesse und das Pferd wird von Hinten aufgezäumt. Bei komplexen Traumatisierungen sind tiefe emotionale Wunden der Grund für entsprechend geprägtes Denken und Verhalten. Man kann versuchen über kognitive Umstrukturierungen in Rückkopplung indirekt Einfluss auf die Emotionen zu nehmen, aber das wird bei Traumata und Spaltung immer nur extrem bedingt möglich sein, alleine schon weil neuronal keine Verknüpfung vom Alltagsbewusstsein ins Traumagedächtnis besteht. Das sollte dem Therapeuten bewusst sein. Ob man eine erneute emotionale Amputation möchte, für den richtigen Weg hält und überhaupt noch umsetzen kann (Dissoziation kostet Kraft), entscheidet der jeweilige Patient! Es geht nach meiner Erfahrung auch anders. Heilung bedeutet für mich, mich selbst in allen Facetten spüren und zum ersten Mal begreifen zu dürfen ohne irgendwie sein zu müssen oder damit Ziele zu erreichen. Es geht zum ersten Mal im Leben um mein Sein an sich und das Verstehen und Fühlen, dass es in allen Anteilen gut ist, wie es ist. Der Weg darf sanft und verständnisvoll mit mir sein. So, wie ich ihn brauche.

Eine Angst will ich Therapeuten gerne nehmen: Man stabilisiert nie für Täter, vorausgesetzt wir sprechen von echter Stabilisierung im Sinne von: Die Betroffene wird darin unterstützt sich selbst mit ihren Gefühlen im Innen zu finden und nicht nur über Skills und Aufmerksamkeitsverschiebungen taub funktionsfähig gehalten. Ich glaube fest daran, dass ein Ausstieg die unvermeidbare, logische Konsequenz ist, die passiert, wenn die richtigen Weichen gestellt werden. Dafür muss man ihn nicht immer zentral verfolgen, wohl aber manchmal anerkennen, dass die Gesellschaft manche Weichen hartnäckig verweigert und es nicht die Schuld der Opfer ist, wenn sie bei den Tätern gefangen bleiben.

Wie soll die Dissoziationsschwelle sinken und inneres zusammenwachsen möglich werden, wenn weiter Gewalt passiert, werden sich einige fragen. Das widerspricht sich doch oder? Ich möchte dem entgegenstellen: Wie ist sie denn bisher gesunken, obwohl weiter Gewalt passiert ist? Es scheint ja offenbar trotz aller Indoktrinierung, Impulse und Selbstheilungskräfte im Inneren ihrer Klienten zu geben, die den Weg begonnen haben und Dinge ins Bewusstsein durchsickern lassen. Das würde nicht passieren, wenn es nicht bereits gewisse Sicherheiten, täterferne Bindungsangebote und Hoffnung auf Veränderung gäbe. Als Helfer oder Angehörige haben sie aus meiner Sicht mit echter, liebevoller Bindung ein Instrument an der Hand, gegen das alle Gewalt nicht ankommt. Für mich persönlich fühlt es sich so an, als wäre dieses Angebot im Innen immer wieder ein derart starker Impuls an die Heilungskräfte, dass der Körper immer mehr nach dieser Sicherheit strebt. Ich möchte etwas provokant in den Raum stellen: Wenn ihre Klientin noch einwandfrei dissoziieren könnte, dann würde sie ihre Forderungen nach dem Ausstieg einfacher umsetzen können, weil dann der emotionale Zugang zu sich fehlen würde. Viele Klienten, die den Schritt Täterkontakt abzubrechen, in der Therapie nicht einfach gehen können, haben eher bereits mehr Zugang zu ihren Gefühlen und den traumatisierten Anteilen, als ihnen lieb ist. Sie spüren die Ängste und Nöte ihrer Geschichte bereits – mal mehr und mal weniger bewusst.

Sie dürfen und sollen als Helfer und Therapeut gesunde Grenzen haben. Weder müssen, noch sollen sie gleichgültig einfach zuschauen, wie ihre Klientin leidet. Gleichzeitig sollen sie nicht selbst im eigenen Schmerz über die Traumata davon schwimmen. Sie dürfen die Klientin fördern, zeigen und darüber sprechen, dass sie die Patientin für wertvoll halten und sie es ihnen Wert ist ohne Gewalt leben zu dürfen. Eine gewisse Transparenz in ihren Gefühlen hilft der Klientin und ihren Anteilen, die Gewalt mehr und mehr auch selbst schrecklich finden und ein anderes Leben für sich ersehen zu dürfen. Es ist richtig immer wieder zu bestimmten Schritten anzuregen, zu ermutigen, den Ausstieg schmackhaft zu machen, zu vermitteln, dass es schaffbar ist und sich lohnt. Es ist gut, wenn sie ihren Klienten Schritte zutrauen, die sie selbst aus Angst noch niemals wagen würden. Anhaltenden Druck und Stress halte ich aber für die falschen Mittel, um am Ende auf einen erfolgreichen Ausstieg zurückblicken zu können, der vielleicht lange gedauert hat, dafür nach Jahren und Jahrzehnten auch stabil ist.

Ich möchte mit dem Beitrag nicht dazu auffordern die Gewalt einfach laufen zu lassen. Gerade wenn sie weitere Menschen, Kinder und Tiere betrifft, die durch das Verhalten der Klientin mit in Gefahr gebracht werden, braucht es eine klare Haltung! Ggf. müssen diese auch gegen ihren Willen in Sicherheit gebracht werden, wenn notwendige Schritte anders noch nicht möglich sind.

Bei einem nicht funktionierenden Ausstieg sind primär nicht die Opfer das Problem! Es sind die Täter, die Gewalt ausüben und ihnen oft von Geburt an jede Möglichkeit zu freier Entscheidung aus dem Körper foltern. Es ist eine Gesellschaft, die diese Täterstrukturen bislang überhaupt nicht verfolgt und die Solidarität mit den Betroffenen verweigert. Zu guter letzt sollte an dieser Stelle auch nicht vergessen werden: Es gibt bislang kein einziges Schutzkonzept und auch keine Einrichtungen, die speziell den Sicherheits- und Hilfebedürfnissen der Aussteigerinnen gerecht werden und entsprechend begleiten. Wir verlangen Gesellschaftlich immer noch nahezu die Quadratur des Kreises und erstaunlicher Weise gelingt sie mit viel Glück einigen wenigen. Die meisten Opfer werden aufgrund dieser Zustände in den Täterstrukturen sterben. Das ist die bittere Wahrheit. Entsprechend müssen wir auch akzeptieren können, wenn das Ziel der Betroffenen vielleicht gar nicht der (komplette) Ausstieg ist, weil sie ihre Situation für sich so einschätzen und sie nur mit letzter Kraft trotz der beschissenen Verhältnisse einfach im Therapieraum ein bisschen was an Leben und Sicherheit für sich retten wollen.

Die gute Nachricht dabei für sie als Helfer und Angehörige ist: Wenn die Betroffenen bei Ihnen im Therapieraum ankommen, sind sie schon weiter im Ausstieg, als die meisten anderen es je sein werden und ein Teil in ihnen hat ihn schon geschafft. Das ist eine Leistung, die es immer wieder zu feiern und in Durststrecken hochzuhalten gilt.

2 Kommentare zu “Der Ausstiegsreflex in Therapie- und Helfersettings

  1. puh, schwierig. psychotherapie unterliegt ja auch rechtlichen rahmenbedingungen. pt ist eine heilbehandlung, die eben nur unter bestimmten voraussetzungen indiziert ist, unter anderen der, dass die behandlung zu einem gewissen maß erfolgversprechend ist. dazu gehört auch, dass die lebensbedingungen von pat. so sind, dass eine veränderung überhaupt möglich ist, sonst ist die indikation nämlich irgendwann gar nicht mehr gegeben und dann muss an andere stellen weiterverwiesen werden, zb stationäre behandlung o.ä. anhaltender täterkontakt ist eine bedingung, die ein weiterkommen in der psychotherapie, insb. der traumatherapie sehr schwierig oder unmöglich macht und einer verbesserung von symptomatik deutlich entgegensteht, das heißt, dass die prognose dadurch leider sehr verschlechtert wird. wenn also erstmal eine ausstiegsbegleitung nötig ist, dann wäre zb eine längere beratung in einer beratungsstelle wahrscheinlich passender, psychotherapie kann dann später kommen. ebenso, wenn ausstieg nicht angestrebt wird und erstmal ein sicherer ort (therapiezimmer) gewünscht ist und keine verbesserung der symptomatik (weil ja zb dissoziation dann weiter notwendig ist). dann braucht es andere, passendere angebote. dass in der pt an ausstieg gearbeitet wird, wenn noch nicht erfolgt, ist sicher kein reflex, sondern eine notwendige voraussetzung, die erfüllt sein muss, damit pt überhaupt richtig funktionieren kann.

    • Ich weiß, dass das so vertreten wird. Es ist aber großer Blödsinn. Natürlich ist PT bei Betroffenen auch dann erfolgversprechend, wenn zunächst weiter Täterkontakt besteht. „Erfolgsversprechend“ heißt im Einzelfall auch, dass keine weiteren Schäden entstehen oder sie abgemildert werden. Einem Asthmatiker nimmt man ja auch nicht sein Spray weg, nur weil er weiter Asthma hat. Genau so wenig wie einem Diabetiker sein Insulin als Therapie des Blutzuckerspiegels.

      Die Lebensbedingungen des Patienten sind im Fall von OG und RG primär oft dauerhaft beschissen. Das heißt aber nicht, dass keine Veränderung möglich ist, es kommt nur darauf an welche Maßstäbe man wo ansetzt und was man als solche gelten lässt. Gesellschaftlich und grade in der VT möchte man einfach Funktion nach außen sehen. Oft greift Veränderung durch gute Therapie aber zunächst nach innen, weil sich neuronal und im Innensystem etwas tut. Ich hab im Beitrag schon erwähnt, dass Dissoziation sich wohl auch mit Täterkontakt verändern kann. An der Stelle klopfen plötzlich alle darauf, dass das das Nonplusultra der Therapie ist. Aber mal ganz ehrlich: Welcher Therapeut möchte wirklich sinkende Dissoziation, auch wenn davon so viel gesprochen wird!? In dem Moment, in dem Traumamaterial hochkommt, halten sich die meisten Behandler ja nur noch hyperventilierend an ihren Tresorübungen und sicheren Orten fest. Die Dissozitionsschwelle sinkt an einem sicheren Ort in der Therapie automatisch. Sie tut es anders als gefordert, aber sie tut es und man kann arbeiten, wenn man weiß wie.

      Was mich persönlich extrem stört, ist das Verantwortungsgeschubse für Aussteiger in unserem Gesellschaftssystem. Der Therapeut fühlt sich nicht zuständig und verweist an Beratungen, die es so nicht gibt. Wir haben keine Stellen, die diese Ausstiege wirklich ausreichend spezialisiert und umfangreich begleiten können. Die Beratungsstellen zum Thema Gewalt gegen Frauen verweisen an Therapeuten, die so oft auch entweder nicht bereit stehen oder meinen nicht zuständig zu sein, weil ihnen die Vorraussetzungen nicht passen. Dann halt eine Klinik oder irgendwas stationär. Stationen mit echten Spezialisten in der Ausstiegsbegleitung haben wir aber auch nicht und mit Täterkontakt ist man zu 99 Prozent raus. Also muss der Patient wieder näherungsweise was nehmen, was aber zu seiner Situation nicht passt – wenn er denn überhaupt irgendwo aufgenommen wird, denn DIS und RG will grade so gut wie niemand mehr haben und wird abgelehnt. Am Ende ist natürlich alleine der Patient schuld, weil er nicht in der Lage ist die Vorraussetzungen zu schaffen, dass man ihn nehmen kann. Er müsste ja nur… Ämter und Behörden verlangen meist therapeutische Begleitung und Atteste, wenn Sozialleistungen länger gebraucht werden. Haben Aussteiger dann nicht. Das ist ganz böser Systembullshit in der Auswahl von Menschenleben die passend genug sein müssen, dass man sich überhaupt mit ihnen beschäftigen WILL. Können täte man nämlich schon.

      Wir schauen gesellschaftlich bis heute kollektiv weg. Erst lassen wir die Kinder in den Strukturen an Folter fast krepieren, obwohl wir sehr wohl wissen, wo man ansetzen müsste, wenn man was tun wollte. Wenn sie erwachsen geworden sind und mühevoll selbst versuchen zu überleben, sich irgendwie gegen alle inneren und äußeren Hindernisse Therapie verschaffen, dann sollen sie bitte nicht geschädigt und schon sicher sein, weil damit ist man ja sonst überfordert. Wenn es ihnen so ergeht, wie es Menschen in diesen Kreisen nunmal ergeht, dann bringt Therapie ja sowieso nichts, flötet man im Chor und zieht den eigenen Hals aus der Schlinge. Man lässt Betroffene lieber sterben, statt Würde und Ethik in das Leben dieser Menschen zurück zu holen und das als Therapieleistung und enorme Verbesserung anzuerkennen. Also schauen wir wieder lieber weg. Das ist zum kotzen und ich bin nicht mehr bereit mir dieses ganze kognitive Therapiegefasel anzuhören, wenn Menschen keine Ahnung haben, wie es diesen Betroffenen ergeht und sie nur Masken sehen wollen, die ihr Weltbild nicht zerstören.

      Wir treten dafür ein, dass das anders wird. Dass sich der Blick auf den Sinn von Therapie verändert, weil es das braucht, um leben zu retten. Wenn die Therapeuten dem System nicht zurückmelden, dass es falsch liegt und neue Wege gehen, sondern es immer wieder nur nach Lehrbuch zitieren, dann wird sich nie was ändern. Zum Glück gibt es auch die wenigen Helfer, die da bereits ansetzen und sehen, dass sich die Arbeit Stück für Stück doch lohnt.

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