Der Fall Gisèle Pelicot – eine gesellschaftskritische Betrachtung

Gisele Pelicot wird in den Medien und von vielen Frauen für ihren Mut und ihre Courage aktuell als Heldin gefeiert. Vom Mann betäubt wird sie an andere Männer weitergereicht und von Ihnen mehrfach vergewaltigt. Pelicot möchte, „dass die Scham die Seite wechselt“ und führt einen offensiven Prozess gegen 50 Täter. Viele weitere wurden nicht identifiziert. Im Gerichtssaal setzt sie durch, dass die Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen wird und besteht darauf, dass die Videos der Vergewaltigungen gezeigt werden. Die Scham müsse die Seite wechseln. Eine Frau, die als Opfer sexualisierter Gewalt Haltung und Gesicht zeigt. Aber ist sie wirklich ein Vorbild für andere Betroffene!?

Ohne Zweifel kann ihre Geschichte anderen Mut machen! Pelicot fordert ihre Rechte und gesellschaftliche Haltung für die Betroffenen ein. Sie benennt ganz klar, wer die Schuld trägt und bei wem die Scham liegen muss. Mit der Einstellung der Welt zeigen zu wollen, welche Grausamkeiten an ihr verübt wurden, wird auch nach außen deutlich sichtbar, wozu Menschen in der Lage sind. Ihr Wunsch ist, dass in Zukunft auch anderen Opfern zugehört und geglaubt wird. Die ganze Welt kann sehen: Die Täter sind völlig unauffällige Mitglieder unserer Gesellschaft. Familienväter, Journalisten, Bäcker, Soldaten, Pfleger, Feuerwehrmänner – ein Durchschnitt normaler Zivilbevölkerung. Ihre Verteidigung ist absurd. Man habe natürlich gedacht, dass das bewusstlose Opfer zugestimmt habe. Wie hätte man als armer Täter bei einer betäubten Frau auch auf eine andere Idee kommen sollen? Auch das zeigt der Fall: Täter und ihre Ausreden. Egal wie eindeutig die Straftat auch ist, das Opfer ist Schuld, die Verantwortung liegt niemals bei ihnen. Dafür sind sie sich für keinen Irrsinn zu schade und um keine dumme Ausrede verlegen. Sie sind Männer, denen man es nicht zugetraut hätte. Ihre Frauen und Familien verteidigen sie mit zum Teil verachtenden Kommentaren: „Hätte ich eine Frau vergewaltigen wollen, hätte ich mir eine schönere gesucht.“ Auch darüber müssen wir reden! Weshalb wenden sich Frauen gegen die Opfer, obwohl sie auch selbst betroffen sein könnten und halten damit selbst den respektlosen Umgang mit Opfern aufrecht?

Gleichzeitig besitzt Pelicot einen Ausgangspunkt, den 90 Prozent aller Betroffenen sexualisierter Gewalt nie haben werden: Sicher dokumentiertes Beweismaterial. Sie muss in der Gesellschaft nicht grundlegend um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen.

Dazu kommt: Sie war zum Tatzeitpunkt erwachsen, hat von den Taten an sich nichts mitbekommen und war keinen Bedrohungen oder Schweigezwängen durch die Täter ausgesetzt. Sie konnte im Vergleich zu kindlichen Opfern im Lauf ihres Lebens zunächst ein Unrechtsbewusstsein entwickeln, das ihr nun auch erlaubt gegen die Täter selbstbewusst aufzustehen. Pelicot ist in ein stärkendes soziales Netzwerk eingebunden.

Nicht darüber sprechen oder anzeigen zu können, ist bei Betroffenen von sexueller Gewalt keine Frage des eigenen Willens und der Überwindung. Vielmehr sind sie durch den Schock der Traumata körperlich auch im Nachhinein nicht mehr in der Lage darüber zu sprechen! Der Eindruck, man könne gegen sein Trauma angehen, wenn man nur genug will, kann bei der aktuellen Berichterstattung fälschlicher Weise leicht entstehen.

Wir sehen mit Pelicot gesellschaftlich ein gefeiertes kämpferisches Funktions-Ich. Aktiv, rational, durchsetzungsfähig. Das ist sicherlich leichter erträglich, als völlig zerstörte und ohnmächtige Opfer, bei denen die Schäden offensichtlich sind. Pelicot wird zum heldenhaften Götzenbild, dem auch die schwerste sexuelle Gewalt nichts in ihrer Würde anzuhaben scheint. Wenn man davon ausgeht, finde ich die mediale Entwicklung gefährlich in der Hinsicht, als dass man die gravierenden Schäden sexualisierter Gewalt anschließend mehr verkennt, als dafür sensibilisiert. Es verwundert nicht, dass wir als Gesellschaft genau diese Stärke sehen wollen, weil sie die gängigen Funktionsmuster des Patriarchats bedient und das System aus der Verantwortung entbindet. Pelicot stemmt den Kampf selbst. Dann können wir uns ja entspannt zurücklehnen oder? Pelicot wäre keine Heldin, wenn die Gesellschaft im Umgang mit sexualisierter Gewalt nicht permanent versagen würde. Wo wir in den Medien nur ihren Apell an und für andere Betroffene sehen, fassen wir uns ein weiteres Mal nicht selbst an die Nase.

Äußerlich sichtbare Stärke heißt nicht, dass das Trauma verarbeitet wurde. Wer fragt danach, wie sich Pelicot im inneren wirklich fühlt? Wer von den Medien und in der Öffentlichkeit weiß, ob sie innerlich ums Überleben kämpft und den Druck eigentlich nicht tragen kann? Sie wurde nie gefragt, ob sie diesen Kampf führen möchte. Vielmehr bleibt ihr gar nichts anderes übrig. Wer fragt, ob man zu viel von ihr verlangt und auf sie projiziert?

Ich bewundere Pelicot in vielerlei Hinsicht und bin ihr dankbar für ihren öffentlichen Kampf! Sie schafft offensiv Bewusstsein für Täterstrategien und trägt dazu bei klare Haltungen in der Gesellschaft für Betroffene zu fordern. Schuld und Scham möchte sie dorthin zu rücken, wo sie auch liegt – bei den Tätern. In den Gerichtsverhandlungen werden viele Missstände öffentlich sichtbar, für die es dringend gesellschaftliche Antworten braucht. Sie prangert Ermittlungsbehörden an, die die Ermittlungen gegen ihren Mann im Bezug auf ihre Tochter einfach eingestellt haben. Auch von ihrer Tochter wurden Nacktfotos gefunden, auf denen sie als zehn jähriges Mädchen schlafend in unbekannter Unterwäsche und in fraglichen Positionen zu sehen ist. Die Tochter wirft ihrem Vater Missbrauch und Vergewaltigung vor. Doch dem wird gar nicht nachgegangen und die Polizei stellt die Ermittlungen einfach ein. Erklärungen gibt es keine. Die Ermittlungsrichterin verweist nur darauf, dass der Vater dies bestreite. Auf die Frage weshalb er keine Fotos von seinen Söhnen habe, antwortete er jedoch, dass er nicht auf Männer stehe. Betitelt waren die Dateien mit „Rund um meine nackte Tochter“. Es bleiben Fragezeichen, weshalb man hier in den Ermittlungsbehörden eine Aufklärung verhindert. Ich befürworte es sehr, dass durch Pelicots klare Worte Missstände in die Öffentlichkeit kommen, die in der Regel bei fehlenden Ermittlungen an den Opfern zweifelt.

Gleichzeitig kann Pelicot nicht zum Maßstab für andere Betroffene gemacht werden. Wenn zukünftig mehr Opfer diesen Weg einschlagen sollen, dann müssen sich vorher gesellschaftliche Haltungen ändern. Wir müssen Frauen glauben, auch wenn sie keine eindeutigen Videobeweise besitzen und sie in diesem Kampf stützen. Die Straftaten an Pelicot sind und bleiben ein sehr spezieller Fall, der sich so leicht nicht mit der Realität von anderen Betroffenen sexualisierter Gewalt vergleichen lässt. Man kann daraus aktuell leider nicht guten Gewissens den Rat ableiten, dass mehr Frauen so handeln sollten wie Pelicot, weil sie oft genug einer Vernehmung oder Gerichtsverhandlung im Ablauf emotional nicht standhalten würden, schnell gesellschaftliche Ächtung erfahren und keinerlei Beweise haben. Wir haben noch immer kein Strafrecht, das schwer geschädigten und dissoziativen Opfern eine Strafverfolgung überhaupt ermöglicht. Gesunder Feminismus müsste daran interessiert sein, auch die Frauen zu feiern, die sich entgegen der gesellschaftlichen Erwartungen und dem Funktionsdruck trauen, zusammenzubrechen, emotional gefangen zu sein und nicht, gegen ihre Täter vor Gericht zu gehen. Sie zeigen mit ihrer Haltung ebenso Problemfelder, die in der Gesellschaft beleuchtet werden müssen und die nunmal real existieren. Sie setzen sich mit ihrer Authentizität für eine andere Gruppe Betroffener mit anderen zentralen Aspekten der Traumaverarbeitung ein. Einseitige Berichterstattung wird der Thematik nicht gerecht und ich wünsche mir auch bei Pelicot mehr Ausgewogenheit. Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille und es gilt genauer hinzusehen, als bis zum kämpferisch, stolzen Funktions-Ich. Denn auch das sagt Pelicot: „Ich bin total zerstört. Ich bin bald 72 und nicht sicher, ob mein Leben lang genug ist, um davon zu heilen.“ Ich wünsche mir den Transfer, dass wir als Gesellschaft von Pelicot auch lernen, dass gebrochene Frauen auf den ersten Blick sehr taff und funktional aussehen und gleichzeitig kaum mehr lebensfähig sein können. Wenn Pelicots Anstrengungen Erfolg haben sollen und sich wenigstens für sie der Wunsch nach Anerkennung ihres Leides erfüllen soll, dann braucht es Medien die begreifen: Sie ist nicht stark, OBWOHL sie diese schreckliche Geschichte hat. Sie kämpft so sehr, WEIL sie diese schreckliche Geschichte hat und damit einen Weg braucht, der Ohnmacht nicht in vollem Ausmaß begegnen zu müssen. Das ist kein gesunder Anteil, den sie erhalten hat, sondern ein traumabasierter Kampfmodus, der einem täglich das Leben kosten kann. Sie ist kein feministisches Götzenbild und keine heldenhafte Ikone. Diese Sicht auf sie zeigt nur, dass wir als Gesellschaft null verstanden haben.

Die Scham wechselt nicht die Seite, wenn Opfer angreifen. Sie wechselt die Seite, wenn sie es nicht müssen, um in ihrer Not gesehen und verstanden zu werden.

Quellen:

https://fortune.com/2024/10/25/mass-rape-survivor-gisele-pelicot-urges-victims-not-to-be-ashamed/

https://www.emma.de/artikel/gisele-pelicot-341319

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/fall-dominique-pelicot-die-rolle-der-frauen-im-vergewaltigungsprozess-110108576.html

https://www.stern.de/panorama/verbrechen/vergewaltigungsopfer-pelicot-greift-ermittlungsbehoerden-an–35212956.html

https://www.morgenpost.de/panorama/article407593488/pelicot-tochter-fuer-ihren-erzeuger-hat-sie-nur-eines-uebrig.html

https://www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio-201718.html

https://www.n-tv.de/panorama/Gisele-Pelicot-ist-unzufrieden-mit-den-Ermittlern-article25349263.html

https://www.deutschlandfunkkultur.de/vergewaltigung-prozess-frankreich-gisele-pelicot-100.html

3 Kommentare zu “Der Fall Gisèle Pelicot – eine gesellschaftskritische Betrachtung

  1. Meiner Meinung nach formuliert der letzte Absatz eine geradezu klassische Einsicht, die im Getöse der nahezu ausnahmslos vordergründig ausgerichteten Berichterstattung (lustvolles Erschauern am Unrecht) seltenst erreicht wird.

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