Jan Böhmermann – Royaler Mist auf dem Rücken der Opfer extremer Gewalt

Wir haben in dieser Gesellschaft aktuell wesentliche Probleme für Betroffene ritueller Gewalt:

1. Es gibt unseriös arbeitende Psychotherapeuten, die zu massiven Schäden bei ihrer Klientel führen und ihre Machtposition bei hörigen Patienten falsch einsetzen. Dazu gehört u. a. auch die vorschnelle Behauptung der Patient habe etwas wie rituelle Gewalt erlebt, wenn dieser es nicht selbstständig berichtet und erinnert oder abstreitet. Schlüsse zur Geschichte des Patienten vor dem Patienten zu ziehen hat genau wegen der Gefahren keinen Platz im Therapieraum. Falls Lücken in der Erinnerung bestehen, bleiben diese solange offen, bis der Patient von sich aus etwas anderes erzählt. Dass manche Therapeuten sich offenbar dazu hinreißen lassen, Patienten zu sagen, wie sie ihre Erinnerungen zu interpretieren haben oder darauf pochen, dass da aus ihrer Sicht bestimmt mehr passiert sein muss und in welcher Form, ist absolut inakzeptabel!!! Zudem haben persönliche Weltanschauungen des Therapeuten im Gespräch nichts verloren. Jeder seriöse Therapeut hält sich daran! Derartige Aussagen und Beeinflussungen sind ansonsten ein Kunstfehler!

2. Es gibt organisierte, rituelle Gewalt. Dabei handelt es sich per Definition um periodisch wiederholte Straftaten, die auf Grundlage einer Ideologie verübt werden. Mit Satanismusspinnerei wie im Böhmermannbeitrag hat das nichts zu tun! Erinnerungen daran bestehen bei einigen Patienten bereits weit vor dem Kontakt mit einem Therapeuten. Traumabedingte Amnesien sind laut Studienlage nachweislich möglich. Die DIS ist als Traumafolgestörung unstrittig und als gut belegte Diagnose im ICD-11 der WHO. Meist haben Opfer über ihre Erlebnisse vorher noch nie mit jemandem Gesprochen und haben Erinnerungsdetails im Kopf die so nirgends zu lesen sind. Viele Betroffene finden keinen Therapeuten oder andere professionelle Anlaufstellen, die Ihnen bei der Aufarbeitung ihrer Erlebnisse helfen. Durch unseriöse und verkürzte Berichterstattungen wird ihre ohnehin prekäre Lage aktuell weiter erschwert.

3. Es gibt Menschen, die das Thema „Rituelle Gewalt“ und DIS aus unterschiedlichen Gründen für sich benutzen. Sie suchen darüber tatsächlich Aufmerksamkeit, profilieren sich, erstellen sich Profile auf Social Media Plattformen mit zum Teil großer Reichweite und erzählen darauf auch unter dem Deckmantel der angeblichen Betroffenheit jede Menge unrealistischen Mist über DIS und rituelle Gewalt. Dazu kommen Reichsbürger und Co., die öffentlich zugängige Aussagen aus dem Sinnzusammenhang gerissen haben und sie in den Bereich der Verschwörung zweckentfremden. Auch wenn man inzwischen gefühlt sofort ein Sakrileg begeht, Profile kritisch zu kommentieren, inhaltlich zu zweifeln und beim Hinterfragen meist direkteAngriffen ausgesetzt ist, kommen wir nicht umhin dies als ein existentes Problem anzusprechen. Mit Schweigen wird es nicht gelöst.

4. Zu viel Öffentlichkeit von Details aus Gruppenzusammenhängen ist entsprechend schädlich für die Glaubwürdigkeit der Opfer und ihren Therapeuten, weil es zu viele Trittbrettfahrer und Idioten da draußen gibt! So hilfreich die leichte Informationsgewinnung im Internet sein kann, so destruktiv wird sie in den falschen Händen. Manche Interna haben aus unserer Sicht dort deshalb nichts verloren.

Ich spare mir den Beitrag von Jan Böhmermann inhaltlich ausführlich weiter zu kommentieren, weil ich in älteren Beiträgen zu Berichterstattungen in Spiegel und Co. schon vieles gesagt habe, was auch hier gilt. Zur Nachweisbarkeit und zweckentfremdeten Definitionen von ritueller Gewalt existieren ebenfalls bereits mehrere Posts.

Was nun zweifelsfrei deutlich wird, ist die Tatsache, dass es nicht nur um schlechte Recherche geht, sondern um gezielte Diffamierung und eine Hetzjagd gegen Opfer und Therapeuten (s.h. Quellen). Was wir in den Medien hier vorfinden ist nichts anderes als ungekennzeichnetes, populistisches Propagandamaterial einiger Gruppierungen und keines Wegs ethisch neutral. Begrüßenswert finde ich, dass sich im Fall von Böhmermann bereits der Staatsschutz wegen Gefährdung von Staatsorganen eingeschaltet hat, weil die diffamierte Psychotherapeutin Michaela Huber u.a. Sektenaussteiger im Zeugenschutzprogramm betreut.

Reflektiert werden sollte nun sowohl in Fachkreisen, als auch bei den Betroffenen welche Mechanismen uns insgesamt so verwundbar und angreifbar machen. Hier braucht es bewusste Aufarbeitung. Wichtig finde ich auch die Frage: Was stellen wir an Informationen auf Internetplattformen völlig frei zur Verfügung? Grundlegende Informationen zum Thema ja, spezifische Erinnerungsinhalte aus Täterkreisen unter den Bedingungen vielleicht eher nein.

Wir brauchen keinen Krieg gegen die Betroffenen von ritueller Gewalt, ihre Therapeuten und deren Glaubwürdigkeit. Derartige Kämpfe wie Böhmermann machtgeil auf dem Rücken der Opfer auszutragen, weil man’s ja ausstrahlen kann, ist einfach nur widerwärtig. Das nützt am Ende keiner Partei! Wir brauchen eine sachlich, fundierte Auseinandersetzung mit beiden Seiten der Medallie: Mit den Patienten, die entweder Opfer von unseriösen Therapeuten wurden oder aus anderen Gründen Falschbehauptungen verbreiten. Denn das verursacht im ersten Fall Leid, dem man begegnen muss und in beiden Ausführungen große Schäden für die Hilfsstruktur der tatsächlich Betroffenen von ritueller Gewalt. Zum anderen muss man den Bedürfnissen der Patienten, die auf Grundlage ihrer extremen, auch rituellen Gewalterfahrung dringend weiter offene, gut geschulte Therapeuten brauchen, Rechnung tragen. Dazu gehört auch, dass man sie nicht länger pauschal in einen Topf mit Einzelfällen wirft und öffentlich unreflektiert als Spinner an den Pranger stellt. Kunstfreiheit und Satire hören da auf, wo andere ernsthaften Schaden erleiden und an diesem Punkt sind wir spätestens jetzt angekommen.

Es braucht Grundlagenschulungen für alle Therapeuten im Bereich der Ethik und Grundlagen der Psychotraumatologie – am besten bereits im Studium, dass die Behandlung von DIS nicht länger zur „Glaubensfrage“ wird, sondern ihre Wissenschaftlichkeit mit den neuen Diagnosen im ICD-11 behält. Klare Definition von Begrifflichkeiten im therapeutischen Rahmen holen auch aus der Ecke von Satanismusspinnern! Es macht den Opfern schon lange keinen Spaß bei der Therapeutensuche immer Russisch Roulett spielen zu müssen und zu hoffen irgendwann an den Richtigen zu geraten, der irgendwie Ahnung davon hat.

Zudem kann nicht angehen, dass die Behandlungssituation für Gewaltopfer inzwischen schlechter ist, als für Psychotiker, die wirklich Lügen erzählen, weil man sie vor lauter Angst aktuell mit einer validen DIS-Diagnose an vielen Stellen gar nicht mehr aufnimmt. Sie erhalten damit gar keine Hilfe in ihrer Not. Ausschlaggebend für ärztliche und psychotherapeutische Behandlung kann kein „Wahrheitskrieg“ sein und war es auch noch nie! Aufgabe der Medizin ist es das Leid der Patienten zu behandeln und sich dafür auf deren Wahrnehmung einzulassen. Juristische Objektivität ist nicht Behandlungsinhalt! Das gilt beim einfachen Partnerschaftskonflikt ebenso, wie mit extremen Gewalterfahrungen. Es zählt als Ausgangspunkt was das Individuum „Patient“ bewegt und verletzt und wie damit im Einzelfall gut umgegangen werden kann, um den Schmerz zu lindern. Jede Therapie ist subjektiv parteiisch und muss das für ihre Wirkung auch sein dürfen!

Zuletzt bleibt mir nur zu sagen: Die Erschütterung über die aktuelle Berichterstattung ist groß, verletzt mich und andere Betroffene extrem und ist zum Teil kaum noch auszuhalten. Dennoch glaube ich fest daran: Am Ende wird die Wahrheit siegen und ich weiß – wie viele andere – was ich erlebt habe, ganz ohne, dass mir das jemand eingeredet hat.

Quellen:

https://www.t-online.de/unterhaltung/tv/id_100240032/jan-boehmermann-polizei-ermittelt-gegen-magazin-royale-moderator.html

https://m.bild.de/news/inland/news-inland/jan-boehmermann-ermittlungen-gegen-den-zdf-satiriker-85347894.bildMobile.html?t_ref=https%3A%2F%2Fwww.google.de%2F

Ein Kommentar zu “Jan Böhmermann – Royaler Mist auf dem Rücken der Opfer extremer Gewalt

  1. Danke für Eure saubere Darstellung, was da bei Böhmermann passiert ist.
    Katastrophe 1), dass es offenbar TherapeutInnen gibt, die so unseriös und im Prinzip kriminell arbeiten, dass sie Menschen Dinge suggerieren. Das richtet doch nur Schäden an, ok, außer beim Geldbeutel der so arbeitenden TherapeutInnen… Da muss dringend hingeschaut werden.
    Katastrophe 2): Die Darstellung von ausnahmslos allen Erinnernden als eingebildet und das Titelthema als nicht existent, die DIS als unglaubwürdige Diagnose, die gar nicht sein könne, was das für Folgen für Betroffene hat, kann kaum ermessen werden. Mir / uns fehlen einfach die Worte, danke, dass ihr sie habt und das veröffentlicht habt, ihr müsst ein sehr kompetentes und unfassbar starkes System sein, Hut ab!
    Grüße von Frontfrau Ulrike und dem Rest des Systems

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