Rituelle Gewalt und ich

In den letzten Tagen bewegt mich das Thema rituelle Gewalt im Innen wieder sehr. In den vergangenen Jahren habe ich mich in unterschiedlichen Formen dafür stark gemacht. Wir haben geschrieben, waren Teil von Selbsthilfeinitiativen, Vortragsrednerin sowie Ansprechpartnerin für Therapeuten und soziale Hilfen in unterschiedlichen Situationen. Neben unserer eigenen Heilung war es uns enorm wichtig unsere Geschichte zu teilen, sichtbar zu werden und damit indirekt vielleicht auch anderen Betroffenen zu helfen. Ich war immer ein Fan von klaren und präzisen Worten. Nun bemerke ich seit einiger Zeit eine Veränderung an mir.

Ich habe angefangen mir im Alltag unbewusst immer häufiger den Begriff „Rituelle Gewalt“ zu sparen. Die organisierte Gewalt benenne ich. „Mir doch egal, dass man eine spezielle Form davon „rituelle Gewalt“ nennt. Muss ja keiner wissen“, denke ich dann bei mir und will mich einfach diesen ewigen Zweifeln und Glaubwürdigkeitsdiskussionen privat nicht mehr stellen. Anträge reiche ich bei Bedarf aufgrund der Traumafolgestörungen ein und wo mein Hintergrund nicht ohnehin bereits bekannt ist, gebe ich als Ursache extreme oder organisierte Gewalt an und schweige über die Ideologie dahinter. An dem, was passiert ist und meinen Ansprüchen, ändert das nichts. Allerdings muss ich mich nicht mit einem Sachbearbeiter auseinandersetzen, der mich von Vornherein für irre hält und deshalb berechtigte Leistungen untersagt.

Immer öfter ducke ich mich einfach weg, meide Konfrontationen, bin frustriert und habe eine innere Diskussionssperre. Das finde ich zum Selbstschutz völlig legitim. Es gehört zur Heilung ganz bewusst keine Kriege um die eigene Wahrnehmung und Identität mehr zu führen wie sie im Täterkreis permanent stattfinden. Ich fühle mich dadurch nicht, als würde ich meine Geschichte negieren. Gleichzeitig merke ich auch, dass das insbesondere damit zusammenhängt, dass ich inzwischen Menschen habe, mit denen ich offen darüber reden könnte. Ich kann mich dazu ausdrücken, wenn ich will. Es gibt Platz für die rituelle Gewalt in meinem Leben und ich glaube mir. Das ist ein „Luxus“ (der keiner sein sollte!), der vielen Aussteigerinnen erst einmal lange nicht zur Verfügung steht! Am Anfang meiner Reise hätte ich die gleiche Situation sicher auch als schreckliches, erzwungenes Schweigen empfunden. Die Notwendigkeit zeigt: In der Gesellschaft gibt es an vielen Stellen eben noch keinen Raum für Betroffene!

Manchmal stelle ich mit Entsetzen fest, dass ich immer wieder erkläre, dass RG doch so viel mehr ist, als von Satanisten missbraucht zu werden, dass es auch andere Ideologien gibt und dass nicht alle Betroffenen von den Dingen sprechen, die in der Vergangenheit in den Medien so in den Dreck gezogen wurden. Dann schüttle ich mich, weil das zwar stimmt, ich unterm Strich aber einfach versuche die Anteile in mir zu retten, die genau derartige Dinge erlebt haben. Die vielleicht auch von Menschen mit Masken und komischen Gewändern sprechen, die quälen, foltern und morden. Ich grenze mich davon ab, um meine Glaubwürdigkeit zu erhalten und spreche doch an vielen Stellen auch genau von den Dingen, die geleugnet werden. Eine Art „Ich bin nicht wie die. Ich bin glaubhaft, auch wenn ich ähnliches aus meiner Geschichte erzähle.“ Absurd irgendwie! Weil das Kind in mir um’s Überleben kämpft und schreit: „Was ich sage stimmt! Das ist was anderes, als das was die sagen, wenn das was die sagen nicht stimmt.“ Ich versuche dem Schmerz, den mir die gesellschaftliche Ablehnung und Leugnung macht in mir auszuweichen, versuche sie mir schön zu definieren, um davon nicht gemeint zu sein und steh doch immer wieder mitten drin.

Wir haben für uns noch keine gute Lösung gefunden, wie wir weiter damit umgehen wollen. Nicht mehr über RG zu sprechen finden wir für uns völlig falsch. Es ist schon schrecklich genug, dass viele professionelle Helfer aktuell den Kopf einziehen, statt zu ihren Klienten zu stehen. Hier würde ich mir wiederholt wünschen, dass man lieber gemeinsam auf die Straße geht, als einen Mantel des Verbergens über die Denunziationen zu werfen. Für mich ist klar, dass der einzig richtige Weg aus dem Dilemma mit den Leugnern nur sein kann, Öffentlichkeit für die Opfer zu schaffen, auf die Problematik hinzuweisen und solange sichtbar werden zu lassen, wie viele Menschen in Deutschland davon betroffen sind, bis man sie nicht mehr negieren kann. Innerlich brauche ich im Moment eine Auszeit vom Diskurs an manchen Stellen in meinem Leben. Aufgeben werden wir dennoch nicht und vielleicht kann es ein Anfang sein mal wieder einfach nur eine unserer Erinnerungen aufzuschreiben – ohne Kampf für irgendwas. Als Dokument und Zeuge unserer Erfahrung.

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