Sexuellen Missbrauch erkennen

Menschen sprechen immer wieder von Anzeichen auf sexuellen Missbrauch und erwarten Listen, die eine Einordnung ihrer Wahrnehmung eindeutig möglich machen. Wenn das Kind die Faktoren X, Y und Z aufweist, dann muss ich in diese Richtung denken. Die Wahrheit für mich ist eine andere: Egal wie lange diese Listen mit Symptomen sind, sie nutzen alle nichts, wenn das Gegenüber nicht bereit ist entsprechend aufmerksam zu sein und den Dialog sucht. Man könnte die Aufzählungen ganz schlicht abkürzen. Mit Missbrauch muss man immer rechnen! Das gilt auch für das unauffälligste Kind!

Was man mit „Hinweisen auf sexuellen Missbrauch“ zum Teil nämlich auch suggeriert: Wenn einem Kind so etwas passiert, würde das nach außen auf irgendeine Art sichtbar werden. Die Möglichkeit will ich gar nicht bestreiten und häufig ist es sicher auch so. Gerade bei anerzogener Unauffälligkeit wäre es manchmal aber vielleicht besser, man würde Kinder ganz konkret und in kindgerechter Weise nach eventuell erlebten Handlungen fragen, die potenziell in das Missbrauchsspektrum fallen. „Ist es dir schon Mal passiert, dass…“ Wir müssen Kommunikationsbrücken bauen – verbal und nonverbal. Immer wieder. Dann wäre zwar immer noch fraglich, ob das Kind darüber sprechen könnte, aber die Verantwortung sich von sich aus dazu äußern können zu müssen oder zumindest Signale zu senden, um Hilfe zu bekommen läge nicht mehr bei den Opfern, sondern bei den erwachsenen Bezugspersonen. Da gehört sie hin! Um ihr gerecht zu werden, müssen wir die Dialoge und das Klima schaffen, die wir brauchen, um sie übernehmen zu können. Wenn es bei der ersten Frage danach noch nicht möglich ist, dann vielleicht bei der zweiten oder dritten. Ausreichend Vertrauen und Sicherheit muss manchmal wachsen.

Entsprechend kontraproduktiv in Sachen Kinderschutz finde ich die Orientierung beim Vorgehen an Leitlinien für Strafverfahren, bei denen das Kind im besten Falle vorab nicht direkt nach Missbrauch gefragt worden sein sollte, weil er dann suggeriert sein könnte. Manchmal halte ich ganz konkrete Erkundigungen für die einzig sinnvolle Option und zwingend notwendig, um nicht rumeiern zu müssen und darauf zu warten, dass die Signale des Kindes von selbst irgendwann ausreichen. Das ist Täterschutz!

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