Wie in Freuds Zeiten… Wenn Theorien die Mächtigen treffen

Ein bisschen fühle ich mich grade bei der Diskussion um die nebulöse Absage des Fachtages zu organisierter und ritualisierter Gewalt in München wegen der negativ Berichterstattung in der Schweiz an den guten alten Sigmund erinnert. Eifrig brach er auf, um die Symptome seiner Patienten zu erforschen und ihre Hintergründe zu beleuchten. Als Ursache fand er häufig sexuellen Missbrauch auch in gut betuchten und angesehenen Häusern. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, änderte er die Marschrichtung und entwickelte eine Verführungstheorie die seinem gesellschaftlichen Umfeld angemessener war, die Probleme jedoch völlig verschleierte und auf dem Rücken der Opfer ablud. Vermutlich rettete ihm das die Praxis, denn man hätte ihn sicher nicht weiter unbehelligt vor sich hin behandeln lassen, wenn er den anderen Weg gegangen wäre und der Wahrheit gedient hätte, wie wir heute wissen. Doch die so dringend benötigte Hilfe für die Betroffenen blieb aus Selbstschutz vor dem Grauen aus.

Im Falle von organisierter und ritueller Gewalt gallopierten mutige Pionier_innen los, um die Geschichten ihrer komplex traumatisierten Klient_innen zu erforschen und wirksame Behandlungskonzepte zu entwickeln. Was sie aufdeckten und in den letzten Jahren immer mehr verbalisierten war jenseits des Vorstellbaren und schier unfassbar. Die Gewalt zog sich durch alle Kreise. Insbesondere zeigten sich auch Verstrickungen zwischen den Großen und Mächtigen an entscheidenden Schnittstellen unseres Gesellschaftssystems (s.h. z.B. Lügde und die Rolle von Polizei, Ämtern und Behörden), ohne die organisierte Ausbeutung gar nicht erst im großen Stil möglich wäre. Offensichtlich erleben Therapeuten und Helfer aktuell einen hohen gesellschaftlichen Druck organisierte und ritualisierte Gewalttaten ihrer Patienten wieder zu verschleiern und nicht mehr nach außen zu tragen, weil sie sonst um ihre Zulassungen fürchten.

Nie zuvor war die Beweislast der Betroffenen gegen die Täter so hoch wie im Heute! Nie zuvor hatten Therapeuten so viele unterschiedliche Studien und Daten in der Hand, mit denen eigentlich alles da wäre, was wir brauchen, um jetzt die Betroffenenrechte durchzusetzen und ihre Aussagen zu verifizieren! Lasst uns das doch nutzen!

Statt dessen erlebe ich einen gefährlichen Trend. Manche ursprünglichen Hilfen gleichen sich immer mehr den Theorien der Gegner an. Sie nehmen Teile der False Memory Bewegung und der Satanic-Panic-Aktivisten in die eigene Argumentation mit auf, um sich vor den Angriffen zu schützen. Man will nun alles, nur nicht einseitig wirken. Also relativiert man – sich selbst, aber vor allem auch die Glaubwürdigkeit und Erinnerungen derer, die man eigentlich schützen muss. Viele trauen sich gar nicht mehr öffentlich zu vertreten, dass Erinnerungen ohne Zweifel stimmen und dass sich ihre Klienten glauben können. Die Aussagen werden immer schwammiger. Verzerrungen einzugestehen gehört langsam zum guten Ton, ganz egal ob sie nachweislich vorhanden sind oder nicht und so schwadert und schwurbelt man vor sich hin, um nicht in einer Suppe zu ertrinken, die man ganz einfach hätte auskippen können, wenn man an sich und den vorliegenden Daten geglaubt hätte! Die False Memorys der Satanic Panik sind als moderner Ödipuskomplex geboren. Alles weiß um ihre Schwachsinnigkeit, weil sie in der Form klar wiederlegbar sind und doch glaubt man sie irgendwie lieber, als das Original.

Die Zeit wird nun zeigen, ob wir im heute mutiger sein werden, als Kollege Freud. Ob wir uns trauen an unseren Theorien festzuhalten und Gegenwind zu bieten, ganz egal, ob wir sie immer schon vollständig belegen können oder nicht, weil auch Erfahrungswissen einer breiten Masse ein Beweis ist! Aus meiner Sicht hätten es aktuell weder die Betroffenen noch die Therapeuten nötig einen Schritt zurück zu machen. Das vermeintlich mächtige Medienkampagnen entstehen liegt daran, dass wir immer mehr am Ast der mächtigen sägen. Nur weil wir auf Opferseite stehen, sind wir aber alles andere als ohnmächtig! Lasst uns doch zusammenstehen und das Wissen nutzen, statt nun unnötigen Rückschritten Raum zu geben!

Mir ist es an dieser Stelle ein echtes Bedürfnis festzuhalten: Traumatische Erinnerungen sind wahr und keine Erfindung! Sie unterliegen im Traumagedächtnis nicht den Verzerrungen, die man im Alltagsgedächtnis findet! Das ist bewiesen! Man darf seinen Gedanken trauen, sie glauben und ernst nehmen. Traumatische Erinnerungen können soweit abgespalten werden, dass sie erst später in der Therapie wieder auftauchen, ohne dass das ein Beweis wäre, dass einem Therapeuten etwas eingeredet haben. Vielmehr entstehen diese verdrängten Erinnerungen durch dissoziative Prozesse während des Traumas, um zu überleben.

Die eigene Wahrheit kennst nur du selbst und oft ist es nach komplexen Traumatisierungen ein schwieriger und steiniger Weg sie in sich zu finden. Es ist nichts verwerfliches daran sich mit einem Therapeuten zu reflektieren. Gedanken übernehmen nicht die Weltherrschaft und stürzen einen in abenteuerlich, verzerrte Phantasien, nur weil man sie ausspricht und betrachtet. Sie gehören immer zur eigenen Wahrheit und suchen in unseren Köpfen nach dem richtigen Platz im Leben.

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