Der widersprüchliche Opferverhaltenscodex

Als Opfer ist die Glaubwürdigkeit permanent der gesellschaftlichen Prüfung unterzogen. Mit einer Mischung aus Küchenpsychologie und ausgeklügelter Vermeidungsstrategie wird das Klischeebild des Opfers geprägt. Die dafür herangezogenen Maßstäbe sind allerdings nicht erfüllbar. In diese Schublade kann keine Betroffene wirklich passen, weil die Anforderungen viel zu widersprüchlich sind, als dass sie in ein und der selben Person umsetzbar wären. Statt sich der Ohnmacht und dem Grauen mancher Verbrechen zu stellen, wird das Opfer denunziert. Die Realität der Tat wird effektiv distanziert für den Preis, die Betroffenen im Stich zu lassen. Aber wie soll man als Opfer denn nun sein!?

Zuerst sollte man schüchtern sein, gebrochen, irgendwie total zerstört, des Lebens müde und kaum in der Lage nach der Tat den Alltag noch zu meistern. Wenn man sich allerdings zu sehr „hängen“ lässt, weil man wirklich nicht mehr kann, dann geht das so auch nicht, denn dann will man ja nur an seinem Opferstatus festhalten oder von der Aufmerksamkeit profitieren. Und überhaupt: „Wie hat das Opfer denn ausgesehen?“ War es zu aufreizend gekleidet oder erscheint durchaus attraktiv, ist es selbst schuld und wollte die Tat. Allerdings sollte man auch bedenken, dass ein „unattraktives“ und normal bis schlecht gekleidetes Opfer ebenfalls sicher nicht vergewaltigt oder missbraucht worden sein kann. Denn was sollte der Täter da für einen Anreiz gehabt haben!? Dass Übergriffe jeglicher Art keine Frage der persönlichen Attraktivität für den Täter sind, sondern schlicht Ausdruck von Grenzüberschreitung und übersteigerten Machtbedürfnissen, spielt in der allgemeinen Bewertungen keine Rolle. Dann könnte es ja jede und jeden treffen und das gilt es mit den Schubladen ja unbedingt zu vermeiden. Man soll als Opfer sprechen und das Schweigen brechen, denn das wäre angeblich gut und heilsam, aber bloß nicht zu viel darüber reden, denn irgendwann muss man es auch mal gut sein lassen und nach vorne blicken. Die Gesellschaft möchte die Geschichte hören bis ins kleinste Detail – schon alleine aus Neugier und irgendwie scheinen manche Personen auch ein Anrecht darauf zu haben alles zu erfahren – woher auch immer. Wenn man allerdings bis ins kleinste Detail darüber erzählt, ist die Tat so sicher nicht passiert. Denn „echte“ Opfer können aufgrund ihrer Traumatisierung nicht oder nicht gut über das Erlebte sprechen. Und dann kommt es zusätzlich darauf an, wie man erzählt: Wirkt man zu funktional und kann (aufgrund und mit Hilfe der Dissoziation) relativ emotionslos berichten, dann fehlen die Gefühle, die zum Prädikat „echt“ führen könnten. Wenn man allerdings heult und zu aufgewühlt berichtet, faked man sicher nur. „Die steigert sich da in was rein.“ Einerseits wird verlangt, dass Opfer anzeigen, wehrhaft werden, in Aktion kommen und aktiv gegen die Tat und ihre Folgen vorgehen, andererseits bitte nicht zu viel, denn das fügt sich nicht gut in das Bild vom zerstörten Opfer und ein bisschen Zerstörung braucht es ja schon, sonst kann die Tat nicht schlimm gewesen sein. Die Gesellschaft nimmt für sich das Recht in Anspruch, dass das Opfer sie durch eine polizeiliche Aussage künftig vor dem gefährlichen Täter schützt. Gleichzeitig kann der Täter aber so schrecklich nicht sein und sicher verdreht das Opfer da nur was. Denn die Gefahr möchte man nicht realisieren und von umgekehrter Solidarität und Schutz der Opfer will man nichts wissen. Als Betroffene soll man beständig lernen, für sich einzustehen. Doch Vorsicht! Allzu selbstbewusstes Auftreten ist schlecht, das passt nicht zum Opfertypus. Natürlich brauchen Opfer aufgrund ihrer schweren und lebenslangen Schädigung Therapie. Denn alle wissen ja: „Die Frau wird nie mehr glücklich und ihres Lebens froh werden!“ Aber die Behandlung darf trotzdem nicht zu lange dauern, denn dann will man ja nur am Betroffenenstatus festhalten, bedient Abhängigkeitsmuster und der Therapeut kann auch nichts taugen. Vielleicht würde man dann auch merken müssen, welch massiven Schaden diese Taten bei den Betroffenen verursachen und das will man doch eher vermeiden, denn das wäre bitter. Die Liste des widersprüchlichen Opferverhaltenscodex ließe sich endlos fortsetzen. Gefühlt kann man es als Betroffene manchen Menschen nie wirklich recht machen. Irgendein Grund findet sich für sie immer, weshalb nicht stimmen kann, was man erzählt. Statt vor der eigenen Haustüre zu kehren und sich einzugestehen, dass man die harte Wahrheit der Opfer nicht erträgt, sucht man lieber permanent nach Gründen sie zu denunzieren.

Fakt ist: Wie „echte“ Opfer sind oder was sie tun würden oder nicht, geht dich gar nichts an! Hör auf damit! Fang an dir zu überlegen, was bei dir schief läuft, dass du andere bewerten und abwerten musst. Wieso machen dir die Opfer mehr Angst als die Täter?

Und an all diejenigen, die jetzt schon zuhören und glauben: Danke!

4 Kommentare zu “Der widersprüchliche Opferverhaltenscodex

  1. Liebe Sofie,
    hab Dank für diesen wunderbaren Artikel, der vor Wahrheiten nur so strotzt! Wie wir all diese Verteidigungen Leid sind!!!
    Neulich wurde ich 2 Mal von medizinischem Fachpersonal gefragt, Wie ich es bei meiner Diagnose denn geschafft habe zu heiraten und 2 Kinder großzuziehen… (…dann hab ich wohl doch nichts?!? Irrtum?)
    Von meinem weiteren Umfeld werde ich als „gesund“ wahr genommen: Wann ich denn wieder mal arbeiten gehe? Ob ich denn den „alten Kram“ nicht weit nach hinten packen und vergessen könne? … Wenn jemand wirklich ernsthaft krank ist, muss man das ja irgendwie „sehen“!!! (Bei mir sieht man nichts.) Wenn ich wenigstens ein offen sichtbares Alkoholproblem mit Lebererkrankung hätte… Oder vielleicht Drogen… Oder vielleicht…
    Aber nein, da ich geradeaus gehen und sprechen und meist auch halbwegs geradeaus denken kann… 🤷🏻‍♀️

    Soviel dazu von mir und den Himbeersplittern

    • Liebe Himbeersplitter,
      vielen herzlichen Dank für euere lieben Worte und das Teilhaben lassen an eueren Erfahrungen! 🤗

      Es ist wirklich schlimm, dass ihr da so kämpfen müsst und es kostet so viel Kraft!

      Das schlimme ist, dass man Gewaltfolgen ja „sieht“, wenn man richtig schauen würde… Es ist ja nicht so, dass die Gewalt gar keine Spuren hinterlassen hätte, aber viele einfach so blind sind, weil sie dann umdenken und umfühlen müssten. Teilweise müsste man den gesellschaftlichen Blick auch einfach schulen. Und wenn man die Tatsachen mal zugelassen hat, sieht man plötzlich die Missstände an jeder Ecke aufblitzen, weil es eine Vielzahl Betroffener gibt. Dem möchten sich viele einfach nicht stellen. Trotzdem habe ich Hoffnung, dass sich das ändert. 😊

      Liebe Grüße,
      Sofie 🦋🤗

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