ABC-Etüden: Erzählstoff, sanft, vibrieren

„Was tust du da?“, sagte sie und blickte ihn fragend an. Überall lagen viele kleine Schnipsel. Über die Obstschale ragten lose Zeitungsseiten. Ein Chaos an Worten und Buchstaben war in bunten Ausschnitten quer über den Esstisch verteilt. Er jedoch rührte sich nicht. Sie war sich unsicher, ob er sie überhaupt wahrgenommen hatte. Im Türrahmen stehend wiederholte sie deshalb noch einmal ihre Frage mit zunehmender Lautstärke: „Hendrik, was machst du da?“ 

Als die Schallwellen auf seine Ohren trafen und sich verzögert den Weg ins Bewusstsein bahnten, blickte er nur kurz auf, schnappte einmal irritiert nach Luft und stammelte etwas unverständlich vor sich hin. Mehr als ein „Äh, nichts!“ war für seine Frau nicht zu verstehen. „Hendrik! Ich mache mir Sorgen!“ Seit Wochen brütete er in jeder freien Minute vor Unmengen von Artikeln. Er suchte sie überall. In Zeitschriften, der Tagespresse, Social Media und den Suchmaschinen im Internet. Akribisch schnitt er sie aus und fügte sie anschließend neu zusammen. Doch er war nicht etwa Autor, der nach Erzählstoff suchte. Nein, Hendrik war ein ganz einfacher kleiner Mann, der in einer mittelständischen Firma als Handwerker arbeitete. Wie in Trance hatte er inzwischen seine Beschäftigung mit den Zeitschriften fast lückenlos fortgesetzt, verglich konzentriert zwei Beiträge und klebte beide in ein Heft. „Du musst damit aufhören, Hendrik! Hörst du!?“ Gehört hatte vermutlich nur die Katze was seine Frau sagte. Diese strich an ihren Füßen vorbei, hüpfte mit einem Satz auf den Tisch, schaute ihrem Herrchen in die Augen und unterbrach mit ihrer Präsenz sein tun. Vom Schnurren sanft vibrierend saß sie auf den Papierstapeln und verhinderte, dass er unbehelligt weiterlesen konnte. Er nahm die Brille ab und wischte sich mit einer Hand über die angestrengten Augen. Dann trafen sich ihre Blicke. „Ich kann nicht mehr! Ich muss doch irgendetwas tun können!“, zitterte seine Stimme verzweifelt. Silke kam näher und legte ihm warm die Hand auf die Schulter. „Mach Pause! Wir können nichts tun und all die Artikel bringen sie auch nicht zurück.“ „Aber ich hab‘ das Gefühl, dass ich ihr dann irgendwie näher bin. Vielleicht findet sich ja irgendwo irgendein Hinweis, den ich noch nicht kenne. Der mir hilft Ansätze zu finden, wo ich noch suchen könnte.“ Tränen liefen über seine Wangen. Silke atmete tief. Vor einigen Monaten war ihre Tochter verschwunden. Die Presse machte große Schlagzeilen daraus. Manchmal schien es, als würden fremde Journalisten viel mehr über sie und ihre Familie wissen, als sie es als Eltern tun. Nun saß Hendrik also am Küchentisch und wenn er schon seine Tochter nicht bei sich haben konnte, so wollte er wenigstens alles was irgendwo über sie geschrieben stand in seinen Händen halten, ihr irgendwie nahe sein. Verzweifelt versuchte er Halt und Hoffnung zwischen den Zeilen zu finden und noch so vieles mehr…

Wer mehr zu den ABC-Etüden erfahren möchte oder selbst mitschreiben, findet alle wichtigen Informationen bei Christiane auf ihrem Blog „Irgendwas ist immer“. Wie immer gilt es drei Begriffe in maximal 300 Wörtern unterzubringen. Die Wortspende für diese ABC-Etüde stammt von „Katha kritzelt„.

7 Kommentare zu “ABC-Etüden: Erzählstoff, sanft, vibrieren

  1. Der arme Mann. Mir zerreißt es schon beim Lesen schier das Herz. Kein Wunder, dass er fast zusammenbricht. Ich wünsche ihm und seiner Frau UND der Tochter sehr, dass alles irgendwie gut ausgeht … 😢
    Vielen lieben Dank für die Etüde! 👍
    Abendgrüße 😉✨🍵🍪🌼👍

    • Die Etüde ist in der Tat etwas schwerer geworden. Vielleicht bietet sich irgendwann die Gelegenheit für eine Fortsetzung und ein Happy End.

      Sonnige Sonntagsgrüße und einen schönen Tag! 🤗🦋☀️😎

  2. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 16.17.22 | Wortspende von Ludwig Zeidler | Irgendwas ist immer

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