Aushalten

„Was soll ich denn noch tun? Ich vermeide jeglichen Kontakt, ich lasse mich auf keine Einladung zum Kaffee mehr ein, ich habe mich zurück gezogen wie ein Bücherwurm, aber immer wieder übernimmt der, sobald auch nur vier Leute auf einmal auftauchen. Und das alles nur, weil die bescheuerte Therapeutin gerade diese alte Geschichte bearbeitet. Ich hab keinen Bock mehr und schon gar keine Nerven!“

„Bingo!“, hätte ich beim Lesen dieser Zeilen am liebsten geschrien. Genau so fühle ich mich grad. Wie ein Krebs, der rückwärts vorwärts geht. Manchmal steht man als Außenperson da und kann bei aller Mühe nicht mehr tun, als aushalten. Das Außen und das Innen. Es ist frustrierend zu bemerken, dass die eigenen Wünsche und Vorstellungen manchmal hilflos an der Realität abprallen. Vor allem trifft es dann, wenn man sich eigentlich auf ein Treffen mit Freunden, eine Feier, einen Job oder etwas anderes Tolles freut. Dennoch bleibt wieder nur die Absage. Körper und Psyche können nicht. Da hilft die ganze Therapie nichts. Im Gegenteil. Manchmal wackelt sogar für einige Zeit der mühsam aufrechterhaltene Alltag erst recht. Irgendwo hat man eben doch nur den einen Körper.
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Ein Löffel Eis im Jetzt

Ich liege auf dem Bett und atme. Mit zwei dicken Kissen im Rücken bettet mein Oberkörper leicht aufgerichtet. Meine Finger kraulen im weichen Katzenfell die harten Rippenbögen. Es dauert nicht lange bis sich meine Bewegung des Brustkorbs mit dem Atemrythmus der Fellnase synchronisiert. Tranceartig schnurren mich ihre Töne zur Ruhe. Die Heizung rauscht leise im Hintergrund. In der Nase kribbeln ein wenig die Pollen, aber ich bin zu müde zum Niesen. Mein Kopf singt Liszt. „Romantisch“, denke ich bei mir. „Oh lieb solang du lieben kannst…“
Dann mus ich eingeschlafen sein.

Als ich aufwache liegt mein Handy neben mir. Meine Katzen melden Frühstück an. Mit geschlossenen Augen trotte ich in simulierter Dunkelheit zum Klo. Dann beginnt mein Tag. Einige Stunden später sitze ich mit Spaghettieis im Garten. Die Stimmen in mir sind munter. Sie Reimen und scherzen. Mein Mund schleckt jeweils altersangepasst an der kalten Süßspeise. Nur ein bisschen schwer ist mir die Brust. Aber in der Erdbeersauce gehen die Sorgen unter.

Für diesen Moment ist das so. Die Freude überwiegt. Im gleichen Augenblick sterben im selben Körper Andere tausend neue Tode. Vorne ist das kaum mehr fühlbar. Nun spüren Kinder voll Fröhlichkeit ihr Leben im Heute, bis…
Ja, bis der nächste Moment kommt. Der ist immer nur einen Wimpernschlag entfernt. In dem sterben sie vielleicht vor Qual. Oder glühen vor Wut. Oder Trauern aus tiefem Herzen. Oder betteln um Aufmerksamkeit.

In einem Löffel Eis liegt die ganze Bedeutung von „Jetzt“. Beim nächsten Löffel kann es vorbei sein.

Der Wolf

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Der Wolf zieht aus dem Rudel aus,
verlässt sein Welpenelternhaus.
Will neu die Welt für sich entdecken,
die Kräfte sehn, die in ihm stecken.
Sie prüfen über alle Grenzen,
mit and’ren um die Führung kämpfen.
So folgt er seiner Nase spur,
so will es die Instinktnatur,
bis er für sich die Heimat findet,
und sich an’s neue Rudel bindet.
Dort kann er sein, wie er gemacht
hat ausgewählt die Nachbarschaft,
nach seinen Idealmomenten.
Nun ist’s egal was Eltern denken.

© Copyright by „Sofies viele Welten“

Wüstentränen

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Unser Bauch krampft.
Übelkeit steigt in uns auf.
Nicht erbrechen, nur nicht erbrechen.
Ein Trigger nichts weiter.
Während flotten aus vergangenen Zeiten angreifen, sitze ich in meiner Nussschale und versuche mich rudernd über Wasser zu halten. Die Tränen sind lange in der Wüste ertrunken. Ein kleines Viele-Gefühl stupst mich.
„Du, ich bin wieder da. Ich hatte solche Angst. Ich wollte nicht wieder alleine sein.“
Mein Herz klopft.
Über die Augen schwimmen Salzseen.
„Ich hatte auch Angst, mein Kind.“
Irgendwann werfe ich die Ruder weg, weil ich an den Bildern zu ersticken drohe.
Ich weiß nicht mehr, wer sich zuerst wann, wo, wie in meinen Hals bohrt.
In meinen Ohren brüllt es.
Grauselig.
Sätze voll Ohnmacht und blinder Gewalt.
Schauer überlaufen meinen Körper.
In der Dusche wäre ein Platz, um mich rein zu waschen.
Es schüttelt mich.
Vor Kälte.
Vor Ekel.
Vor Entsetzen.
Ich atme.
Meine Tränen gießen Oasen in die Wüste, als die Anspannung endlich abfällt.
Still bleibe ich auf meinem Bett sitzen.
Stumm.
Es gibt kein Wort dafür.

Das kleine Glück vom Tod

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Wir sitzen auf dem Balkon und genießen die Frühlingssonne. Mittlerweile weht ein kühler Wind und die Luft riecht nach kommendem Regen. Die erste Idee uns eine Jacke überzuziehen reicht nicht, um uns zu wärmen. Schweren Herzens wandern wir zurück in die Wohnung.

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Erholungskoma 😉

Mein Gehirn ist sei Gestern so müde,  dass ich gar keine Worte mehr hab. Die Buchstaben flitzen auf der Tastatur durcheinander und ich weiß einfach nicht, zu welchen Gebilden ich sie zusammensetzen könnte. Alles ist neblig. Dabei geht es mir gerade gar nicht schlecht, wenn da eben nicht dieses bleierne Gefühl wäre. Ein bisschen habe ich mich vielleicht am Wochenende übernommen. Da war ich nämlich lange unterwegs. Auch wenn es sehr interessant war und ich die Tage nicht missen wollen würde, habe ich zwischendrin durchaus gemerkt, dass ich irgendwie „voll“ bin. Nicht mit Alkohol. Sondern mit Reizen. Irgendwann war vor lauter Spüren das Gefühl weg. Jetzt müssen sich meine Nerven erst einmal erholen. Gestern hieß es dann früh schlafen oder viel mehr Erholungskoma. 😉

Heute Morgen bin ich aufgewacht und habe mich gefühlt, als hätte mich ein Lastwagen überrollt. Dem „Na, gut ausgeschlafen?“ folgte direkt ein „Ich kann nicht mehr.“ Seitdem hadere ich damit, ob ich eine Veranstaltung am Abend besuche oder ob ich mich abmelde. Manchmal frustet es mich, dass ich mir auch die schönen Aktivitäten wohl dosieren muss. Mein Körper ist ab einem gewissen Punkt einfach platt. Da nützen die besten Pläne nichts. Irgendwann wird das anders sein. Darauf arbeite ich hin. Dann genieße ich das Leben in vollen Zügen. Damit ist dann nicht gemeint, dass ich mit der deutschen Bahn reise. Viel mehr mache ich einfach nur tolle Sachen bei denen meine Seele singt. Jetzt ruhe ich mich erst einmal aus, tanke Energie, heile etwas von dem alten Mist. Und wenn ich wieder fit bin, laufe ich los und schreie laut mit hochgerissenen Armen: „Welt ich komme!“

Müde Traumwelten

Wir sind so müde, dass wir auf der Stelle umfallen und einschlafen. Deshalb gehen wir heute schon früher auf  Reise in wunderbare Traumwelten.

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„Wenn wir träumen, betreten wir eine Welt, die ganz und gar uns gehört.“
Albus Dumbledore, Harry Potter und der Gefangene von Askaban, J. K. Rowling

An diese ganz persönlichen Orte versinken wir nun und tanken wohltuende Energie.

Euch allen einen schönen Abend und eine gute Nacht! ❤️😴

Einen Sonnenaufgang Glück

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Um 6:45 Uhr war Sonnenaufgang, sagt meine Wetter-App.
Ob das so stimmt?
Als ich kurz vorher die Augen aufgemacht habe war es gefühlt jedenfalls schon sehr sonnig. Nach einer kurzen Kuscheleinheit muss die Katze dringend raus. Auch ihr ist es zu hell, als dass sie die zwitschernden Vögel noch länger warten lassen könnte. Müde öffne ich die Türe und entlasse sie auf ihren morgendlichen Streifzug ins Revier. Wenig später landet eine kalte Fellnase auf meinem Bett. „Es ist zu kalt“, schnurrt sie. „Kannst du mich bitte wärmen?“ Anstelle meines Laptops ruht nun mein Kater auf meinen Beinen. Er navigiert mittels Schwanzspitzenzuckkoordinator die Stellen an denen er gekrault werden möchte. Meine Hände sind sich der Gefährdungslage wohl bewusst und kommen den Wünschen gerne nach. 😉 Nein, nein. Er beißt uns nie richtig. Wenn ihm eine Stelle nicht behagt schiebt er uns mit seinem Kopf weiter oder nimmt unsere Hand sanft ins Mäulchen. Dann hören wir auf. Dennoch ist in den letzten Jahren eine stille Kommunikation zwischen uns gewachsen. An seiner Körperhaltung erkennen wir sehr gut, dass wir auf falschen Pfaden unterwegs sind und passen uns dementsprechend an.

Irgendwann beginnen wir mit unseren Gedanken zum Duschen zu wandern. Wir werden gleich unter die nasse Brause steigen, um unsere Haare zu waschen. Darauf legen wir heute wert. Die schönen blauen Ohrringe haben wir uns gestern schon zurecht gelegt. Ein bisschen Schminke und vor allem ein langer auffälliger Lidstrich wird es werden.
So haben wir uns lange nicht mehr zurechtgemacht.
Trotz der vielen Reize sind wir glücklich, das heute zu tun. In unserer Brust spüren wir unser Herz fröhlich schlagen.
Jetzt aber gilt es erst einmal die Dusche möglichst gut und triggerfrei zu überstehen. Unsere Katzendame wird uns dabei sicher Gesellschaft leisten. Die mag das nämlich gerne und hat von wasserscheuen Tieren noch nichts gehört.

Und während unsere Mähne dann so vor sich hintrocknen wird, gibt es ein kleines Frühstück, mit Tee und Brötchen und eventuell Obstsalat.
Auf jeden Fall aber mit Liebe. ❤️

Befreundete Körperkräfte

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Mein Körper hatte mich nicht verraten; er hatte zu mir gehalten. Er hat all die Schläge und Verletzungen und Vergewaltigungen eingesteckt und er funktionierte noch immer für mich. Mein Körper war mein getreuer Freund und ich hatte keinen Grund mehr mich vor seiner Kraft zu fürchten. […] Ich hatte viel zu lange gelitten, vor allem in meiner Beziehung zu mir selbst.

Naomi Jacobs, Der Tag an dem mein Leben verschwand, Bastei Lübbe, Köln 2016, S. 328

Schneeglöckchenbabys

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Ein Scheeglöckchen hebt inniglich
empor zur Frühlingssonne sich.
Leutet den Menschen nah und ferne
von neu gewonn‘ner Lebenswärme.

Zwar steckt es noch in Kinderschuhen,
doch wächst es ohne auszuruhen
Bis laut und kräftig es verkündet:
Der Frühling kommt, der Winter endet. 

© Copyright by „Sofies viele Welten“