Dissoziation und Zweifel im Rückblick 2015

Wenn es etwas gibt, was ich letztes Jahr wirklich mit allem was in mit ist verstehen durfte, dann ist es das, dass das alles wirklich wahr ist und passiert ist – Der Missbrauch, die Vergewaltigungen, die Gewalt, die Folter.
Das war allerdings sehr lange ganz anders.
Oft war es nur eine wage Ahnung, dass irgendetwas nicht stimmt. Was? Keine Ahnung. Wenn Bilder da waren, dann waren sie für mich als Alltagsperson so ungreifbar, dass ich meinen Zweifel daran hatte und oft genug darüber nachdachte, warum meine Phantasie jetzt so mit mir durchgeht. Leider war ich trotz aller Bemühungen unfähig das zu stoppen. Mein Körper machte mir komische Gefühle, ließ mich spüren, dass mich jemand anfasste, streichelte oder auf mir lag und lähmte mich manchmal vor Schmerzen, obwohl niemand da war. Ängste. Schmerz der mich innerlich zerfetzte, wenn ich bestimmte Worte hörte. Alles so real… Doch wirklich passiert!?
Gemeinsam ging ich mit unserer Therapeutin und den Innenleuten vor Jahren irgendwann den Weg des Ausstieges. Mal näher an: „Ja, das stimmt!“ Mal näher an: „Alles Phantasie und Lüge!“ Irgendwie fühlte es sich richtig an, diesen Weg zu gehen. Irgendwie war da immer das Gefühl, das in mir noch viel mehr Dinge sind, die ich nicht weiß. Irgendwie spürte ich, dass es Verbesserungen für mich brachte mich darauf einzulassen, mit den Innenpersonen zu reden, mich von bestimmten Menschen fern zu halten, weil dadurch manche Ängste und Symptome gelindert wurden. Ich ging mit. Entlang an meinem Bauchgefühl. Ich war irgendwann draußen. Hatte mein eigenes Leben. Richtig greifbar wurde es in seiner Gänze allerdings nie. Es blieb ein Nebelschleier, der alles auf eine surreale Ebene hob. Manchmal, wenn die Dissoziation sehr stark war, fühlte es sich so an, als würde ich eine Phantasie leben, mit der ich nicht aufhören konnte. Doch egal, wenn sich durch die Behandlung auch die gesundheitlichen Beschwerden positiv beeinflussen ließen.
Letztes Jahr bin ich mit der Bitte nach Innen gestartet, doch bis Ende des Jahres endlich sicher zu wissen, was mir passiert ist, meine Geschichte endlich durchgängig sicher als Realität greifen zu können. Ich begann damit, das anzunehmen und zu fühlen, was ich sicher wusste. Dazu gehörten u.A. teile des Missbrauches, seelische Gewalt, körperliche Gewalt, Alkoholismus im nahen Umfeld,… Ich erlaubte mir diese Dinge zu fühlen, sie als schlimm anzuerkennen. Ich bemühte mich darum die Gedanken „So schlimm ist das nicht!“ möglichst zu lassen und ein „Doch! Für mich war das richtig schlimm!“, dagegen zu setzen. Blicke, scheinbar zufällige Berührungen, Stimmungen im Raum – Sie alle bekamen nun das Gewicht, das sie für mich schon immer hatten, das mir aber systematisch ausgeredet und als normale Harmlosigkeit untergeschoben wurde. Ich fühlte den riesigen Schmerz, die Ängste, die Verzweiflung. So reihte sich ein Puzzleteil an das andere. Der Nebelschleier lüftete sich Stück für Stück.
Heute weiß ich und kann tief in mir spüren:
Es stimmt.
Es ist die Wahrheit!
Ich wurde missbraucht. Ich wurde vergewaltigt. Ich wurde gefoltert. Ich wurde verkauft. Ich wurde von organisierten Täterkreisen und Kulten ausgebeutet. Wir sind Viele.

Ich dachte immer, dass ich keinen Zweifel haben dürfte, wenn es wirklich so gewesen ist. Ich müsste das doch wissen. Ich dachte, dass ich auch sicher wissen müsste, das ich Viele bin, wenn es stimmt. Heute denke ich anders.
Denn „Viele sein“ bedeutet Dissoziation und Dissoziation bedeutet Zweifel.
Dissoziation schafft den Raum etwas dadurch zu überleben, dass es unreal wird, sich nicht mehr greifen lässt und im Nichts verschwindet.
Dissoziation verwischt das Bild und die dazugehörigen Gefühle und zerstreut sie in kleine Puzzlestückchen, die jedes für sich oft wenig Sinn ergeben, weil die Schachtel mit dem Gesamtbild fehlt, die verrät, wo man sie einsetzen muss.
Dissoziation schafft die Ebene von „Phantasie und Traum“, um die Schrecklichkeiten erst später zu enthüllen und Stück für Stück der Verarbeitung zugängig zu machen, wo sonst die Überflutung den Boden unter den Füßen wegziehen würde.
Dissoziation hüllt den tiefen Schmerz in ein watteweiches, wolkiges Tuch, in dem seine Schärfe nur sehr dezent zum Vorschein kommt.
Da und doch nicht da.
Zweifel entstehen durch mangelnde Bewusstheit einer Realität.
Dissoziation bedingt Zweifel gerade zu.
Zweifel bestätigen die Dissoziation und stellen sie nicht in Frage.
Dissoziation ist der Zweifel.
Zweifel, an der eigenen Wahrnehmung, der einen Überleben lässt.

Worte, die Realitäten schaffen…

Worte.
Worte, die uns tief treffen.
Zu tief.
Worte der Frauenärztin.

„Das wird vor allem auch durch häufig wechselnde Sexualpartner und frühe sexuelle Kontakte verursacht.“

Wumm.
Macht es immer wieder in unserem Kopf.
Wumm.
Knallen die Worte durch unseren Körper.
Worte, die wie Schläge gegen unsere Synapsen prallen.

Häufig wechselnde Sexualpartner…
… keinen haben wir uns je freiwillig ausgesucht.
Frühe sexuelle Kontakte…
… wir wünschten wir hätten sie nicht erfahren müssen.

Und dann kommt die Wut.
Wut auf all die, die das mit uns gemacht haben und die, die zugelassen haben, dass es passiert.
Wut, dass wir wegen diesen Typen nun auch noch krank sind und solche Angst deswegen haben.
Und nach der Wut kommt die Traurigkeit und die Verzweiflung.
Und das Gerüst, das mich überleben und funktionieren lies, das mir in schweren Zeiten so sehr geholfen hat, bricht endgültig in sich zusammen – das „Zweifelgerüst“.
Denn wenn „das“ von frühen sexuellen Kontakten und häufig wechselnden Sexualpartnern kommt, dann kann nicht mehr nichts passiert sein.
Dann kann ich nicht mehr hoffen, dass alles vielleicht nur Phantasie ist.
Denn ich weiß sicher, dass ich bislang noch nie freiwillig mit einem Mann geschlafen habe.
Und ich habe keine „häufig wechselnden Sexualpartner“.
Doch wenn ich noch nie mit einem Mann geschlafen hätte, dann könnte ich das jetzt nicht haben…
Dann werden die Bilder im Kopf zur Wahrheit.
Dann wird die Geschichte plötzlich real.
Meine Geschichte.
Unsere Geschichte.

Wenn Zweifel Traumafolgen sind…

„Dissoziation bedeutet, dass wir eine Erfahrung als eigene Erfahrung gleichzeitig anerkennen und nicht anerkennen: Während ein bestimmter Teil Ihrer selbst sie wahrnimmt, weist ein anderer sie von sich.“
S.Boon, K.Steele, O. Van der Hart, „Traumabedingte Dissoziation bewältigen“

Wir schließen für uns gerade daraus, dass Zweifel somit eher Hinweise darauf sind, dass die Gewalt passiert ist, als dass sie nicht passiert ist, weil sie zu den dissoziativ bedingten Traumafolgen gehören.
Wenn ich das was geschehen ist nicht wahrnehme, bzw. wahrnehmen kann, weil die Erfahrungen dissoziiert sind, dann sind sie für mich nicht existent. Andere innen können bestimmte Erfahrungen wiederum wahrnehmen, weil sie für sie, im Gegensatz zu mir, nicht dissoziiert sind.
Die daraus resultierenden verschiedenen Wahrheiten führen zu Diskrepanzen und zu Zweifeln an meiner Wahrnehmung als Alltagsperson, weil das was ich von innen erzählt bekomme stark von meinem (Er-)Leben abweicht.
Wenn ich etwas von innen erzählt bekommen habe blieb es für mich zunächst oft dennoch vage und ungreifbar, weil ich es nicht als eigenes Erleben bewusst wahrnehmen konnte. Es unterschied sich so sehr von meiner bewusst wahrnehmbaren Geschichte, dass mir das einfach nicht passiert sein konnte. „Das ist mir nicht passiert. Anderen vielleicht. Aber nicht mir.“ Und irgendwie ist es ja genau so… Mittlerweile bemühe ich mich darum den Innenleuten dennoch zuzuhören.
Es ist vielleicht nicht die neueste Erkenntnis, aber für uns ist es trotzdem wichtig, das grade nochmal so zu bemerken.

„Jenseits des Vorstellbaren“ – Die Kultüberlebende Jeannie Riseman zu Dissoziation

Als wir vor längerer Zeit mal wieder eine Zweifelkrise an der mittlerweile eigentlich mehrfach bestätigten Diagnose DIS hatten, haben wir den Ausschnitt aus einem Text der Kultüberlebenden Jeannie Riseman zu lesen bekommen, der uns sehr geholfen hat, das innere Chaos und die immer wiederkehrenden Programmschleifen gegen das erkennen der eigenen inneren Strukturen zu sortieren und die inneren Entweder/Oder-Kämpfe etwas zu mildern. Darum möchten wir hier einen Auszug aus dem Text mit freundlicher Genehmigung des „Asanger Verlags“ wiedergeben:

„Klinisch gesprochen werden die Menschen heute generell in entweder multipel/nicht-multipel oder innerhalb eines Spektrums der Dissoziation gesehen. Entweder/oder mit einer deutlichen Abgrenzung – oder viel/wenig mit Abstufungen. Was mir \“passend\“ erscheint, ist ein Modell, welches zulässt zu beschreiben, dass Informationen auf vielerlei Weise gleichzeitig gespeichert werden. In meinem Büro speichere ich einen Großteil derselben Informationen auf dem Computer, auf Disketten, auf Papier in einem Aktenschrank und lege sie (außerdem noch) in einem unordentlichen Haufen auf dem Boden ab. Vieles ist überflüssig. Wenn ich wollte, könnte ich auch noch Audio- oder Videokasetten oder CDs hinzufügen und so die Anzahl der Speichermethoden erhöhen. Außerdem könnte ich den ganzen Wust auswendig lernen oder in Form von Petroglyphen (Höhlenbildern) anlegen. Die Ablagesysteme wären zwar andere, doch die Informationen wären dieselben. Auch kann ich diese Informationen auf vielerlei unterschiedliche Weise ordnen. Nach Namen, bildhaften Darstellungen, Größe, Datum, Autor oder Titel oder chronologisch, nach dem Dezimalsystem. Die Informationen lassen sich in hunderte von Sprachen übersetzen. Es können Querverweise gemacht werden. Wenn man diese Fülle von Systemen betrachtet – welches ist dann das \“echte\“ Betriebssystem? Da die Kultinformationen in meinem Kopf gespeichert sind, glaube ich, dass alle Speichersysteme gleichermaßen \“echt\“ sind. Ich kann gleichzeitig multipel, nicht-multipel, eine \“schlummernde\“ dissoziative Identität, eine potenzielle dissoziative Identität und so weiter sein. Ich \“bin\“ das System, das ich gerade anwende. In einem klassischeren Sinne kann ich gleichzeitig bewusst und unbewusst Informationen speichern. Ich kann sie in Form von Handlungen sowie von Wörtern abspeichern. Mein Körper \“weiß\“, wie man Fahrrad fährt, und vergisst es nicht, wenn ich es schaffe dieses Wissen in Worte zu fassen um einem anderen Fahrradfahren beizubringen. Doch meistens ist es mir im Alltag nicht präsent. Es gibt vieles, was \“wirklich\“ bewusst ist, wenn ich daran denke und wirklich unbewusst, wenn ich nicht daran denke, und \“wirklich\“ teilbewusst, wenn es mir im Hinterkopf umherschwirrt oder mir auf der Zunge liegt. Ich muss keine Wahl treffen: Die Zuschreibungen können hintereinander oder auch gleichzeitig richtig sein.\“

Jeannie Riseman in „Jenseits des Vorstellbaren – Therapie bei Ritueller Gewalt und Mindcontrol“ von Alison Miller, Seite 138, Asanger Verlag

Auch, wenn wir nicht in jedem Punkt, mit der Autorin des Textes übereinstimmen, so finden wir doch das Beispiel mit den „Ablagesystemen“ sehr passend.
Für uns zeigt das sehr deutlich, das das erkennen der DIS an uns selber erschwert sein kann, wenn wir im Gehirn ein „Ablagesystem“ nutzen, bzw. Tätergewollt nutzen müssen, in dem nur ein Teil der Informationen über unser Dasein abgelegt worden ist. Wir müssen nicht darüber nachdenken ob wir nun multipel sind, oder nicht. Das das „Ablagesystem Multipel“ bei uns grundsätzlich existiert, hat sich oft genug gezeigt. Wenn ich mich als Alltagsperson gerade nicht als multipel wahrnehme, weil ich die anderen Innens aus welchen Gründen auch immer nicht wahrnehmen kann, heißt das nicht, dass die komplette Diagnose nicht mehr stimmt oder falsch war. Genauso wenig, wie ein Ordner am PC nicht nicht mehr vorhanden ist, nur weil ich mich grade mit einem Unterordner beschäftige und so nur einen Teil der Information einsehen kann. Es heißt nur, dass es für mich für den Moment keinen Zugang dazu gibt. Ich fühle mich dann vielleicht nicht multipel, dennoch bin ich es zu jeder Zeit.
Da wir oft nicht bewusst und aktiv steuern können, welches der „Systeme“ uns zugänglich ist oder welches wir nutzen wollen, möchten wir Jeannie Risemans Aussage „Ich /“bin“/ das System, das ich gerade nutze!“ für uns mit „…oder nutzen muss, bzw. kann.“ ergänzen.
Wir sind immer wir, aber die eigene Definition unseres Selbst hängt stark mit dem zusammen, was wir gerade fähig sind von uns wahrzunehmen.

Wenn Dissoziation dissoziiert ist…

Immer wieder kamen die Zweifel nachdem ich/wir vor einigen Jahren die Diagnose, dass wir viele sind erhalten hatten.
Bin ich wirklich viele? Bin ich’s nicht? Bilde ich mir das alles nur ein?
Ich schreibe hier aus meiner Sicht. Aus der Sicht einer Alltagsperson.
Die Zweifel haben mich so in Schach gehalten, dass immer wieder wertvolle Zeit in der Therapie dafür draufging/geht, über die Zweifel an der Diagnose zu reden, statt mit dem Innen zusammenzuarbeiten und so vielleicht wichtige Lösungen zu finden.
Alles scheint unecht. Oft wie im Traum. Nicht greifbar. Wie ein Geist, den man nicht zu fassen bekommt.
Wer bin ich und wenn ja wie viele!?

Erinnerungslücken – hab ich nicht. Behauptete ich zumindest oft standhaft.
Und Innenpersonen/ innere Stimmen – die sind zwar irgendwie da, aber wahrscheinlich denk ich sie mir nur aus, um mich wichtig zu machen.
Erinnerungen waren da und doch nicht da. Ich hörte die Leute in meinem Inneren, aber es schien gleichzeitig so unwirklich, dass ich es als Einbildung abtat und Erklärungen dafür suchte, warum ich mir das einbildete.
Ich dissoziierte. War oft wie im Nebel. Bekam alles nur aus einer gewissen Entfernung mit, aber ich bemerkte es nicht. Es war so normal, dass ich nicht mitbekam, dass das Dissoziation ist, weil das ja mein normales „sich fühlen“ war.
Ähnlich war es auch mit den Innenpersonen. Das Leben mit ihnen und den damit verbundenen „Zuständen“ war so alltäglich, dass ich sie teilweise schon gar nicht mehr bemerkte. Als ich noch nichts von der DIS wusste, waren da eben diese komischen „Gedanken“, die sich immer wieder in meine schoben. Sie waren mir zwar fremd, aber ok, dann sind in meinem Kopf eben fremde Gedanken. Irgendwie wird es schon zu mir gehören, denn sonst wären die Gedanken ja nicht in meinem Kopf… Ich versuchte dem keine weitere Beachtung zu schenken, auch wenn es mir manchmal doch Angst machte. Die Stimmen in meinem Kopf waren einheitsmatschiges nebliges Gedankenfließen und wenn sie für mich doch einmal als Person erkennbar wurden, dann schien es so unwirklich, dass ich dachte es seien Rollen in die ich schlüpfe. Manchmal hatte ich das Gefühl ein einziges Rollenspiel zu sein, das ich nicht steuern konnte.
Ich konnte die Dissoziation und alles was damit zusammenhing nicht als Dissoziation greifen.
Es war normal und damit nicht vorhanden. Ich war dauerdissoziativ. Ich war wirklich unwirklich.
Das Viele-sein war für mich auch deshalb so ungreifbar, weil dazu ja wohl Dissoziation gehört, die ich aber an mir selbst nicht wahrnehmen konnte, weil ich sie dissoziiert hatte.

Vor einiger Zeit fingen diese dissoziativen Barrieren im Inneren dann an durchlässiger zu werden. Manchmal gab es jetzt kurze Momente, in denen ich weniger dissoziierte. Ich spürte plötzlich Teile meines Körpers. Gefühle kamen zurück. Alte Erinnerungen. Ich wurde sensibler für mich. Ich nahm mehr war. Vieles wurde sehr viel anstrengender, weil ich jetzt plötzlich Angst vor Dingen hatte, bei denen ich vorher nicht mal mit der Wimper gezuckt hätte. Normale alltägliche Aufgaben, wie Einkaufen oder mit Bekannten essen gehen, die ich bis dahin mal eben einfach so erledigt habe, wurden von heute auf morgen zu Mammutaufgaben, die teilweise unlösbar erschienen.

Je mehr von meinen Gefühlen und Erinnerungen zurückkommt, umso mehr stelle ich fest, dass ich tatsächlich vergesse/vergessen hatte, dass da tatsächlich Lücken sind und dass manche Dinge sich tatsächlich einfach schrecklich anfühlen.  Ich nehme zunehmend war, dass die Innenpersonen wirklich da sind und keine hinter Nebel, der unwirklich macht, verborgenen Gedankenfetzen meines Selbst. Es ist immer weniger ein „Huch, da ist was! Oder doch nicht!?“, sondern mehr ein „Huch, da ist ja tatsächlich was!“. „Hey, ich dissoziiere ja tatsächlich!“ „Hmm, da hab ich wohl wirklich was verpasst…!“ In kleinen Momenten spüre ich und kann zulassen: „Es stimmt. Ich bin tatsächlich viele.“
Ich versuche zu spüren, zuzuhören und dabei nicht verrückt zu werden.
Durch die Momente, in denen ich weniger dissoziiere gibt es plötzlich „Vergleichswerte“ durch die es für mich überhaupt erst möglich ist festzustellen, dass die Wirklichkeit von früher unwirklicher war, als gedacht. Plötzlich wird mir dann die Dissoziation bewusst. Gleichzeitig schwinden dadurch langsam meine Zweifel. Wenn die Erinnerungen wiederkommen, kann ich sehen, dass da offensichtlich vorher eine Lücke war, die mir bislang gar nicht bewusst war. Wenn ich fühle, bemerke ich plötzlich, dass etwas viel zu viel ist. Bis dahin weiß ich oft nicht, dass ich nicht weiß…
Die Dissoziation schützt vor Unerträglichem. Und weil es so unerträglich ist, dass es so unerträglich war, dass ich dissoziieren musste, schützt sie mich gleich vor sich selbst auch mit.
Eigentlich genial…
… wenn es dann nicht so schwer wäre sich selbst zu vertrauen und zu schützen.

Bin mich suchen gegangen

Mal wieder an einem Punkt, an dem es schwer wird die Vergangenheit zu fassen.
Ich bin auf Spurensuche.

Es gab Zeiten, da war klar, dass mir etwas ganz furchtbares zugestoßen ist. Da waren die Bilder im Kopf klar.
Es gab Zeiten, da war klar, dass an all diesen Dingen gar nichts dran ist. Alles nur Phantasie. Lüge.
Es gab Zeiten, da stimmte beides gleichzeitig – irgendwie.

Ich suche…
… nach einer Wahrheit, die ich eigentlich kennen müsste.

Ist Gewalt passiert? Ist sie nicht passiert?
Bin ich vergewaltigt worden?
Gab es „nur“ Missbrauch?
Und wenn ja, wer hat mir das angetan?
Fragen, für die ich alle schon Antworten hatte, die mir dann aber immer wieder durch die Finger rinnen, wie Sand. Antworten, die ich nicht halten kann, weil sie immer wieder ins Schwarz versinken.
Nun soll eine endgültige Antwort her. Eine die Bestand hat vor den unerbittlichen Prüfungen meines Verstandes. Eine Antwort, um mich endlich nicht mehr schlecht fühlen zu müssen, wenn ich über Dinge rede, die ich noch nicht einmal sicher weiß.
Im Grund also eine Antwort auf die Frage: „Wer bist du eigentlich, Sofie?“
(Und wenn ja, wie viele? 😉 )

Aktuell aufgeworfen wurden die Fragen wohl durch wiederkehrende starke körperliche und emotionale Gefühle vergewaltigt worden zu sein. Allerdings ohne greifbare dazugehörige Erinnerungen. Wenn überhaupt Bilder auftauchen , dann erscheinen Sie mir so fern, dass Sie mir als Beweis nicht genügen. Vielleicht nur gehört, gelesen, gesehen?
Es wird wahrscheinlich ein Indizienprozess.
Ich weiß mittlerweile sicher, dass es Gewalt gab, seelisch und körperlich.
Auch den Missbrauch gab es.
Was das betrifft sind die Erinnerungen klar und deutlich und es lässt sich genug von den begleitenden Umständen rekonstruieren.
Aber was ist mit dem Gefühl vergewaltigt worden zu sein? Real?
Und vom wem? Ich möchte als erwachsene Frau klar kriegen, was in meinem Leben passiert ist.
Die innere Diskussion über die Häufigkeit und das Ausmaß der ganzen Gewalt, spare ich mir gerade noch. Erstmal die „Grundformen“ der erlittenen Gewalt klären.

Es ist, als würde dieses Thema irgendwo im Nebel versumpfen.
Ungreifbar, diffus.
Diffuse Dauerpräsenz.
Allein die heftigen Reaktionen auf das Wort „Vergewaltigung“. Als würde mir jemand ein Messer ins Herz rammen. Der Körper erschrocken erstarrend. Die Qual dieses Momentes in jeder Muskelfaser spürend.
Wie den Schleier lüften?

Ich fange noch einmal an nach standfesten Indizien zu suchen rund um diese Gefühle…
Indizien, die mich von der Selbstbezichtigung als Lügnerin befreien…
… vielleicht.
Indizien, die mir mein Leben erklären.

In einem Meer aus schwarzen Löchern.

Wo werde ich landen?

Nachtgeflüster

Es ist zwei Uhr nachts.

Noch immer sind wir alle nicht so müde, dass wir schlafen könnten.

Im Kopf gibt’s Getuschel.

„Sag mal Große?!“
„Ja.“
„Sag mal, seit wann bist du eigentlich um die Uhrzeit noch wach!?“
„Weiß nicht. Ist eben heute so.“
„Hmm.“

„Sag mal du Kleine!?“
„Ja.“
„Wenn du noch wach bist und auch nicht schlafen kannst, könnten wir ja einfach ein bisschen quatschen. Einfach mal so.“
„Bist du krank?“
„Warum?“
„Seit wann quatscht du mit uns?!“
„Naja, ich hab gedacht wir könnten es ja einfach mal wieder probieren und es wäre vielleicht für beide grade nett… Früher haben wir ja schon mal mehr geredet.“
„Den ganzen Tag sagst du wir sind Fatamorganas und jetzt willst du mit einer Quatschen!?“
„Naja, ich tu mich im Moment eben mal wieder nicht so leicht anzuerkennen, dass Ihr alle da seid… aber ich meins ja nicht so.“
„Das ist aber voll gar nicht nett! Ich sag ja auch nicht ständig, dass es dich nicht gibt! Ihr Großen seid voll kompliziert! Es ist echt nicht einfach, wenn man Große hat!“
Ich muss schmunzeln.
„Ja, da hast du wohl manchmal recht.“
„Ja hab ich!“
„Aber jetzt klappt das mit der Kommunikation doch grade recht gut, findest du nicht? Das freut mich grade!“
„Jup, stimmt. Du bist durchaus lernfähig!“
Wir lachen beide.

„Du Große!?“
„Ja.“
„Ich will ins Bett. Ich bin müde!“
„Na, dann geh. Schlaf gut!“
„Ich will aber ins echte Bett! Nicht nur nach innen!“
„Dann lass uns zusammen mal rüber gehen! Vielleicht klappt es ja doch mit dem Schlafen!“
„Ja. Und ich will mich mit den Anderen in die Decke einrollen und mich wohl und sicher fühlen!“
„Dann machen wir das jetzt!“
„Du Große!?“
„Ja.“
„Es ist schön, wenn du so da bist!“
„Danke! Es ist auch schön, wenn ich euch so fühlen kann!“

Und so schlurfen wir nun gemeinsam ins Bett und schaun, was uns die Nacht noch so bringt…