“Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.”
Bertolt Brecht
Wahrheit
Dissoziation und Zweifel im Rückblick 2015
Wenn es etwas gibt, was ich letztes Jahr wirklich mit allem was in mit ist verstehen durfte, dann ist es das, dass das alles wirklich wahr ist und passiert ist – Der Missbrauch, die Vergewaltigungen, die Gewalt, die Folter.
Das war allerdings sehr lange ganz anders.
Oft war es nur eine wage Ahnung, dass irgendetwas nicht stimmt. Was? Keine Ahnung. Wenn Bilder da waren, dann waren sie für mich als Alltagsperson so ungreifbar, dass ich meinen Zweifel daran hatte und oft genug darüber nachdachte, warum meine Phantasie jetzt so mit mir durchgeht. Leider war ich trotz aller Bemühungen unfähig das zu stoppen. Mein Körper machte mir komische Gefühle, ließ mich spüren, dass mich jemand anfasste, streichelte oder auf mir lag und lähmte mich manchmal vor Schmerzen, obwohl niemand da war. Ängste. Schmerz der mich innerlich zerfetzte, wenn ich bestimmte Worte hörte. Alles so real… Doch wirklich passiert!?
Gemeinsam ging ich mit unserer Therapeutin und den Innenleuten vor Jahren irgendwann den Weg des Ausstieges. Mal näher an: „Ja, das stimmt!“ Mal näher an: „Alles Phantasie und Lüge!“ Irgendwie fühlte es sich richtig an, diesen Weg zu gehen. Irgendwie war da immer das Gefühl, das in mir noch viel mehr Dinge sind, die ich nicht weiß. Irgendwie spürte ich, dass es Verbesserungen für mich brachte mich darauf einzulassen, mit den Innenpersonen zu reden, mich von bestimmten Menschen fern zu halten, weil dadurch manche Ängste und Symptome gelindert wurden. Ich ging mit. Entlang an meinem Bauchgefühl. Ich war irgendwann draußen. Hatte mein eigenes Leben. Richtig greifbar wurde es in seiner Gänze allerdings nie. Es blieb ein Nebelschleier, der alles auf eine surreale Ebene hob. Manchmal, wenn die Dissoziation sehr stark war, fühlte es sich so an, als würde ich eine Phantasie leben, mit der ich nicht aufhören konnte. Doch egal, wenn sich durch die Behandlung auch die gesundheitlichen Beschwerden positiv beeinflussen ließen.
Letztes Jahr bin ich mit der Bitte nach Innen gestartet, doch bis Ende des Jahres endlich sicher zu wissen, was mir passiert ist, meine Geschichte endlich durchgängig sicher als Realität greifen zu können. Ich begann damit, das anzunehmen und zu fühlen, was ich sicher wusste. Dazu gehörten u.A. teile des Missbrauches, seelische Gewalt, körperliche Gewalt, Alkoholismus im nahen Umfeld,… Ich erlaubte mir diese Dinge zu fühlen, sie als schlimm anzuerkennen. Ich bemühte mich darum die Gedanken „So schlimm ist das nicht!“ möglichst zu lassen und ein „Doch! Für mich war das richtig schlimm!“, dagegen zu setzen. Blicke, scheinbar zufällige Berührungen, Stimmungen im Raum – Sie alle bekamen nun das Gewicht, das sie für mich schon immer hatten, das mir aber systematisch ausgeredet und als normale Harmlosigkeit untergeschoben wurde. Ich fühlte den riesigen Schmerz, die Ängste, die Verzweiflung. So reihte sich ein Puzzleteil an das andere. Der Nebelschleier lüftete sich Stück für Stück.
Heute weiß ich und kann tief in mir spüren:
Es stimmt.
Es ist die Wahrheit!
Ich wurde missbraucht. Ich wurde vergewaltigt. Ich wurde gefoltert. Ich wurde verkauft. Ich wurde von organisierten Täterkreisen und Kulten ausgebeutet. Wir sind Viele.
Ich dachte immer, dass ich keinen Zweifel haben dürfte, wenn es wirklich so gewesen ist. Ich müsste das doch wissen. Ich dachte, dass ich auch sicher wissen müsste, das ich Viele bin, wenn es stimmt. Heute denke ich anders.
Denn „Viele sein“ bedeutet Dissoziation und Dissoziation bedeutet Zweifel.
Dissoziation schafft den Raum etwas dadurch zu überleben, dass es unreal wird, sich nicht mehr greifen lässt und im Nichts verschwindet.
Dissoziation verwischt das Bild und die dazugehörigen Gefühle und zerstreut sie in kleine Puzzlestückchen, die jedes für sich oft wenig Sinn ergeben, weil die Schachtel mit dem Gesamtbild fehlt, die verrät, wo man sie einsetzen muss.
Dissoziation schafft die Ebene von „Phantasie und Traum“, um die Schrecklichkeiten erst später zu enthüllen und Stück für Stück der Verarbeitung zugängig zu machen, wo sonst die Überflutung den Boden unter den Füßen wegziehen würde.
Dissoziation hüllt den tiefen Schmerz in ein watteweiches, wolkiges Tuch, in dem seine Schärfe nur sehr dezent zum Vorschein kommt.
Da und doch nicht da.
Zweifel entstehen durch mangelnde Bewusstheit einer Realität.
Dissoziation bedingt Zweifel gerade zu.
Zweifel bestätigen die Dissoziation und stellen sie nicht in Frage.
Dissoziation ist der Zweifel.
Zweifel, an der eigenen Wahrnehmung, der einen Überleben lässt.
Worte, die Realitäten schaffen…
Worte.
Worte, die uns tief treffen.
Zu tief.
Worte der Frauenärztin.
„Das wird vor allem auch durch häufig wechselnde Sexualpartner und frühe sexuelle Kontakte verursacht.“
Wumm.
Macht es immer wieder in unserem Kopf.
Wumm.
Knallen die Worte durch unseren Körper.
Worte, die wie Schläge gegen unsere Synapsen prallen.
Häufig wechselnde Sexualpartner…
… keinen haben wir uns je freiwillig ausgesucht.
Frühe sexuelle Kontakte…
… wir wünschten wir hätten sie nicht erfahren müssen.
Und dann kommt die Wut.
Wut auf all die, die das mit uns gemacht haben und die, die zugelassen haben, dass es passiert.
Wut, dass wir wegen diesen Typen nun auch noch krank sind und solche Angst deswegen haben.
Und nach der Wut kommt die Traurigkeit und die Verzweiflung.
Und das Gerüst, das mich überleben und funktionieren lies, das mir in schweren Zeiten so sehr geholfen hat, bricht endgültig in sich zusammen – das „Zweifelgerüst“.
Denn wenn „das“ von frühen sexuellen Kontakten und häufig wechselnden Sexualpartnern kommt, dann kann nicht mehr nichts passiert sein.
Dann kann ich nicht mehr hoffen, dass alles vielleicht nur Phantasie ist.
Denn ich weiß sicher, dass ich bislang noch nie freiwillig mit einem Mann geschlafen habe.
Und ich habe keine „häufig wechselnden Sexualpartner“.
Doch wenn ich noch nie mit einem Mann geschlafen hätte, dann könnte ich das jetzt nicht haben…
Dann werden die Bilder im Kopf zur Wahrheit.
Dann wird die Geschichte plötzlich real.
Meine Geschichte.
Unsere Geschichte.
Wenn Zweifel Traumafolgen sind…
„Dissoziation bedeutet, dass wir eine Erfahrung als eigene Erfahrung gleichzeitig anerkennen und nicht anerkennen: Während ein bestimmter Teil Ihrer selbst sie wahrnimmt, weist ein anderer sie von sich.“
S.Boon, K.Steele, O. Van der Hart, „Traumabedingte Dissoziation bewältigen“
Wir schließen für uns gerade daraus, dass Zweifel somit eher Hinweise darauf sind, dass die Gewalt passiert ist, als dass sie nicht passiert ist, weil sie zu den dissoziativ bedingten Traumafolgen gehören.
Wenn ich das was geschehen ist nicht wahrnehme, bzw. wahrnehmen kann, weil die Erfahrungen dissoziiert sind, dann sind sie für mich nicht existent. Andere innen können bestimmte Erfahrungen wiederum wahrnehmen, weil sie für sie, im Gegensatz zu mir, nicht dissoziiert sind.
Die daraus resultierenden verschiedenen Wahrheiten führen zu Diskrepanzen und zu Zweifeln an meiner Wahrnehmung als Alltagsperson, weil das was ich von innen erzählt bekomme stark von meinem (Er-)Leben abweicht.
Wenn ich etwas von innen erzählt bekommen habe blieb es für mich zunächst oft dennoch vage und ungreifbar, weil ich es nicht als eigenes Erleben bewusst wahrnehmen konnte. Es unterschied sich so sehr von meiner bewusst wahrnehmbaren Geschichte, dass mir das einfach nicht passiert sein konnte. „Das ist mir nicht passiert. Anderen vielleicht. Aber nicht mir.“ Und irgendwie ist es ja genau so… Mittlerweile bemühe ich mich darum den Innenleuten dennoch zuzuhören.
Es ist vielleicht nicht die neueste Erkenntnis, aber für uns ist es trotzdem wichtig, das grade nochmal so zu bemerken.