Sei stolz auf dich,…

…dass du noch lebst.
…dass du das alles überlebt hast.
…dass du tapfer weiter atmest.
…dass du jeden Morgen die Augen aufschlägst, obwohl du sie so oft lieber für immer schließen würdest.
…dass du fühlst und dir die Fähigkeit zu fühlen erhalten hast.
…dass du trotz all der Gewalt nicht hart geworden bist.
…dass du empathisch bist und mitfühlst.
…dass du weinst, obwohl sie dir deine Tränen nehmen wollten.
…dass du Angst hast, obwohl sie nicht erlaubt war.
…dass du dir deinen Humor behalten hast.
…dass du Not sehen kannst – deine eigene und die anderer.
…dass du für deine Rechte und Bedürfnisse kämpfst.
…dass du damit auch für die Rechte und Bedürfnisse anderer kämpfst.
…dass du den riesengroßen Schmerz in dir erträgst und weiter machst, obwohl er unerträglich ist.
…dass du trotzdem noch Pläne und Träume hast.
…dass du dich entschlossen hast auszusteigen.
…dass du einen Teil des Ausstieges bereits dadurch geschafft hast und dich von den Tätern abgrenzt, dass du deine eigenen Gefühle behalten hast und den Schmerz spürst, wo dir doch immer gesagt wurde, dass das alles toll ist.
…dass du die Gewalt nicht weiter geben willst.
…dass du mutig neue Dinge ausprobierst, trotz der Todesangst, die sie dir oft machen.
…dass du bereit bist dir Hilfe zu suchen, trotz aller Schwierigkeiten diese zu finden und trotz den Verletzungen, die du vielleicht auch aus dem Helfersystem schon einstecken musstest.
…dass du Beziehungen eingehst und Freundschaften zulässt.
…dass andere dich und deine Fähigkeiten schätzen.
…dass du die Schweigegebote brichst und anfängst dich auszudrücken.
…dass du dir selber immer mehr vertraust.
…dass du nicht davon läufst und zu dir schaust.
…dass du Fehler machst und menschlich bist.
…dass du die Begrenzungen immer mehr aufbrichst.
…dass du dir eingestehen kannst, dass arbeiten in dieser Heilungsphase für den Moment einfach nicht möglich ist.
…dass deine sogenannten Schwächen dir nur zeigen wollen, was du wirklich brauchst.
…dass dein Körper mit dir und uneingeschränkt für dich kämpft.
…dass deine Seele endlich ihren Platz und ihre Beachtung findet.
…dass du dein Innen und deine Innenpersonen immer besser kennen lernst.
…dass du aufgeben kannst.
…dass du schwach und kraftlos sein darfst.
…dass du es weiterhin versuchst.
…dass du ____________________________
…dass du so bist wie du bist!

Dissoziation und Zweifel im Rückblick 2015

Wenn es etwas gibt, was ich letztes Jahr wirklich mit allem was in mit ist verstehen durfte, dann ist es das, dass das alles wirklich wahr ist und passiert ist – Der Missbrauch, die Vergewaltigungen, die Gewalt, die Folter.
Das war allerdings sehr lange ganz anders.
Oft war es nur eine wage Ahnung, dass irgendetwas nicht stimmt. Was? Keine Ahnung. Wenn Bilder da waren, dann waren sie für mich als Alltagsperson so ungreifbar, dass ich meinen Zweifel daran hatte und oft genug darüber nachdachte, warum meine Phantasie jetzt so mit mir durchgeht. Leider war ich trotz aller Bemühungen unfähig das zu stoppen. Mein Körper machte mir komische Gefühle, ließ mich spüren, dass mich jemand anfasste, streichelte oder auf mir lag und lähmte mich manchmal vor Schmerzen, obwohl niemand da war. Ängste. Schmerz der mich innerlich zerfetzte, wenn ich bestimmte Worte hörte. Alles so real… Doch wirklich passiert!?
Gemeinsam ging ich mit unserer Therapeutin und den Innenleuten vor Jahren irgendwann den Weg des Ausstieges. Mal näher an: „Ja, das stimmt!“ Mal näher an: „Alles Phantasie und Lüge!“ Irgendwie fühlte es sich richtig an, diesen Weg zu gehen. Irgendwie war da immer das Gefühl, das in mir noch viel mehr Dinge sind, die ich nicht weiß. Irgendwie spürte ich, dass es Verbesserungen für mich brachte mich darauf einzulassen, mit den Innenpersonen zu reden, mich von bestimmten Menschen fern zu halten, weil dadurch manche Ängste und Symptome gelindert wurden. Ich ging mit. Entlang an meinem Bauchgefühl. Ich war irgendwann draußen. Hatte mein eigenes Leben. Richtig greifbar wurde es in seiner Gänze allerdings nie. Es blieb ein Nebelschleier, der alles auf eine surreale Ebene hob. Manchmal, wenn die Dissoziation sehr stark war, fühlte es sich so an, als würde ich eine Phantasie leben, mit der ich nicht aufhören konnte. Doch egal, wenn sich durch die Behandlung auch die gesundheitlichen Beschwerden positiv beeinflussen ließen.
Letztes Jahr bin ich mit der Bitte nach Innen gestartet, doch bis Ende des Jahres endlich sicher zu wissen, was mir passiert ist, meine Geschichte endlich durchgängig sicher als Realität greifen zu können. Ich begann damit, das anzunehmen und zu fühlen, was ich sicher wusste. Dazu gehörten u.A. teile des Missbrauches, seelische Gewalt, körperliche Gewalt, Alkoholismus im nahen Umfeld,… Ich erlaubte mir diese Dinge zu fühlen, sie als schlimm anzuerkennen. Ich bemühte mich darum die Gedanken „So schlimm ist das nicht!“ möglichst zu lassen und ein „Doch! Für mich war das richtig schlimm!“, dagegen zu setzen. Blicke, scheinbar zufällige Berührungen, Stimmungen im Raum – Sie alle bekamen nun das Gewicht, das sie für mich schon immer hatten, das mir aber systematisch ausgeredet und als normale Harmlosigkeit untergeschoben wurde. Ich fühlte den riesigen Schmerz, die Ängste, die Verzweiflung. So reihte sich ein Puzzleteil an das andere. Der Nebelschleier lüftete sich Stück für Stück.
Heute weiß ich und kann tief in mir spüren:
Es stimmt.
Es ist die Wahrheit!
Ich wurde missbraucht. Ich wurde vergewaltigt. Ich wurde gefoltert. Ich wurde verkauft. Ich wurde von organisierten Täterkreisen und Kulten ausgebeutet. Wir sind Viele.

Ich dachte immer, dass ich keinen Zweifel haben dürfte, wenn es wirklich so gewesen ist. Ich müsste das doch wissen. Ich dachte, dass ich auch sicher wissen müsste, das ich Viele bin, wenn es stimmt. Heute denke ich anders.
Denn „Viele sein“ bedeutet Dissoziation und Dissoziation bedeutet Zweifel.
Dissoziation schafft den Raum etwas dadurch zu überleben, dass es unreal wird, sich nicht mehr greifen lässt und im Nichts verschwindet.
Dissoziation verwischt das Bild und die dazugehörigen Gefühle und zerstreut sie in kleine Puzzlestückchen, die jedes für sich oft wenig Sinn ergeben, weil die Schachtel mit dem Gesamtbild fehlt, die verrät, wo man sie einsetzen muss.
Dissoziation schafft die Ebene von „Phantasie und Traum“, um die Schrecklichkeiten erst später zu enthüllen und Stück für Stück der Verarbeitung zugängig zu machen, wo sonst die Überflutung den Boden unter den Füßen wegziehen würde.
Dissoziation hüllt den tiefen Schmerz in ein watteweiches, wolkiges Tuch, in dem seine Schärfe nur sehr dezent zum Vorschein kommt.
Da und doch nicht da.
Zweifel entstehen durch mangelnde Bewusstheit einer Realität.
Dissoziation bedingt Zweifel gerade zu.
Zweifel bestätigen die Dissoziation und stellen sie nicht in Frage.
Dissoziation ist der Zweifel.
Zweifel, an der eigenen Wahrnehmung, der einen Überleben lässt.

Zerbrochen oder Ganz!?

Zerbrochen
Etwas das einmal zusammen gehörte, wurde durch schädliche Einwirkung getrennt und ist somit in kleinere und/oder größere Untereinheiten aufgeteilt worden. Dadurch haben die Teile ihren vorbestimmten Platz verloren und sind in andere Relationen gerückt.
Die entstandenen Teile haben unregelmäßige, nicht planbare Konturen und haben die für sie ursprünglich vorgesehene Position verlassen. Unter Umständen geht dieser Zustand auch mit Verlust der ursprünglichen Funktionalität des Objektes einher.
Die Zusammengehörigkeit und ursprünglichen Verbindungen gingen ganz oder teilweise verloren.

Ganzheit
Eine Ansammlung von Teilen und Elementen bildet in der erwarteten Weise ein zusammengehöriges Bild. Die Platzierung der Einzelteile des ganzen Objektes entspricht der ihnen ursprünglich zugedachten Position. Sie gehen vorbestimmte Verbindungen ein. Aufgrund dieser mehr oder minder durchdachten Anordnung der Teile erfüllt das Objekt ebenfalls die zugedachten und erwarteten Funktionen.
Die Konturen des Objektes sind planbar.

Ist dann Zerbrochenheit und Ganzheit das Gleiche, nur dass in der Ganzheit die Erwartungen an die Einzelteile erfüllt sind?

Ist Ganzheit immer die Summe seiner Teile?
Oder müssen die Teile festgelegte Anforderungen erfüllen, um sich ganz nennen zu dürfen?
Wenn ja, wer legt die Anforderungen fest?

Darf in der Ganzheit vielleicht nur nicht auffallen, dass sie aus Einzelteilen besteht?

Bin ich dann nicht auch irgendwie ganz?
Denn auch wenn die Position und Funktion der Einzelteile nicht mehr in der ursprünglichen Art und Weise besteht, so bleibt eine Zusammengehörigkeit erkennbar.
Oder ist ganz nur, was unverändert bleibt?

Kann aus Zerbrochenheit eine neue Ganzheit entstehen?
Was, wenn manche Teile sich nicht mehr an die ursprüngliche Position setzen lassen und die Funktion sich dadurch für immer verändert?

Darf ich mich, dürfen wir uns ganz fühlen?
Weil jede Innenperson ja für sich wieder ganz ist und eine Aufgabe erfüllt?

Splitter im Kopf

Splitter im Kopf
Wie eine Bombe
Messerscharf
Zerborsten

Splitter im Kopf
Wie Spiegelscherben
Spitz steckend zwischen den Synapsen
Verworren

Splitter im Kopf
Wie Trennwände zwischen den Welten
Eiskalt klirrend
Wattig

Splitter im Kopf
Wie Fallen im Nebelwald
Unpassend verpuzzelt im Erinnerungswirrwarr
Verschollen

Splitter im Kopf
Wie Fragmente aus fremden Leben
Schneidende Unterbrechungen im Gedankenfluss
Schmerzend

Splitter im Kopf
Wie Waffen aus längst vergangenen Zeiten
Gespeicherte Bedrohungen
Gefährlich

Splitter im Kopf
Wie Suchende nach ihren verlorenen Teilen
Nach Vervollständigung sehnend
Zweifelnd

Splitter im Kopf
Wie die Seele, des Mädchens, die sich teilte
Viele
Fragend

© Copyright by „Sofies viele Welten“

Nachtgeflüster

Es ist zwei Uhr nachts.

Noch immer sind wir alle nicht so müde, dass wir schlafen könnten.

Im Kopf gibt’s Getuschel.

„Sag mal Große?!“
„Ja.“
„Sag mal, seit wann bist du eigentlich um die Uhrzeit noch wach!?“
„Weiß nicht. Ist eben heute so.“
„Hmm.“

„Sag mal du Kleine!?“
„Ja.“
„Wenn du noch wach bist und auch nicht schlafen kannst, könnten wir ja einfach ein bisschen quatschen. Einfach mal so.“
„Bist du krank?“
„Warum?“
„Seit wann quatscht du mit uns?!“
„Naja, ich hab gedacht wir könnten es ja einfach mal wieder probieren und es wäre vielleicht für beide grade nett… Früher haben wir ja schon mal mehr geredet.“
„Den ganzen Tag sagst du wir sind Fatamorganas und jetzt willst du mit einer Quatschen!?“
„Naja, ich tu mich im Moment eben mal wieder nicht so leicht anzuerkennen, dass Ihr alle da seid… aber ich meins ja nicht so.“
„Das ist aber voll gar nicht nett! Ich sag ja auch nicht ständig, dass es dich nicht gibt! Ihr Großen seid voll kompliziert! Es ist echt nicht einfach, wenn man Große hat!“
Ich muss schmunzeln.
„Ja, da hast du wohl manchmal recht.“
„Ja hab ich!“
„Aber jetzt klappt das mit der Kommunikation doch grade recht gut, findest du nicht? Das freut mich grade!“
„Jup, stimmt. Du bist durchaus lernfähig!“
Wir lachen beide.

„Du Große!?“
„Ja.“
„Ich will ins Bett. Ich bin müde!“
„Na, dann geh. Schlaf gut!“
„Ich will aber ins echte Bett! Nicht nur nach innen!“
„Dann lass uns zusammen mal rüber gehen! Vielleicht klappt es ja doch mit dem Schlafen!“
„Ja. Und ich will mich mit den Anderen in die Decke einrollen und mich wohl und sicher fühlen!“
„Dann machen wir das jetzt!“
„Du Große!?“
„Ja.“
„Es ist schön, wenn du so da bist!“
„Danke! Es ist auch schön, wenn ich euch so fühlen kann!“

Und so schlurfen wir nun gemeinsam ins Bett und schaun, was uns die Nacht noch so bringt…