Körper im Traumaburnout

08C0FA78-FBC0-4570-BC1D-1178DAF75B4AIch erinnere mich noch wie gestern. Dabei ist es nun schon über vier Jahre her. Es geschah an einem Ostersamstag. Das Wetter war traumhaft. Die Sonne schien. Ich stieg ins Auto, um mit meiner Freundin vom Essen nach Hause zu fahren. Die Stimmung war gut. Wir lachten. Mitten auf der Landstraße mit gut 100 Sachen stolperte plötzlich mein Herz. Ich klammerte mich ans Lenkrad. Mir wurde schwarz vor Augen. Im letzten Moment brachte ich den Wagen am Straßenrand zum stehen. Ich bemühte mich bei Bewusstsein zu bleiben und ruhig zu atmen, während mein Herz um sein Leben stolperte. Die Arme wurden Taub. Dann gingen bei mir die Lichter aus.

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Ein Löffel Eis im Jetzt

Ich liege auf dem Bett und atme. Mit zwei dicken Kissen im Rücken bettet mein Oberkörper leicht aufgerichtet. Meine Finger kraulen im weichen Katzenfell die harten Rippenbögen. Es dauert nicht lange bis sich meine Bewegung des Brustkorbs mit dem Atemrythmus der Fellnase synchronisiert. Tranceartig schnurren mich ihre Töne zur Ruhe. Die Heizung rauscht leise im Hintergrund. In der Nase kribbeln ein wenig die Pollen, aber ich bin zu müde zum Niesen. Mein Kopf singt Liszt. „Romantisch“, denke ich bei mir. „Oh lieb solang du lieben kannst…“
Dann mus ich eingeschlafen sein.

Als ich aufwache liegt mein Handy neben mir. Meine Katzen melden Frühstück an. Mit geschlossenen Augen trotte ich in simulierter Dunkelheit zum Klo. Dann beginnt mein Tag. Einige Stunden später sitze ich mit Spaghettieis im Garten. Die Stimmen in mir sind munter. Sie Reimen und scherzen. Mein Mund schleckt jeweils altersangepasst an der kalten Süßspeise. Nur ein bisschen schwer ist mir die Brust. Aber in der Erdbeersauce gehen die Sorgen unter.

Für diesen Moment ist das so. Die Freude überwiegt. Im gleichen Augenblick sterben im selben Körper Andere tausend neue Tode. Vorne ist das kaum mehr fühlbar. Nun spüren Kinder voll Fröhlichkeit ihr Leben im Heute, bis…
Ja, bis der nächste Moment kommt. Der ist immer nur einen Wimpernschlag entfernt. In dem sterben sie vielleicht vor Qual. Oder glühen vor Wut. Oder Trauern aus tiefem Herzen. Oder betteln um Aufmerksamkeit.

In einem Löffel Eis liegt die ganze Bedeutung von „Jetzt“. Beim nächsten Löffel kann es vorbei sein.

Osterreisen

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Auf einem kleinen Boot saß sie. Es war aus altem Holz gemacht. Die grüne Farbe blätterte bereits an vielen Stellen ab. So wollten es die Gezeiten. Ihre Füße schwebten kurz über der Wasseroberfläche und in ihrem Haar webte ein Rosenkranz Geschichten von der fruchtbaren Welt. Ein feuriges rotes Kleid umhüllte zart energetisch fließend ihren Körper. Ihre Augen fühlten geschlossen der Weite um sie nach. Am Horizont dämmerte es orange leuchtend.
Mit ihrer Zehenspitze konnte sie fast die Spieglung derselben im Wasser berühren. Doch ein Lufthauch hielt die beiden getrennt. Sie wohnten in zwei Welten.
Das Wasser ruhte.
Die Welt um sie herum ruhte.
Sie selbst ruhte.
In sich.
Und über den Wogen erhaben.
Am Himmel zog ein Vogelschwarm.

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Versorgungszerrissenheit

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Der Ostersamstag beginnt grau und voll mit Bauchschmerzen.
In den letzten Tage bin ich zu einem „unsozialen“ Wesen mutiert. Ich möchte niemanden hören und schon gar nicht sehen. Mein Innen ist im Rückzug implodiert.
Die Worte der Therapeutin „Ihre Finanzierung kann so nicht weiterlaufen“ nahmen das letzte Stück Boden mit.
Nun sitze ich hier und hasse Ostern.
Ich hasse die DIS.
Ich hasse die Menschen, die mich in meiner Not sitzen lassen.
Und die, die für mich da sein wollen, weil es dann noch mehr weh tut.
Und irgendwie hasse ich mich in dem ganzen Hass selbst.
Auch dafür, dass ich gerade den einzigen Mitmenschen die mir noch wohlgesonnen gegenüber stehen, eine wirkliche Arschlochfreundin biete.
Irgendwo in dem ganzen Stress tue ich mir selbst leid. Das ist wohl das Gefühl, dem ich folgen sollte, weil es in meinen Tränen aus dem Chaos führen würde.
Statt dessen bin ich trauersauer vor Verzweiflung.

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„Heute bin ich EIN gesunder Mensch“

Dieser Satz hat mich aus den Fragen von  Vergissmeinnicht besonders angesprungen. Deshalb habe ich ihn hier für diesen Beitrag herausgepickt.

Zu „Ein Beitrag für euere Fragen“ schreibt sie:

Ist ein „heute bin ich EIN gesunder Mensch – Zustand“ um sich von dem Mist zu erholen überhaupt irgendwie machbar?

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Kinder erwünscht!?

Die lieben Sonrisas haben beim Beitrag für euere Fragen das Thema des Kinderwunsches aufgeworfen. Dem möchten wir uns hier in diesem Beitrag nun widmen.

Für uns selbst ist diese Frage schon immer ganz klar zu beantworten. Ja, wir wollen Kinder und wir freuen uns auch auf die Mutterschaft. Ich habe keine Angst davor, dass es meine Kinder in irgendeiner Form nicht gut bei uns haben werden. Sicher kann es passieren, dass wir Fehler machen. Die machen aber nicht traumatisierte Eltern ebenso. Ich bin der Meinung, dass wir ausreichend reflektiert sind und therapeutische Hilfe in Anspruch genommen haben, um verantwortungsbewusst mit unserer Geschichte umgehen zu können und sie nicht einfach auf’s Kind zu projizieren. An dieser Stelle möchte ich sogar behaupten, dass Kinder, die bei entwicklungswilligen traumatisierten Müttern aufwachsen bessere Chancen auf eine gute Kindheit haben, als Kinder, die mit Elternteilen aufwachsen, die im Bezug auf Gewalt frei nach dem Motto „Mir hat’s doch auch nichts geschadet“ agieren. Egal ob komplexe Traumata in der Vorgeschichte bestehen oder nicht, halte ich die reflektierte Auseinandersetzung mit Gewalt in all ihren Formen und den eigenen Ebenen von Betroffenheit für eine gute Mutterschaft ohnehin für unabdingbar.

Natürlich kann eine Viele-Mama auch mit sehr speziellen Problemen zu kämpfen haben und extreme Gefahren für das Kind mitbringen. Das sehe ich vor allem dann gegeben, wenn die eigene Sicherheit noch nicht gewährleistet ist und der Täterkreis nach wie vor Zugriff auf ihr System hat. Aber nicht nur die Täter könnten dann eine Gefährdung darstellen. Auch im Innensystem muss klar sein, dass keine Übergriffe, Gewalt oder Reinszenierungen auf das Kind bezogen stattfinden dürfen. Des Weiteren, sollte man sicher als Persönlichkeitsteam so stabil sein, dass man das Kind gut versorgen kann und es eine kompetente, nicht ständig ambivalente Mutter vor sich hat. Wechsel von Innenpersonen müssten an dieser Stelle kindgerecht und altersentsprechend kommuniziert werden. Ich finde es nicht zwingend dramatisch schlimm, wenn es Phasen gibt, in denen einem Elternteil mal alles zu viel ist oder man sehr traurig ist und Unterstützung braucht. Das ist nichts Furchtbares. Es ist aber ganz entscheidend, dass die Mutter sich bei Bedarf auch Hilfe sucht und annimmt. Ich glaube es geht mehr darum, wie gut sie letztlich dem Kind klären kann, was mit der Mama los ist ohne die Verantwortung abzuschieben oder aus dem liebevollen Kontakt zu gehen. Sie muss als Vertrauensperson beständig ansprechbar sein. Dafür braucht die Mutter auch ein Gefühl für gesunde Grenzen und zwar sowohl auf Seite des Kindes, als auch für ihre eigenen. Im besten Fall ist da wohl schon etwas an Therapiearbeit vorweg geleistet. Für uns ist klar, dass die Erziehung eines Kindes viele Triggerpotentiale beinhaltet, denen wir uns schon vor der Schwangerschaft bewusst sind. Hierfür wollen wir zumindest bereits theoretisch Strategien und „Trockenübungen“ für den Umgang haben, bevor unser Baby schlüpft. Die Realität wird dann sicher ohnehin nochmal fordernder.

Probleme und Schwierigkeiten kann es also in jeder Familie geben. Ob mit oder ohne DIS, Mono- oder Komplextrauma oder auch als komplett traumafreier Mensch – es gibt in jeder Sparte völlig ungeeignete Elternpersönlichkeiten und sehr gute und liebevolle Eltern, die ihre Aufgaben ernst nehmen.
Wenn es im Elternleben wirklich mal dick kommt, ist man Gott sei Dank als Eltern immer mindestens zu zweit. Der Vater ist ja schließlich auch noch da. Die DIS ist für mich sicher kein Grund keine Kinder zu bekommen. Genau so wenig, wie die traumatischen Erfahrungen als einen Makel an unserer Person gesehen werden können. Ich halte mich durchaus für eine starke Löwenmama mit ganz vielen bunten Facetten, die ich meinem Nachwuchs mal zu bieten habe. Darauf gespannt bin ich jetzt schon und freue mich sehr auf die Zeit.

Glauben als Entscheidungsfrage

In den letzten Tagen haben wir viel über das Thema des sich selbst glaubens nachgedacht. Begonnen hat alles mit einer sehr intensiven Therapiestunde. Wir arbeiteten daran eine Erinnerung zusammen zu setzen. Mittlerweile kennen wir uns gut genug, dass wir wissen, dass die Zweifel bzw. ein starkes Hinterfragen immer zeitgleich mit intensiver Innenarbeiten auftauchen. Der Umstand beeinträchtigt uns nicht mehr derart stark, als er das am Anfang unserer Therapie tat. Damals war dadurch nicht nur keine Innenarbeiten möglich, sondern oft genug auch unser Leben durch Suizidgedanken bedroht, weil wir miesen Lügner bestimmt kein Leben verdient hätten. Nach langer Auseinandersetzung lag der entscheidende Durchbruch in einem Kompromiss. Wir wollten gemeinsam neutral auf die Bilder und Gefühle in unserem Kopf schauen, ohne sie als wahr oder unwahr zu bewerten. Das konnten die Leute, deren Job es war um unser Leben zu zweifeln, mittragen. Von dem Zeitpunkt an konnten wir in der Therapie anfangen über unsere inneren Vorgänge zu sprechen, ohne derart heftige Folgen aus Zweifelgründen zu bekommen. Die Glaubensfragen klopften zwar immer wieder an, aber ohne das extreme Ausmaß.

Gestern war etwas neu. Ich sprach über die Teile einer Erinnerung, die ich wusste und darüber, dass es darin eine Stelle gibt, an der das „Filmbild“ wie bei einem unsauberen Schnitt springt. Ich sprach über die Angst, nicht mehr in die Situation hineininterpretieren zu wollen, als wirklich war, aber dass die Stelle nun mal nicht ganz rund ist. Da können wenige Sekunden fehlen, Minuten oder Stunden, aber irgendetwas fehlt.
Und dann spürte ich das kleine Mädchen, das damals betroffen war. Es war schrecklich alleine und extrem verwirrt und ich saß da und bemühte mich die neutrale Position zu halten, um überhaupt tiefer hinschauen zu können, ohne dass in meinem Kopf Chaos ausbrach. Dann schwabbte mich ihre Gefühlsflut weg. Wir saßen vor unserer Therapeutin und schluchzten tränenüberströmt. Nach einiger Zeit sagte ich heiser: „Vielleicht wollen wir uns auch einfach glauben! Sie hat doch sonst niemanden. Wir können uns doch nicht auch noch selbst im Stich lassen. Wir wollen uns einfach dafür entscheiden.“ Dann legte ich den Arm um das kleine gequälte Mädchen.
Seitdem ist innen etwas anders. Immer wieder nehme ich das Kind in den Arm und versuche da zu sein. Weil ich es so möchte. Weil wir ihr glauben wollen. Weil es sowas von unfair wäre diesem Leid mit Neutralität zu begegnen.

Mir ist darüber etwas bewusst geworden. In das Thema „Glauben“ spielen sicher mehrere Bereiche hinein. Wir machen viel von der direkten Faktenlage abhängig, ermitteln oft unerbittlicher in uns, als jede Polizei es je tun könnte und machen es uns nicht leicht unsere Wahrheit zu erkunden. Letztlich gibt es aber einen Punkt, an dem muss man sich einfach entscheiden. Dabei ist die Faktenlage zweitrangig. Da geht es nur um die innere Grundhaltung, die man einnehmen möchte. Das ist genau so, wie andere Menschen sich dafür oder dagegen entscheiden Opfern von diesen Taten zu glauben oder auch nicht. Ich muss einen Standpunkt dazu beziehen, ob ich mich verlassen will oder an meiner Seite bleiben. Wir müssen das. In Anbetracht des Leides, das sich jeden Tag vor unseren inneren Augen abspielt, bleiben wir.

Wir glauben uns, weil wir es so wollen!

Alltagsstruktur mit DIS

Bunte Sterne haben uns in den Kommentaren von „Ein Beitrag für euere Fragen“ zu dem Thema „Alltag“ und „Alltagsorganisation“ mit DIS angeregt.

Liebe Sofie,

ich finde das eine sehr schöne Idee 🙂
Mich würde interessieren wie ihr euren Alltag organisiert. Habt ihr eine gute Regelung dafür gefunden, dass jeder seinen Interessen nachgehen kann, aber auch die Pflichten des Alltags nicht zu kurz kommen? Wie geht ihr damit um, dass einige sehr viele Fähigkeiten haben, aber andere noch im vergangenen Erleben stecken?

Liebe Grüße
Bunte Sterne

Hier geht es weiter zu unseren Alltagseinblicken→

Melinas Fragen und Schmetterlingsphilosophien 🙂

Die lieben Melinas haben uns in den Kommentaren zu „Ein Beitrag für eure Fragen“ ihre Gedanken und Themenwünsche zukommen lassen.

Tolle Idee, liebe Sofie!
Was wenn diese Diagnose DIS eben nur eine Diagnose ist und mehr nicht? Vielleicht ist es ein revolutionärer Gedanke, wenn wir alle als vorgeburtlich, in der Kleinkindzeit, in der Kindheit, in der Jugend, und auch noch später ALLE sehr traumatisiert sind, alle dissoziiert sind, gespalten, geschädigt, „zu Tode“ verletzt, gebrochen, verstört….worden sind und wir im Grunde alle Therapie bräuchten….oder eben eine andere Sichtweise entwickeln müssten, statt nur den sog. „Kranken“ (mit Diagnose) eine Therapie zu genehmigen?
Wenn ich mich Tag für Tag umsehe und in den vielen Begegnungen des Tages soviele Menschen mit verletzten Seelen erlebe, die ausblenden, nicht reflektieren, alles abwehren was ihnen nicht gefällt, blind und mit Scheuklappen herumlaufen, mit den Fingern auf andere zeigen…..denke ich, dass die Menschen hier in den Blogs bei Dir und vielen anderen und auch bei mir mit diesen Diagnosen DIS, DDNOS, Borderlines ….mitlesen und sich äußern, doch eigentlich die Sorte Mensch sind, die am wenigsten therapiebedürftig sind, weil sie imstande sind, einen ehrlichen Blick auf sich selbst und diese sich zerstörende Welt in der Lage sind – zu werfen….Was sagst Du dazu? Und findest Du es auch, dass es eigentlich ein Geschenk ist, dass wir durch unser Schicksal gelernt haben stärker und mutiger zu werden um die Wahrheiten in uns und in der Welt zu suchen?

Manche Fragestellungen sind fast schon philosophisch und wir mussten sie erst einmal auf uns wirken lassen. Dabei war es sehr interessant darüber nachzusinnen. Im folgenden wollen wir euch einen kleinen Einblick in unsere Schmetterlingsphilosophie diesbezüglich geben. 😉 Weiterlesen

Freizeitspaß und Entspannung

Zu „Ein Beitrag für euere Fragen“  sind bereits die ersten Rückmeldungen eingegangen. Eine davon wollen wir hier nun Aufgreifen. Die Farbe Bunt wollte folgendes von uns wissen:

„Hallo 🙂. Was sind denn so eure liebsten und angenehmsten Unternehmungen/Beschäftigungen, um zur Ruhe zu kommen/zu entspannen und/oder Dinge, an denen ihr euch freuen könnt?“

Soweit ich weiß, haben wir darüber auch tatsächlich noch nie direkt geschrieben. Danke also für diese Anregung!

Zunächst ist es so, dass Entspannung für uns im Alltag als Thematik kaum auftaucht. Das liegt nicht daran, dass wir kein Bedürfnis danach hätten oder niemals nach Möglichkeiten dazu suchen. Tatsächlich haben wir eher so etwas wie eine „Entspannungs-Sperre“. Sobald das Ziel „Entspannung“ direkt benannt wird, können wir uns darauf nicht mehr so gut einlassen. Wir gehen in eine Abwehrhaltung. Irgendetwas in uns sträubt sich. Die Entspannung wird „spannend“. Die genauen Gründe dafür, kann ich nicht benennen. Manchmal steckt aber sicher die Angst dahinter, darüber mit etwas aus der Vergangenheit in Kontakt zu kommen.

Nichts desto trotz, bauen auch wir in unseren Alltag natürlich Ruhephasen ein. Weiterlesen