Es gibt diese Erinnerungen, bei denen man weiß, dass man sie sich nie ausgedacht haben kann, schon alleine deshalb, weil man auf die Idee selbst nie gekommen wäre. Sie enthalten Details, von denen man nicht wüsste, wenn man es nicht selbst erlebt hätte. Dann sitzt man schockiert da, starrt innerlich auf die Bilder, ein bestimmtes Werkzeug oder eine Situation und hat das Gefühl niemals jemandem davon berichten zu können, weil es viel zu verrückt ist, als dass einem das jemals jemand glauben könnte. Man würde es ja selbst am liebsten einfach nur als Hirngespinst abtun. Doch es ist so schrecklich real.
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Langsam kriecht die Sonne aus dem verschlafenen Himmel. Es wird hell und das neblige Grau zieht sich zurück. Im Küchenfenster glitzert metallisch ein Anhänger. Ich muss darauf achten ihn nicht direkt anzublicken, weil sein Reflektieren meine Netzhaut unangenehm verblitzt. Die Katze schmatzt mir an ihrem Näpfchen freundlich ein „Guten Morgen“ zu. Der Tag strahlt herbstlich belebt. Nur ich komme nicht so richtig in die Puschen. Eigentlich müsste ich Einkaufen. Doch Nerven und Geld sind dieses Monat schon etwas knapp. Für mich wäre es auch in Ordnung den Tag im Bett zu verbringen. Doch es gibt auch Dinge, die mich locken. Die Vögel pfeifen, als hätten wir Frühling. Wenn ich mir das lange genug vorstelle, geht es meinem Gemüt gleich besser. Die nächste Woche liegt mir im Magen und im Frühling wäre sie nicht vorhanden.
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Ich sitze hier und grüble über dem Angebot einer Rechtsschutzversicherung. Irgendwie war mir die letzten Wochen so, als könnte es nicht schaden, mich diesbezüglich abzusichern. Zwar habe ich derzeit weder einen Streitfall, noch stehen mir irgendwelche besonderen Anlässe dafür ins Haus. Mein Bedürfnis möchte sich lediglich geschützt wissen, falls mal etwas wäre. Vermutlich wurde die Situation davon angestachelt, dass ich nach dem Klinikaufenthalt im Frühjahr zu nichts mehr im Stande war und die Auseinandersetzung mit Ämtern, Krankenkassen und anderen Leistungsträgern, meine Nerven strapaziert.
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Knie dich hin mein Kind und schweige. Schließ die Augen fest und zeige, dass du auf Gott allein willst bauen, deine Seele wird vertrauen und geduldig still ertragen, was ich tu in seinem Namen.
Öffne Mund und deine Ohren, denn du bist von Ihm erkoren. Hier im Kreise unsrer Brüder hallen deine Schwüre wieder. Vertrauen, ehren und gehorchen sollst du mich in deinen Worten. So sprich und tu nun, was ich sag, ohne Angst und ohne Frag‘.
Gib dich hin, Kind, und nimm an, den Segen den ich spenden kann und der in diesem Ritual dich würdig macht durch Pein und Qual.
Über deine Haut will streicheln und deiner Scham mit Küssen schmeicheln, bevor ich auf dem Rücken liegend in dich dringe Schwur versiegelnd, dich zu meinem Eigen mache, machtvoll schmunzelnd zu dir lache und du ganz ruhig zu mir sprichst:
„Ich will dich achten und verehren, dir Frau sein und dein Kind gebären und über all das werd‘ ich schweigen, niemandem die Schmerzen zeigen. Im tiefsten Innern werd ich wahren, Geheimnisse der Bruderscharen. Niemals wird mein Mund mehr sprechen, sonst wird sich mit dem Tode rächen der Herr und Meister, Seth, die Schlange, den ich durch dich nun hier empfange.“
Die Folter ging noch etwas weiter, am Ende war man froh und heiter. Blind folgte sie und er verlangte, während sie um ihr Leben bangte. Alles hat sie ohne Zucken und ohne weiter aufzumucken verinnerlicht und übernommen, die Kindheit hat man ihr genommen, die Seel‘ stattdessen neu bepflanzt mit Sektenhorrorarroganz.
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In der Tat machen die vielen rosanen und weißen Blüten der „Schmuckkörbchen“ auf unserem Balkon ihrem Namen derzeit alle Ehre. Als mein Blick früh am Morgen von unten in die Pracht des Blumenkastens fällt, blinzelt mir ein Stückchen Himmel zu. Ich schlürfe von meiner Tasse Kaffee. Die Füße ruhen auf dem kleinen Tischchen vor mir. Sonne und Blumenduft geben alles, um uns den Tag schön zu malen. Im Innen fühlen wir uns unendlich traurig. So traurig, dass wir kaum atmen können. Die Sprachlosigkeit macht aggressiv. Während kleine getigerte Schwebfliegen lockerleicht am Nektar schlürfen, schürfen wir tief in alten, unaushaltbaren Verletzungen.
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Wie oft haben wir in unseren Therapien Sätze gehört, die in folgende Richtung gingen: „Es ist wichtig, dass sich jetzt die Erwachsene darum kümmert.“ „Sie als Erwachsene wissen es doch besser.“ „Als Erwachsene können sie das doch.“ „Das Kind fühlte sich schuldig, aber sie als Erwachsene wissen, dass es nicht schuld war.“ „Es ist klar, dass es die Kleinen überfordert, aber sie als Erwachsene…“ Immer wenn ich so etwas höre, möchte ich am liebsten in die Tischkante beißen. Oftmals entsteht der Eindruck, als wäre man von all der erlittenen Gewalt als Alltagsperson unbehelligt, nur weil man funktional den Alltag regelt. Die Traumata tragen ja die anderen oder etwa nicht!?
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Gestern Abend saß ich auf meinem Bett und versuchte es mir etwas gemütlich zu machen. Der Tag war extrem anstrengend und von starker Dissoziation zerklüftet. Wir machten uns ein Hörbuch an und begannen nach Bastelanregungen im Internet zu suchen. Je mehr wir rein äußerlich entspannten, umso mehr schoß vom Geschehenen ins Bewusstsein und plötzlich war ich mitten drin. Ich hatte das Gefühl, dass mich genau in diesem Moment jemand in meiner Wohnung berührt, streichelt und schließlich vergewaltigt. Kurzzeitig konnte ich diese Person so real vor mir sehen, als wäre sie tatsächlich da gewesen. Nicht vor 10 Jahren, nicht gestern, sondern just in diesem Moment.
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Die dicke grüne Kerze flackert in der Laterne auf dem Balkon. Heute erst habe ich die grau-braune Winterkerze ausgetauscht. Sie hat nun ausgedient. Als ich hinspüre merke ich, dass sich die Stimmung dadurch verändert. Es ist fast, als würde die frische Farbe der neuen Kerze das Leben aus der Natur um sie herum aufgreifen und mit ihrem Licht vor Freude strahlen. Die beiden Katzen sitzen vor der Tür und beobachten den Garten. Für einen Moment überlege ich, ob ich mich zu ihnen an die kühle Luft geselle. Immer wieder schleicht ein kleiner Tiger zu mir herein, grüßt mich kurz mit einem Nasenstupser und zieht dann wieder davon. Langsam fröstelt mich auch im Innenraum. Wichtig ist nämlich: Hauptsache die Tür bleibt offen! Geschlossene Türen veranlassen die Katzen zu lautstarkem Protest. Da ich mir das ewige auf und zu ersparen wollte, zittere ich nun also unter einer dicken Decke. Immerhin darf ich in ihrer Wohnung wohnen und bin dankbar für das Asyl, das mir die Katzengötter gewähren.
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Die letzte Woche war hart. Zwei Tage hielt mich nur Beruhigungsmittel am Leben. Eigentlich nehmen wir so etwas gar nicht. Seit der Klinik haben wir es als Bedarfsmedikament im Schrank stehen. Zum ersten Mal war ich nun froh darum. Anders hätte ich das, was sich da derzeit in mir auftut nicht ausgehalten. Ich fühle mich, als wäre ich irgendwo zwischen Leben und Tod hinter einer dicken Nebelschicht und stehe völlig neben mir. Immer wieder schaue ich auf die Bilder in meinem Kopf und frage mich, wie pervers und abartig Menschen eigentlich sein können.
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In den letzten Tagen haben wir uns aus persönlichen Gründen nochmals sehr intensiv mit dem Bereich der rituellen Gewalt auseinander gesetzt. Anlässlich der Feiertage haben wir Revue passieren lassen, wie unser Heilungsprozess in den letzten Jahren im Bezug auf diese Thematik verlaufen ist. Ohne Zweifel war es der Teil unserer Geschichte, der die größten Widerstände in uns hervorbrachte. Obwohl die Erinnerungen eindeutig in unserem Kopf waren, leugneten wir lange vehement. Die Annäherung bedeutete ein jahrelanges, schmerzhaftes Ringen, um innere Wahrheiten. Neben vielen anderen Stolpersteinen auf dem Weg stellte ein besonderes Problem auch das öffentliche Bild dar, das von ritueller Gewalt existiert und das es mir als Alltagsperson zusätzlich schwer machte meiner Wahrnehmung zu vertrauen. Denn das war nicht „meine“ Welt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur sehr begrenzt überhaupt bewusste Erinnerungen. Es klaffte ein tiefer Graben zwischen meiner Geschichte als Alltagsperson und der Geschichte anderer Innenpersonen. Den galt es zu überwinden. Unterschiedlicher hätten die Lebensrealitäten nicht sein können.
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