Orgasmuszwänge

Ich sitze auf dem Rand der Badewanne, gerade dabei mich selbst zu befriedigen, weil ich den Schmerz und den Druck, der von Zeit zu Zeit in mir anflutet noch immer nicht anders lösen kann, als mir mit Gewalt einen Orgasmus zu verschaffen.
Trigger.
Autopilot.
Vor dem Orgasmus geht gar nichts mehr.
Ein anderes Ziel lässt mein Kopf nicht mehr zu.
Der Weg dorthin ist völlig egal.
Aufhören geht nicht.
Es geht nicht darum Sexualität zu erleben.
Alles worum es geht, ist den verdammten Schmerz und Verzweiflungsdruck, der in Wellen innerer Leere mündet zu beenden.
So schnell wie möglich.
Es ist nicht angenehm.
Es ist purer Stress.
In der Regel sacke ich nach dem Orgasmus dann in mir zusammen.
Tränen rinnen über mein Gesicht.
Die Anspannung fällt ab.
Der Trancezustand geht zurück.
Langsam werden wieder andere Gedanken zum und über das Leben und den Alltag möglich, ehe ich mich aufrapple und beginne wieder zu funktionieren.

Meiner Seele sitzen die dreckigen Forderungen Ihrer Folterer noch immer im Nacken.
Vorbei war es all zu oft erst, wenn der Orgasmus passiert ist.
Das Ende der Qualen, wurde zu häufig an diese Forderung geknüpft.
Was davon übrig geblieben ist, ist das Grundgerüst als Überlebensmechanismus.
Anforderung/Trigger –> Druck/Angst/Überforderung –> Dem Druck und der Angst (wobei ich diese in der Situation oft gar nicht bewusst wahrnehme, weil nur noch der Drang den Druck zu beenden spürbar ist) irgendwie entkommen müssen, weil er nicht mehr auszuhalten ist –> Selbstbefriedigung mit Orgasmus –> Druck und Angst lässt (zumindest kurzfristig) nach.
Manchmal erlebe ich den Druck auch, wenn Erinnerungen nach oben kommen. Die Seele denkt sich wohl: „Lieber mache ich es selbst, als es gleich erneut erleben zu müssen.“ Tatsächlich lassen sich unsere Erinnerungsbilder damit manchmal kurzzeitig nochmal unterdrücken.
Statt Angst, ohnmächtiger Verzweiflung, Schrecken und Scham erlebe ich dann Lust.

Lange Zeit haben wir damit gehadert, wie wir bei den ganzen Schrecklichkeiten überhaupt noch an Lust denken können.
Heute denke ich, es ist das gute Recht jedes Körpers sich die Folter so angenehm wie möglich zu gestalten.
Dadurch ist es nicht weniger Folter, aber es gibt die Chance sie zu überleben.

Die gewollte Zufallsgeste

Samstagabend.
Die Fingernägel sind gerade frisch lackiert.
Es tippt sich noch etwas vorsichtig.

Im Kopf ist viel.
So viel, dass die Gedanken Loopings schlagen.
Gefühlswirrwarr.

Im Alltag sind wir gestern zufällig auf einen Mann getroffen.
Sehr lange nicht gesehen.
Eine kleine „harmlose“ Geste mit einem Lächeln.
Wir wissen, was es in dieser Kombination zu bedeuten hat.
Eines von den Zeichen, das uns schon vor langer Zeit beigebracht worden ist, das in Gruppierungen und organisiertem Verbrechen so gerne genutzt wird.
Doch wir bemerken es.
Diesmal weigern wir uns, wehren uns gegen den Reflex, den man normalerweise dadurch auslösen kann.
Wir gewinnen.
Diesmal verlassen wir die Situation und holen uns Hilfe.
Sicherheit.

Ich bin froh, die Situation souverän gelöst zu haben.
Wir sind stolz auf uns!
Derartige Situationen händeln zu können war viel Arbeit.

Was bleibt ist die Erinnerung ans Damals.
Brechreiz,
weil wir Ihn wieder vor uns stehen sehen.
Wie er uns hält,
um unseren Kopf fasst,
uns vergewaltigt,
das Gefühl zu ersticken,
seine Worte,
sein Atem,
seine Lust an unserer Erniedrigung,
sein alles.

Es bedeutet Heilung für uns, der Vergangenheit immer mehr ins Auge zu sehen, sie zu verstehen und darüber Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.
Gleichzeitig tut nichts so weh, wie die Heilung selbst, die in aller Bitterkeit fordert, das was war zu realisieren.

Hab Mut zu sprechen!

In Gruppierungen und organisiertem Verbrechen wird so einiges unternommen, um die Opfer dauerhaft zum Schweigen zu bringen.
Neben Folter und Qual, sind es vor allem auch die Indoktrinierungen und Vorhersagen, was passieren wird, wenn man es dennoch schafft zu sprechen, die Opfer davon abhalten ihr Schweigen zu brechen.
„Dir glaubt sowieso keiner“, „Alle werden sagen, dass du lügst“, „Sie werden dich für verrückt halten“, etc…

Vor zwei Wochen haben wir uns aus einer großen Not heraus einem unserer Lehrer anvertraut.
Haben etwas von der Gewalt erzählt die wir erlebt haben.
Wir bereuen es nicht. Im Gegenteil.
Er ist zu einer großen Hilfe für uns im Schulalltag geworden.
Es entlastet uns zu wissen, dass jemand bescheid weiß, falls etwas wäre und es uns nicht gut geht.
Allein zu spüren, dass er ein Mann ist und dennoch nicht im geringsten daran denken würde einem Kind so etwas anzutun, ist heilsam für uns.
Zudem:
Er glaubt.
Er zweifelt nicht, nennt uns keine Lügnerin und er ist an unserer Seite.
Einfach so.
Mittlerweile weiß noch eine weitere Lehrerin bescheid.
Auch Sie hilft uns sehr.
Auch Sie glaubt.

Zwei Lehrer sind zu wichtigen Säulen in unserem Alltag geworden.
Sie geben uns neben der schulischen Hilfe, die Sicherheit verstanden zu werden, Ansprechpartner zu haben für den Notfall und etwas gesehen zu werden, mit dem was hinter der Funktionierfassade abläuft.
Möglich geworden durch Worte, die wir hörbar haben werden lassen, auch wenn sie nur schwer über unsere Lippen kamen.

Wir sind dankbar dafür!
Es zeigt, dass es sich lohnt, das Schweigen doch an geeigneter Stelle zu brechen.
Die Vorhersagen der Täter sind ein weiteres Mal nicht eingetreten.

Hab Mut zu sprechen, es lohnt sich!
Es sind die Täter, die lügen!

Spurensuche – sich das unvorstellbare glauben

„Einer der besten Indikatoren einer möglichen Geschichte von Mind-Control ist das Vorhanden sein von traumatischer Dissoziation. Unglücklicherweise liegt der Umstand der Dissoziation darin, verborgen zu sein. Sie verbirgt nicht nur das Material, sondern den Umstand selbst, dass es Material gibt, das dem Bewusstsein entzogen ist.“

Alison Miller in „Werde wer du wirklich bist“ 

Erst war es nur ein leises Klopfen, dann ein Pochen und schließlich ein synapsenfüllender Prozess des Selbstzweifels und des Bezweiflens der eigenen Geschichte.
Von einem Moment zum anderen war oft gar nichts mehr klar. Nicht mal das sicherste Nichts.
Die Suche nach Beweisen für oder gegen die Bilder, die so unverfroren waren, ungefragt in meinem Kopf aufzutauchen, mir von Abgründen zu erzählen und sowohl Körper, als auch Seele von jetzt auf gleich in einen Zustand zerberstenden Schmerzes oder erfrierender Ohnmacht zu versetzen und danach oft wieder abtauchten in ungreifbare Tiefen.
Dissoziation macht Realitäten ungreifbar.
Mehr oder weniger starke Zweifelphasen sind wohl den meisten Überlebenden bekannt, teils sogar von den Tätern bewusst geplant.
Ringen um Wissensstrohalme, durch dessen kleine Öffnung in der Gefühlsverwirrung Sicherheiten entstehen können.
Anbei möchten wir mit euch ein paar der Erinnerungen, Symptome und Beweise dafür teilen, dass wirklich etwas geschehen ist, die uns geholfen haben:

  • Bist du dissoziativ? Gibt es vielleicht sogar eine Diagnose wie DIS oder DDNOS, die das bestätigt? Übermäßige Dissoziation ist eine Traumafolge. Hast du ausreichende Erklärungen für das Maß der Dissoziation, das du bei dir selbst wahrnehmen kannst, wenn du leugnest, dass dir etwas geschehen ist?
  • Wenn du denkst, dass du dir selbst und anderen nur etwas vorspielst, kannst du damit aufhören?
  • Wenn du malst, schau dir deine Bilder an. Worum geht es? Wiederholt sich etwas immer wieder? Sind sie so unterschiedlich, als hätten Sie verschiedene Personen gemacht? Welchen Inhalt haben sie? Lange bevor wir eine Diagnose hatten oder in Therapie waren, haben wir z.B. Bilder gemalt, in denen verschiedenen Welten getrennt waren, links und rechts, schwarz und weiß, Tag und Nacht, Schnee und Sonne, ein offenes und ein geschlossenes Auge…
  • Hattest du vor den Zweifeln gerade eine Phase, in der besonders viel schmerzliches Material hochgekommen ist oder du dir glauben konntest? Habt Ihr gerade in der Therapie eine Erinnerung näher besprochen? Uns ist für uns aufgefallen, dass sich die stärksten Zweifelphasen oft als eine (Rettungs-)Reaktion auf eine Flut unaushaltbarer Erinnerungen zeigten oder als eine Art Gegenreaktion auf den Realisierungsprozess in der Therapie.
  • Gibt es Dinge, Erinnerungen und Verhaltensweisen, die schon vor jeder Therapie oder bevor du mit jemandem gesprochen oder etwas darüber  gelesen hast, aufgetaucht sind? Man kann sich Erinnerungen nicht einreden, wenn nichts passiert ist. Allison Miller selbst schreibt über sich, dass sie im Laufe Ihres Berufslebens zig solcher Geschichten gehört hat und noch nicht einmal auch nur Ansatzweise auf den Gedanken kam, dass es ihr selbst passiert sei. Von unserer Therapeutin haben wir ähnliches gehört. Völlig unlogisch wäre auch, dass man auch öfter von anderen traumatischen Begebenheiten, wie Naturkatastrophen hört. Wie oft hast du dir schon gedacht, dass du einen Tsunami, ein Erdbeben oder einen Vulkanausbruch überlebt hast, nur, weil du im Fernsehen Berichte darüber gesehen hast und das auch noch körperlich und emotional spüren können (sofern du das nicht wirklich erlebt hast)? Wahrscheinlich nie.
    Dennoch hat es uns oft geholfen uns zu überlegen, was an Bildern, Emotionen, Verhaltensweisen und Empfindungen schon immer da war, bevor wir uns direkt mit dem Thema beschäftigt haben, um aus der „Das rede ich mir nur ein“-Schleife herauszukommen.
  • Gibt es Erinnerungen von denen du hundertprozentig weißt, dass sie genau so passiert sind?
  • Falls du denkst, du lügst oder bildest dir alles nur ein, dürftest du eigentlich aussschließlich ganze und vollständige Geschichten, von denen du weißt, wie sie begannen, wie sie verliefen und wie sie endeten, haben. Nein!? Wenn du dir die Erinnerungen nur ausdenken würdest, könntest du sie einfach nach belieben phantasievoll ergänzen. Wenn du an Punkte kommst, wo du feststellst, dass du hier nicht weißt, wie es weiter geht oder wie es zu Anfang war, spricht das nicht dafür, dass du gerade Geschichten erzählst, denn den Verlauf von Geschichten kannst du einfach bestimmen.
  • Hast du Körpererinnerungen? Körpererinnerungen stellen das Wiedererleben eines körperlich erfahrenen Traumas dar. Dein Körper kann sich nicht an Schmerzen oder Berührungen erinnern, die er nicht erfahren hat. Sie sind nicht durch Fernsehen oder Bücher beeinflussbar. Was man noch nie gespürt hat, kann man auch nicht wiedererleben. Wie fühlt es sich an vom Rüssel eines Elefanten umarmt zu werden? Sofern du es nicht erlebt hast, kannst du vielleicht versuchen es dir vorzustellen, aber wissen und spüren tust du es nicht. Im Gegensatz dazu werden die meisten sofort wissen und körperlich nachempfinden können, wie es sich anfühlt einen Hund oder eine Katze zu streicheln. Wenn du Vergewaltigung oder Missbrauch auf Körperebene spüren kannst, kannst du dir sicher sein, dass das auch passiert ist.
  • Gibt es Belege von Außen, die dir deine Erinnerungen ein Stück weit bestätigen können? Berichten andere Betroffene ähnliche Abläufe oder über die gleichen Orte, an denen die Gewalt passierte? Gibt es Fotos?  Zugegebenermaßen sind das wohl die am schwierigsten zu bekommenden Beweise. Manchmal gibt es Sie dennoch. Mittlerweile wissen wir von anderen Personen, die ganz unabhängig von uns, Jahre nachdem wir bereits in der Therapie darüber geredet haben, über die gleichen Täter und Orte, wie wir berichten. Wir wissen, dass das selten ist und wir würden nicht gezielt danach suchen. Erstens, weil wir es als zu gefährlich erachten und zweitens, weil Erfahrungsgemäß bei uns die Aussagen anderer noch lange nicht dazu führten, dass wir die eigenen Erinnerungen auch als Wahrheit zulassen konnten. Dennoch kann das wichtige Anhaltspunkte liefern, sofern vorhanden.

Unsere Liste ist sicher nicht vollständig und nur ein Auszug an Überlegungen, die uns geholfen haben. Eventuell werden wir diese zu einem späteren Zeitpunkt ergänzen.
Wenn in deinem Kopf Erinnerungen und Fragmente an rituelle oder organisierte Gewalt auftauchen oder du das Gefühl hast, dass etwas von dem Thema mit dir zu tun hat, vertraue dir und folge der Spur. Letztendlich kannst du nur so herausfinden was für dich stimmt und was es für dich bedeutet.
Andere mögliche Indizien für rituelle Gewalt findet man auch auf anderen Internetseiten, z.B. hier oder im Buch von Alison Miller für Betroffene von Ritueller Gewalt und Mind Control „Werde, wer du wirklich bist“, erschienen im Asanger Verlag, aus dem auch das obige Zitat und einige Anregungen für diesen Blogbeitrag stammen.

Seiltänzer

Wir hängen in den Seilen.
Ordentlich.
Seit fast zwei Wochen fehlt von einem Moment auf den anderen der so dringend benötigte Boden unter den Füßen.
Sterben. Aufgeben.
Verlockend.
Andererseits – Leben ist auch wirklich schön.
Wenn es gerade nicht so scheiße wehtun würde.
Ok… einen Versuch ist es wert.
Unser Gehirn boykottiert den Funktioniermodus.
Lernen für Prüfungen Fehlanzeige.
Allein das Sitzen im Unterricht ist schon anstrengende Qual genug.
Lächeln und Schmunzeln.
Dann fühlen sich wenigstens Lehrer und Mitschüler sicher und wohl.
Depression inkognito.
Harmlos wirkt es und unernst, nach kleineren Wehwehchen, wenn wir sagen, dass es uns nicht gut geht.
Doch das ist es nicht.
Es ist der gesamte Ernst, der auf uns prallt, wenn wir spüren, dass wir Opfer sind.
Wenn die Bilder der Folter, die uns angetan wurde, in uns wirken.
Es sind die Gerüche der Männer, die uns in die Nase steigen.
Das Parfüm, der Körpergeruch, Alkohol,…
Es ist das Spüren ihres Atems, der auf unseren Körper trifft.
Mal sanft und hauchig. Mal hart und fordernd.
Es sind die Spuren ihrer Berührungen, die sie auf unseren Körper zeichneten.
Das „Es war so schrecklich“.
Wir sind Seiltänzer auf den Synapsen und hoffen an den Überspannungsleitungen möglichst vorbei zu kommen und schon gar nicht mitten auf dem Starkstromnervenkabel zu landen.
Etwas Ruhe.
Wenig Reize.
Abgerichtet auf das Leben in Kult und organisiertem Verbrechen, wo selbst Reizlosigkeit einen Reiz darstellt.
Kaum möglich.
Nervenseilüberlebenstanz.

Offenes Geheimnis

„Nur die kleinen Geheimnisse müssen gehütet werden. Die großen bleiben schon durch die Ungläubigkeit der Öffentlichkeit geheim.“

Marshall McCluhan

Weihnacht 2016

img_1590Es ist Weihnachten.
Die Weihnachtszeit hat wieder ihr Funkel-Glitzer-Kleid ausgepackt und lädt zum besinnlichen Jahresausklang ein.
Diese Tage sind für uns oft schwer, weil sie Zauberschlüssel für Erinnerungen beinhalten, die für uns den Rest des Jahres kaum oder gar nicht greifbar sind. Bei allem Schmerz – wir finden uns auch selbst ein Stück in diesen Tagen und nicht nur die Weihnachtszeit glitzert, wir tun es auch.
Mit unseren eigenen Bräuchen.
Der grüne Baum bekommt rote Bastschleifen mit Wünschen für das nächste Jahr und keine Kugeln, sondern essbare Anhänger, wie Lebekuchen, Schokolade und Glitzerpapierumhülltes.
Ein Twix kann richtig schön funkeln und ein Milky Way zum träumen in die Milchstraße einladen… 😉
Für uns zusätzlich ganz wichtig – es gibt in diesen Tagen keinen festen Zeitplan.
Wenn wir um 12.00 Uhr zu Mittag essen gut, wenn erst später, auch gut. Der Baum ist dann fertig, wenn er eben fertig ist. Wir verlassen das Haus dann, wenn wir wollen oder eben nicht.
Und wenn wir eine Pause brauchen, einfach nur dasitzen wollen/müssen und die Gefühle laufen lassen, dann können wir das jederzeit einfach tun. Das nimmt uns viel Druck (aus-)halten zu müssen.
Was gut ist, wird beibehalten, was sich nicht gut anfühlt wird geändert und wenn es ganz klitzekleine Dinge sind. Für uns ist es wichtig „Anker“ im Tagesablauf zur Orientierung zu schaffen, die deutlich anders sind als früher.

In seiner ungeplanten Chaotischheit hatten wir einen schönen Weihnachtsabend mit unserer Wahlfamilie. 🙂

Wir wünschen euch allen eine schöne Weihnachtszeit ganz nach eueren Bedürfnissen! 

Freitagabend

Es ist Freitagabend.
Eine Woche mit viel Berufs- und Arbeitsstress klingt aus.
Geschafft.
Zum ersten Mal seit Tagen komme ich zur Ruhe und habe die Gelegenheit, ohne den Druck etwas unbedingt bis Morgen erledigt haben zu müssen, einfach hier zu sitzen und so lange blöd vor mich hinzuschauen, wie ich möchte.
Mein Körper fängt an das langsam aber beständig zu registrieren.
Die Hände beginnen leise zu zittern und als wäre das ansteckend gesellen sich nach und nach noch andere Körperteile muskelvibrierend dazu.
Der Rücken pocht.
Am Montag war Freitag mein einziges Ziel.
Woche überstanden. Alle Aufgaben zufriedenstellend erledigt.
Ruhemoment.
Doch es ist nicht ruhig…
All das, was ich in Arbeit und Aufgaben bis gerade eben ertränkt habe, hat nun freie Bahn.

Der Körper schüttelt sich mittlerweile vor abfallender Überforderung.
Die Innenleute melden sich erschöpft japsend zu Wort.
Die Erinnerungen haben sich als Flutwelle zusammengetan.
„Samhain,“ flüstert mein Kopf. „Samhain.“
„Ich weiß.“, flüstere ich zurück und gebe zu, dass ich wohl gehofft habe, dass diese Daten rund um den ersten November und alles was sie für uns bedeuten, einfach im Aktionismus untergehen und dass ich davon laufen kann, wenn ich nur schnell genug bin.
Die Tage bewegen.
Nach all den Jahren spüre ich immer noch den Schrecken, den diese Nächte einst für uns bedeutet haben.
Mit jeder Faser meines Körpers bis in die hinterste Ecke jeder noch so kleinen Zelle werden die Qualen wiedererlebbar.
Bildfetzen.
Lebendig begraben.
Beim Schreiben beschließe ich, dass ich mich jetzt einfach hinlegen werde und meinen müden, schmerzenden Gliedern Raum gebe zu heilen.
Gefühle fangen an mich zu überwältigen.
Wellen von Anspannung und muskelelekrisierendem Körperzucken.
Am liebsten würde ich gerade aus meiner Haut fahren, nur um diesen Empfindungen zu entkommen.

Aus dem ruhigen Freitagabend wird wohl kein entspannter Fernsehabend mit Chips.
Damit muss ich mich wohl abfinden.
Doch immerhin finde ich mich selbst und die anderen wieder.

Tag der deutschen Einheit?

Es ist früh am Morgen.
An den Fensterscheiben ruhen die letzten Regentropfen. Die Tränen von der Nacht in meinen Augen tun es ihnen gleich. In meinem Blick sind sie noch sichtbar, doch für das Außen sind sie verstummt.
Ein Raum meiner Wohnung hüllt sich in flackerndes Kerzenwohlfühllicht und genießt dabei das trübe grau.
Die Gedanken kreisen um die begonnene Ausbildung. Nicht, weil die Ausbildung grade so schwer ist, sondern weil die Aussagen eigentlich erwachsener Menschen mich so verletzten. Gespräche über Vergewaltigung, als könnte sich Frau nichts schöneres vorstellen. Wir haben beschlossen nächste Woche die Konfrontation mit betreffenden Menschen zu suchen und deutlich zu machen, dass wir soetwas nicht mehr hören wollen, weil wir nicht einsehen, dass wir darunter leiden.
Die neuen Sprüche paaren sich mit den Erinnerungen dieser Tage in unserem Kopf.
Die finstere Zeit…
„Feiertage“.
Menschenhandel, Prostitution, verkauft werden.
Als kleines Kind mit dem Auto in eine Halle gebracht werden. Aufgereiht neben anderen Kindern.
„Such dir aus, welches Kind du möchtest.“
Freier, die einen anstarren und jedes noch so kleine Körperdetail auf die Resonanz ihrer sexuellen Erregung durchleuchten. Seelenversuche um herauszufinden, ob das jeweilige Kind entsprechend ansprechend auf das Bevorstehende reagieren wird.
„Mit welchem Kind kann ich meine Machtphantasien und die Abreaktion meiner Aggression wohl am besten umsetzen?“, tönt es lautlos aus ihren Köpfen.
Manche möchten, dass man deutlich zeigt, dass man gerade etwas schreckliches durchlebt, weil sie genau das antörnt. Manche wollen dich als kleine lächelnde Puppe, die ihre Qualen mit einem Lächeln und einem Danke quittieren.
Wer was möchte muss das Kind alleine raus finden und wehe dem es kennt die geheimen Wünsche der Herren und Damen nicht vorher…
Wer hilft den Kindern, die das Grauen grade erleben und auch in diesen Tagen wieder darauf abgerichtet werden!?
„Tag der deutschen Einheit“.
Worin sind wir uns eins?
Und womit sind wir uns einig?
In Zeiten, in denen wir uns immer noch über die Existenz von ritueller und organisierter Gewalt streiten, in denen die sexuelle Gewalt an Frauen, Männern und Kindern verharmlost wird, in denen derartige Machtstrukturen von der Politik gefördert werden, ist sich dieses Land nicht eins.
Die Existenz von millionen Menschen in diesem Staat wird bestritten.
Es mag sein, dass äußere Grenzen gegangen sind, aber die inneren gibt es noch immer.
Durch die Gesellschaft geht ein Riss.
Was soll auch sonst passieren, wenn Menschen sich selbst verleugnen und Gewaltopfer ausgrenzen.
Es sind zu viele, als dass das so bleiben könnte.
Es sind zu viele, als dass ihr euch das als Gesellschaft leisten könnt.

Das Sonnwendfeuer

Das Sonnwendfeuer lodert über die Gipfel,
erhellt der Bäume düstre Wipfel
bis spät in die Nacht.

Sommersonnenwende.

Mich dürstet.

Hitzige Kälte des sternklaren Himmels,
versunken in den Weiten des Weltallgewimmels,
bleibt ein Körper zurück.

Umstellt von vielen Männern und Frauen,
in tranceweiter Leere von oben erschauen,
was dort unten im Kreise nun weiter geschieht.

Sie murmeln und singen,
sie tuscheln und schwingen,
sie sprechen und lachen
und trommeln, tun Sachen,
die verstören ins Letzte
im feurigen Schein.

Das Folterfest feiern,
die Sonne verschleiern,
und huldigen Ihm.
Dem Tier.

Bis er kommt dann persönlich,
die Ehre dem König
der Finsternis.
Vereint mit dem auserwählten Kinde.

Oben bei den Sternen hab ich mich verloren,
in meinem Körper da wurde eine andere geboren.
Die Erinn‘rung ausgelöscht.

Wie der Abend verlief, kann nur Sie dir erzählen.
Es ging wohl um verwirren, vergewaltigen und quälen.

Seelenritualmord.