Die Katze ist gerade dabei es sich auf unseren Oberschenkeln gemütlich zu machen. Wir sind müde und doch wach. Es ist mitten in der Nacht. Im Kopf bewegen sich Gedanken. Sie suchen einen Schlafplatz.
Eigentlich ist Sommer. Diese Sommernacht ist kalt. Wir ziehen uns die Decke bis zum Kopf. Zu warm. Füße wieder raus. Unser traumageschädigter Darm macht einen Gluckser – wohl eher nicht vor Freude. Eine zweite Fellnase schaut uns auf einmal tief in die Augen. So tief, dass die Schnurrhaare unsere Wangen kitzeln. Schnurren, Treteln und ein lautloses: „Du liegst falsch. Könntest du bitte endlich die Seite wechseln und mich streicheln!?“ Wir kommen der Bitte nach. Die andere Seite war eigentlich bequemer. Mit der Hand im weich-warmen Katzenfell kommen die Kinder zur Ruhe. Ein Lächeln huscht über die traurigen Lippen. Bald wollen die Augen schlafen. Mit beiden Katzen im Arm schlummern wir ins Land der Träume.
Danke, kleine Katzentherapeuten!
Rituale
Karfreitag mit Holundersekt
Es ist Karfreitag.
Mal wieder.
Diesmal haben wir vorgesorgt.
Die kollektive Tristesse und Selbstkasteiung, die sich bei vielen gläubigen Christen aus unserer Umgebung über den Tag legt, machen wir nicht mit. Dennoch triggert sie.
Traurigkeiten gibt es in unserem Leben schon genug. Im Jahr 2017 lassen wir uns nicht mehr vorschreiben, wann wir etwas zu tun und zu lassen haben, schon gar nicht von einer Religion.
Die Emotionen sind aufgewühlt.
Lange genug haben wir um diese Feiertage gehungert, weil wir damit auf die bevorstehenden Rituale vorbereitet wurden.
Heute Morgen gab es Kakao für die Kleinen.
Später ein Glas Holundersekt für uns alle.
Wir haben überlebt.
Wie leben.
Und das tun wir so, wie wir es wollen! 🙂
Osterwochendienstag
Kaum war die letzte Woche geschafft und der Osterurlaub erreicht, sind wir auch schon mitten drin im Feiertagsregen.
Wir merken wie es im Innen arbeitet, auch wenn wir versuchen uns im Außen mit Angenehmen zu beschäftigen.
Gut, dass die Sonne scheint. Das tut dem Gemüt und den verspannten Muskeln gut, die nach den wärmenden Strahlen lechzen.
In der milchigen Frühe jetzt ein paar aktuelle Gedanken für den Blog zusammenreimen und sie möglichst sortiert zu einem Beitrag abfischen. Wir fischen im Nebel, denn nicht nur der Morgen ist milchig, sondern auch die spinnfädenartig, dissoziationsumwobenen Gedankenräume, durch die das aufgehende Sonnenlicht nur schwerlich ins Innere fällt. Die Bewegungen sind lansam, die Welt traumhaft, unser Sein eingefroren. Dennoch bleiben von Zeit zu Zeit an der Synapsenangel Worte und Satzteile hängen, die sich für Aussagesätze eignen und zusammensetzen lassen.
In der Vorstellung geht alles schneller, als es ist.
Zähneputzen, anziehen, losgehen.
Tagesplan:
Arzt.
Frühstück.
Freundin.
Bei mir selbst ankommen.
Im Triggerblitzlichtgewitter erhellen Lichtspots Szenen der Erinnerung an Ostern, Feiertage und das Drumherum.
Unverständliches, Unaussprechliches, Ungeheuerliches.
Es ist dennoch wahr.
Oft wird erwartet, dass Überlebende schnell damit umgehen lernen und darüber hinwegkommen und wenn wir es tun, dann „kommen wir gut damit klar“ und Außenstehende sind zufrieden.
Trauer ist mir in diesen Tagen oft ein echtes Bedürfnis. Egal wie lange etwas her ist. Gut mit etwas klar zu kommen, heißt für mich, dass ich mir meine Bedürfnisse diesbezüglich mittlerweile, so gut ich kann, erlaube und nicht, sie so zu beschneiden, dass andere glücklich sind.
Es gibt so viele Dinge, die betrauert werden müssen und wenn das Lachen auch an diesen Tagen zurück kommen soll, dann müssen Tränen darüber fließen dürfen.
Freitagabend
Es ist Freitagabend.
Eine Woche mit viel Berufs- und Arbeitsstress klingt aus.
Geschafft.
Zum ersten Mal seit Tagen komme ich zur Ruhe und habe die Gelegenheit, ohne den Druck etwas unbedingt bis Morgen erledigt haben zu müssen, einfach hier zu sitzen und so lange blöd vor mich hinzuschauen, wie ich möchte.
Mein Körper fängt an das langsam aber beständig zu registrieren.
Die Hände beginnen leise zu zittern und als wäre das ansteckend gesellen sich nach und nach noch andere Körperteile muskelvibrierend dazu.
Der Rücken pocht.
Am Montag war Freitag mein einziges Ziel.
Woche überstanden. Alle Aufgaben zufriedenstellend erledigt.
Ruhemoment.
Doch es ist nicht ruhig…
All das, was ich in Arbeit und Aufgaben bis gerade eben ertränkt habe, hat nun freie Bahn.
Der Körper schüttelt sich mittlerweile vor abfallender Überforderung.
Die Innenleute melden sich erschöpft japsend zu Wort.
Die Erinnerungen haben sich als Flutwelle zusammengetan.
„Samhain,“ flüstert mein Kopf. „Samhain.“
„Ich weiß.“, flüstere ich zurück und gebe zu, dass ich wohl gehofft habe, dass diese Daten rund um den ersten November und alles was sie für uns bedeuten, einfach im Aktionismus untergehen und dass ich davon laufen kann, wenn ich nur schnell genug bin.
Die Tage bewegen.
Nach all den Jahren spüre ich immer noch den Schrecken, den diese Nächte einst für uns bedeutet haben.
Mit jeder Faser meines Körpers bis in die hinterste Ecke jeder noch so kleinen Zelle werden die Qualen wiedererlebbar.
Bildfetzen.
Lebendig begraben.
Beim Schreiben beschließe ich, dass ich mich jetzt einfach hinlegen werde und meinen müden, schmerzenden Gliedern Raum gebe zu heilen.
Gefühle fangen an mich zu überwältigen.
Wellen von Anspannung und muskelelekrisierendem Körperzucken.
Am liebsten würde ich gerade aus meiner Haut fahren, nur um diesen Empfindungen zu entkommen.
Aus dem ruhigen Freitagabend wird wohl kein entspannter Fernsehabend mit Chips.
Damit muss ich mich wohl abfinden.
Doch immerhin finde ich mich selbst und die anderen wieder.
Tag der deutschen Einheit?
Es ist früh am Morgen.
An den Fensterscheiben ruhen die letzten Regentropfen. Die Tränen von der Nacht in meinen Augen tun es ihnen gleich. In meinem Blick sind sie noch sichtbar, doch für das Außen sind sie verstummt.
Ein Raum meiner Wohnung hüllt sich in flackerndes Kerzenwohlfühllicht und genießt dabei das trübe grau.
Die Gedanken kreisen um die begonnene Ausbildung. Nicht, weil die Ausbildung grade so schwer ist, sondern weil die Aussagen eigentlich erwachsener Menschen mich so verletzten. Gespräche über Vergewaltigung, als könnte sich Frau nichts schöneres vorstellen. Wir haben beschlossen nächste Woche die Konfrontation mit betreffenden Menschen zu suchen und deutlich zu machen, dass wir soetwas nicht mehr hören wollen, weil wir nicht einsehen, dass wir darunter leiden.
Die neuen Sprüche paaren sich mit den Erinnerungen dieser Tage in unserem Kopf.
Die finstere Zeit…
„Feiertage“.
Menschenhandel, Prostitution, verkauft werden.
Als kleines Kind mit dem Auto in eine Halle gebracht werden. Aufgereiht neben anderen Kindern.
„Such dir aus, welches Kind du möchtest.“
Freier, die einen anstarren und jedes noch so kleine Körperdetail auf die Resonanz ihrer sexuellen Erregung durchleuchten. Seelenversuche um herauszufinden, ob das jeweilige Kind entsprechend ansprechend auf das Bevorstehende reagieren wird.
„Mit welchem Kind kann ich meine Machtphantasien und die Abreaktion meiner Aggression wohl am besten umsetzen?“, tönt es lautlos aus ihren Köpfen.
Manche möchten, dass man deutlich zeigt, dass man gerade etwas schreckliches durchlebt, weil sie genau das antörnt. Manche wollen dich als kleine lächelnde Puppe, die ihre Qualen mit einem Lächeln und einem Danke quittieren.
Wer was möchte muss das Kind alleine raus finden und wehe dem es kennt die geheimen Wünsche der Herren und Damen nicht vorher…
Wer hilft den Kindern, die das Grauen grade erleben und auch in diesen Tagen wieder darauf abgerichtet werden!?
„Tag der deutschen Einheit“.
Worin sind wir uns eins?
Und womit sind wir uns einig?
In Zeiten, in denen wir uns immer noch über die Existenz von ritueller und organisierter Gewalt streiten, in denen die sexuelle Gewalt an Frauen, Männern und Kindern verharmlost wird, in denen derartige Machtstrukturen von der Politik gefördert werden, ist sich dieses Land nicht eins.
Die Existenz von millionen Menschen in diesem Staat wird bestritten.
Es mag sein, dass äußere Grenzen gegangen sind, aber die inneren gibt es noch immer.
Durch die Gesellschaft geht ein Riss.
Was soll auch sonst passieren, wenn Menschen sich selbst verleugnen und Gewaltopfer ausgrenzen.
Es sind zu viele, als dass das so bleiben könnte.
Es sind zu viele, als dass ihr euch das als Gesellschaft leisten könnt.
Das Sonnwendfeuer
Das Sonnwendfeuer lodert über die Gipfel,
erhellt der Bäume düstre Wipfel
bis spät in die Nacht.
Sommersonnenwende.
Mich dürstet.
Hitzige Kälte des sternklaren Himmels,
versunken in den Weiten des Weltallgewimmels,
bleibt ein Körper zurück.
Umstellt von vielen Männern und Frauen,
in tranceweiter Leere von oben erschauen,
was dort unten im Kreise nun weiter geschieht.
Sie murmeln und singen,
sie tuscheln und schwingen,
sie sprechen und lachen
und trommeln, tun Sachen,
die verstören ins Letzte
im feurigen Schein.
Das Folterfest feiern,
die Sonne verschleiern,
und huldigen Ihm.
Dem Tier.
Bis er kommt dann persönlich,
die Ehre dem König
der Finsternis.
Vereint mit dem auserwählten Kinde.
Oben bei den Sternen hab ich mich verloren,
in meinem Körper da wurde eine andere geboren.
Die Erinn‘rung ausgelöscht.
Wie der Abend verlief, kann nur Sie dir erzählen.
Es ging wohl um verwirren, vergewaltigen und quälen.
Seelenritualmord.
Karfreitagsfreiheiten
Früher, da waren diese Tage um Ostern vollgequetscht mit Ritualen und Dingen, die wir aus pseudoreligiösen Gründen genau so tun und ertragen mussten.
Am Karfreitag wird gefastet. Zum schein für die christliche Fassade.
Die Antichristliche hat Ihre eigenen Regeln. Dort herrscht Feierlaune.
All das lässt die Anspannung des Kindes ansteigen. Höchste Achtsamkeit. Was wird wo verlangt!? Wer gehört zu welcher Welt!? Und wenn man endlich meint zu wissen, zu welcher Welt jemand gehört, dann taucht er plötzlich doch auch in der anderen auf… Nur nichts falsch machen! Nichts durcheinanderbringen! Lebensgefahr!
Die Wiedersprüche von Tag und Nacht, von Außenwelt und Innenwelt, von Innerfamiliär und Außerfamiliär werden in diesen Tagen so deutlich und bewusst.
Die Stundenlange Karfreitagsliturgie in der Kirche am Nachmittag.
Die Rituale und Messen tief in der Nacht.
Wiedersprüche, die allein durch ihre Verwirrung und Anspannung Dauertrancen im Kind hervorrufen.
Perfekt als Vorbereitung und den leichteren Einstieg in die Folterprogrammierungen des Kindes, die an diesen Tagen vorgenommen werden.
Heute ist vieles anders.
Keiner zwingt mich in irgendeine Kirche zu gehen. Niemand schreibt mir vor bestimmte Rituale abhalten zu müssen oder daran teilzunehmen. Zumindest nicht im Außen.
Seit Tagen fühle ich tiefe Traurigkeit in mir, gepaart mit einem immer wieder durchdringenden kleinen zarten „Ich kann nicht mehr“.
Ich nehme mir Zeit. Zeit, um die Verwirrung von damals zu entwirren. Mache langsam, wo früher alles schnell gehen musste. Versuche die ewigen Fleisch oder nicht Fleisch Diskussionen zu durchbrechen und nehme mir vor einfach das zu essen und zu trinken, was gut für mich ist. Vor allem nehme ich mir vor überhaupt zu essen und zu trinken, so gut es geht.
Ich nehme bewusst wahr, dass wir diese Freiheiten heute im Außen haben und selber entscheiden dürfen. Irgendwie fühlt sich das gut an. Hoffnung in der düsteren Gedankensuppe. Es ist schon etwas besser geworden.
Ich fühle und höre die Vielen in mir und erahne ihre Schmerzen, ihr Leid und die Höllenqualen.
Ich bin dankbar, dass ich das heute fühlen kann und mich/uns schon soviel besser kennengelernt habe.
Ich weiß, dass nicht ich verrückt bin, sondern die Welt um uns herum.
In all dem, was noch an das Früher bindet, was schwer ist und oft kaum auszuhalten, gibt es neue kleine-große Freiheiten.
Wir essen. Was wir wollen. Und wann wir wollen.
Das ist unsere Karfreitagsfreiheit.
Sommersonnwendasche und Selbstmachfest
Das zweite Jahr ist es nun, dass wir uns am 21.Juni im Garten unser ganz eigenes Feuer schüren.
Es tut uns gut, diesen Tagen unsere eigene Bedeutung zu geben. Heute unsere ganz eigenen Feste zu feiern.
Wir sind froh, dass uns in diesen Nächten nichts passiert.
Für einen Moment denken wir an die Kinder und anderen involvierten Opfer die schreckliches erleiden und hoffen, dass die Qualen für sie bald ein Ende haben, dass sie so schnell wie möglich den Weg raus aus der Gruppierung finden, dass sie auf Menschen treffen, die sehen und helfen.
Und dann singen wir unsere Lieder, laufen um unser Feuer und springen schließlich auch darüber. Nach altem Brauch soll der Sprung über das Sonnwendfeuer heilsam sein und Blockaden und Krankheiten aus der Aura entfernen. Wir stellen uns vor, wie wir von dem Feuer liebevoll gereinigt, geschützt und geheilt werden. Wir spüren angenehm die Wärme, die davon ausgeht und uns in der kühlen Dämmerung berührt. Wir genießen das Gefühl mit der Erde verbunden zu sein. Wir spüren uns selbst und freuen uns über die Helligkeit und das Licht dieses Tages.
Eine Zeit lang sehen wir einfach nur den Flammen zu, bis es uns doch zu frisch wird und wir nach drinnen gehen.
Das Feuer und die Glut lodert noch länger weiter. Immer wieder beobachten wir es vom Fenster aus. Es wird noch dauern, bis alles endgültig erlischt.
Morgen früh werden wir dann die Asche in Gläser füllen.
Die Asche des Sonnwendfeuers gilt als gutes Mittel gegen Brandwunden und wird bei Bedarf einfach auf die betroffene Körperstelle aufgetragen. Durch das Feuer ist die Asche weitestgehend steril und man muss keine Angst vor „Dreck in der Wunde“ haben.
Man kann auch eine kleine Menge mit etwas Olivenöl vermengen. Die kühlenden Mondkräfte, die dem Olivenöl zugesprochen werden, helfen nach altem Rezept zusätzlich bei der Heilung.