Flashback im Tarnumhang – Angststörung oder Posttraumatische Belastungsstörung!?

Ängste spielen nicht nur bei Angststörungen sondern auch als Symptom der Posttraumatischen Belastungsstörung eine Rolle. Dabei können sie beispielsweise als Gefühlsflashback getarnt auftreten. Wir kennen mehrere Personen, die jahrelang wegen teils schweren Angststörungen behandelt wurden, aber einfach nicht weiter kamen. Erst als erfahrene Therapeuten die dissoziative Komponente erkannten und begannen die Hintergründe in die Behandlung einzubeziehen, wurden die ungreifbaren Ängste beeinflussbar.
Was die Betroffenen oft auch vereint: Außer den plötzlichen heftigen Angstattacken gibt es anfangs scheinbar keine weiteren Symptome. Im Falle einer PTBS ist dies durch die Fragmentierung der Erinnerung erklärbar. Das Angstgefühl kommt ohne dazugehörigem Bild zurück. Die Auslöser der Gefühlsflut sind so aus dem Zusammenhang gerissen schwer auszumachen.

Bei chronisch traumatisierten Menschen ist der unerklärliche Affekt häufig mit den dissoziierten Persönlichkeitsanteilen verbunden.
Bei uns zeigt sich das beispielsweise darin, dass wir Angst haben ohne den Grund zu kennen. Manchmal stelle ich im Alltag auch fest, dass meine Beine beginnen wegzulaufen ohne dass ich noch in der Lage bin dies zu beeinflussen. Im Unterricht, ist mir das etwa einmal passiert, als eine Lehrkraft widererwarten maskiert erschien. Ich war schon aus dem Raum gelaufen, ehe ich überhaupt die Situation richtig realisiert habe.

Doch es gibt auch viel subtilere Situationen. Dann merke ich nur wie ich etwas benommen werde. Angst spüre ich keine. Dennoch wird mein Verhalten beeinflusst. Ich bin dann irgendwie gedankenlos. Biege mit dem Auto vielleicht auch noch mehrmals falsch ab. Der Zustand bleibt vage.
Noch weniger greifbar wird es, wenn sich einfach nur meine Meinung zu einer Sache ändert. Ich wollte beispielsweise grade noch einkaufen gehen und im gleichen Moment scheint mir etwas anderes viel wichtiger, obwohl ich eigentlich dringend Lebensmittel benötige. Oder ich habe mit Freunden ausgemacht und mich sehr auf ein Treffen gefreut. Kurz vorher habe ich aber plötzlich keine Lust mehr. Wenn ich im Nachhinein auf die Situationen schaue, kann ich manchmal feststellen, dass jemanden im Innen der Umgang mit Menschen überfordert hätte.

Das charakteristische für diese Angst als Traumafolge besteht für uns klar darin, sie oft nicht einordnen zu können. Das „Warum?“ fehlt und wenn es vorhanden ist, scheint es dennoch distanziert oder unzureichend. Beim Erzählen von solchen Situationen haben die Behandler oft ebenfalls das Gefühl „ins schwimmen“ zu geraten. Eine ehemalige Therapeutin beschrieb das für sich einmal so: „Die Patientinnen erzählen etwas, was sich schon beim Zuhören sehr diffus anfühlt. Sie sagen z.B.: Das war so ein schöner Spaziergang durch die Allee. Die Sonne schien. Auf einmal war da Angst, aber eigentlich ist ja alles gut. Bei der Erzählung laufen zwei Welten parallel ab. Das wirkt beim Zuhören genau so ungreifbar, wie für den Patienten in der Situation. Alles war gut und gleichzeitig absolute Panik. Es scheint oft keinen Ansatz zu geben, weil bei jeder Nachfrage doch eigentlich alles gut ist, wenn da nicht das komische Gefühl gewesen wäre, aber eigentlich ist alles gut. Nur mit Erfahrung und Feingefühl lässt sich dann ein Trigger in der Lichtstimmung herausarbeiten.“
Manchmal bleibt die Angst als Gefühl ganz inkognito. Wir empfinden dann keine Panik, drohen aber in Ohnmacht zu fallen. Wir sind einfach nicht in der Lage Post zu öffen, ohne zu wissen weshalb. Wir gehen tagelang nicht aus dem Haus, weil es eine innere Sperre gibt. Die Angst dahinter fühle ich als Alltagsperson aber nicht. Oder ich bekomme zwar panische Angst vor einer Situation. Ursache jedoch ebenfalls unbekannt.
Das heißt aber wiederum nicht, dass die „Phobie“ unspezifisch sein muss. Wir erinnern uns noch sehr lebhaft an einen Fall während unserer Ausbildung. Dabei handelte es sich um eine junge Frau, die wegen einer Schmetterlingsphobie behandelt wurde. Erst später stellte sich heraus, dass die schönen Flattertiere Auslöser für dahinterstehende schwere Traumatisierungen waren.

Für die Therapie zeigt das auch, dass rein verhaltenstherapeutische Konzepte zu kurz greifen. Der Lebenskontext der Angstentstehung muss einbezogen werden und das allerspätestens dann, wenn die Therapieversuche immer wieder scheitern. Im besten Fall aber natürlich von Anfang an. Sonst wird man den Patienten nicht gerecht. Eine inzwischen ältere Frau, die wir in einer Gruppe für komplexe Traumafolgen kennengelernt haben, irrte wegen ihrer massiven Ängste Jahrzehnte lang durchs Gesundheitssystem, ehe eine Therapeutin ihre Leidensgeschichte durchschaute. Sie begann mit einer Traumatherapie und fühlt sich mittlerweile wieder sehr viel wohler.

In der Selbsthilfeliteratur bietet das Buch „Traumabedingte Dissoziation bewältigen“ von Boon, Steele und Van Der Hart hilfreiche Ansätze zur Bewältigung dieser Symptomatik. Zudem bietet es dem Leser weiterführende verständliche Einblicke in die Thematik. Erschienen ist das Buch 2013 im Junfermann Verlag.

Melinas Fragen und Schmetterlingsphilosophien 🙂

Die lieben Melinas haben uns in den Kommentaren zu „Ein Beitrag für eure Fragen“ ihre Gedanken und Themenwünsche zukommen lassen.

Tolle Idee, liebe Sofie!
Was wenn diese Diagnose DIS eben nur eine Diagnose ist und mehr nicht? Vielleicht ist es ein revolutionärer Gedanke, wenn wir alle als vorgeburtlich, in der Kleinkindzeit, in der Kindheit, in der Jugend, und auch noch später ALLE sehr traumatisiert sind, alle dissoziiert sind, gespalten, geschädigt, „zu Tode“ verletzt, gebrochen, verstört….worden sind und wir im Grunde alle Therapie bräuchten….oder eben eine andere Sichtweise entwickeln müssten, statt nur den sog. „Kranken“ (mit Diagnose) eine Therapie zu genehmigen?
Wenn ich mich Tag für Tag umsehe und in den vielen Begegnungen des Tages soviele Menschen mit verletzten Seelen erlebe, die ausblenden, nicht reflektieren, alles abwehren was ihnen nicht gefällt, blind und mit Scheuklappen herumlaufen, mit den Fingern auf andere zeigen…..denke ich, dass die Menschen hier in den Blogs bei Dir und vielen anderen und auch bei mir mit diesen Diagnosen DIS, DDNOS, Borderlines ….mitlesen und sich äußern, doch eigentlich die Sorte Mensch sind, die am wenigsten therapiebedürftig sind, weil sie imstande sind, einen ehrlichen Blick auf sich selbst und diese sich zerstörende Welt in der Lage sind – zu werfen….Was sagst Du dazu? Und findest Du es auch, dass es eigentlich ein Geschenk ist, dass wir durch unser Schicksal gelernt haben stärker und mutiger zu werden um die Wahrheiten in uns und in der Welt zu suchen?

Manche Fragestellungen sind fast schon philosophisch und wir mussten sie erst einmal auf uns wirken lassen. Dabei war es sehr interessant darüber nachzusinnen. Im folgenden wollen wir euch einen kleinen Einblick in unsere Schmetterlingsphilosophie diesbezüglich geben. 😉 Weiterlesen

Freizeitspaß und Entspannung

Zu „Ein Beitrag für euere Fragen“  sind bereits die ersten Rückmeldungen eingegangen. Eine davon wollen wir hier nun Aufgreifen. Die Farbe Bunt wollte folgendes von uns wissen:

„Hallo 🙂. Was sind denn so eure liebsten und angenehmsten Unternehmungen/Beschäftigungen, um zur Ruhe zu kommen/zu entspannen und/oder Dinge, an denen ihr euch freuen könnt?“

Soweit ich weiß, haben wir darüber auch tatsächlich noch nie direkt geschrieben. Danke also für diese Anregung!

Zunächst ist es so, dass Entspannung für uns im Alltag als Thematik kaum auftaucht. Das liegt nicht daran, dass wir kein Bedürfnis danach hätten oder niemals nach Möglichkeiten dazu suchen. Tatsächlich haben wir eher so etwas wie eine „Entspannungs-Sperre“. Sobald das Ziel „Entspannung“ direkt benannt wird, können wir uns darauf nicht mehr so gut einlassen. Wir gehen in eine Abwehrhaltung. Irgendetwas in uns sträubt sich. Die Entspannung wird „spannend“. Die genauen Gründe dafür, kann ich nicht benennen. Manchmal steckt aber sicher die Angst dahinter, darüber mit etwas aus der Vergangenheit in Kontakt zu kommen.

Nichts desto trotz, bauen auch wir in unseren Alltag natürlich Ruhephasen ein. Weiterlesen

Sonniger Sonntag

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Heute war ein sonniger Tag.
Schon morgens, als wir aufwachten, strahlte uns die Sonne aus dem Bett. Die Welt da draußen vor dem Fenster, sah so freundlich aus. Es war, als würde aus jeder ihrer Poren eine fröhliche Einladung leuchten, doch nach draußen zu kommen.
Bald wagten wir die ersten Schritte auf unseren Balkon. Dort erstarrten wir. Zur Eissäule. Die Wärme war geheuchelt. Bei den eisigen Minusgraden, war die Lust auf Zeit im Freien schnell vorbei. Als wir zurück ins Zimmer traten schmunzelten uns die Katzen blinzelnd zu, als wollten sie sagen: „Hätten wir dir gleich sagen können. Was denkst du, weshalb wir hier noch rumliegen.“ Ok, es stimmt. Das hätte mir tatsächlich zu denken geben sollen. Sowas passiert nur, wenn man nicht auf seine Stubentiger hört. Die Dame des Hauses bewegte sich tatsächlich nicht einen Millimeter von ihrem Schlafplatz weg und der Herr setzte nur einmal kurz eine Pfote vor die Tür und drehte sich dann fröstelnd um.

Wir blieben also im Zimmer, weil wir ohnehin nichts vorgehabt hätten und ein Spaziergang uns in Anbetracht der Tatsachen nicht sehr attraktiv erschien. Hinter der Fensterscheibe war die Sonne wärmer.
So begann ein eisiger Frühjahrstag, an dem wir lange vor uns hin dissoziierten und zwar genau so lange, bis uns die Dissoziation bewusst wurde und uns vor Anspannung die Tränen über die Wangen liefen. Wir klebten in einem Stück von Panik, weil die Abspaltung plötzlich so greifbar war. Natürlich ist das eigentlich nichts Neues, aber es machte uns nun verdammte Angst. Weshalb genau, verschwand im Wattenebel im Inneren. Die Sonne draußen war immer noch da, aber in uns wurde es finster. Die Welt wirkte verschlossen. Oder wir? Oder beide?
Wir begannen uns zurückzusuchen. Was sehen wir? Den Sessel, die Katzen, unsere Küche, die grüne Ablage… Ein klein wenig von uns fanden wir wieder, als wir gerade angestrengt die Einhörner auf der Bettwäsche zählten und dem Geräusch der Stille lauschten.
In vielen Punkten schienen wir uns heute Näher zu sein als sonst. Es triggerte viel mehr, wir spürten mehr und dennoch brachte genau das uns in eine unendliche Entfernung von unserem Sein. Wir waren uns nah im Abgespalten sein. Der Körper saß auf dem Bett. Unsere Seele jedoch flog durch verschiedene Stationen alter Zeiten.

„Merkst du auch, dass wir uns nicht spüren?“, sagte eine innere Stimme leise.
„Ja. Ich merke es. Woran liegt das?“, frage ich zurück.
„Hmm, vielleicht weil uns die Hände gebunden sind?“
„Unsere Hände sind frei“, erkläre ich. „Wir können sie heute frei bewegen.“
„Wir können sie nicht frei bewegen“, erwiderte das Innenkind. „Die Dissoziation hat uns den Körper geklaut.“

Ich bewege mich durch den Raum und lasse frische Luft zur Balkontür herein. In der Kälte werden meine Gedanken klarer, doch der Nebel auf den Sinnen bleibt. Keine Rückholmaßnahme fruchtet wirklich. Irgendwann begreife ich, dass es längst mehr ist, als reine Dissoziation.
Zwei Denkstraßen weiter schüttelt es mich und den ganzen Körper. Eine unsichtbare Macht zerrt mich einzuschlafen. In taubem Dasein sind wir bewegungslos gefesselt und nicht in der Lage zu fliehen. Wir kämpfen. Dann geben wir für einen kurzen Moment kraftlos dem bleiern schwer betäubenden Zustand nach, der auf uns liegt.
Als wir später zu uns kommen, sind wir immer noch benebelt, aber klar in dem, was gerade vor sich ging. Das gibt uns etwas Handlungsfähigkeit zurück.

Dann fließen die Tränen, diesmal, weil die Anspannung abfällt und wir langsam aus dem „Albtraum“ aufwachen. Die Bilder klären sich.

Sonntag, Sonne, Drogenflashback.

Zugfahrt zu meinen Tönen

Wir sitzen im Zug.
Hinter uns macht ein Kind rabatz. Als ob mein Kopf nicht schon voll genug wäre, bringt es mit seinen Quengeleien mein Synapsensystem zum Überlaufen. Ich habe nichts gegen das Kind an sich, nur gegen das, was es auslöst. Ich möchte weg und kann nicht. Die Bahn ist voll. Mein Ziel lässt auf sich warten. Früher als gedacht löst sich unvermittelt zumindest das äußere Problem. Die Familie ist angekommen und steigt einige Stationen vor mir aus.
Während mir die Sonne auf’s Gesicht scheint, bin ich damit beschäftigt, mich selbst zu halten, um nicht an der Kinderstimme zu zerbrechen. Die Triggerbilder rasen durch meinen Kopf. Alte Verletzungen treiben mir stille Tränen in die Augen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich in der Regel öffentliche Verkehrsmittel meide. Zu viele Menschen mit zu hohem Triggerpotenzial. In meinem Auto bin ich kuschelig mit mir alleine. Da kommt mir keiner dumm, niemand quetscht sich neben mich und die Kontakte auf dem Weg bleiben berechenbar. Heute wollten wir es mit dem Zug versuchen, weil es an sich praktischer gewesen wäre – theoretisch.

Wir versuchen aus den weiten Gedankenschleifen zurück zu unserem eigentlichen Ziel zu kommen. Darauf haben wir uns schon am Morgen gefreut. Noch einmal mit der S-Bahn umsteigen, dann sind wir da.
Wir gehen singen.
Eine Stunde mit einer Lehrerin haben wir uns lange nicht gegönnt. Unsere Seele mag es Töne zu finden und Klänge zu bauen und atmend den Emotionen Stimme zu geben. Die Arbeit mit unserem Lautorgan eröffnet uns neue Räume. Manchmal haben wir in den Gesangstunden lange feststeckende Tränen geweint. Sie liefen einfach, während wir uns sanft bewegten und dehnten, um Resonanzräume zu schaffen. Wir sind gespannt, wie es heute sein wird. Ein Neuanfang nach Jahren.

Ein paar schöne Gedanken weiter, singt unsere Seele wieder in Dur statt Moll. Wir steigen aus und laufen die letzten Meter zum Ziel.
Trotz bitterer Winterkälte begleiten uns Sonnenstrahlen.
„Let the Sunshine in…“

Stunden für Minuten

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Ich kann Stunden damit verbringen

mich an eine Minute zu erinnern.

 

Quelle unbekannt

Herzogin Kartoffeln mit Roter Bete

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Manchmal muss es bei uns einfach schnell gehen. Wenn es mir nicht gut geht, habe ich oft keine Kraft lange am Ofen zu stehen.
Heute haben wir uns deshalb für ein nicht ganz selbst zubereitetes Gericht entschieden. Bei den Herzogin Kartoffeln haben wir auf das fertige Produkt von Edeka zurück gegriffen. Das schmeckt uns von den Discountprodukten am besten. Es geht natürlich auch jede andere Sorte.

Die rote Bete haben wir klein geschnitten. Um uns die Finger nicht einzufärben, haben wir sie einfach in den Quickchef von Tupper geworfen und mit ein paar kräftigen Zügen durch’s Messer gejagt. Danach haben wir die Bete in einem kleinen Topf mit Sahne gekocht. Zum Würzen haben wir uns für ein Lorbeerblatt, etwas Salbei, Salz und Pfeffer entschieden. Weißer Balsamico rundet den Geschmack ab. Nach ein paar Minuten ist die rote Bete gar und man kann das cremige Gemüse essen.

Die Zutaten im Überblick:
– Drei Rote Bete (geht auch bereits gekocht)
– 200g Schlagsahne
– 1 Lorbeerblatt
– 1 Zweig Salbei
– 3 EL weißer Balsamico
– Salz
– Pfeffer

Beilagen nach Belieben. In unserem Fall z.B. die Herzoginkartoffeln.

Guten Appetit! 🍴 😊

Eigentlich war es doch gar nicht so…

… unbedeutend.
… leicht.
… harmlos.
Schlimm!?

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Weshalb jeder Missbrauch zählt, zeigt folgender Fall:

Die Geschichte zu diesen Gedanken beginnt mit einem Kundentermin, den ich trotz meiner Krankschreibung wahrgenommen habe. Es war mir wichtig, die offenen Akten soweit abzuschließen, dass ich die Arbeit mit halbwegs gutem Gewissen zurücklassen kann. Die Frau, die im Büro vor mir sitzt, ist über 70 Jahre alt. Wir regeln gemeinsam Formalien, Unterschriften und grob die weiteren Abläufe. Ganz nebenbei beginnt sie von sich zu erzählen, ihrem Mann, der gerade erst verstorben ist und ihrer Kindheit. Ich sei emphatisch und dass Sie sich sehr freue, dass ich mich um ihr Anliegen kümmere, meint sie.
Dann platzt es aus ihr heraus, wie eine Offenbarung. Endlich habe sie nun den Mut in Therapie zu gehen. „Es hat so schrecklich lange gedauert, aber dem Missbrauch aus meiner Kindheit konnte ich mich vorher nie stellen. Jetzt hab ich es doch gewagt“, zittert ihre Stimme. „Mir geht es schon viel besser, seit ich damit angefangen habe. Mein ganzen Leben war danach ausgerichtet. Was ich esse, was ich anziehe, welche Filme ich sehe…“
Ich bin für den Moment sprachlos. Ihre Augen durchdringen mich mit der unausgesprochenen Frage nach meiner Meinung. Mein Kopf nickt und meine Lippen formen eine Bestätigung: „Ich finde es gut, dass sie das machen. Es kommt nicht darauf an, wie alt sie schon sind, sondern dass sie es verdient haben endlich zu heilen.“
Sie lächelt.
Dann erzählt sie mir die alten Situationen.
Für einen Moment möchte ich nur Stopp schreien. Darum geht es hier gerade eigentlich nicht. Es wird mir zu viel. Ich atme zwei Mal tief durch und sammle mich. Dabei bringe ich mich selbst in Sicherheit. Ich entscheide mich für einen Augenblick zuhören zu wollen.

Ihre Schilderung ist kurz.
Erstaunlich kurz.
Irgendwie hatte ich bei der alten Dame „schlimmeres“ erwartet. Immerhin erzeugte das Erlebte einen siebzig Jahre andauernden Leidensdruck…
Das ist an dieser Stelle meinerseits gar nicht abwertend oder verharmlosend gemeint. Das möchte ich deutlich betonen.
Als sie mit der Detailschilderung anfing, war ich innerlich überzeugt davon, dass sie mir gleich Vergewaltigungsszenarien erzählen wird.
Doch darum ging es nicht.
Viel mehr stand Folgendes im Mittelpunkt:
Ein Bekannter steckte ihr bei einem Besuch in einem unbeobachteten Moment kurz unvermittelt die Hand in die Hose als sie gerade vier war. In zwei weiteren Situationen bedrängten Sie als Jugendliche Fremde auf der Straße. Einer riss ihr die Bluse auf. Die Fortsetzungen der Taten konnte durch Passanten verhindert werden.
Alle Täter stammten nicht aus dem familiären Kreis.
Ihre Mutter glaubte ihr sofort, als sie die Vorfälle schilderte und kümmerte sich fürsorglich.

Worauf will ich eigentlich hinaus?:
Die Gesellschaft übersieht viel zu häufig, was solche Situationen bei Menschen anrichten können. Dabei nehme ich mich selber nicht aus. Es fällt mir an mir selbst oft schwer, mich ernst mit meinen Gefühlen zu nehmen. Mit Sätzen wie „Es war doch nur ein bisschen Streicheln“ oder „Das kann mich doch nicht so lange beeinträchtigen“ habe ich in der Vergangenheit häufig Teile meiner eigenen Erinnerungen abgewertet. Was ich dazu fühle ist eine ganz andere Sache. Der Heilung ist das nicht gerade förderlich. Bei anderen Menschen ist mir die Tragweite viel klarer.
Nicht nur in Missbrauchsfamilien wird die Meinungsbildung Richtung „Akzeptierte Grenzüberschreitung“ geformt. Die Medien verkaufen uns mittlerweile tagtäglich in der Nachmittagsunterhaltung, dass eine gewisse Übergriffigkeit zum Leben dazugehört und Frau das auszuhalten hat.
Der Schock und das Entsetzen der Taten war im Fall der älteren Dame deutlich sicht- und spürbar. Es muss keine Vergewaltigung sein um langanhaltende, schwerwiegende Folgen von Traumatisierung zu bewirken.
Meiner Kundin war das absolut klar. „Mit Sprüchen wie „Nochmal gut ausgegangen“ braucht man mir gar nicht mehr kommen. Es war einfach furchtbar. Grenzen werden nicht erst bei Vergewaltigung überschritten. Das ist es was zählt“, sagt sie bewegt und schließt so ihre Erzählungen.

Es wird Zeit, dass wir uns endlich wieder trauen unsere Grenzen unabhängig von der Meinung anderer zu fühlen.
Da Grenze individuell ist, sind es auch Ausmaß und Schwere der Traumatisierungen des Einzelfalles. Es zählt, was für dich selbst zählt!

Therapie von DIS — Melinas Schreibfamilie Blog

Die lieben Melinas haben meinen letzten Beitrag wundervoll mit Ihren Eindrücken und Erlebnissen ergänzt. Es lohnt sich reinzulesen. 🙂

Die wundervolle Beschreibung von Sofies Gespräch mit der Therapeutin ist so klar, dass ich hier für meine follower das noch erwähnen will. Hier ist der Link zur Seite: Sofie Hier kann ich so glasklar erkennen, was eine Therapeutin über Dis wissen muss um den Umfang einer mehrfachen und inzwischen chronischen Traumatisierung zu kennen und nur […]

über Therapie von DIS — Melinas Schreibfamilie Blog

PTBS bei DIS

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Ich telefoniere mit meiner Therapeutin.
Sie ist neu, aber wirkt kompetent.
Das Gespräch führt uns an den Unterschieden in der Behandlung von einer DIS mit komplexer PTBS und einer PTBS nach Monotrauma vorbei.
Was ich in dem Moment interessiert gehört, aber nicht weiter realisiert habe, ist jetzt in meinem Bewusstsein angekommen. Ihre Aussagen fühlen sich verdammt stimmig an:

„Es gibt gewaltige Unterschiede in der Behandlung von einer normalen PTBS und einer Patientin mit DIS. Eine PTBS haben sie nach dem ersten Trauma. Die sieht und merkt man deutlich. Mit Patienten im akuten Zustand der PTBS können sie nicht länger als 5-10 Minuten sprechen. Danach sind sie platt, völlig überfordert und sie bemerken als Behandler das Leid.
Bei Ihnen ist die PTBS chronisch. Sie ist bei DIS mit zunehmender Abspaltung durch die häufigen Traumatisierungen hinter der Fassade versteckt. Deshalb laufen sie auch lächelnd in die Praxis ihres Arztes und er hat Mühe die Ernsthaftigkeit der Lage zu erfassen. Sie sind als Alltagsperson in dem Moment nicht traumatisiert. Sie funktionieren. Alles andere trägt ein Innen. In ihrer Lebenssituation waren sie gezwungen die PTBS unsichtbar in den Alltag zu integrieren. Sie ist chronisch vorhanden, aber auch chronisch unsichtbar.“
(Sinngemäß wiedergegeben)

Diese Worte lassen mich vieles verstehen. Die Therapeutin hat recht.
Das trifft den Nagel meiner Problematik auf den Kopf.
Ich kann nicht mehr, aber eigentlich habe ich damit nichts zu tun. Nicht wirklich irgendwie. Also völlig eigentlich, aber dann doch wieder nicht. Ich trete ein für die inneren Bedürfnisse einer anderen Person. Meine Konversation ist klar und rationell. Die emotionale Dramatik dahinter, bleibt oft verborgen.

„Wenn ich mit einer PTBS-Patientin arbeite muss ich den Überblick für eine Person behalten. Bei einer DIS bin ich für Viele verantwortlich. Wenn ich eine Frau mit DIS stabil nach Hause schicke und übersehe, dass ich innen ein Fass aufgemacht habe, kann sie beispielsweise plötzlich ihre Kinder nicht mehr versorgen, sobald sie aus der Türe ist.“

Ja, das kann passieren. Das kennen wir gut aus früheren Therapiesituationen. Leider.
Für mich war’s ok zu gehen und kaum draußen ging der Punk ab.
Tut gut das Gefühl, eine Person gegenübersitzen zu haben, die verantwortungsbewusst mit dem Viele sein umgeht und zumindest eine Idee davon hat, dass innen etwas anderes laufen kann, als außen. 👩‍👩‍👧‍👦