Dünnhäutig

Ich falte ein Stück Papier.
Erst in der Mitte. Dann nochmal in die andere Richtung.
Öffnen.
Linke Ecke zur Mittellinie. Rechte Ecke zur Mittellinie.
Einmal. Zweimal. Dreimal.
Meine Finger bewegen sich mit nervöser Genauigkeit.
Mich fröstelt.
Ich bekomme Gänsehaut
und ein heißes Gesicht.
Der Spannungsbogen der Situation läuft darauf zu, dass sich ein Papierflieger in die Lüfte erhebt.
Äußerlich.
Innerlich kämpfen wir damit, dass uns ein hartnäckiges Ekzem im Intimbereich den letzten Nerv raubt.
Es juckt. Es schmerzt. Es brennt.
Kurz: Es kann alles, was ein richtig guter Trigger an dieser Stelle können muss.
Jackpot dabei: Kein Arzt weiß, weshalb es überhaupt da ist.
Keine Therapie schlägt wirklich an.
Die nässend geschwollenen Stellen haben keinen Namen.
Kein Pilz. Kein Bakterium. Kein Nichts.
Dennoch ist die Frau in uns löchrig dünnhäutig.
Wundflüssigkeit läuft wie Tränen über die Schamlippen.
Und nun?
Es ist, als schrien sämtliche meiner Hautzellen: „Ich möchte nie wieder angefasst werden! Schon gar nicht dort!“
Gleichzeitig lösen sich unsere (Haut-)Grenzen auf.
Eine innere Gewissheit tut sich auf, dass dieser Bereich erst dann wieder heilen wird, wenn eine bestimmte Innenperson Beachtung findet. Wenn ein Stück Erfahrung heilt. Aber wie? Der Zugang fehlt.

Hey du,
Kind voller Tränen.
Lass uns wachsen. Gemeinsam. Zur Frau.
Zur Überlebenden.
Mit Grenzen.

„Trotz allem“-Wut

Vor vielen, vielen Jahren, bei unserer ersten kompetenten Therapeutin, bekamen wir von Ihr das Buch „Trotz allem“ zum lesen ausgeliehen. Was wir damals daran so besonders toll fanden, ist die Tatsache, dass uneingeschränkt an die Erinnerungen der Betroffenen geglaubt wurde. Das selbst dann vertrauen in die Gefühle bestand, wenn konkrete Erinnerungen fehlten und die Überlebende „nur“ einem innerem Instinkt folgte. Damals waren meine Zweifel noch deutlich größer und übermächtiger im Vergleich zu heute. Nur kleine diffuse Bruchstücke drangen durch das Schwarz meines Erinnerns. Der klare Standpunkt der Autorinnen erleichterte es mir meinen Weg zu finden und mich auf mich selbst einzulassen. Um zu begreifen was meine eigene Geschichte ist, war und ist es für mich elementar wichtig, dass es Menschen um mich gibt, die für mich die Fahne hochhalten und glauben, wo ich selber vor Verwirrung gar nichts mehr glauben kann. Das Buch war damals ein Teil davon. Nur so konnte ich überhaupt kritisch hinschauen, was in meinem Kopf los ist und mir selbst ein Bild davon machen, was ich letztendlich glaube. Mit Wischiwaschi-hätte-wenn-könnte-wäre-Aussagen, wäre ich keinen Schritt weiter gekommen. Es war das „Du schaust dir das jetzt an und deine Meinung kannst du danach immer noch ändern, weil ich daran glaube, dass an deinen Bildern was wahres dran ist“, das mich hat wachsen und erkennen lassen.

Nun hielt ich gerade die neue Auflage von „Trotz allem“ von Ellen Bass und Laura Davis in den Händen und stellte mit bedauern fest, dass die Eindeutigkeit an manchen Stellen gewichen ist. Man ist vorsichtiger in den Aussagen geworden. Als Leserin habe ich Eindruck bekommen, dass auch hier die Debatte um „Falsche Erinnerungen“ zu einem Zurückrudern in der Eindeutigkeit geführt hat. „Überlebende werden sich zwangsläufig etwas ungenau an die Einzelheiten des Missbrauchs erinnern“, heißt es etwa im Kapitel „Die Grundlegende Wahrheit der Erinnerung“. Nein! werden sie nicht! Wir haben durchaus sehr genaue Erinnerungen! Zwar werden die Erinnerungen und Gefühle an dieser Stelle noch als Hinweis für etwas genommen, was passiert ist und sehr verletzt hat. Dass es Eins zu Eins so war, wird allerdings in Frage gestellt. So wird auf Seite 138 ausgeführt: „Manche Frauen Erinnern sich nicht, weil es keine physischen Übergriffe gab. Stattdessen warst du vielleicht einer Atmosphäre, unangemessener Grenzen, anzüglicher Blicke oder einem unangebrachten romantischen Verhalten ausgesetzt.“ Unterlegt wird die Behauptung mit dem Beispiel einer Betroffenen: „Ich war drei Jahre lang in Therapie und habe geforscht, in Erwartung eine Vergewaltigung oder ein anderes Ereignis aufzudecken, wo er mich tatsächlich belästigt hat. Doch er hat nichts dergleichen getan. Es war alles emotional.“
Wir finden solche Aussagen mehr als schwierig, zumal wir denken, dass sich eine Frau nicht vergewaltigt fühlt, weil die Atmosphäre nicht stimmt. Außerdem würde mich an der Stelle interessieren, wie die Frau zu der Einsicht kam, dass es letztlich nicht so war. Nur weil sich eine bildhafte Erinnerung nicht zeigt, belegt das nicht die Unrichtigkeit von Gefühlen. Wenn der Körper nicht weiß, was es bedeutet vergewaltigt zu werden, wird keine Frau der Welt plötzlich in jeder ihrer Körperzellen genau das fühlen können. Wie soll ein Körper speichern, was er nicht kennt!?
Über die Aussage „Langfristig ist es besser, deine Ungewissheit anzuerkennen, als vorzeitig etwas zu benennen, dessen du dir nicht sicher bist“ (S.139) könnten wir dann nur noch kotzen. Die Täter werden sich freuen und das Opfer kommt keinen Schritt mehr vom Fleck, weil es sich mit seinen Gefühlen nie Vertrauen darf, oder wie!? Genau diese Vertrauen braucht es doch aber, um irgendwann Sicherheit finden zu können. Egal wie sie am Schluss aussieht.
Es braucht Klarheit! Es ist wichtig zunächst davon auszugehen, dass es genau so war, wie es erinnert wird und von diesem Standpunkt weiter zu gehen. Anders kann man Verzerrungen, sofern sie überhaupt vorhanden sind, nicht aufdecken.
Aus einem Buch, dass vorher uneingeschränkt empfehlenswert war, ist durch das angepriesene „Überarbeitungs- und Zusatzmaterial“ in der Neuauflage ein Eiertanz geworden, bei dem klare Aussagen sich doch selbst zu vertrauen und zu glauben, im nächsten Moment wieder untergraben werden.
Ein Großteil des Inhaltes ist empfehlenswerter Lesestoff zum Thema Missbrauch, sofern man die Verunsicherung ausblenden kann, die den Weg ins Buch geschafft hat.
Diese Entwicklung finden wir sehr schade!

Übergangszeiten

IMG_4657

Copyright by „Sofies viele Welten“


Das Gras ist noch nass vom Tau.
Der Hauseingang liegt früh am Morgen noch im Schatten.
Aus der Magnolie glitzern die Anemonen.
Auf der Wäschespinne der Nachbarin hängt bereits ein Betttuch. Der Duft der frischen Wäsche benetzt zart die Nasenschleimhaut. Ich nehme einen tiefen Atemzug der Sommerendherbstanfangsluft zum Start in den Tag.
So wie der Tag neu beginnt, so werden auch wir in ein paar Tagen in einer neuen Stadt starten. Weit weg von unserem Ursprungszuhause. Wie das sein wird, können wir uns noch gar nicht vorstellen. Ebenso wenig was es eventuell auslöst. Einerseits freuen wir uns auf den Raum der entsteht. Morgens aufzustehen und nichts wiederzuerkennen. Beim Einkaufen sicher keine unangenehmen Erinnerungen zu treffen. Andererseits gibt es auch die Angst, dass uns Dinge überfluten, die bis dahin gut weggepackt waren. Es ist schön, wenn Innenleute zurück kommen können, weil uns das ganzer macht. Wir hoffen dennoch, dass wir vor Ort dann auch Unterstützung haben.
Heute Abend werden die Schlüssel der alten Wohnung zurück an den Vermieter übergeben. Eine Tür geht zu. Eine andere geht auf.
Möge die Zukunft in der Sonne glitzern.

Traum vom Trauma

Ich wache auf, weil jemand meine Hand auf sein steifes Geschlechtsteil drückt und sie dort bewegt. Meine Handflächen spüren die Details. Die Augen zu öffnen und damit dem Täter deutlich zu machen, dass ich nicht mehr schlafe, wage ich nicht. Die Szenerie setzt sich fort, bis er irgendwann auf mir liegt. Die Vergewaltigung ist absehbar. Ich halte mich still und scheinschlafend. Die Angst ansonsten umgebracht zu werden, ist zu groß. Im Kopf rasen die Gedanken auf der Suche nach einer Lösung, wie ich entkommen könnte.

Irgendwann wache ich wirklich auf. Der Alptraum lässt mich für den Moment reglos und verwirrt im Bett liegen. Ich blicke mich um. Ich bin allein. Langsam gewinne ich Fassung. Es ist Jahre her.

Heute war es nur ein Traum.
Aber auch mehr als das.
Es ist Erinnerung.

Halbschlaf und traumabedingte Dissoziation sind oft nahezu Todesurteile für jedes Erinnerungsvermögen. Zumindest stimmt das für uns. Wir erklären uns das so: Durch den Schlaf besteht schon vor der Traumasituation kein waches Bewusstsein, mit dem man speichern könnte. Der „Traumcharakter“, den Dissoziation vermittelt, lässt sich nicht oder noch schlechter hinterfragen oder einordnen, wenn man ohnehin gerade „träumt“. Wenn überhaupt etwas blieb, war es oft Verwirrtheit: War ich wach oder hab ich geträumt oder was war das heute Nacht!? Manchmal auch ein komisches Gefühl oder ein ziehender Schmerz im Unterleib, der schnell wegrationalisiert war… Am anderen Morgen wach zu werden und einfach gar nichts mehr zu davon zu wissen, war aber ebenso häufig der Fall. Ein bisschen viel Watte vielleicht, dumpfe unreale Wolke am folgenden Tag. „Irgendetwas ist nicht gut, aber was?“

Meine Erinnerungen an Situationen in denen ich im Schlaf missbraucht wurde, kommen hin und wieder im Traumschlaf zurück. Manchmal nicht eins zu eins, sondern mit anderen Traumelementen vermischt.

Manche Träume sind Träume.
Andere sind Wirklichkeit, die sich im Traum zeigt.
Nicht jeder Traum ist Phantasie, nur weil das Geschehen dem Bewusstsein zu surreal erscheint, um wirklich zu sein.
Träume sind Tore zum Bewusstsein.
Im Schlaf öffnen sich die Schlösser.
Die gequälte Seele kehrt im Traum zurück.

Sprachschmerz

Gerade habe ich mich erschöpft auf’s Bett geschmissen, einmal geächzt und atme nun mit schmerzenden Beinen tief durch. Meine Seele schreibt so gerne, wenn sie was zu sagen hat. Dann malt sie Wortbilder. Papier ist Geduldig. Auch das virtuelle. Es braucht keine Termine. Es hört immer zu. Es versteht immer richtig.
Manchmal frage ich mich, was passieren würde, wenn ich offen auf Facebook poste, was mir passiert ist. Vielleicht nichts. Vielleicht was positives. Vielleicht was schlechtes. Wer kann das schon sagen!? Tun werde ich es nicht. Manchmal find ich einfach den Gedanken befreiend mich nicht mehr verstecken zu müssen, weil ohnehin jeder weiß was passiert ist. Ich wäre einfach ich. Was sie davon verstehen würden? Wahrscheinlich nichts, weil es leere Worthülsen ohne Inhalt sind, wenn man das nicht selbst erlebt hat. Was sagt das Wort Missbrauch oder Vergewaltigung an sich schon aus. Man verbindet es mit schlimmen Straftaten, weiß vielleicht dass die für die Opfer schwer zu überwinden sind. Emotionale Bedeutung hat es für Nichtbetroffene nicht. Was nützt das Wort, wenn es nichts aussagt? Alles was ich empfinde, wenn ich Worte wie Missbrauch oder Vergewaltigung höre, liegt nicht in den Worten. Es sind meine Erfahrungen, die ich spüre. Die bleiben sprachlos, selbst, wenn ich die Worte ausspreche. In der Sprache liegt Schmerz. Der Schlüssel liegt im Herzen.

Kohlensäure und Trauma

Wir beobachten.
Kohlensäure prickelt in der Mineralwasserflasche nach oben.
Die Gasperlen spielen sich vom Grunde an die Oberfläche, wo sie aufplatzen und mit Wasserfeinstaub explodieren.
Wenn man nahe genug rangeht, spürt man ihn auf der Nase.
Wenn man die kohlensäurehaltigen Wunderwasserflaschen schüttelt und dann öffnet, bleibt es nicht beim Feinstaub…
Alles entlädt sich schlagartig.
Das CO3, das vorher in das kühle Nass hinein gezwängt wurde, mag nicht mehr drin bleiben, sobald es frei werden und andere Wege gehen kann, in denen es langfristig stabiler ist, als in der Zwangsverbindung. Die im geschlossenen Ruhezustand fast unsichtbaren, winzigen Gasmoleküle nutzen ihre Chance und treten nun beim Aufschrauben die Flucht an. Dabei reißen sie nicht nur sich selbst, sondern auch den Grundstoff Wasser mit in eine Springbrunnenexplosionsfontäne.

Das Mineralwasser, dass ich bis eben einfach nur getrunken habe, weil ein bisschen Blub es geschmacklich für mich ansprechender macht, als komplett stilles aus der Leitung, ist mir auf einmal erstaunlich nahe.
Wir verstehen uns.
Es wird zum Sinnbild für meinen momentanen Zustand.
Aufgrund unserer Geschichte sind Erinnerungen, Erfahrungen und Erlebensweisen in uns hineingezwängt worden, die nun irgendwie eine Verbindung zu uns haben. Sehr stabil ist diese Verbindung allerdings nicht. Wir haben uns arrangiert – notgedrungen -, so gut es geht. Versucht aus den eigentlich inkompatiblen Komponenten „Leben“ und „extrem Trauma“ eine nach außen schlüssige Einheit zu bilden. Den Deckel drauf gemacht.
Problem: Wir können das nicht halten, die Erfahrungen nicht dauerhaft in unser Leben integrieren und manchmal wissen wir nicht einmal, dass sie existieren, bis uns jemand „schüttelt“, weil sie in ihrer verborgenen Blase auf den Moment der Freisetzung warten. Das „schütteln“ wird von Triggern übernommen. Was dann kommt ist oft unerwartet.
Es gibt zwei verschiedene Folgen:
1. Wir implodieren:
Wir brechen innerlich zusammen, weil der Deckel zu fest sitzt, als dass der Druck sich entladen könnte und wir versuchen mühsam alles zu halten und uns der Zwangssymbiose wieder anzupassen.
2. Wir explodieren:
Gefühlsfontäne.
Wer sie abbekommt ist meistens mehr, als einfach nur „nass“…
Das Trauma kotzt sich schwallartig in Teilen aus.
Das einzige Folgeproblem:
Es ist nicht vollständig!
Es ist kein CO3.
Es ist nur das „C“ oder nur das „O“ oder nur das „3“ oder nur die Hälfte eines Bestandteiles oder ein Viertel davon…
Es ist keine stabile Verbindung, die einfach gehen kann oder sich klar abgegrenzt in die Gegenwart integrieren lässt.
Es behält sein „Bombenpotenzial“ und muss notgedrungen unvollständig im Menschen bleiben… vorerst… bis es ganz ist und sich in der Seele lösen kann, denn „Trauma-CO3“ löst sich leider nicht im Außen.

Ich schraube meine Wasserflasche fast andächtig zu.
Die Bilder die ich gerade dazu entwickelt habe schwirren durch meinen Kopf…
Wenn man die Flasche nicht schüttelt, sondern vorsichtig aufschraubt, kann die Kohlensäure mit dem Wasser sanfte Wege in die Freiheit gehen…

Flügel im Käfig

„Wenn man mit gebrochenen Flügeln in einem Käfig sitzt,
kann einem Freiheit wie ein unerreichbarer Schatz erscheinen.

Ich weiß das, weil ich selbst in einem Käfig gesessen habe.“

Beth Kempton

Manchmal scheint das, was man erreichen möchte so unendlich fern.
Das Zielbild klar vor Augen, aber keine Ahnung, wie man es erreichen kann oder soll.
Die Flügel tun weh und die Angst überhaupt nocheinmal darüber nachzudenken und den Träumen nachzufliegen ist rießig, vor lauter Panik vor erneuter Verletzung und dem zerreißenden Schmerz, den jeder Gedanke, wie ein Finger auf altfrischen Wunden, auslöst.
Am liebsten würde man sich dann einfach nur verkriechen und nie wieder irgendetwas tun.

Die Käfige unseres Lebens haben sich im Laufe der Zeit verändert.
Zuerst waren die Gitterstangen hart wie Stahl und von außen fest betoniert.
Dann hatten wir manchmal Freigang mit den zerschundenen Flügeln, die Täter uns gebrochen hatten und die verhindern sollten, dass wir nicht mehr zurückkommen und uns anders entwickeln.
Irgendwann waren die äußeren Grenzen aufgebrochen, aber der Gedankenkäfig blieb, flügelzertrümmernde Gedanken hielten uns im Zaum, wo vorher Täter standen und die Wunden durf-konnten nicht heilen. Manchmal kam es mir so vor, als wären diese Grenzen noch aus viel härterem und unüberwindbarerem Material als die Stahlgitterstangen zuvor.

Seit zwei Tagen fliegen wir.
Erstaunt wie ein Vogelkind, das aus dem Nest fällt, reflexartig anfängt mit den Flügeln zu schlagen und fasziniert von sich und den eigenen bislang unentdeckten Fähigkeiten ist.
Vorher hatten wir gar nicht bemerkt, dass die Flügel Stück für Stück nachgewachsen waren.
Groß und Stark und fähig uns ein Stück zu tragen.
Aber nicht nur nachgewachsen.
Es stecken auch völlig neue Federn drin und sie sind bunter und besonderer, als sie es jemals waren.
Für den Moment fühlen wir Glück.

Wir glauben, dass jeder Mensch Flügel hat.
Selbst, wenn er sie nicht bemerkt.
Wenn sie gebrochen und zerschunden scheinen.
Wenn er sie aus Angst abgelegt hat.
Wenn alles sinnlos und ohne Hoffnung scheint.
Und der ureigenste Instinkt, der in den Flügeln steckt, ist es zu heilen.
Schwingen zu können und zu fliegen.
Und wenn wir sie mit unserem Bewusstsein nicht lassen, dann versuchen sie es heimlich.
Immer wieder.
Jemand oder etwas, das so viel Heilungsinstinkt hat, ist nicht krank oder gebrochen.
Der ist nur vorrübergehend nicht erreichbar.
Zum Kräftesammeln und Flügel aus Tränen kleben.
Glitzerfunkelnde Tränenfedern, neben hoffnungslachendem Gefieder.

Man kann Menschen nicht ihre Flügel nehmen, nur den Glauben in ihre Tragfähigkeit.

Vatertag

Die Gedanken im Kopf sind diffus.
Das Grauen schlägt immer wieder durch graue Löcher in der Nebelwand des Lachens.
Das scheinbar normale Leben bröselt an Tagen wie diesen.
Bis zum Mittag halten uns Gedanken und Bilder regungslos im Bett gefangen, ehe wir den Tag beginnen und versuchen unsere Synapsen doch noch zum lernen zu bewegen. Doch wo sollen die Zahlen, Daten und Definitionen hin, wenn ihr Speicherplatz gerade von anderen Fakten eingenommen wird. Es sind vergangene Fakten, eigentlich. Für uns werden sie in diesen Momenten gegenwärtige Realität.
Vatertag.
Wir leben in einer Welt, in der es für uns nie einen Vater gab, weil sein Vater-sein darin bestand, uns zu missbrauchen, zu foltern, abzurichten und möglichst gewinnbringend an andere weiterzuverkaufen. Ein Kinderleben als nüchternes Wirtschaftsgut und Objekt der unterschiedlichsten Bedürfnisbefriedigungen.
Wie gut für die Täter, dass man zudem unter dem Deckmantel von menschengemachter Religion so ziemlich alles rechtfertigen kann.

Was soll nun dieser Vatertag für uns bedeuten?!

Wir stellen fest, dass wir es unglaublich schön finden, dass es tatsächlich Väter gibt, die den Mut haben Ihre Kinder mit aller Liebe, Respekt, emotionaler Zuwendung und Wertschätzung großzuziehen. Dass es Väter gibt, die den Mut haben gefühlvoll und sanft zu sein und ihren Kindern damit alle großen Stärken, die sie zum Leben brauchen vermitteln.
Und wir finden, dass es noch mehr davon geben müsste und man denen die es schaffen einen Orden verleihen sollte, weil sie damit so viel wertvolles für ihre Kinder, aber auch für eine gesunde Gesellschaft leisten.
Danke euch liebevollen Vätern da draußen für die großartige Arbeit, die Ihr leistet! 🙂
Danke, dass wir beim beobachten auch ein Stückchen Heilung bekommen, weil wir sehen, dass es auch anders geht und Männer doch auch anders sein können…

Wir stellen fest, dass wir traurig sind.
Darüber, dass wir selbst nie einen Vater hatten.
Darüber, dass wir sein Wunschkind waren, um eine Leibeigene für die Auslebung sämtlicher Gewalt- und sexueller Phantasien zu produzieren.
Und dass es immer noch viel zu viele Väter gibt, die mit dem, was sie ihren Kindern antun, ungeschoren davon kommen.
Und dass es immer noch viel zu leicht ist ein Kind auszubeuten und zu verkaufen und viel zu wenig hinterfragt wird.
Und wir sind wütend, dass sich manche Väter diese Rechte über unschuldige, schutzbefohlene Kinder herausnehmen.
Und wir hoffen, dass immer mehr Opfer den Mut finden zu reden und anderen Opfern damit Mut machen es Ihnen gleich zu tun und die Gesellschaft irgendwann nicht mehr in der Lage ist derartige Gewalt und Missbrauch in Familien zu leugnen, dass denen die sich an ihren Kinder vergangen haben irgendwann das Handwerk gelegt werden kann.

Ihr gewalttätigen Väter da draußen zieht euch warm an!
Euere Kinder sind mutiger, als ihr es je vermutet hättet.

Redetropfen

Die Regentropfen rutschen im Frühlingsgrau die Scheiben hinunter und sammeln auf Ihrem Weg andere Wassertropfen, die ihre Rinngeschwindigkeit sprunghaft beschleunigen. Unten angekommen werden sie zum Regenfensterbrettbächlein, dass Zielsicher auf die Regenrinne zusteuert.
Spaß. Spiel. Naturgesetz.

Durch die wassernassen Scheiben verschwimmt mein Blick und lässt die Häuser der Nachbarschaft unscharf erscheinen.
Im Innen bewegen sich kleinere Innenpersonen müde in den Tag.
Mir ist kalt. Die imaginierte Decke wärmt nicht, drum hole ich mir eine andere. Eine echte. Eine zum Anfassen und begreifen.
Entgegen dem Fluss der Wassertropfen erlebe ich selbst gerade kraftlose Stagnation.
Meine Gefühle sind irgendwo eingefroren und drängen trotzdem mit ihren Eismassen an die Oberfläche.
Die Abschlussprüfungen stehen kurz bevor und ich schleppe mich Mühsam vorwärts, wie der Kämpfer, der kurz vor dem Ziel zusammen gebrochen ist und eigentlich nicht mehr kann.
Der Kopf mag nicht mehr lernen und das Herz nicht mehr schweigen.
Mir ist danach Worte zu finden, für das was uns zugestoßen ist und mit meinem Viele-sein darüber zu sprechen.
Und dann sehe ich in die erschrockenen Gesichter der Menschen, die nicht mal ansatzweise von all dem wissen und trotzdem überfordert sind von der bloßen Andeutung, dass wir Gewalt erlebt haben. Die scheinende Sonnenworte mögen, aber nicht die grauschillernden Redetropfen.
Ich höre ihr mal lautes und mal stummes: „Ich halte das was du erzählst nicht aus.“
Und manchmal frage ich mich, warum verdammt nochmal die sich nicht einfach zusammenreißen können. Schließlich ist es mir passiert und nicht ihnen.
Und ich spüre mein Misstrauen und die Vorsicht denen gegenüber, die mir ein offenes Ohr anbieten, weil ich Angst habe, letztlich doch wieder verlassen zu werden, wenn sie wüssten…
Und dann schreibe ich eine Zeile und lösche sie wieder und schreibe eine neue und lösche sie wieder und dann…
… rinnen mir einfach die Tränen über die Wangen, weil ich das Kind fühle, dass sich so schrecklich einsam fühlt und mit ihm auch ich und so gerne reden würde und einfach nicht mehr schweigen will und die Isolation hasst, in die es gedrängt wird und irgendwie nirgendwo wirklich ankommt.

Die Regentropfen laufen die Scheiben hinunter und meine Tränen tun es Ihnen auf meinen Wangen gleich.
Wo ist der Platz wo wir ganz sein dürfen?

Ich glaube dir

Manchmal, da sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.
Da weiß man nicht mehr wem oder was man glauben soll und am wenigsten traut man sich selbst.
Wir kennen diese Phasen des totalen Zweifels im Ausstiegsprozess, des getrieben seins und doch nicht wissen wohin. Eine treue Begleiterin hat lange Zeit für uns immer wieder die Fahne hochgehalten. Für uns, an uns und mit uns geglaubt, wenn bei uns selber vor zerreißenden Zweifeln gar nichts mehr ging und uns geholfen uns selbst und unsere Geschichte wieder zu finden. Etwas davon möchten wir nun mit unseren Worten an andere Betroffene weiter geben:

Ich glaube dir.
Deine Geschichte, deine Schmerzen, deine Qual.
Und ich bleibe.
Egal was kommt.

Ich glaube dir.
Weil ich den Schmerz in deine Augen sehe und deine Tränen in meinem Herzen fühle.
Ich glaube dir, weil ich weiß, dass ich meinem Gefühl zu dem was du erzählst vertrauen kann.
Ich glaube dir, weil du nicht einfach nur irgendeine Geschichte erzählst, sondern sie mit jeder Faser deines Körpers spürst.
Ich glaube dir, weil ich dir glauben will.
Es ist meine Entscheidung und ich habe mich für dich entschieden.

Ich glaube dir.
Weil du es Wert bist, dass man dir glaubt.
Weil ich weiß, dass es die schreckliche Gewalt von der du erzählst gibt.
Ich glaube dir, weil es keinen Sinn für dich macht sich das alles auszudenken.
Ich glaube dir, weil man sich das so gar nicht ausdenken kann.

Ich glaube dir.
Deine Zweifel.
Du darfst Sie behalten.
Am Ende entscheidest nur du, was von all dem wirklich wa(h)r.
Solange sehe ich Sie als Beweis für die unglaublichen Dinge, die passiert sind und wir schauen gemeinsam hin.

Ich glaube dir.
Weil dein Leben mir wichtig ist.

Bitte glaube dir!
Deine Geschichte. Deine Schmerzen. Deine Qual.
Weil die Programme der Täter sonst freie Bahn haben und du nichts dagegen tun kannst.
Weil es die Bilder und Emotionen in deinem Kopf wert sind verstanden zu werden.
Weil sie nicht ohne Grund da sind.
Weil du sie überlebt hast und heute heilen darfst.
Weil du nur so heilen kannst.
Weil dein Leben davon abhängt.