Diagnostikvorläufer

Am Donnerstag waren wir in einer Klinik mit Traumaambulanz, um mal wieder Diagnostik zu machen. Hintergrund zu dem ganzen Aufwand ist die Antragstellung für einen Klinikaufenthalt. Die Therapeutin in der angestrebten Klinik hat uns in einem Gespräch mitgeteilt, dass es für den Antrag in unserem Fall wichtig wäre, bereits eine gesicherte Diagnose beizulegen. Dann wäre zum einen die Auswahl an alternativ möglichen Kliniken geringer, zum anderen könnte mich aber auch die Traumaklinik direkt auf die DIS-Station einordnen.
„Kein Problem“, war mein erster Gedanke. „Schwerer, als ich mir das vorgestellt habe“, mein zweiter nach einigen anrufen. Die erste Therapeutin, die die Diagnose vor über 10 Jahren gestellt hat, arbeitet nicht mehr und ist auch nicht anderweitig erreichbar. „Ok, gut. Es gab ja auch noch welche nach ihr“, beruhige ich mich. Ich greife also zum Hörer und wähle weiter. Eine Andere ist derzeit schwer an Krebs erkrankt und nicht in der Lage etwas auszustellen. Der angebotene Schrieb einer Beratungsstelle ist nicht ausreichend. Die Psychotherapeutin an meiner vierten Anlaufstelle, sagt zu mir etwas zu schreiben, wäre aber froh, die Testdiagnostik der Traumaambulanz in der ich vor einigen Jahren vorstellig war, zusätzlich mit einbeziehen zu können. Das würde der Diagnose zusätzlich Gewicht verleihen. Also rufe ich auch dort an und bitte um die Übersendung der Unterlagen. Das geht jedoch nicht so einfach, weil dort die Therapeutin, die damals die Diagnose gestellt hat, nicht mehr arbeitet und Dritte den Befund nicht schreiben können, ohne mich jemals gesehen zu haben. Nach längerer Diskussion, dass doch Patientendaten nicht einfach nicht mehr greifbar sein können, weil das Personal wechselt, lädt man mich kurzfristig zu einem Termin ein, in der man die Diagnostik wiederholt. Soweit also die Vorgeschichte zu dem Termin in der Ambulanz.

Was lernen wir daraus:
Man sollte sich seine Diagnosen immer im Laufe der Therapie mindestens einmal schriftlich bestätigen lassen, auch wenn man das zu dem Zeitpunkt nicht braucht. Man weiß nie, wofür es mal gut ist.

In der Traumaambulanz ist man sehr freundlich zu uns. Die Ärztin und Psychotherapeutin, die für uns eingeteilt wurde, ist mit unserem Anliegen direkt bestens vertraut. Sie hat die alten Akten vor sich liegen und sich eingelesen. Mit Ruhe beginnt sie die erneute Diagnostik. An Zeit mangelt es nicht. Das empfinden wir als sehr positiv. Wir arbeiten uns durch mehrere Fragebögen. Anschließend klärt sie im freien Gespräch Dinge, die ihr zusätzlich wichtig erscheinen. Am Ende kann sie die Diagnose ihrer früheren Kollegin bestätigen. Die DIS ist eindeutig. Dazu kommen andere Probleme, wie etwa eine Essstörung und Depressionen.

Wir sind froh, dass wir das gemacht haben. Der Umgang in der Ambulanz mit uns, hätte nicht besser sein können. Das Vorgehen können wir auch für unsichere DIS-ler, die endlich eine sichere Diagnose wollen, nur empfehlen. Auch im Nachgang zum Termin bekamen wir direkt Unterstützung angeboten.
Trotzdem schlauchen uns die Folgen des Untersuchungsgesprächs immer noch. Wir sind seit Tagen komatös müde, können uns kaum auf den Beinen halten und kämpfen mit starken Schmerzen. Zumindest hat sich der Termin aber auf unserem Weg zur Traumaklinik gelohnt. 😊

Worte tanken

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Heute war ein anstrengender Tag. Mehrere Stunden Zugfahrt und ein langes Gespräch in einer Traumambulanz später wollen wir einfach nur noch abhängen. Am liebsten hätten wir jetzt auch so eine Hängematte, wie die Katze. Darin würden wir bewegungslos ausspannen. Da es uns daran leider mangelt, nehmen wir mit unserem Bett vorlieb und kuscheln uns in eine weiche Decke ein. Wir lassen den Tag ausklingen. Erschöpft versuchen wir Ruhe zu finden. Es gibt viele Eindrücke und viel zu erzählen. Für heute sind allerdings die Worte leer. Unsere Seele freut sich auf die stille Nacht zum Wortetanken.

Wir wünschen euch allen eine gute und erholsame Nacht! Habt seelenstreichelnde Träume.
Bis morgen!

Einen Teelöffel Worte

Ich sitze hier und nuckle kopfüberfüllt am Strohalm der Capri-Sonne mit Orangengeschmack. Genau genommen ist es keine echte, sondern eine billigere Variante und noch genauer genommen habe ich längst den Überblick verloren, wer hier eigentlich in diesem Moment alles sitzt. Das angebliche Fruchtsaftgetränk schmeckt. Jetzt ist es zu allem Überfluss aber leer.
Ich werfe das ausgesaugte Plastikdingens unachtsam vor mich auf den Tisch. Meine Hände suchen im Kühlschrank hinter mir nach einem Joghurt. Sie finden ihn schließlich auf der obersten Ebene. Während kleine Finger mit Mühe die Abdeckfolie aufziehen und beginnen mit dem Teelöffel in der Creme-Matsche mit Mandeln herumzustochern, weil sie weder aussieht noch schmeckt wie Fruchtzwerge, begegnen sich im Innen unsere Gedanken.

„Na, heute schon gelebt?“, fragt mich ein Jugendlicher flapsig.
Die Frage kommt irgendwie überraschend. „Öhm, naja, also,… wie man’s nimmt“, antworte ich.
„Gut, dass du das so genau weißt“, lacht er. „Wie kommt’s, dass du hier drin rumhängst?“
„Ja, wie kommt das eigentlich?“, denke ich für mich selbst noch einmal. „Irgendwie war da die Limo, das Joghurt und ein stiller Moment und dann wollte ich einfach mal sehen, was in mir so los ist.“
Während ich weiter versuche mich auf das Gespräch zu konzentrieren, machen sich Kopfschmerzen und Müdigkeit breit. Ich wandere mit dem Laptop zum Bett. Die Katze war vor mir da und hat größere Teile davon bereits besetzt. Ich kuschle mich dennoch dazu.
Über den Kopfschmerzen verliere ich den direkten Draht nach innen. Für mich wirkt alles Durcheinander. Für andere Innens scheint es geregeltes Chaos zu sein.
Je bewusster ich versuche mir Zeit für das „Wir“ zu nehmen, umso schwieriger wird es jedoch. Meine Augen beginnen zu krampfen und zu zucken. Bald will ich einfach nur noch schlafen.
„Ich wünsche allen eine gute Nacht“, verabschiede ich mich.
Ein kleines „Gute Nacht“ hallt zurück.
Dann beende ich das bewusste Gespräch, rutsche einfach aus meiner sitzenden Position nach unten und lege mich zum Ausruhen auf die Seite.
Es ist spät und ich kenne den Mechanismus bereits. Für heute gebe ich nach.
Morgen ist ein neuer Tag, mit einer neuen Chance sich kennen zu lernen.

Auftakt ohne Puste

Das Jahr ist noch so jung und mir geht die Puste aus.
Ich bin reif für die Klinik. Halten können und wollen wir nicht mehr.
Wir lassen los und geben auf. Zum ersten Mal in unserem Leben auf diese Art und Weise. Mir ist egal, wie es weiter geht, ob das gut für meinen Job ist oder in meinem Lebenslauf schlecht kommt. Wir scheißen drauf, was die Nachbarn sagen und was von uns erwartet wird. Denn die Erinnerung zerstört uns, wenn sie weiter verdrängt werden muss. So geht‘s nicht mehr. Die Bilder der Qualen sind klarer denn je. Sie verdichten sich. Sind alt und in dieser Qualität doch neu.

Der Zustand ist an dieser Stelle positiver, als es auf den ersten Blick aussehen mag. Wir stehen zu uns. Sind uns nahe, auch wenn uns der Schmerz zerreißt.
Funktioniermensch ade – Heilung wir kommen.

Wir haben begonnen den Zusammenbruch zu regeln. Klingt irgendwie komisch. Ist aber so. Gut, ein bisschen Kontrollfreak ist wohl übrig geblieben… 😊 Wir schleppen uns vorwärts und lassen unser jetziges Leben Stück für Stück zurück, organisieren die Jobpause, telefonieren mit der Klinik wegen einem Therapieplatz und bekommen immer weniger geregelt. Wir sind längst nicht mehr in der Lage unsere Post zu öffnen. Unsere Leistungen im Job sind. rapide gesunken. Die letzten Termine bei der Arbeit haben wir einfach vergessen. Die Kraft ist weg. In mir brüllt die Verzweiflung und nur noch ein Wunsch: „Ruhe.“
Wir wollen gemeinsam begreifen wer und was wir sind. Nochmal neu. Von vorne. Den Bildern in unsü endlich zuhören. Mit ungeteilter Aufmerksamkeit.
Weil wir es uns wert sind…

# Flashback im Tarnumhang


Rituale spuken durch unseren Kopf.
Diesmal mehr wie unfassbare Gedankenblitze, die kaum mehr ausmachen, als das Wort an sich.
Nicht immer kommen Erinnerungen an das was war als vollständige Szenen, bildhaft oder als Körpergefühle daher.
Oft kündigen sie sich bei uns darüber an, dass ich mich wie besessen immer wieder mit dem gleichen Thema beschäftigen muss, auch wenn ich gar nicht weiß, wieso eigentlich dieses Thema nun in diesem Moment solche Wichtigkeit hat. Es ist dann der Anfang meines Wiedererlebens und auch, wie ich mittlerweile vermute, der unbewusste Versuch es durch die Beschäftigung mit dem Thema in der Außenwelt aufhalten, bzw. wenigstens verstehen zu können, noch bevor ich genau weiß, welche, bzw. ob jetzt überhaupt eine Erinnerung hochkommt.

Über die Zeit ist mir immer mehr bewusst geworden, dass ich in diesen Momenten bereits auf einen Auslöser reagiere und in der damit verbundenen Reinszenierung stecke.
Das unbewusste Trauma arbeitet.
Ich verspüre dann den Drang z.B. Sachbücher oder Artikel zu bestimmten Themen, wie etwa Missbrauch oder Vergewaltigung, zu lesen ohne damit aufhören zu können. Es ist nicht nur starkes Interesse. Es ist mehr. Auch wenn ich mir das Lesen darüber strikt verbiete, fühle ich mich in der Phase oft wie ein Junkie auf der Suche nach seiner eigenen Identität, die er hofft irgendwo zwischen den Zeilen eines Betroffenenberichtes oder einer wissenschaftlichen Abhandlung zu finden, völlig angefixt von allem, was damit zu tun hat. Gleichzeitig würde ich mir vermutlich viel schlechter glauben können, wenn meine eigenen Bilder kommen würden, kurz nachdem ich über ähnliches gelesen hätte. Nicht, weil sie dann weniger wahr wären – Was könnte mehr eigene Erfahrungen triggern als Betroffenenberichte!? – sondern weil ich einen perfiden Grund für meinen Verstand hätte sie zu dis-tanzieren und genau das ist es, was er damit wahrscheinlich auch erreichen möchte. Willkommen bei „Es ist anderen passiert, aber doch nicht mir!“.
Deshalb lasse ich es und widerstehe dem Drang, weil ich sonst meiner eigenen Verarbeitung ein Bein stelle und meine Heilung verhindere.

Hier sitz ich nun also in diesem angetriggerten Schwebezustand und frage mich einmal mehr, was meine Seele, bzw. die Innens versuchen mir diesmal mitzuteilen.
Alles was bleibt ist offen zu beobachten, was auftaucht, immer wieder nach innen zu fragen und abzuwarten, bis es an der Oberfläche des Bewusstseins für mich greifbar wird.
Alles was ich habe ist mein Gefühl, dass es darum geht etwas zu realisieren, was ich noch nicht realisiert habe und dass es irgendetwas mit Ritualen zu tun hat.
Was es ist wird sich zeigen…

Szenenwechsel

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Ich hänge fest.
In einer Welt voller Gedanken.
In einem Zwischenraum.
Irgendwo mitten in der Abrichtung von einst.
Im Milieu der Todespanik und Menschenverachtung.
Mein Zeigefinger scrollt durch alte E-Mails an eine Therapeutin, die wir wohl nie vergessen werden. Dort konnten wir sein.
Dann reiße ich mich los und mache mich auf in Richtung meiner alten Heimat.
Unterlagen von einer Bekannten abholen, etwas plaudern.
Die Kilometer schwinden unter meinem flitzenden Auto dahin bis zum Ziel.
Aus jedem gefahrenen Wegmeter werden Steine für eine Mauer.
Aus Watte und Nebel.
Dissoziation.
Je näher wir unserer alten Umgebung kommen, desto weniger spüre ich mich. Der Kontakt nach innen wird immer schwieriger. Ich beobachte mit Verwunderung die Wandlung, die sich in mir vollzieht.
Diesmal bemerke ich sie.
Irgendwann kurz vor der Ankunft findet der komplette Cut statt. Ich höre nichts mehr von den Stimmen der Vielen in mir, denen ich in neuer Umgebung so nah kommen durfte. Ich bin alleine.
Der Tag nimmt seinen Lauf.
Am Abend bin ich wieder zurück in unserem neuen zu Hause.
Meine Katzen begrüßen mich schnurrend.
Es war anstrengend.
Als die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fällt, fällt die Anspannung ab.
Ich beginne meine Eindrücke aufzuschreiben, um wieder bei mir selbst anzukommen. Stück für Stück schwinden die Schleier. Im Innen wird ein vorsichtiges Regen wahrnehmbar. Zarte Stimmen.
Erleichterung.

Was sagt mir das?
Was bedeutet das für uns?
Als ich vor vielen Jahren aus meinem Elternhaus floh und eine eigene Wohnung etwa eine halbe Stunde entfernt bezog, wusste ich, dass es schwierig werden würde, äußere Ruhe von Täterseite herzustellen. Es gelang irgendwann mit viel Mühe und Hilfe die Zugriffe und Übergriffe auf mich zu beenden. Ich behauptete in der Therapie steif und fest, dass ein Ortswechsel nicht nötig und gewünscht sei. Damit könne ich umgehen. Schließlich gehe es ja um die Vorfälle die passiert sind. Die Region sei da Nebensache. Das dachte ich damals wirklich. Ich spürte auch nicht, dass es irgendwie ein Problem war, noch so nah zu sein. Ich konnte mich in dem Ort in dem ich aufwuchs bewegen und völlig ausblenden, dass unweit Täter wohnen. Ich war mir sicher, dass ich eine der wenigen Menschen mit einer derartigen Geschichte sein werde, bei denen ein Umzug in eine weit entfernte Stadt nicht notwendig ist.
Nun kam es aus anderen Gründen dennoch dazu und ich bemerke zum ersten Mal, wie viel das in mir macht. Zu wie vielen Dingen in mir ich plötzlich Zugang bekomme, je länger ich vom alten Wohnort weg bin. Wie mein Innen in der Beratung Gesprächsbereit wird und mutig langsam seine Mauern abbaut. Wie ich mich plötzlich an Dinge erinnern kann, die so verborgen waren und nun ganz klar vor mir liegen.
Und ich merke auf den Fahrten, die mich derzeit noch hin und wieder zurück in die alte Region führen, wie verdammt dissoziativ ich sein muss, dass ich die Umgebung auch nur ansatzweise ertrage. Mein gesamtes Persönlichkeitssystem verändert sich in den Stunden der Fahrzeit zurück in die Horrorzone. Ich fange an immer weniger ich zu sein und immer mehr die Hülle, die die Täter von mir verlangen.
Bis ich mich zurückverwandle. Auf dem Heimweg.
Zu einem Menschen in dem viele Lebensretter wohnen und aufatmen.
Es wird noch ein paar Tage dauern, bis das Gefühl der Sicherheit wieder durchsickern kann.

Manchmal bemerkt man ein Problem erst dann, wenn es eine Lösung gibt. Bis dahin weiß man ja gar nicht, dass es anders laufen könnte. Man blendet Probleme aus, um sich Boden unter den Füßen vorzugaukeln. Wenn der Boden dann wirklich da ist, erkennt man den Abgrund hinter sich.

Kennzeichen Stimmungsschwankung

Wie so oft um diese Uhrzeit liege ich in meinem Bett und lese oder schreibe vor mich hin. Mir geht die Therapiestunde nach. Über ein ganz anderes Thema sind wir darauf gekommen, wie sich das Viele-sein nach außen bemerkbar macht und wie andere Menschen aus dem Umfeld das wahrnehmen könnten. „Manchmal scheint es einfach nur wie extrem schnelle und unerklärliche Stimmungsschwankungen“, sagt Frau Thera neben vielen anderen interessanten Dingen. „Außenstehende wissen ja nicht, dass es keine normale Stimmungsschwankung, sondern eine andere Person ist, mit der sie dann zu tun haben.“ An dem Satz sind wir kleben geblieben.
Ich selbst erlebe mich gar nicht so schwankend. Meine Freunde und Bekannten würden das eventuell anders sehen. Schon im Schreiben höre ich meine beste Freundin sagen: „Doch, das ist krass bei dir!“ und muss schmunzeln. In seltenen Momenten fallen mir die Umbrüche an mir auf. Etwa, wenn ich gerade noch herzhaft lachend plötzlich so traurig werde, dass ich nur noch sterben will und dafür selbst oft nicht mehr als ein erstauntes „Hä!?“ übrig habe. Dann verstehe ich das, was in mir passiert einfach nicht. Bei diesem Beispiel ist der Stimmungsumschwung doch recht extrem. Vielleicht fällt er mir deshalb auf und die vielen Grautöne im Alltag nehme ich nicht war. Immerhin bin ich ja an mich gewöhnt. Die außen wahrnehmbaren Schwankungen variieren aber auch mit der Umgebung. Privat im sicheren Umfeld bricht mittlerweile mehr sichtbar durch, als im beruflichen Kontext. Da bin ich eher damit beschäftigt es innerlich zu händeln.
In den nächsten Tagen werde ich das Phänomen wohl einfach mal beobachten. Aus Interesse ohne viel Gewicht. Stimmungsschwankungen sind derzeit nicht mein größtes Problem.
Meine Gedanken ziehen weiter und erkunden meine Erfahrungen und Erinnerungen damit.
Während ich so an die Stimmungsschwankungen von manchen „Unos“ denke, fühle ich mich plötzlich herrlich normal. Zeit, um mit einem Lächeln auf den Lippen einzuschlafen.

Dünnhäutig

Ich falte ein Stück Papier.
Erst in der Mitte. Dann nochmal in die andere Richtung.
Öffnen.
Linke Ecke zur Mittellinie. Rechte Ecke zur Mittellinie.
Einmal. Zweimal. Dreimal.
Meine Finger bewegen sich mit nervöser Genauigkeit.
Mich fröstelt.
Ich bekomme Gänsehaut
und ein heißes Gesicht.
Der Spannungsbogen der Situation läuft darauf zu, dass sich ein Papierflieger in die Lüfte erhebt.
Äußerlich.
Innerlich kämpfen wir damit, dass uns ein hartnäckiges Ekzem im Intimbereich den letzten Nerv raubt.
Es juckt. Es schmerzt. Es brennt.
Kurz: Es kann alles, was ein richtig guter Trigger an dieser Stelle können muss.
Jackpot dabei: Kein Arzt weiß, weshalb es überhaupt da ist.
Keine Therapie schlägt wirklich an.
Die nässend geschwollenen Stellen haben keinen Namen.
Kein Pilz. Kein Bakterium. Kein Nichts.
Dennoch ist die Frau in uns löchrig dünnhäutig.
Wundflüssigkeit läuft wie Tränen über die Schamlippen.
Und nun?
Es ist, als schrien sämtliche meiner Hautzellen: „Ich möchte nie wieder angefasst werden! Schon gar nicht dort!“
Gleichzeitig lösen sich unsere (Haut-)Grenzen auf.
Eine innere Gewissheit tut sich auf, dass dieser Bereich erst dann wieder heilen wird, wenn eine bestimmte Innenperson Beachtung findet. Wenn ein Stück Erfahrung heilt. Aber wie? Der Zugang fehlt.

Hey du,
Kind voller Tränen.
Lass uns wachsen. Gemeinsam. Zur Frau.
Zur Überlebenden.
Mit Grenzen.

Vielfalt im Viele sein

Dass nicht alle Menschen ein bisschen Viele sind, haben wir bereits in diesem Artikel deutlich gemacht. Was die Abgrenzungen betrifft bleiben wir auch weiterhin ganz klar. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen mal kindlich sein und dem Viele sein.
In diesem Blog-Beitrag soll es heute vielmehr darum gehen, dass auch Menschen die Viele sind vielfältig sind. Das ist eine Tatsache, die Diagnosehandbücher und Literatur oft vermissen lassen. Diese Richtlinien sind sicher wichtig um zuverlässig diagnostizieren und damit auch Behandeln zu können. Wenn es darum geht sich selbst das Viele sein zu glauben ist diese Starrheit allerdings oft hinderlich. Wir sind alles Menschen und genau so wie es die „Unos“ in den unterschiedlichsten Ausführungen mit eigener Wahrnehmung gibt, ist das auch bei „Multis“. Multipel sein heißt, dass man die stärkste Form der Dissoziation als Überlebensmechanismus entwickelt hat. Die Parallelen zwischen mehreren Multiplen bestehen in dieser Tatsache. Wie jedoch der Einzelne diese Dissoziation erlebt kann sehr unterschiedlich sein und hängt sicher auch von der individuellen Lebensgeschichte ab.

1. Das Stimmenhören:
Es ist wohl der Klassiker, der in so gut wie jedem Fachbuch über das Viele sein auch beschrieben wird. Multiple hören die Stimmen von anderen Innenpersonen, die mit ihnen kommunizieren, in Ihrem Kopf. Das kann sein, muss aber nicht!
Lange nicht jede DIS-Patientin hört diese Stimmen und unterhält sich innerlich. Genau so gut, kann es sein, dass man nur „fremde Gedanken“ im Kopf hat oder es fühlt sich vielleicht sogar anfangs so an, als wären es die Eigenen. Gerade, wenn die Bewusstheit, dass es innen noch Andere gibt noch nicht gegeben ist, tritt das häufig auf. Ein anderes Mal passiert die Wahrnehmung der Innenpersonen vielleicht auch über das Körpergefühl. Man fühlt sich plötzlich viel kleiner, bewegt sich anders oder empfindet in einer Situation konträr zu dem, wie man es üblicher Weise tun würde. Auch Mischformen dieser Möglichkeiten die Innenpersonen wahrzunehmen und in Kontakt zu treten. Sind möglich. Nicht zuletzt ändert sich die Wahrnehmung auch mit dem grad der Co-Bewusstheit.
Bei uns ist es so, dass ich als Außenperson manchmal klar eine Stimme höre, die ich mal mehr mal weniger direkt zuordnen kann. Häufig erlebe ich unser Viele Sein allerdings auch, als hätte ich einfach mehrere Gedanken gleichzeitig im Kopf, die sich zum Teil auch widersprechen. Manchmal denke ich, ich denke selbst und stelle erst später in der Therapie fest, dass jemand anderes mit seinen Gedanken ganz nah an mich herausgerutscht ist. Oder mich überschwappt eine Gefühlswelle mitten aus dem nichts und es stellt sich erst im laufe der Zeit heraus, zu wem die Gefühle gehören. Fazit: Es ist wichtig die eigene Wahrnehmung der anderen, wie immer sie auch aussehen mag, ernst zu nehmen und zu entwickeln. Die Diagnose DIS ist nicht ausgeschlossen, nur weil man (vielleicht auch nur zunächst) keine Stimmen hört.

2. Kommunikationsweg innere Konferenz:
Schon möglichst frühzeitig in der Therapie geht es darum sich gegenseitig im Innen kennenzulernen und Kommunikation zu entwickeln. An dieser Stelle ist der Vorschlag zur inneren Konferenz oft nicht weit. Was nun aber, wenn das nicht funktioniert? Was wenn man die Antworten auf Fragen auf diesem Wege nicht wahrnehmen kann? Was wenn trotz den Mühen nichts vorwärts geht!? Ist man dann weniger Multipel, weil es bei den anderen ja anscheinend klappt?
Es gibt durchaus Multiple bei denen das nicht funktioniert. Die auch nach längerem Versuchen oder dem Hinterfragen, ob Programme am laufen sind, nicht in der Lage sind, die Innenpersonen auf diesem Weg wahrzunehmen. Dann gilt es andere Wege zu entwickeln. Auch Allison Miller schreibt in „Werde, wer du wirklich bist“ dass manchen ihrer Klienten die innere Kontaktaufnahme nicht möglich ist. Schreiben dient dann beispielsweise als Alternative.

3. Irgendjemand Innen hat auf jede Frage eine Antwort:
Öhm ja, kann sein… Das heißt aber lange noch nicht, dass er erreichbar ist oder die Antwort verrät. Wir persönlich bezweifeln auch, dass das so ist. Manchmal hat man auch trotz der Vielfältigkeit im Innen keine Lösung parat. Multis wissen genau so wenig alles, wie andere Menschen. Selbst wenn man davon ausgeht, dass ein bestimmtes Wissen innen irgendwo sein muss oder eine Innenperson die Erinnerung ergänzen kann, nützt das wenig, wenn es in diesem Moment schlicht nicht greifbar ist.

4. Irgendjemand Innen kann die Aufgaben übernehmen, mit denen du nicht klar kommst:
Im Grunde ähnlich wie unter Punkt drei. Innenpersonen sind kein unerschöpfliches Ersatzteillager für überforderte Außenpersonen oder welche Anforderungen auch immer. Bis zu einem gewissen Punkt kann man zusammen helfen. Die ein oder andere Aufgabe auch mal Teilen, sich in den Kompetenzen ergänzen. Wie gut das klappt hängt auch davon ab, wie weit man sonst schon mit der Zusammenarbeit gekommen ist. Aber am Viele sein muss keiner Zweifeln, nur weil er in einer schwierigen Situation keine Innenperson hat, die auf Anfrage der Therapeutin sofort einspringt. Auch als Mensch der Viele ist, gibt es Situationen in denen keiner einfach mal eben übernehmen kann. Zudem sind Alltagssituationen auch oft neu und es müssen bestimmte Kompetenzen ebenfalls von Grunde auf neu gelernt werden.

5.Die Diagnose sagt ich bin viele, ich fühle mich aber nur als eine
Dann hat der Programmierer ganze Arbeit geleistet. Wenn die Diagnose sorgfältig von fachkundigen Therapeuten gestellt ist, aber du dich dennoch nur als eine fühlst, dann ist das gut möglich. Schließlich bist du ja eine. Eine von Vielen, aber dennoch eine. Das heißt nicht, dass du deinen Körper für dich hast, nur weil die eigene Wahrnehmung für die Anderen fehlt. Wenn unter Umständen auch schon zweit und Drittmeinungen die gleiche Diagnose stellen, wird es Zeit sich genauer damit zu beschäftigen. Teilweise wird beim Programmieren auch versucht genau diesen Zustand herzustellen. Als Alltagsperson sollst du (meist) nichts von den anderen wissen (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel). Vielleicht magst du dich auf die Diagnose ja mal unverbindlich einlassen und erkunden was davon für dich stimmt… Ablehnen kannst du sie ja am Ende immer noch, aber dann hast du ehrlich geprüft. Und keine Angst, du wirst sie nicht einfach irgendwann für wahr halten, obwohl niemals etwas war…

6. Andere kaufen Dinge von denen ich nichts weiß und Jugendliche wollen in die Disco zum Party machen…
Das hängt von dir als Mensch, deinem System und wie ihr organisiert seid, ab. Ich habe bei mir innen bislang keine Jugendliche ausmachen können, die gerne mal auf eine Party loszieht ohne dass ich davon weiß. Das wäre für uns früher auch sicher tödlich geendet… Zudem mag einfach keiner die laute Musik, nach der noch Stunden später die Ohren klingeln. Beim Einkaufen ist es ähnlich. Innenkinder sind unbeaufsichtigt nicht draußen beim Einkaufen unterwegs. Das wäre viel zu auffällig gewesen und damit verboten. Dementsprechend wird das auch schon immer von Beschützern Innen kontrolliert. Was bei uns durchaus vorkommt, ist, dass Sachen in den Einkaufswagen gepackt werden wollen, die ich als große ungern darin sehe. Im Großen und ganzen weiß ich aber meist davon. Die Lücken zeigen sich bei uns eher an anderer Stelle.

Das sind nun zunächst die Punkte, die uns als erstes eingefallen sind und mit denen wir Anfangs auch von Zeit zu Zeit gekämpft haben. Die Liste ist sicher unvollständig und noch erweiterbar.
Grundsätzlich gilt auch beim Viele sein:
Mut zur Vielfalt! Mut sich selbst als Individuum zu entdecken!

Ein Karton für die Kinder

Umzugskarton
Sachen packen.
Umzugskartons fertig stellen.
Schränke ausräumen.
So sahen unsere letzten Tage und Wochen überwiegend aus.
Heute vielen uns dabei ein paar ganz besondere Sachen in die Hände.
Bücher für die Kinder, Karten von lieben Menschen, Buntstifte und nette Erinnerungen. Im Kopf wurde es laut beim Anblick der Schätze.
Mit in den Karton zu den anderen Sachen?
Niemals!
Eine extra Schachtel musste her.
Ein Karton für die Kinder.
Im Felix-Geschenkkarton finden sich nun die Lieblingsstücke der Kleinen.
Muscheln, Stifte, Grußkarten, Kinderbücher, Kuscheltiere, Fund- und Sammelstücke und kleine Erinnerungen an die Therapie.
Und irgendwie finden auch wir Großen das gar nicht so schlecht.
Alles was unser Kinderherz oft braucht ist an einer Stelle griffbereit. Egal ob zum Trösten oder einfach nur zum Spaß. Was aus Zufall entstand, werden wir nun wahrscheinlich auch in der neuen Wohnung beibehalten.
Vielleicht kommen im Laufe der Zeit auch neue Stücke dazu und andere werden ausgetauscht.
Schön und praktisch zugleich.