Umgang mit „fremden“ Gefühlen

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Nicht selten passiert es mir, dass ich mit inneren Gefühlen konfrontiert bin, die ich zunächst nicht zuordnen kann. Heute geht es mir schon den ganzen Tag so. Als Alltagsperson fühle ich verhältnismäßig gut. Eigentlich dürfte dieser Montag recht ruhig verlaufen und keine größeren Probleme bereit halten. Von Zeit zu Zeit schieben sich aber „Gedanken“ in meinen Kopf, mit denen ich so gar nichts anfangen kann. Ich nehme Innenpersonen übrigens häufiger über „meine“ Gedanken war und fühle mich nicht zwingend permanent angequatscht. Am Anfang meiner Therapie und des inneren Kennenlernens, war der innere „Gedankenaustausch“ auch die vorherrschende Kommunikationsmethode. Oft genug, dachte ich, es wären meine eigenen Gedanken, auch wenn ich nicht wusste, wieso ich so denke. Aber das nur am Rande. Ich wollte also gut gelaunt in den Tag starten, als ich plötzlich die totale innere Verzweiflung spürte. „Hä!? Was ist denn jetzt los?“, fragte ich mich im stillen, weil ich diesen starken Ausbruch so gar nicht einordnen konnte. Mir geht es ja immer noch gut, während parallel in meinem Kopf der Untergang tobt. Einer bestimmten bekannten Innenperson kann ich die Not nicht zuordnen. Ich überlege, was ich nun am besten mache.
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Gesangesfreuden und Balkonhotel

Heute Morgen hatte ich Angst aus dem Haus zu gehen. Es dennoch zu tun, kostete mich alle Kraft, die zur Verfügung stand. Ich setzte mich in mein Auto und fuhr los in meine Gesangsstunde. Mehr als einmal wollte ich lieber wieder umkehren. „Der Tag ist nicht gut“, sagte ich zu meiner Lehrerin, die nur verständnisvoll nickte. „Lass es uns versuchen“, schlug sie die Töne auf dem Klavier an. Ich erklomm die ersten Tonleitern und dann die nächsten. Nach ungefähr fünf Minuten und ein paar tiefen Atemzügen brach das Eis. Wir lachten uns durch 90 Minuten Gesangsübungen. Jetzt tun mir die Schultern weh vom Gewichte heben und die Knöchel von den Anleitungen für Becken, Hüfte und Co. Aber ich bin glücklich. 😊

Auf dem Heimweg liegt ein Gartencenter. Dort bogen wir ab. Eigentlich wollten wir nur schauen und vor allen Dingen riechen. In der Abteilung mit den Rosen duftet es immer so herrlich, dass wir am liebsten dort bleiben würden. Das ist für uns eine richtige Skillecke, wenn man so will. Und dann war da etwas, womit ja wirklich niemand rechnen konnte. Denn eine der wohlriechenden Schönheiten war im Angebot. Geliebäugelt hatten wir schon länger. Zu teuer. Jetzt wäre also eine gute Gelegenheit… aber wir wollten doch nur… egal… gekauft. 😁
Ein Insektenhotel schaffte es auch noch mit in den Einkaufswagen. Das fasziniert die Kleinen schon länger. zu Hause angekommen bekam es sofort eine geschützte Stelle auf dem Balkon. Wir topften die Rose um, gossen sie an und wechselten im Miniteich das Wasser. Letzteres wahrscheinlich gerade noch rechtzeitig, bevor wir in den nächsten Tagen im Mückenschwarm erstickt wären. Die ersten kleinen Larvchen zuckten schon durch’s Biotop. Mit einer Flasche alkoholfreien Holundersekt genießen wir nun im lauen Sommerwind den Tag auf dem Balkon. Wie schön, dass der Tag sich so gewandelt hat!

Versorgungszerrissenheit

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Der Ostersamstag beginnt grau und voll mit Bauchschmerzen.
In den letzten Tage bin ich zu einem „unsozialen“ Wesen mutiert. Ich möchte niemanden hören und schon gar nicht sehen. Mein Innen ist im Rückzug implodiert.
Die Worte der Therapeutin „Ihre Finanzierung kann so nicht weiterlaufen“ nahmen das letzte Stück Boden mit.
Nun sitze ich hier und hasse Ostern.
Ich hasse die DIS.
Ich hasse die Menschen, die mich in meiner Not sitzen lassen.
Und die, die für mich da sein wollen, weil es dann noch mehr weh tut.
Und irgendwie hasse ich mich in dem ganzen Hass selbst.
Auch dafür, dass ich gerade den einzigen Mitmenschen die mir noch wohlgesonnen gegenüber stehen, eine wirkliche Arschlochfreundin biete.
Irgendwo in dem ganzen Stress tue ich mir selbst leid. Das ist wohl das Gefühl, dem ich folgen sollte, weil es in meinen Tränen aus dem Chaos führen würde.
Statt dessen bin ich trauersauer vor Verzweiflung.

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„Heute bin ich EIN gesunder Mensch“

Dieser Satz hat mich aus den Fragen von  Vergissmeinnicht besonders angesprungen. Deshalb habe ich ihn hier für diesen Beitrag herausgepickt.

Zu „Ein Beitrag für euere Fragen“ schreibt sie:

Ist ein „heute bin ich EIN gesunder Mensch – Zustand“ um sich von dem Mist zu erholen überhaupt irgendwie machbar?

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Die paradoxe Programmierung des „Wie geht es dir?“

Auf die Frage nach dem eigenen Befinden trifft man im Alltag immer wieder: „Wie geht es dir?“ Selten scheint sie wirklich ehrlich gemeint. Die Antworten darauf sind ebenso blass, wie nichtssagend. „Danke, gut“, „Muss ja“, oder „Irgendwas ist doch immer“ kleiden sie sich in schwammige Worthülsen.
Für Überlebende von „Ritueller Gewalt“ und organisierten Täterkreisen kann diese Phrase des gesundheitlichen Interesses noch ganz andere Bedeutung haben und Auslöser beinhalten.

In den folgenden Darstellungen möchte ich von einigen Aspekten zu diesem Thema aus unserer Erfahrung berichten. Sie basieren auf unseren subjektiven Erlebnissen. Nicht jede Überlebende, die auf diese Frage getriggert reagiert, tut das aus dem selben Grund wie wir. Da gibt es sicher noch viel mehr Facetten, die dabei eine Rolle spielen. Unsere Ausführungen können lediglich EIN möglicher Ansatz sein. Wir haben uns darum bemüht, die Vorgänge so abstrakt wie möglich zu beschreiben, dennoch kommen wir für die Verständlichkeit nicht umhin auch Gewalt grob zu skizzieren.

„Wie geht es ihnen heute?“ oder „Wie fühlen sie sich?“ ist wohl eine der standard Erföffnungsfragen für ein therapeutisches Gespräch. Wenn ich es geschafft habe meine Gefühle über die Türschwelle hinweg mit in den Therapieraum zu nehmen, so war bei mir oft spätestens nach dieser Frage Schluss damit. Mein Innen verschwand. Alles was mich bis zu diesem Zeitpunkt an Emotionen und Erinnerungen beschäftigte, verbarg sich nun hinter einer dicken Mauer im Ungreifbaren. Es war vergessen! Notgedrungen musste die weitere Konversation nun auf dem letzten Rest meiner verbleibenden kognitiven Ebene erfolgen. Sofern ich mir vorab etwas aufgeschrieben habe, konnte ich es damit versuchen. Dennoch blieb es ein Trauerspiel. Der Tiefgang verschwand. Wir drehten uns im Kreis. Nicht selten hätte ich mir hinterher die Haare raufen können. Kaum zu Hause angekommen war der ganze Horror nämlich wieder da und eine weitere Therapiestunde ungenutzt für vergleichsweise harmlose Plaudereien verstrichen.
Es verlangte uns einiges an Arbeit ab, bis sich irgendwann die Hintergründe dieser Reaktion zu zeigen begannen und Innenpersonen so mutig waren, von ihrer Geschichte zu erzählen.

Die Täter stellten uns die Frage „Wie geht es dir?“ immer wieder während Gewaltsituationen.
Ein Mann berührte uns etwa zunächst an bestimmten „harmlosen“ Stellen. Dabei fragte er uns immer wieder, wo wir etwas spüren und was genau. Im Verlaufe des Trainings nahm die Bedrängnis und die Gewaltanwendung zu. Sie gipfelte in Vergewaltigung und Folter. Seine Fragen wiederholte er beständig immer wieder. „Was fühlst du wo, wie, weshalb? Wie geht es dir?“
Auf eine detaillierte weiter Schilderung der Programmierungssituation verzichten wir an dieser Stelle. Wir wollen keine Online-Anleitung für Täter und Trittbrettfahrer schreiben.

Was passiert nun durch dieses Vorgehen.
Der oder die Täter hebeln im Moment des Traumas mit gezielten Fragen ein Stück weit die Dissoziation aus. Wer minutiös beschreiben muss, was mit einem selbst geschieht und wie man sich dabei fühlt, kann es sich nicht leisten abzuschalten. Das Opfer muss im relativ wachen, bewussten Zustand mitbekommen, was an ihm verbrochen wird. Nur so entgeht es der vielleicht tödlichen Konsequenz noch härtere Gewalt zu erfahren. Da man diese Situationen als Mensch aber nicht ertragen kann, öffnen sich die Türen nach innen, weil es im Außen kein entkommen gibt. Innere Raume und Personen müssen sich auftun, um die Qualen zu überstehen. Diese werden in das Training wiederum von Täterseite gezielt einbezogen. Das Opfer muss zunächst gegen den Schutzmechanismus „Dissoziation“ des Körpers ankämpfen, weil es ihm sonst das Leben kostet.
Nach dem Trauma setzt ein paradoxer Vorgang ein: Wer während des Traumas nicht dissoziieren kann, wird es hinterher umso stärker tun. Das ohnehin Unerträgliche wird noch unerträglicher, wenn es bewusst erlebt werden muss. Die Erfahrung wird tief verkapselt und bleibt dem Alltags-Ich unzugänglich.
Was von der traumatischen Ursprungssituation später bleibt ist die Frage „Wie geht es dir?“ als programmierter Auslöser und die taube Verkapselung als Erinnerungsfragment, die daraufhin spürbar wird und den Zugang zum eigenen Erleben verhindert.

In der Therapie kann es deshalb Sinn machen, die Eingangsfragen der Therapeutin mit den Innenpersonen zu hinterfragen. Natürlich ist das nicht das einzige Problem, das im Kontakt mit Hilfspersonen auftreten kann, wenn man aus einem organisierten Täterkreis kommt. Einen Blick sollte es aber Wert sein, vor allem dann, wenn regelmäßig in der Therapie nichts mehr wahrnehmbar oder besprechbar scheint, was sonst den Alltag bewegt.

Dissoziation lügt nicht

ASSOZIATION
ist das Gegenteil von
DISSOZIATION.

Beim Erfinden müssten sie ASSOZIIEREN,
nicht DISSOZIIEREN.“

Eine erfahrene DIS-Therapeutin

So einfach und doch so logisch und klar.

„Schizophrenie ist doch auch nichts anderes“

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Manchmal könnte uns echt der Kümmel kommen.

Wir hatten einen Termin beim Hausarzt, um unsere Krankschreibung zu verlängern. Aufgrund des Umzuges ist dieser noch relativ neu. Mit im Gepäck hatten wir den Befundbericht aus der Traumaambulanz, auf dem die „Dissoziative Identitätsstörung“ klar als Diagnose festgehalten ist. Der Arzt fragte uns, ob es uns etwas bringe, wenn wir reden. „Wir sind schon froh, wenn wir hier nicht gleich als Schizophren wieder raus gehen. Mit ihren Kollegen haben wir da teils weniger gute Erfahrugen gemacht“, sagen wir in der Hoffnung, dass es hier besser laufen möge.
Was er erwiderte hat uns dann völlig aus den Schuhen gehauen: „Multiple Persönlichkeit ist doch auch nichts anderes als Schizophrenie, aber wenn es Ihnen lieber ist, dass wir das so bezeichnen. Zum schizophrenen Formenkreis gehört es für mich deshalb trotzdem. Es gibt eben Schizophrenie mit Traumahintergrund und welche ohne. Bei Ihnen müssen wir am Hintergrund arbeiten.“
Nun was sollen wir dazu sagen!?

Nein, wir nennen es nicht DIS, weil uns das einfach besser gefällt, sondern weil es schlicht völlig unterschiedliche Dinge sind! Daran das zu erklären, scheiterten wir allerdings. Von seiner Einstellung zu unserer Identitätsstruktur ließ er sich nicht abbringen. Was bleibt ist ein schwarzes Loch in das wir stürzen, als wir seine Praxis verlassen.

„Sie brauchen keine Angst haben, dass ich sie deswegen abstemple“, gab er uns mit auf den Weg.

Das wäre ja auch noch schöner!!! Arschloch.

Habt ihr Erfahrungen mit solchen Aussagen und wie reagiert ihr darauf?
Meine Schlagfertigkeit ging mir in dem Moment leider verloren. Ich wusste gar nicht mehr, was ich dazu sagen soll.

Taras Welten auf YouTube

Wer sich für die Serie „Taras Welten“ interessiert findet die meisten Folgen aus den verschiedenen Staffeln mittlerweile auch auf deutsch bei YouTube.
Vorab sei gesagt, dass durchaus oft vulgäre, sexualisierte Sprache benutzt wird, die auch leicht einmal triggern kann. Auch gewisse Szenen sind mit Vorsicht zu genießen.

Wir haben die Serie bereits vor längerer Zeit im Fernsehen gesehen. Damals lief sie zur „Primetime“ auf ARD um ein Uhr nachts. 😉
Für uns persönlich, hat sie mit dem „normalen“ Leben einer multiplen Persönlichkeit nicht wirklich viel gemein. Das liegt auch an der stark überspitzen Darstellung und den mangelhaften medizinischen Fakten. So sucht Tara in der ersten Staffel etwa beständig nach den Puzzelstücken eines Traumas im Alter von 16 Jahren. Dieses sieht sie als Auslöser für ihre Spaltung. Wer also hofft realitätsgetreue Einblicke in das Erleben zu bekommen wird enttäuscht. Bildungsfernsehen ist das sicher nicht.

Dennoch finden wir die Serien als Unterhaltung sehenswert. An vielen Stellen müssen wir einfach über die Absurdität der Situationen lachen.

S-I-L-V-E-S-T-E-R

S – ilvester
am Tag an dem die Jahre sich ändern,
da treffen sich die Herren in schwarzen  Gewändern.

I – nzest
und Folter und grausame Qualen
geschehen den Kindern in ihren Ritualen.

L – ust
zu zerstören, auf Macht und Gewalt,
gehören zu der heiligen Rituale Inhalt.

V – ergewaltigung
nennt man eins ihrer Spiele.
Dergleichen gibt es in dieser Nacht noch so viele.

E – iskalt
und nackt war der Körper im Schnee,
das Kind fast erfroren, die Seele tut weh.

S – atan
ihm opfern sie und sind dabei ganz in Trance
das Kind auf dem Altar bleibt liegen leblos.

T – ränen
sie rinnen die Wange hinunter,
die Sinne, sie schwanden vor Qualen darunter.

E – rschüttert
die Seele des Kindes so sehr,
dass Sie musste sich teilen, ist viele nunmehr.

R – aketen
Sie fliegen in den Himmel hinauf.
Rettung gab’s keine.
Das Jahr nimmt seinen Lauf.

© Copyright by „Sofies viele Welten“

Reizende Weihnachten

Ich drehe am Rad und am Deckel des kleinen Medizinfläschchens.
Die Plastiksicherung knackt, wie erwartet, beim ersten Öffnen. Sanft, aber hektisch, drücke ich den Gumminupsi zum Befüllen der eingebauten Pipette in der Verschlusskappe zusammen. Meine Zunge zählt: „Ein Tropfen, zwei Tropfen, drei Tr… ach egal! Ich nehm‘ einfach die ganze Füllung!“ Noch ehe die Flüssigkeit meinen Gaumen benetzt hat, erwarte ich ihre Wirkung. Entspannung! Ausgleich! Entlastung! Aber flott!!!
Meine Schleimhäute machen derweil Bekanntschaft mit dem Trägerstoff der Arznei – Alkohol und fühlen sich eher weniger beruhigt. Während meine Gedanken versuchen sich an einer Notfallstrickleiter entlang zu hangeln, frage ich mich, weshalb sich dieses Gebräu eigentlich „Rescue Tropfen“ nennen darf, wenn sich im Ernstfall nicht sofort etwas tut. Ich verwerfe meine Überlegungen diesbezüglich und Schlucke.
Die Tropfen, die Bitterkeit, die Tränen.
Weshalb geht‘s uns grad eigentlich so? 🤔
Das Christkind war da. Es war brav, hatte Geschenke dabei und hat uns vor allen Dingen dieses Jahr nicht vergessen. Erinnerungen habe ich grade keine. Zumindest keine Bilder. Dennoch stehe ich unter Druck, wie ein Dampfkessel auf der Flucht.
„Was ist los?“, frage ich nach innen.
Wenig Antwort. Nur der Wunsch nach Ruhe.
„Ich hab euch lieb“, flüstere ich durch die dicken Nebelwände.
Die Zeit steht still.
Der Körper ist taub.
Ich bin raus…
Körperauszeit ehe ich mich zurück ins Leben brülle:
„Du Arschloch! Du verdammtes Arschloch! Ihr miesen Verräter!“
Aus der Krippe fließt mein Blut. Die Bilder sind hinter der Schutz-Wut—Mauer.